23 November 2006 / Hörbuch, Kurzprosa, Werkstatt
Er kam die Straße hinauf. Völlig leer war sie.
Er, mit den stechenden Augen. Wasserblau ihr kahles
Nichts.
Schritt für Schritt; wieder.
Alle Bewohner waren geflohen.
Kaum spürbar sein Grienen. Es schreckte über den offenen
Mund.
Der Triumph über die Angst.
27 Januar 2007 / Hörbuch, Kurzprosa, Werkstatt
Ich bin zufrieden mit meinem Los.
Zwar bin ich an einen Baum gefesselt: doch reicht man mir mit großer Zuvorkommenheit dreimal am Tage Mahlzeiten, die ich, da ich so gefesselt bin, daß meine Unterarme frei sind, selbst zu mir nehmen kann.
Meist bringt mir das Essen eine stets schweigende, mich nie ansehende Frau, die jünger ist als ich. Ihr Gang ähnelt dem eines geprügelten Hundes. Diese Beobachtung machte ich vor etwa fünf Wochen und sah gestern erstaunt, daß sie frühmorgens mit einem kräftigen großen Hund zu mir kam. Diesmal blieb sie, nachdem sie mir das Essen gereicht hatte, mit dem Rücken zu mir in meiner Nähe sitzen, und wir schauten beide den Berg hinab, an dessen Südseite ich an jene Eiche gebunden bin, in die Tiefe, wo sich ein breiter Strom durch die Täler windet. Der Hund streunte inzwischen durch die Umgebung, kehrte aber des öfteren zu unserem Platz zurück, als wolle er uns seine Artigkeit zeigen.
Wenn die Frau nicht kommt, kommen Männer, die mir Angst einflößen: Also freue ich mich immer, wenn sie erscheint, und bin eigentlich zufrieden mit den Umständen und mit dem Ausblick sowieso: Schwäne erkenne ich leider nur als weiße Punkte. Das heißt, ich denke, daß es Schwäne sind.
28 Februar 2007 / Hörbuch, Kurzprosa, Werkstatt
Das Gefühl jener Tage, als ich damals ans Meer kam, läßt sich kaum wiedergeben.
Fest steht, dass es im Mai war. Gleichermaßen sicher ist mir, ich war trotz meines Herzleidens glücklich gewesen und hatte bis zum achtzehnten Tag ausgedehnte Spaziergänge unternommen, bei denen mir die weite dunkle Kraft des Meeres nach und nach einging und mich bald bis zum Schwindel hin erfüllte.
Niemals traf ich dabei andere Kuranten. Wodurch sich in mir schnell – da ich zur Abhängigkeit neige – eine Sucht zur Endlosigkeit ausbildete:
Erst erfaßte sie mich ganz still. Dann aber brach sie offen aus. Und meine Ausflüge wurden weiter und immer weiter. Dies bemerkte ich erst, als ich, nach fast drei Wochen, eines Tages in völliger Erschöpfung am Ufer ins kalte, seichte Wasser des Meeres hinein zusammenbrach. Sofort dachte ich damals an das Sanatorium. Da aber ein schöner, klarer Tag war und ich meine angenehmen Gefühle wiedererlangen wollte, legte ich mich in die nahen Dünen. Ihr Sand war von der schwachen Sonne schon beträchtlich erwärmt. Und so zog ich mir meine nassen Kleider aus und lag dann da, ohne an etwas zu denken.
Heute kann ich nicht mehr sagen, ob ich es hörte oder gleich sah, dass nicht weit von mir aus dem glatten Meereswasser, in großer Anmut langsam der Kopf einer Frau auftauchte. Ihre langen Haare glitzerten, und sicher vergingen viele Minuten, in denen wir uns, und ohne das etwas anderes passierte, nur ansahen: Sie zwar scheu, aber auch mit dem vagen Ausdruck fraulicher Verhaltenheit in den Augen. Doch dann öffnete sie plötzlich ihren Blick und versank im Wasser. Mein Herz krampfte, bis sie wieder auftauchte. Nur, diesmal war sie sogar etwas näher als vorher und schüttelte vor unbändiger Lebenskraft ihre schier endlosen Haare. Und sie lächelte. Aber das Lächeln war von einer Intensität, die ich oft bei Taubstummen erlebt hatte und dem gegenüber man nur im Schuldgefühl verbleibt, da man es keinesfalls angemessen erwidern kann.
Also wagte ich nicht, mich zu erheben, obwohl auch ich sie irgendwie anzulächeln versucht hatte.
Erst als sie sacht winkte, ging ich zögernd auf sie zu, bis ich erregt vor ihr stand. Jetzt erkannte ich im klaren und so stillen Wasser deutlich einen kräftigen schuppigen Unterkörper, welcher in einer riesigen Flosse endete.
Einen Augenblick fühlte ich mich ratlos, nicht erschrocken.
Und da reichte sie mir auch schon ruhig ihre rechte Hand und zog mich an sich. Doch der Druck ihres Griffes war so erheblich, dass ich einen Aufschrei nur schwer unterdrücken konnte: Aber ihr Gesicht war freundlich, sah nichts als fragend aus und kam mir noch näher, bis sie meinen Kopf berührte und sich gegen ihn lehnte. Dabei allerdings wurde ihre Zärtlichkeit schnell so heftig, dass ich, als wäre ich aus Papier, vollends ins Wasser fiel.
Ihr Schreck war wohl noch größer als der meine, denn sie stürzte rücklings mit dem Kopf voran unter Wasser. Wobei kurz die gewaltige Schwanzflosse durch den Schwung ihres Körpers voll aus dem Meer trat und dann als das letzte, was von ihr zu sehen war, peitschend wieder im Wasser verschwand.
Bestimmt saß ich noch einige Stunden wartend am Strand. Ich hatte mich wieder angezogen und schaute flehend auf das Wasser, und schämte mich meiner körperlichen Schwäche, die sie wahrscheinlich als Abweisung empfunden hatte.
Bald aber wurde es dunkel, und ich ging, ich gebe es zu, ohne Lebensmut ins Sanatorium zurück.
Meine Kur wurde abgebrochen.
Dies alles ist jetzt viele Jahre her, und ich lebe seit damals direkt an der Küste.
18 Dezember 2007 / Hörbuch, Kurzprosa, Tagewerk, Werkstatt
Schnee fiel über den Bergen. Bis die Lawine ins Tal stürzte.
Und auf die Nussbäume zu.
Nun schweigen sie.
Bald aber wieder, altgewohnt: Sonnenstrahlen; auch
Mädchenlachen.
13 Februar 2007 / Hörbuch, Kurzprosa, Werkstatt
Ein Mädchen fand in einem Steinbruch einst erschrocken einen toten Hai. Aufrecht, majestätisch lag er dort, auf dem trockenen Kalkstein, in der Sonne: Also ging sie ihm gebückt-zaudernd entgegen und warf von den raren Pflanzen um ihn einen Kreis, der aus den schönsten Blüten bestand.
Sie hätte es gemußt, erzählte sie später einem Schafhirt, der aber Schafhirt bleiben wollte.