Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers – Max Frisch

Zum 100sten Geburtstag von Max Frisch.

So ein Beitrag zur Jubiläumsindustrie im Namen Max Frischs kann in Verlegenheit bringen. Ein viel gelesener und zu Recht nie ganz unaktueller Dichter-Autor. Seine Werke kann man als paradigmatische Eichmaße in jeder modernen Bibliothek und zu jeder Buchmesse immer wieder begrüßen.

Ganz ungerecht ausgedrückt: Wer Stiller oder Homo Faber oder Gantenbein oder Montauk oder Der Mensch erscheint im Holozän aufmerksam gelesen hat, der kann sich ungefähr 97 Prozent aller heutigen deutschsprachigen so genannten Romane ersparen.

Das narrative Spiel um „Identitäten“ – das modern-postmoderne Spiel mit chargierenden Autoren- oder Figuren- oder Herausgeber-„Positionen“, das Zwinker- Kicher -Kuckuck- Fangmich- oder Versteckspiel mit verschiedenen „Ich-Konstellationen“ , – mit „blinden Erzählern“ oder „beobachtenden Leerstellen“ – oder „Erzählhaltungen“ oder – oder….; all die modernistisch notwendigen Fluchtwege von „Belletristik“, die sich mit den Schreibanlässen eines um Fassung ringenden Ichs und Dus, Mann und Frau, Moderne und Ratio, Liebe und Nichtliebe, in technisch vermittelten Zeiten, in Nähe und Ferne etc…beschäftigen – all diese Schreibanlässe sind in den Büchern von Max Frisch durchaus hineinkomprimiert verdichtet schon auf das Vollständigste ausgebildet.

Und das auch noch sehr sehr modern.

Nachdem sich bei Thomas Mann ein merkbares Symptom gezeigt hatte: dass nämlich in seinen Werken niemals jemand mit dem Auto gefahren ist, vielmehr immer nur die Eisenbahn benutzt wurde, was schon recht verdächtig war bei einem Schriftsteller, der auch wesentlich in der ersten Hälfte des zwanzigten Jahrhunderts schrieb – liest man mit Max Frisch jetzt erleichtert einen echten und ehrlichen Autofahrer unter den deutschsprachigen Autoren.

Oder wenigsten ist Max Frisch jemand, bei dem das Autofahren auch wirklich einmal aktiv unternommen wird. Gut, bei Dürrenmatt auch – eben die Schweizer.

Seit Wolf Wondratscheck wissen wir, dass der nachkriegsdeutsche Artikulateur es bestenfalls zu einem „in alten Autos hockenden“ Südlichkeits-Sehnsüchtling gebracht hat. Auch wenn ein paar Autofahrer unter den Schriftstellern dazugekommen sind. Aber das hat sehr lange gedauert.

Wenn man heute bei einem Small-Talk über ein aktuelles Buch, das man nicht gelesen hat, sagt: „Ja genau, diese Figur, in der und der Erzählhaltung – ein Anwalt! Und die Vergangenheit! Eine Dreiecksbeziehung! Gedächtnisverlust! Aber Erinnerung! Eine Liebe! Und erst das Spiel um Wahrheit und Lüge! – das hatte doch Max Frisch auch schon so behandelt:!“ – dann liegt man nie ganz verkehrt.

Was ich selbst an Max Frisch bemerkenswert, ja sogar wirklich schön finde, kann ich nur ausdrücken, indem ich zunächst ein ganz pauschales, lustvoll pauschales und ungerechtes über den Kamm scherendes Urteil „zur deutschen Nachkriegsliteratur an sich“ abgebe. (ausgenommen einige Bücher von Sten Nadolny, Patrick Süskind, dem mittleren Botho Strauß, dem Physiker Dieter Straub, Christoph Hein sowie Wolfgang Koeppen, sozusagen einmal ausgenommen.)

Eben weil Max Frisch ein Schweizer war und damit sehr speziell, sehr sehr speziell einzuordnen ist. Es macht großen Spaß, ihn einzuordnen.

Eine der größten Kriegsfolgeschäden für Deutschland waren nicht nur die zerbombten Städte und die vielen Gefallenen, auch die so genannte bundesdeutsche Nachkriegsliteratur sowie große Teile der DDR-Literatur – das alles musste im wahrsten Sinne des Wortes Ruinen-Literatur sein, ein Kriegsschaden.

Der deutsche zweite Weltkrieg hat nicht nur europäische Städte zerstört und ganz ganz viele Menschen-Leben ausgelöscht, er hat uns zudem auch eine Figur wie Günther Grass beschert und den späten, entzahnten Brecht, die Gruppe 47, die DDR und die BRD. Und er hat den Deutschen einen Adorno beschert. Auch das ein Kriegsschaden.

Dieser zweite Weltkrieg hat die deutschsprachige Literatur in einen immerwährenden Gebärdenkrampf hinein gebombt, in dem er bis heute zitternd und bebend hin und her wackelt.

Ein Gebärdenkrampf, ausgelöst durch das Auftreten Adornos auf der ästhetheologischen Bühne, war sozusagen das kulturhistorische Rache-Erbe, eine Art moralisches Hieroshima für deutschsprachiges Schreiben und Denken. Leider absolut unvermeidlich.

Nur hießen die strahlenden Spaltprodukte dieses kulturellen Hieroshimas jetzt nicht Zäsium oder Strontium – sie hießen E und U, Ernst und Unterhaltung, Positivismus und Skeptizismus, Systemtheorie und Theorie des kommunikativen Handelns. Dialektik oder Neo-Nietzscheanismus. (Konservatismus)

Deutsche Nachkriegsliteratur ist bis heute immer schwach bis stark radioaktiv wechselwirkend befangen in einem hysterischen Zittern und Beben zwischen „Extra-Innerlichkeit“ und „Extra-Expressionismus“ zwischen „extra-tragisch“ und „extra-lässig“ zwischen „extra-realistisch“ und „extra-phantastisch“, zwischen „extra-ideologisch“ oder „extra-privat“ zwischen „extra-lustig“ oder „extra-ernst“ zwischen „extra-skeptisch“ und „extra-emphatisch“ – hysterisiert radioaktiv.

Das Lästige oder Belästigende an deutschsprachiger Literatur, wenn sie nach dem Krieg geschrieben wurde, ist dieses „Extra-Extra“, das sich aus einem Positionierungszwang gegen ausgesprochene oder unausgesprochene Dekrete wehren zu müssen glaubte und deshalb eben sehr oft überzieht und überzogen hat. Die deutsche Nachkriegsliteratur bis in das Millenium hinein ist schwer debatten– manifest – und – dekretbeschädigt.

Bis heute muss ein deutscher Autor immer „jetzt-wieder-extra-tragisch“ oder „jetzt-wieder-extra-lässig anglophil“ schreiben. „jetzt-wieder-extra-phantastisch“ oder „jetzt-wieder-extra-new-journalism“ – „jetzt-extra-wieder-realistisch“ – „jetzt-extra-erotistisch francophon“ – „jetzt-extra-wieder-popistisch“ „jetzt-extra-innerlich“, „jetzt-extra-klassizistisch“ oder „jetzt-extra-poststrukturalistisch“.

Ein deutscher Autor schreibt selten einfach nur eine gute Geschichte oder ein gutes Buch, so wie zum Beispiel Nick Hornby, nein, er schreibt eine „jetzt-extra-extra-lässig-poppige und menschliche Geschichte – so wie Nick Hornby.“ Es wird einem immer irgendetwas überdick auf die Stulle geschmiert.

Die Nachkriegsdeutschen können auch keine erotische Literatur schreiben, weil sie immer „jetzt-extra-erotisch-intensiv erotisch“ schreiben wollen, was natürlich immer zum unerotischen Leitartikel gerät.

Und was „Stil“ behaupten möchte, gebärdet sich im Deutschen immer „extra-stilistisch bis manieristisch“.

Es wird gebärdet aber nur selten geboren.

Liest man Texte vom frühen Flaubert, von Bataille, von Hemmingway oder von Henry Miller oder später dann von Roland Barthes zum Eros, merkt man, dass deutsche „erotische Romane“ oder deutschsprachige „erotische Geschichten“, wenn sie nach dem Krieg geschrieben wurden, immer nur das Niveau von schlechten Leitartikeln oder Extra-Blättern erreichen. „Extra-intensiv“ „Extra-erotisch“ oder sogar „extra-pornografisch“.

Oder sie produzieren sich als stilistische Imitate – wenn es hoch kommt als Lizenzproduktionen mit freundlicher Genehmigung aus Frankreich, Italien und Lateinamerika. Aber auch diesen Lizenzproduktionen riecht man schnell den Gebärdenkrampf zwischen extra-blumig und extra-phantasievoll an. Extra-Südlichkeit, Extra-Lässigkeit, Extra-Klassizität, Extra-Bla-Bla– etc…

Deutsche erotisch-sein-wollende Literatur hyperventiliert ihr Thema immer.

Und diese Hyperventilation macht sie provinziell, nichterotisch.

Wollte man eine böse Diagnose zur deutschen Nachkriegsliteratur erstellen, dann müsste sie eine Unfähigkeit feststellen, eine Unfähigkeit zum richtigen Maß zwischen privat und persönlich. Zwischen Intimität und Subjektivität.

Nur in einem solchen Zwischenreich kann „Welt“ Einlass finden. Darüber oder darunter entsteht hysterisch Zitterndes, Aufarbeitendes, Dekretierendes, therapeutisch Privates oder Manieriertes, Schreibschulenhaftes, Sichaufbauenmüssendes oder Sichabgrenzenwollendes.

So geraten deutsche Nachkriegs-Schreiberein nicht selten zu Lautsprecherdurchsagen oder zur extra-extra-stilistischen Künstlichkeits-Sprach-Witzigkeits-Phantasie-Verrenkung für den Fanclub, der sich dann immer mal wieder in der Telefonzelle zum stilistischen Zettelkasteln trifft. Oder zum Herumwühlen im Dunkelmunkel und Geraune. Das nennt man dann Exegese.

Ganz schlimm wird es, wenn ein deutscher Nachkriegs-Autor ein so genannter Dichter sein will und klassische Versmaße wiederentdeckt: Dann entsteht Kitsch oder Edelkitsch, Südlichkeitskitsch. Klassizismus-Kitsch, Italien-Kitsch, der schon bei Rilke oder Goethe – fast immer – Kitsch war.

Goethe war nur dort gut, wo er bei sich blieb, also gotisch schrieb, deutsch oder halb-frühromantisch, oder wenigstens denkend, naturerforschend, vielleicht sogar philosophisch. Der Griechen-Goethe, wo er klassizistische Verse schmiedete, war – selbstverständlich – immer komplett daneben. Und Goethe war dort gut, wo er wirklich schimpfte oder stark gelangweilt war, in seinen heimlich-schmutzigen Tagebüchern.

So etwas heute noch einmal – extra – zu sagen ist – zugegeben – eine ziemlich extra-deutsche Plattheit.

Die Deutschen haben seit Goethe nie verstanden, mit Heidegger als großer Ausnahme, dass ihre Sprache mit dem Altgriechischen nicht die Lyra gemeinsam hat, wohl aber den strengen Logos, die Philosophie, das Denken und Sagen. Da liegen die Verbindungen. Auch das Altgriechische ist eine Steck- Klapp- und Campingsprache.

Große Teile der deutschen Nachkriegsliteratur bis in unsere heutige Zeit hinein schreiben in einem zitternden Gebärdenkrampf, der nichts anderes ist als eine Echo-Schwingung auf Krieg und Nachkrieg, Schuld und Unschuld, oder auf DDR und Nach-DDR. Und noch die so genannte DDR-Aufarbeitungsliteratur ist Ruinen-Literatur. Ein Zuordnungszittern und Erbeben, ein opportunierendes Hin- und Her-Schielen.

Bei Max Frisch kann man lernen, wie man nichthysterisch schreibt, unzitternd, modern, welthaltig. Und dabei lässige Groß-Klasssiker des deutschen Erzählens produziert.

Bei Max Frisch kann man gutes Deutsch lernen und erleben, – wie man berührend schreibt aber nicht betatschend, intim aber nicht privat, subjektiv aber nicht persönlich, urkomisch aber nicht extra-komisch. Einfach aber nicht simpel. Klug aber nicht klügelnd. Stilistisch aber nicht manieristisch. Verstärkend aber nicht hantierend. Sinnlich aber nicht sinnlichistisch. Metaphorisch aber nicht dunkelraunend. Bei Max Frisch kann man lernen, wie man den Spalt offen hält, durch den dann so etwas wie „Welt“ oder „Realität“ in den Text Einlass findet und dabei eine Kunst wird.

Max Frisch hatte als Schweizer und deutsch sprechender Nichtweltkriegsteilnehmer das große Privileg, der deutschsprachigen Literatur in bestimmten Feldern um etwa sechs Jahrzehnte voraus zu sein.

Er durfte den ganzen Nachkriegsschwachsinn plus Innerlichkeit plus gegenwendende Popliteratur plus gegenwendende Neo-Bocksgesangigkeit einfach auslassen.

Sein Schreiben, obschon nicht unpolitisch, durfte sich schon in den 50iger Jahren all den Schreibanlässen zuwenden, die heute in Deutschland erst entdeckt werden. Vor allem aber tat er das eben unhysterisch, ganz „un-extra“.

Noch entmüllungsklärender wirken seine ewigklassischen „Tagebücher “, auf denen zwar „Tagebücher“ draufsteht, die aber eher so etwas wie ein gut durchkomponierter Proto-Blog sind.

Mit diesen „Tagebüchern“ war Max Frisch sozusagen der erste Blogger, noch bevor das Internet erfunden wurde. Von diesen „Tagebüchern“ haben die wenigen guten deutschen Nachkriegsautoren, die es ja auch gibt, alle gelernt.

Bei Max Frisch lernt man, wie man bräsig-fleißelnde Tausendseiter vermeidet und stattdessen deutsche Dichtung fabriziert, die für erwachsene und intelligente Leser geschrieben ist, also sehr dichte Textgebilde für den Hochvolt-Leser, die einem nicht die Zeit stehlen, aber mindestens genau so lange beschäftigen können.

Deshalb hier nur eine einzige Sentenz dieses wirklich dichten

Dichters – aus seinen „Tagebüchern“:

„Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.“

Ein Jahrtausend-Aphorismus? Ach ja, so ein leicht überhobenes
Platzierungs-Hyperbolikum muss ich mir hier erlauben und
spreche mir dabei diese beiden Sätze noch einmal genüsslich vor:

„Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.“

Was für eine Dichtung. Wie dicht ist das denn bitte? – würde ich heute anerkennend ausrufen. Mit läppischen zwei Sätzen hat hier einer das ganze Vergessenheits-Sentiment der „deutschen Seele“ sozusagen aus ihrem Wachtraum herausgestört und aufgescheucht wie mit einem sehr unfreundlichen Qecksilberdampf-Scheinwerfer, der ganz antifiebrig einstrahlt und alle Schwachsinns-Winkel in Wachheits-Winkel umleuchtet.

Die beiden Sätze von Max Frisch erzählen etwas von den beiden missverständlichsten Drehungen und Selbst-Verdunkelungen, denen „der deutsche Geist“ vielleicht sogar der „europäische Geist“ im 20igsten Jahrhundert sich hingegeben hat.

Die eine Verdunklung heißt natürlich: Friedrich Nietzsche.

Wollte man Nietzsche mit wenigen Sätzen zusammenfassen, dann würden sie so lauten:

Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.

Kurze Zwischenbemerkung: Es kommt hier nicht darauf an, dass Nietzsche sich selbst in seinen Schriften mehrmals gewendet und widersprochen und auch hinterlistiger und feiner ausdifferenziert hat. Es kommt darauf an, wie seine Wirkung auf die allermeisten weit weniger differenzierenden Leser seiner Zeit ausstrahlte.

Kurz gesagt: Nietzsche als Chef-Platz-Anweiser mit Taschenlampe in einem Dunkelheits-Lichtspiel-Kino, das den zivilisationsmüden Abendländer in eine Abendvorstellung der Tragödie lockt, und ihm und seinem Zivilisations-Ekel die Abendmüdigkeit mit einem Jugend-Stil-Lichtspiel im eingedunkelten Kino austreiben wollte.

Vergessenwollen der Erfahrung. Die absichtliche Wieder-Verdummung und Zurückwindung nach so viel und lang gegangener – erfahrener – abendländischer Wegstrecke.

Max Frisch: Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.“

Was aus dem Nitzscheaner wurde, der vergessen wollte, weiß man heute: Er verdampfte in den Weltkriegen. Aber anders als er sich das vorgestellt hatte. Er verdampfte jenseits von Heroismus oder tragischer Größe.

(Ernst Jünger: „Der moderne Soldat fällt nicht mehr. Er fällt aus.“)

Und was von Nietzsche nicht verdampft ist, fristet heute ein irritiertes Dasein als hölzerner Seelenklingelton des Individualismus. Als Seelenlärm- Nitzscheanismus.

Den wirklichen großen Ausbruch und Aufbruch müssen wir heute und bis auf weiteres den Afrikanern und Arabern freundlich überlassen. Wir müssen auf sie warten, ihnen zuschauen – aus weit fortgeschrittener zivilisatorischer Position. Und beneiden sie ein bisschen um die Bewegung, die wir schon hinter uns haben.

Der westlich abendländische Neu-oder Alt- Nietzscheaner möchte zwar immer noch Welt- Teil-Nehmender sein, aber er bringt es dabei oft nur zu einer Inventarisierung
von Verhältnissen im jeweils aktuellen Manufaktumkatalog der Gefühle und Affekte.

Ein Vergessenwollender. Ein Stümper des Vergessens. Ein Elege nicht mehr seines Ausfallens auf Schlachtfeldern, sondern seines Dahinstolperns in Verhältnissen.

Max Frisch: Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.

Nietzsches Jugendstil war das Gegenteil von Jugend, also eine Alterserscheinung.

Vitalismus operiert natürlich immer jenseits von Vitalität. Der Vitalismus erfindet den Sportgreis. Der heutige Sportgreis wäre das neuzeitliche Pendant zur epochalen Sehnsucht nach Jugend um die vorletzte Wende zum 20igsten Jahrhundert.

Womöglich wird man die gesamte so genannte „Avantgarde“, dort, wo sie sich „künstlerisch“ gebärdete, an der Wende zum 20igsten Jahrhundert, einmal als epochales Sportgreisentum erkennen.

Während die wirklich jungen Jahrhundertbegrüßer die Techniker, Ballonfahrer und Raketenbauer als technische Beweger waren: Heinrich von Kleist, Jule Verne, Kurt Laßwitz, Fritz Lang, Herrmann Oberth etc…

Max Frisch: „Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.“

Lasst uns also wieder jung sein.

War es Kierkegaard oder doch Nietzsche, der verlauten lies:

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat das mittlere schöngeistige Abendland ein Problem mit seiner „Erfahrung“.

Ewiger Jugendstil ist gefragt.

Der fünfundachzigjährige ledern dahinzitternde Rennradfahrer wird heute öfter im Straßenverkehr gesehen, aber von echter Sicherheit und Souveränität im Gerät kann hier keine Rede sein. Es droht jederzeit ein Unfall.

Max Frisch nahm dann später im 20igsten Jahrhundert immer sehr hellsichtig Notiz von diesem epochalen Sportgreisentum.

So beschreibt er zum Beispiel an einer anderen Stelle seines Tagebuchs, wie man den älter werdenden Menschen daran erkennt, dass er beim Hochsteigen der Treppen zwei Stufen auf einmal nimmt – sportlich – beinahe hoch spurtet –

– „eben weil er’s noch kann. Er muss es sich beweisen.“

während der real junge Jugendliche sich schlurfend (oder lässig) am Geländer hochzieht.

Der Jugendliche hat das Privileg zu schlurfen, während das Alter „sportiv“ werden muss.

Reale Sportlichkeit wird mit „Sportivität“ ersetzt.

Genau dieses Bild beschreibt eigentlich die Epoche nach Nietzsche.

Natürlich entkommt kein Lebender diesem Mechanismus der Not-Wendungen in die Sportivität.

Aber wird die Sportivität, also der Jugendstil, übertrieben, kommt es zum Verkehrsunfall, zur Katastrophe oder zur stilistisch peinlichen Existenz, zum Sportgreisentum im großen Verkehrsunfall – zum 1. Weltkrieg.

Max Frisch: „Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.“

Der heutige Seelenklingelton-Nietzscheaner hat ein Problem. Er muss erkennen, dass der Versuch des Wiederjungwerdens und des Wiederdummwerdens in Richtung Mythos und Tragikismus gescheitert ist und scheitern muss.

Eben weil jeder Mythos immer schon Aufklärung war und dem Logos angehört, ebenso der Technik, der Ratio und dem Technischen. Die Idee des Mythos ist bereits ein Mythos.

Es gibt keinen Mythos, sondern nur den Logos. Ein Logos, der zu verschiedenen Zeiten sich die passenden verbalen und kollektiven Bedientableaus schafft. Bedientableaus, die keine andere Aufgabe haben als ganz rational technische Funktion zu sichern. Funktion der Gemeinschaft als Überlieferungs-Kriegs- und Fortpflanzungs-Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

Funktion der Gemeinschaft als Tempel- und Pyramiden-Bauer. Mythen, Religionen und Götter waren nie etwas anderes als Programmiersprachen für die Gemeinschaft. Bedientableaus. Sie sind nichts anderes als zeiteigene und angepasste zu ihrer Zeit zutiefst rationale Bedientableaus und Programmiersprachen zur Sicherung von Funktionen und Gemeinschaft. Sie sind immer schon Logos.

Das ist etwas, das Nietzsche nie so ganz durchschaut hat. Deshalb glaubte er den „Großen Starken“ erfinden zu müssen, den neuen tragikistischen Quasi-Gott, der Gott ablösen sollte, den Übermenschen.

Nietzsche wollte sozusagen Gold machen und erfand dabei das zarte so zerbrechliche Porzellan: Das moderne Individuum. Den Selfishness-Men als innen hohles Porzellan-Püppchen, der sich seit dem sehnt, wieder aus Lehm sein zu dürfen.

Diese fragil porzellanige Selfishness-Figur ist eine Art Berufs- Mensch oder Kunst-Mensch der Moderne und Postmoderne. Dumm sein wollend nach der Erfahrung.

Die nietzscheanische Porzellan-Figur-Ratio rät dem innen hohlen Porzellan-Nietzscheaner dazu, sich ein Seelengewand/Gewende der taktischen Dummheit zweiter Ordnung zuzulegen.

Was ihm jetzt noch bleibt, ist eine Art Jugendstil-Stilismus des taktischen Dummstellens.

Des Wiederjungseinwollen-Wollens. Als Selfishness-Manager benutzt er dafür zwei Methoden. Die eine Methode heißt: Ich stammle und nuschle wieder wie ein Kleinkind.
Ich artikuliere mich und die Welt absichtlich undeutlich.

Die andere Methode heißt: Ich gebärde mich tragigkistisch, hellenistisch, also quasi-nietzscheanisch frühmorgendämmerig statt spätabendländisch.

Aber leider gilt dann für beide: Wer so viel wollen muss, der kann schon nicht mehr. Beide Methoden verbleiben in der Figur des Porzellans.

Die Gebärde ersetzt die Geburt. Vollständig. Die notwendige Reproduktionsrate von 2,1 bleibt in technischen Zivilisationen notwendig unterschritten.

Der Seelenklingelton-Nietzscheaner dreht sein Leben in die Einsamkeit der Willensburg seines Wollen-Wollens und seines Jugendstilisierungs-Stils. Ein solcher Wollender und Willensburg-Bewohner ist seltsam lebensverrenkt.

Der Berufslebendige, dessen Leben zu einem Beruf geworden ist, lebt in einer permanenten Schließung wegen Inventur, in einem Selbst-Formungs-Alarm der Inventarisierung seiner Lebendigkeits-Wirtschaft.

Er kann sein Leben für nichts mehr einsetzen außer für die eigenen Inventarnummern. Und noch jedes menschliche Verhältnis bis hin zur eigenen Familie gerät ihm zur hysterischen Gewinn- und Verlust-Rechnung bei geschlossener Lebenstür.

Ein solches Leben hat dann ständig wegen Inventur geschlossen.

Es gibt in jedem Leben einen Not-Wende-Punkt, an dem man einmal angekotzt wird von den Erfahrungen, also von allem so genannten Bisherigen.

Diese Angekotztheit kann auch direkt aus dem Mund einer epigenetischen Prägung sprühen, für die man so gar nichts kann und die man irgendwann einmal abstreifen oder leugnen möchte – als seien es Fehler.

Dann sagt man: All diese Erfahrung macht dumm. Weg damit.

Noch einmal neu anfangen. Jung sein. Dumm sein. Real sein. Aufrichtig sein. Authentisch sein. Dieser Punkt geht bei den meisten einher mit irgendeiner Krise, einem Erlebnis, einer Krankheit, mit einem Zusammenbruch, einer Verzweiflung oder einer Analyse.

Nach Nietzsche stützt man sich dann auf Siegmund Freud und sagt sich:

Meine täglich Neurose gib mir heute. Meine Neurose, gedreht in die authentische Perversion oder den authentischen Fetisch – das ist ab sofort mein „richtiges Leben“ Ab sofort bin ich der Berufslebendige meines Leidens. Erst das Leiden gibt mir Persönlichkeit. Aus dem Leiden und dem Leib heraus komme ich zur Welt. Der große nicht enden sollende Leidenschaftsalarm zweiter Ordnung ertönt nun über der Willensburg. Und damit wäre das wegen ständiger Inventur geschlossene Leben perfekt. Das Gefängnis der Einsamkeit der Inventarisierung. Der nie mehr endende Horror der „Ästhetik der Existenz“ (Foucauld) , welche in Zukunft nur noch abdichtet und nicht mehr dichtet.  Die offene Ästhese wird hinten mit dem K verstopft. Sie wird Ästheti-K.

Der Mythos vom „richtigen Leben“ – den gerade Adorno noch einmal unfreiwillig nietzscheanisch aufgelegt hatte, gehört mit zu den großen Irrtümern und Unterbelichtetheiten, welche die letzten 150 Jahre Philosophie hervorgebracht haben.

Denn „Leben“ ist nichts, dass sich allein an der Biologie wissenschaftlich festmachen lässt.

„Leben“ ist auch nichts, was sich culpatorisch im Sinne von „Verfehlung“ oder „richtig“ oder „falsch“ oder „gelungen“ oder „nichtgelungen“ aussagen lässt.

„Leben“ ist das, was an Bewegung abläuft, vorläuft und nachläuft. Leben ist die NOT-WENDUNG. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Und das ist sehr viel mehr, viel mehr als man gemeinhin glaubt.

Und niemand ist Herr seiner Not-Wendungen. Weil die Not-Wendung immer den Herrn wendet.

Wer sich illusioniert, der Herr zu sein, der illusioniert sich in die Einsamkeit seiner Willensburg und verbleibt dort in seinem wegen Inventur ewig geschlossenen Leben.

„Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute die Erfahrung haben.“

Da sind nicht wenige, die dem Impuls der Nivlierung von Erfahrung immer auch gefolgt sind und vergessen wollten, ohne dabei zu bedenken, wie der Impuls zur Wendung und Drehung aus dieser epochalen Erfahrungsverblödung sich eben selbst aus dieser Erfahrung speist.

Die Wendung gegen die Prägung kommt aus der Prägung. Die Wendung gegen die Erfahrung kommt aus der Erfahrung.

Die Wendung gegen Autorität schafft neue Autorität. Ein alter Hut.

Nietzsche war eben ein Protestant, Evangelist und Lutheraner.
Und er blieb es noch in seinem schärfsten Antiprotestantismus und
Antievangelismus und Anti-Lutheranismus.

In dem er ein Anti-Pfarrer war, blieb er eben ein Pfarrer.

Max Frisch: „Erfahrung macht dumm. Das sagen Leute, die Erfahrung haben.“

So hat auch ein Nietzsche, obwohl er viel und gerne selbst paradoxal und widersprüchlich und fein ziseliert herum-argumentierte, doch einen sehr starken Zorn-Impuls gegen die Dialektik gerichtet, er hat sie kalt stellen wollen, was ihm selbst und anderen nicht gut bekommen ist.

Die Kaltstellung der Dialektik gelingt nicht. Nie und nimmer.

Max Frisch wusste das.

Was ich mit den Mitteln des taktischen Dummstellens auszukreisen versuche, das kreist mich von hinten irgendwann informationell wieder ein.

Diese Dialektik ist nun nicht mehr wie bei Hegel ein ganz geschlossener Kreis. Sie ist auch nicht „negativ“ wie bei Adorno. Sie heizt real und sie heizt positiv und warm. Sie wohnt in ganz realen peristaltischen Ernährungsdynamiken und sie wohnt in dem uralten und ewig wahren Wort aus dem Talmud, das daran erinnert, dass jeder Schuster immer ganz schlechte Schuhe trägt.

Dabei bleibt sie eine Wendung und Drehung der informationellen Entropie.

Diese Dialektik kommt aus dem Fluss- und Flucht-Feld der informationellen Thermodynamik. Ihre Wende-und Drehpunkte sind die Wende-und Drehpunkte der von Energie nach Information, von Leben nach Technik nach Leben nach Technik ad infintium….  Weil auch Information und Energie äquivalent sind – im Fluss-und Flucht-Feld des Universums, dass jederzeit ein eindrehendes sich einkrümmendes Ereignisfeld ist.

Es war deshalb immer besonders einseitig und bequem, den „Homo Faber“ von Max Frisch als die Geschichte eines technischen  Seelen-Krüppels zu lesen.

Der Homo Faber ist eine moderne technische Not-Wendung, nicht mehr und nicht weniger. Wir entkommen diesen Not-Wendungen nicht.

Man kann das leugnen und eine gute Weile verdrängen, aber entkommen kann man dem nicht. Denn dieses Leben „holt sich“ selbst immer ein. Sei es als radioaktive Strahlung, sei es als Geburt, sei es als Paradigmenwechsel, sei es als protestierende Generation, oder als technische oder wissenschaftliche Innovation.

Es gibt kein Sprechen und auch kein Schweigen, kein Ja und kein Nein außerhalb des Fluss- und Fluchtfelds der peristaltischen Not-Wendung, die immer eine Wendung nach vorn bleibt. Jedes „Zurück zu…“ wendet sich in ein „Nach vorn…“ hinein, weil die Natur selbst als not-wendendes Fluss- und Fluchtfeld immer schon Ratio und Technik war, gerade dort, wo sie scheinbar ganz „plötzlich“ oder ganz „archaisch“ den Menschenverstand überrascht.

Mythos ist die Not-Wendung des Logos.

Das ist eine, vielleicht die höchst moderne Botschaft aus Max Frischs Texten, und in ihrer Art, wie sie heute immer noch um Fassung ringen.

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