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CHARLIE STOPPT AN EINER STRASSENKREUZUNG.

CHARLIE STOPPT AN EINER STRASSENKREUZUNG, über die er schon vor zwei Stunden gefahren war, zieht sich langsam die Sonnenbrille von den Augen und putzt sogleich die dunklen Gläser, schiebt die Brille ins Haar hoch und schaut auf die vielen Menschen, die vor ihm die Straße überqueren. Eine junge Frau blicke ihn an, mitten auf der Fahrbahn ist sie abrupt stehen geblieben. Doch dann winkt sie nach ihrem kleinen Sohn, der einem anderen Kind hinterher schaut, das völlig alleine unterwegs ist.
  Das Radio dröhnt.
  Charlie blickte in den Rückspiegel. Hinter ihm drängen sich mehrere Autos.
  Die Ampel wird gleich wieder grün leuchten.
  Der Sohn, der jungen Frau, läuft dem fremden Kind nach. Und sie, sie sieht noch mal zu Charlie, lächelt, als wäre sie keine Mutter.


Charlie fährt von der Kreuzung. Er kann die Frau nicht mehr sehen, kann im Rückspiegel überall nur noch Menschen erkennen, die er noch nie gesehen hat, nie sehen wollte, zieht sich wieder die Sonnenbrille vor die Augen.


Charlie kommt an dem Ort vorbei, wo er gestern Abend, wegen eines schrecklichen Unfalls, lange halten musste. Er versucht auf dem Asphalt Blut zu erkennen, fährt im Schritttempo, muss dann aber hoch schalten, weil man hinter ihm aufgeregt hupt.
  Das Auto wird schneller und noch schneller; als wolle es fliehen.






MANCHMAL, DA VERMOCHTE PENELOPE DIE SCHRITTE VON CHARLIE SCHON HÖREN

MANCHMAL, DA VERMOCHTE PENELOPE DIE SCHRITTE VON CHARLIE SCHON HÖREN, wenn er ihr zu nahe gekommen war. Immer, wenn sie an einer roten Ampel gestoppt hatte, oder in einem zu engen Passantengewimmel nicht mehr schnell genug fliehen konnte. Ängstlich blickte sie ihm entgegen. Und er filmte auch das.
  Diesmal sah sie bisweilen tatsächlich wie Maria aus, dachte Charlie.




Er kam an die Stelle, wo Penelope sich, noch Sekunden vorher, aus einem Fußgängerstrom heraus plötzlich nach links in eine Nebenstraße gelöst hatte. Charlie stutzte und setzte die Kamera ab, sah in die viel engere Straße hinunter, leicht neigte sie sich abwärts, in die Ferne.
  Penelope ging, als wäre niemand mehr hinter ihr her und würde sie hetzen. Hatte sie Charlie vergessen? Fast setzte sie ihre Schritte wie ein Modell. Aber um sie herum und auch weit im Hintergrund, und das war es, was Charlie so fremd erschien: er konnte nicht einen einzigen Menschen sehen, kein Auto fuhr, nicht eines parkte irgendwo. Die Gasse war völlig leer und verlassen und wirkte zudem wie noch niemals vorher betreten.
  Charlie wandte sich zurück, schaute zu den Fußgängern, auf der breiten Straße, wo er Penelope vorher noch gejagt hatte, sie ängstlich in die Kamera gucken sollte, so wie sie es beide verabredet hatten. Die Menschen dort liefen hin und her, nur wenige Meter von ihm entfernt und beachten ihn nicht. Und keiner tat einen Schritt in die leere Gasse, nicht einmal den Ansatz dazu machte jemand, niemand überhaupt sah wahrscheinlich die kleine Straße.
  Wo war er? – Wo Penelope?






ER LIEGT ZUSAMMENGEKAUERT.


ER LIEGT ZUSAMMENGEKAUERT auf dem Boden.
  Einige Sonnenstrahlen, irgendwo, an einem der Vorhänge vorbei, finden sie ihren Weg, treffen auf das Bett, nahe vor Penelopes Gesicht. Sie hebt ihren Kopf, versucht das Licht mit der Stirn zu berühren.






SIE SITZT NEBEN IHREM BETT.


SIE SITZT NEBEN IHREM BETT, in einem Sessel, auf dem ein kleines Lammfell liegt, und blickt auf ihr einstiges Lager des Horrors. Als Charlie zu ihr tritt und neben ihr stehen bleibt, bemerkt sie ihn nicht, spürt nicht, dass er sie lange Zeit ansieht und grübelt, grübelt.
  „Wieso.“
Sie erschrickt und blickt Charlie fragend an und der wiederholt noch mal: „“Wieso?“ Warum denn nicht“, sie sieht aus einem Fenster; Vögel singen laut. „Er hat sich selbst gerichtet. Das ist doch in Ordnung.“
  „Ich meine nicht diesen… diesen behinderten Ehemann, den mit dem Abgas. Ich meine… ich meine unser Gespräch von vorhin, das… das meine ich. – SIE… WIESO ERKANNTEN SIE MICH?“


Ach das, das ist es, denkt sich Penelope und schweigt, genießt Charlies Machtlosigkeit, sein, sein so trostloses Suchen.
  „Wieso? Und warum? – WER SIND SIE DENN?“
  Penelope steht langsam auf. Sie sieht Charlie in die Augen, spürt darinnen etwas wie, wie Weite, eine unbegreifliche Weite. Die jedoch scheint sich stetig auszudehnen. Wenn auch nur in einem gelegentlichen Flackern, einer Art stummen Rufen: Aber das kommt aus etwas, wie einer riesigen leeren, glatten und fest verschlossenen Halle.
  „MARIA…“, antwortet sie. Und Penelope geht mit dem Kopf noch näher an Charlie heran, berührt beinahe seinen offenenstehenden Mund: „ICH – BIN – MA – RI – A.“
  Er wankt Schritte rückwärts, kann sich mit einer Hand an einem zierlichen Schränkchen festhalten; Gläser klirren. „Maria? – Penelope? – Maria. – Welche Maria? – Etwa die aus Neuseeland?“
  Penelope sieht aus dem Fenster: „Ja – GENAU DIE.“


Charlie hält sich die Augen zu, schüttelt den Kopf. „MEIN GOTT! – Nein, das kann doch nicht sein… Mein Gott…“
  Charlie fröstelt es.






Treppe

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Randnotiz

Lucia

  • Der Garten Eden ist nicht mehr. Aber es schmeckt sehr süß. Blätter fallen und der Teich wächst zu.

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