Schatzi. Ein einseitiges Telefonatsprotokoll.

In einem stilsicher eingerichteten Cafè: Mein leicht derangierter Tischnachbar hat im praxisorientierten Studium des lokalen Whiskyangebots Kontinuität bewiesen. Mit angetrunkener Entschlossenheit greift er zum Mobiltelefon. Die Zeitung habe ich eh schon ausgelesen; also gebe ich mich dem zufälligen Cafèlausch hin und mache mir unauffällig Notizen.

Hallo. Schatzi. Ich bin noch hier.

Ja, ich komme gleich nach Hause. Schatzi – hörst du mir zu? Ich möchte dich etwas fragen, Schatzi. Etwas Wichtiges.

(zu laut) Nein, das kann nicht bis gleich warten! – Ja, ich habe etwas getrunken, Schatzi. Um mir Mut zu machen. Darum kann es ja auch nicht warten. Weil bis ich zu Hause bin, bin ich vielleicht schon wieder nüchtern. Und dann frage ich wieder nicht. Aber ich will das jetzt wissen.

Hör doch mal zu, Schatzi. Wir konnten uns doch immer auf den anderen verlassen, oder? Du hast doch Vertrauen zu mir. – Nein ich mache es jetzt nicht absichtlich spannend, Schatzi. – Ich möchte dich ja fragen…aber du MUSST mir vorher versprechen, dass du nicht wütend wirst. Bitte versprich mir das, Schatzi! Ich frag nicht, wenn du es mir nicht versprichst… ja? Danke.

Dann stelle ich jetzt meine Frage. Aber vergiss nicht, was du mir versprochen hast, Schatzi. Du wirst nicht wütend werden, das hast Du…ja, ich frag ja jetzt! Hetz mich bitte nicht, das kann ich nicht haben.

Schatzi, sag mal: wie heißt du eigentlich?

Nein, nicht der Nachname, den trag ich doch selbst. Den kenne ich. Nein, vorne! Wie heißt du mit Vornamen?

Nein, ich mache keine Witze, Schatzi! Das ist mir so unangenehm… hör doch mal: als wir uns damals auf diesem Polterabend vorgestellt wurden, da war ich wohl für einen Moment lang unaufmerksam. Und da ist mir dein Vorname irgendwie entgangen. Und du hast mir doch noch am gleichen Abend gestanden, dass ich dir sofort aufgefallen wäre. Hätt ich da sagen sollen: „Ach, was. Also, ich konnte mir noch nicht mal deinen Namen merken.“ – Na, siehst Du.

Und beim nächsten Treffen, da konnte ich ja wohl schon gar nicht fragen. Ich hätte mich ja schon irgendwie erkundigt. Aber zum einen habe ich nicht damit gerechnet, dass Du mich so schnell besuchst, und zum zweiten habe ich schon gar nicht damit gerechnet, dass Du…dass wir uns so schnell so nahe kommen. Das war nämlich sonst so gar nicht meine Art. – Nein, ich mein damit nicht, dass das deine Art gewesen wäre. Natürlich weiß ich noch, wie es war. – Ja, natürlich kann ich mich noch daran erinnern, dass es für dich… eine ganz neue Erfahrung war.

Nur – als du dann neben mir lagst und ganz leise geweint hast… hätte ich da vielleicht fragen sollen: „Ey, sag mal – wie heißt du eigentlich?“ Da war doch „Schatzi“ viel passender.

Und dabei ist es dann eben geblieben. Du hättest ja einmal deinen Personalausweis herumliegen lassen können. Oder einmal Post an dich.

Aber du mit deinem verdammten Sauberkeitsfimmel. Du lässt ja nie etwas liegen. Du musst ja immer alles gleich wegräumen. – Und deine Freunde sind dann ja auch nie mehr zu Besuch gekommen. Wir haben ja nur noch alles zu zweit gemacht. Es war ja nie einer da, der dich mal geduzt hat außer mir. –

Nein, ich werfe dir jetzt nicht vor, dass deine Eltern so früh gestorben sind. Nein, du sollst dich auch nicht von jedem duzen lassen. Jetzt dreh mir doch nicht jedes Wort im Munde herum. Das machst du auch immer!

Was? Warum ich dir damals einen Heiratsantrag gemacht habe, wenn mir nichts an dir passt? Es ist doch wohl logisch, dass man einen Menschen heiratet, wenn man ihn fünf Jahre lang nur Schatzi genant hat, Schatzi!

Waaaaaaas? Wie kannst du so etwas behaupten? Wie kannst du sagen, ich hätte dich nur geheiratet, weil ich deinen Vornamen nicht kenne? Nach all den Jahren? Nach aller Gemeinsamkeit? Und dann sagst du mir das auch noch am Telefon! Wenn du mir schon so etwas sagen musst, dann hätte ich wenigstens erwartet, dass du es mir ins Gesicht sagst. Ich komm doch gleich nach Hause. So lange hättest Du doch wohl noch warten können… schon gut. Nein, ist nicht so schlimm. Nein… du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Nein, wirklich, ich war nur ein bisschen empfindl…ist wirklich ok. Wir machen ja alle mal Fehler. Nein, Schatzi…komm, wein doch nicht. Ich wein doch auch nicht mehr!

Wir schaffen das schon, wir beide. Haben wir doch immer. Ich komm jetzt nach Hause, ja? Machen wir uns noch einen schönen Abend. Ok.

Bitte? Wer ist das? Kenn ich nicht. Ach, das war dein Vorname?

Du, sag mir den gleich noch mal, ja? Ich bin jetzt ein bisschen durcheinander, ich glaube, ich kann mir den jetzt gar nicht…- ja. Bis gleich, ja. Nee, ich fahr nicht mehr selbst, ich nehme mir ein Taxi, ja.

Was? – Ja. Ich dich auch, Schatzi. Ich dich auch.

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