Der blaue Tag

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Heute stand ich wieder am Meer.
   Gestern hatte ich noch an Selbstmord gedacht. Unfaßbar kam es mir vor.
   Unbefangen stieg ich ein in das Boot, und schon legte es wieder ab.
   Leise, nur das klare Geräusch des Wellenplätscherns gegen den Bug war zu hören, schwammen wir auf das offene Meer hinaus, und es war seltsam feierlich dort, wie auch das Wetter an diesem Tag. Die See glättete sich, je weiter wir kamen, und man spürte, wie das Wasser weicher wurde und die Geräusche abnahmen, mit denen die Wellen an den Körper des Schiffes schlugen.
   Nur schien dies weder meinen Begleiter, einen Mann mittleren Alters, noch die monotone Geschwindigkeit unseres Bootes zu beeinflussen.
   Er – von Anfang an hatte er neben mir gesessen – schaute, wie schon zu Beginn der Fahrt, über die langgestreckte Spitze des Bootes auf die offenen See hinaus, als sähe er dort sein Ziel, welches es konsequent anzusteuern galt, und er beachtete mich nicht. Auch hätte ich ihn wahrscheinlich nicht von seinem Zwang abbringen können, obwohl er ganz bestimmt meinetwegen am Steg angelegt hatte.
   Wir waren noch nicht lange unterwegs (ohne ein Segel), doch schon konnte ich das Ufer nicht mehr auffinden, als ich mich einmal umdrehte. Erkannte jedoch nunmehr vor uns, nachdem ich mich, von Furcht erfüllt, in die Fahrtrichtung zurückgewandt hatte, etwas, das eine Insel sein konnte. Und auch ihm mußte der breite Punkt am Horizont nicht entgangen sein, denn er löste seine Haltung und atmete einmal entspannt tief durch, lächelte fast ein wenig und nahm dann wieder die Haltung ein, die ihn vorher charakterisiert hatte.
   Ich verstand ihn nicht und war auch nicht an ihm interessiert, aber genoß jetzt wieder eine immer angenehmer werdende Sicherheit und erkannte dabei erst, dass ich mich die ganze vorhergehende Zeit über unwohl gefühlt haben mußte.
   Plötzlich jedoch sprach der Mann zu mir, ohne den Blick von der See zu lassen:
   “Wir haben Informationen, dass sich Ihr Denken über Dinge, die uns betreffen, verändert hat: Sobald wir erfahren haben, was uns interessiert, bringe ich Sie zurück: Es geht um statistische Werte, mehr darf ich nicht sagen, aber es ist schön bei uns, Sie werden sich wohl fühlen…”
   Doch dann stießen wir mit einem Eisberg zusammen, den er auf dieser Route anscheinend überhaupt nicht erwartet hatte.
   Als ich später, beinahe ohnmächtig vor Schwäche, schwimmend ein sonniges Ufer erreicht hatte, kümmerten sich mehrere Menschen rührend um mich. Auch erzählten sie mir, dass eine Leiche dicht neben mir aufgefunden worden wäre, welche aber mindestens schon vier Wochen tot gewesen sein müsse und von nicht zu klärender Herkunft sei. Trotzdem waren aber alle, und auch ich, glücklich.

Gelesen von Sandra Hüller linkhausklein.png

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