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Genre : Essay

DggW – Kaminskie

Am Sonntag gab es eine willkommene Ablenkung. Kaminskie (Sektion Physik) stand wieder mal vor meiner Tür. Er hatte „das Bedürfnis zu denken“ – wie er es nennt. Ich kenne Kaminskie und seine Frau vom Powerpoint-Karaoke-e.V. Wir treffen uns dort alle paar Wochen einmal zusammen mit Freunden oder Kollegen von der Fakultät. Ein gemütlicher Raum mit einem Beamer und einem Computer. Jeder bringt einen USB-Stick mit einer Powerpointpräsentation mit, die er irgendwo gefunden oder aus dem Netz gezogen hat. Bier, Chips, und dann geht es los. Die Präsentationen werden gemischt und so per Zufall auf die Anwesenden verteilt. Sinn der Übung ist es, eine plausible Präsentation zu halten, die man noch nie gesehen hat über ein Thema, von dem man garantiert nichts versteht. Man könnte nun zu Recht fragen, warum man das nun auch noch in seiner Freizeit macht. Die Antwort wäre: Einfach um zu trainieren. Um im Nichtsverstehen noch besser zu werden. Denn darum geht es im Leben. Nicht nur. Aber meistens.
Sehr beliebt sind Präsentationen, die chinesisch oder arabisch erstellt wurden. Aber auch gefürchtet, nicht weil sie wegen der unlesbaren Schriftzeichen besonders schwierig zu improvisieren wären, sondern ganz im Gegenteil (ggW) Gerade die besondere Fremdheit einer Sache, eines Aufbaus, einer Struktur, entlässt den Präsentator und die Zuhörenden, nach dem man sich engagiert durchgeklickt, durchgestammelt und improvisiert hat, mit dem frapierenden Eindruck, dass man mit dem scheinbar Fernliegensten verspielter, mutiger, produktiver, beinahe vertrauter umgeht als mit Themen, die das so genannte eigene Fach berühren. Diese Einsicht wirkt gleichermaßen frustrierend wie ermutigend. Gegenüber dem Fremden, dem Neuen, ist jeder Mensch ein Anfänger. Und Anfänger haben bekanntlich das sprichwörtliche Glück.
Wie weit dieses Anfängerglück reichen kann, zeigte sich an dem Abend, als Kaminskie zum ersten Mal beim Powerpoint-Karaoke-ev. erschienen war. Ich kam dran und erwischte eine Präsentation zum Thema: „Berechnung lokalisierter Strukturen in dissipativen Systemen im Spezialfall diskreter Dynamiken bei Trajektorie in einer subharmonischen Bifurkation.“ Wirklich nicht mein Fach. Schließlich bin ich Widerspruchsforscher. Eine mathematische Beweisführung in kyrillischer Schrift, die jemand von einem russischen Server gezogen hatte, gehört nicht gerade zu den Gebieten, auf denen ich mich auskenne. (Den Titel habe ich mir hinterher von Kaminskie, der aus dem Baltikum stammt, aber russisch kann, übersetzen lassen.)
Ich erinnere mich, dass Kaminskies baltische Ostseeaugen, während ich mich nun durch das Powerpointdokument hindurchstotterte und improvisierte, erst irgendwie einen erloschenen Ausdruck annahmen, dann aber öfter heftig blinzelten, schließlich immer konzentrierter schauten, bis er schließlich einen Zettel und einen Stift hervorkramte und sich Notizen machte. Ich hielt Kaminskie für humorlos und mich für komplett ahnungslos aber wenigstens ein bisschen witzig.
Dass sich jemand während einer solchen Präsentations-Karaoke Notizen machte, war selten aber immer schon mal vorgekommen, aber meistens hielten diese Notizen nur ungewöhnliche Formulierungen fest, oder Strichmännchen, wenn die Präsentation gar zu uninspiriert ausfiel, was auch möglich war.
Natürlich fragte ich ihn nach meiner Präsentation, die beim Publikum diesmal für nur mäßigen Unterhaltungswert gesorgt hatte, was er sich denn notiert habe.
Er antwortete mir darauf, dass ich gleich am Anfang und im letzten Drittel zwei Thesen aufgestellt hätte. Eine davon sei interessant. Die andere genial. Er müsse es in der Sektion überprüfen lassen. Ich sagte ihm, dass ich ja wüsste, dass ich genial sei, (Kopernikus, Luther und so weiter), aber ich selbst hätte von dem, was ich geredet hätte, kein Wort verstanden und nun auch alles wieder vergessen.
Kaminskie stellte sich mir also vor. Er sei Physiker. Er erklärte mir, die Präsentation, die ich improvisiert hatte, behandelte Rechenmodelle, die in der Chaosforschung eine Rolle spielten: Dichteverteilung bei Wetterphänomenen, Kristallisiationsbildungen bei Materialsynthesen, aber auch spontane Strukturbildungen in komplexen Molekülverbänden, fließende Dynamiken, Wirbel etc… was ich gesagt hätte, könne er mir nicht weiter auseinandersetzen, weil ich es sowieso nicht verstehen würde. Es sei zu komplex.
Also ein ganz klassischer Fall von Anfängerglück. Wenn ich bedenke, dass mir weder die Formeln noch die kyrillischen Buchstaben der Präsentation auch nur das geringste erdeutet hatten und ich in Wirklichkeit weder Luther, noch Kopernikus, noch Napoleon bin, weder Mathematiker oder Russe, noch genial, also ich muss schon sagen.. stolz bin ich allemal.
Dabei darf es als Widerspruchsforscher für mich kein Gebiet geben, dass mich nicht interessiert. Denn einen gepflegten gutbürgerlichen Widerspruch gibt es überall.
Kaminskie wusste das auch schnell zu schätzen. Wir freundeten uns an, aber wirklich nicht nur wegen seiner Frau, die übrigens auch sehr reizvoll ist.
Kaminskie also, Balte, Physiker mit Ostseeaugen, eher klein in einem teuren und taillierten sandfarbenen Hemd, Liebhaber des Käsekuchens, den ich extra für ihn immer bei Kaisers kaufe, wenn er mich besucht, oder bereithalte, denn manchmal kommt er unangemeldet; Kaminskie, der Mann mit einem unklaren Sonderbereich in seiner Sektion, beinahe kreisrunden Fingernägeln und einem erschreckend guten Deutsch; Kaminski, der aussieht wie jemand, der auch die Nachrichten im Fernsehen sprechen könnte, wenn nicht eine Besonderheit in seiner Mimik ihn oft spontan stark blinzelnd dreinschauen ließe, als würde er von einem plötzlichen Licht geblendet, sei es nun da oder auch nicht.
Das erste Mal nach unserem Kennenlernen und einigen weiteren Powerpoint-karaoke-Abenden, als er vor meiner Tür stand, unangemeldet, so erinnere ich mich, sagte Kaminski: „Entschuldigen Sie die Störung,“ – und es klang genau so, wie es die S-Bahn-Verkäufer von Obdachlosenzeitungen immer sagen – „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich suche jemanden, mit dem ich ein wenig denken kann.“
Ich habe ihm sofort das Du angeboten.

Brief Pöltz

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Dr. hc. Pöltz

Da Sie nun immer noch, wie ich hoffe bei angenehmer Beschäftigung, guter Atmosphäre, vielleicht sogar bei einem mittlerem Wein, oder auch einfach nur so – im Aquitaine weilen, während mir hier gerade mein bescheidenes Labor gut genug erscheint, schreibe ich Ihnen jetzt diesen Brief.
Ihre letzte meine Arbeit betreffende Einlassung hat einen gewissen Klärungsbedarf aufgezeigt. Ich nehme an, dass es auch in Ihrem Interesse liegt, wenn wir die Sache nicht allzu lange hinausschieben und uns einmal, trotz Aquitaine, daran machen und schauen, ob und wie wir einige Fragen klären können.
Ich möchte Ihnen nicht verschweigen, dass einige von meinen ersten Reflexen auf ihre sicher gut gemeinten Anmerkungen eher von gröberer Natur waren, darin vielleicht auch manchmal von unakademischen Impulsen getrieben. Aber schließlich hatten Sie hier Fürsprecher, die mich in Ihrem Sinne zur Besonnenheit anhielten, darunter auch Miss Mightybee, die sich ihretwegen sogar von ihrem zukünftigen Ex-Mann trennen wollte.
Zudem habe ich mich auch dazu verleiten lassen, einige hässliche Äußerungen in Richtung Unbeteiligter zu toben, was ich bedaure, aber so gesehen, hat es vielleicht auch für unsere Arbeit, und um die geht es ja hauptsächlich, das Feld bereinigt.
Es geht also immer noch um, wen wundert’s, und Sie sicher am allerwenigsten, trotz der Zeit die vergangen ist, und trotzdem ich im Grunde nicht der Mensch bin, der irgendwelchen Themen allzu lang und breit hinterher diskutiert, und auch sonst nicht nachtragend oder aufbrausend bin, es geht aber nichts desto trotz diesmal immer noch, sie werden das vielleicht dort bei sich im Aquitaine eher weniger leicht nachvollziehen können, obwohl Sie das vielleicht auch nicht gerade überraschen wird, aber da sie mich auch etwas kennen, werden sie es letztlich doch verstehen, kurzum: Es handelt sich hier um eine Sache, mit der sie mich in ihren letzten Anmerkungen, vielleicht nicht direkt verärgert, aber eben doch irgendwie schon ein wenig, ich möchte sagen – angeregt – wäre auch nicht das richtige Wort – aber mit der sie mich, wenn es diese Formulierung vielleicht trifft, in ein emotionalisiertes Erwägen verwickelt haben, hier in meinem Labor, während Sie es vorzogen, ins Aquitaine abzureisen.
Ich meine, und sie werden sich das vielleicht jetzt denken können, es geht um den Rasierapparat, Herr Professor Pöltz. Ja, immer noch.
Und damit meine ich jetzt nicht irgendeinen Rasierapparat, sondern eben den, Sie wissen schon – den Kaputten, Herr Dr. Pöltz, oder jedenfalls den, von dem Sie behauptet haben, man könne oder müsse sich diesem Rasierapparat jeden Morgen unter dem Vorbehalt des Verdacht nähern, dass ER GARNICHT SO, also ganz funktionstüchtig, sondern EBEN GANZ ANDERS, zum Beispiel kaputt ist.
Da muss ich Sie zunächst einmal mit beinahe schon therapeutischem Interesse fragen: Machen Sie so etwas wirklich?
Ich will Ihnen ja gerne zugeben, dass ich selbst, der ich übrigens Nassklingenrasierer (Klingone) bin, mich morgens manchmal meinem Gillette Kontur Mach3 unter dem Vorbehalt des Verdachts nähere, dass die Klingen eventuell GAR NICHT SO wie sie äußerlich scheinen, also scharf, SONDERN EBEN GANZ ANDERS, nämlich schon wieder stumpf sind. Insofern gebe ich Ihnen Recht, Herr Dr. Pöltz, der Alltag ist auch heute noch nicht ganz ohne Risiko zu sondieren. Auch wenn sich die Risiken in einer künstlich zugerüsteten Kulturlandschaft wie der unsrigen schon stärker gestreut haben und gewisse Verdachtsmomente nicht mehr, wie bei unseren Vorfahren, (sind diese Pilze nun essbar oder tödlich?) nicht immer gleich mit einem aprupten oder schmerzhaften Ende dieses Alltags verbunden sind.
Auch Sie haben das ja zugegeben, in dem Sie sagten, dass solche Verdachtsmomente also zum Beispiel gegenüber einem Rasierapparat nicht mehr so „informell brisant“ seien, wie etwa bei einer unbekannten Strauchbeere oder einem Pilz – aber so in einem Nebensatz fallen gelassen, obwohl es doch etwas ganz Entscheidendes bleibt. Und in diesem Sinne möchte ich ihr Rasierapparat-Argument mit Ihnen aber auch gegen Sie verteidigen.
Wenn ich in meiner Dissertation von einem „Ernährungszusammenhang“ spreche, dann meine ich damit tatsächlich die ganz ursprüngliche Anbindung aller Geistes-Gegenwart an energetische Prozesse, insofern ich „Ernährung“ als die Offenheit eines Systems gegenüber seiner energetischen Gefasstheit betrachte, denn das Zuführen von Nahrung heißt ja Fassung gewinnen an energetischer Wirklichkeit (Wirkung) also zunächst ganz physisch. Ich fürchte, ich muss es Ihnen einmal so platt sagen, Herr Dr.Pöltz: Alle Philosophen, ob Platoniker, Nihilisten, Dialektiker, Positivisten, Idealisten, Phänomenologen, kritischen Rationalisten oder auch die reinen Ontologiker – sie alle müssen irgendwann einmal essen und trinken. Eine Beobachtung, die sie sich auch gegenseitig untereinander wohl oder übel bestätigen müssen, auch wenn sie sich sonst nicht leiden können. Rasieren müssen sie sich dagegen nicht unbedingt. Man kann sowohl ohne als auch mit Bart philosophieren. Dafür gibt es in der Geschichte eindrucksvolle Beispiele. Ohne Nahrung allerdings wird es immer bald schwierig.
Wenn ich nun dass Problem mit der sehr schönen aber eventuell tödlich giftigen Strauchbeere oder dem harmlos so daliegenden Rasierapparat, der eventuell kaputt oder stumpf sein könnte, in einer bewussten Geistes-Gegenwart als einem einfachen dualen Kippschalter von entweder SO (harmlos, essbar, funktionstüchtig) – (ODER-KLICK)-GANZ ANDERS (giftig, tödlich, kaputt) abbilde, dann fällt zunächst auf, dass ein Wort wie Gegen-Wart hier ganz gut passt. Denn in Gegen-Wart steht der Mensch, der auf das GEGEN WARTET. Insofern ist der Mensch also kein Hauswart (Hüter des Seins, Heidegger), sondern eher ein GEGEN-WART, der GEFASST SEIN muss auf die WIDER-WART
Und an dieser Stelle muss man nun gar nicht weiter groß herum doktern. Es genügt, sich klarzumachen, dass menschlich bewusste Gegenwart , wenn ich es zunächst als GEGEN-WÄRTIGKEIT beschreibe, in dem es also auf und für einen Widerspruch GEFASST sein muss, in gleicher Weiser oder viel stärker noch ein ENERGIE-WART ist. Denn bestimmte Stoffe in einer giftigen Beere können seine Fassung eben nicht nur von der geistigen Seite her durcheinander bringen sondern radikal seine gesamte physische GEFASSTHEIT bis hin zur Zerstreuung, dem Tod, hin auflösen. Im direkten Falle also WIDER-WÄRTIG sein. Ebenso wie der dauerhafte Entzug von Nahrung.
Das Interessante aber ist doch nun, dass sein gegenwartendes Gefasstsein auf Widerwärtiges evolutionär nicht erst mit der Ernährung, dem Essen oder gar mit dem physischen Hantieren an einem Rasierapparat in Verbindung steht, also nicht erst mit dem Menschen, sondern schon viel früher und zeitlich betrachtet bereits v o r jeder Sprache im Tier oder schon in der Pflanze als ein GEFASSTSEIN in GEFASSTHEIT wirkt. In diesem Sinne auch Tiere und Pflanzen schon energetische GEGEN-WÄRTER sind. Sie erwarten das Wasser, das Licht, die Kühe dagegen erwarten auch das Gras usw…
Aber sie erwarten auch Wind und Wetter, Hagel oder Blitzschlag, WO-GEGEN sie eine GEGENWARTSCHAFT wie zum Beispiel Fell, Haut oder als Pflanze eine Elastizität am Halm ausgebildet haben, damit sie nicht sofort und immer von jeder energetischen WIDER-WÄRTIGKEIT, zum Beispiel größeren Regentropfen, erschreckt, verkühlt, oder gar gebrochen werden. Ihre FASSUNG verlieren. Ebenso wie ein Skelett GEGEN das Potential der Gravitation sich aufrichtet und diesem Potential eine kalziumgestützte GEFASSTHEIT entgegensetzt. Und so weiter. Dazu kommt noch, dass Kühe beispielsweise, obwohl jede einzelne für die Wider-Wart eines Blitzschlags keine Gegenwartschaft hat, aber in ihrer Gattungsverteilung trotzdem eine Gegenwärterschaft den Blitztreffern GEGEN-ÜBER ausgebildet haben, nämlich als Gattung im Sinne der Anzahl. (Wenn mal eine vom Blitz erschlagen wird, bleiben die anderen ja stehen.)Die Gattung bleibt vorerst geschützt, durch ihre schiere Anzahl, die sich normalerweise gegenüber der Wahrscheinlichkeit von Blitztreffern durchsetzen wird.
Warum nun breite ich hier so pingelig, Herr Dr. Pöltz, diese Trivialitäten aus? Das werden Sie sich vielleicht fragen. Ganz einfach: Es geht mir darum, das Widerspruchsverhalten von Menschen zu verstehen, zu untersuchen und gegebenenfalls zu klassifizieren.
Als Widerspruchsforscher untersuche ich ja den Widerspruch als Kommunikationsphänomen in einem evolutionär bereits weit fort geschrittenem Stadium, nämlich dem der Sprache. Ich habe aber neulich von einem guten Freund und Physiker erfahren, dass wenn man etwas erkennen und/oder unterscheiden möchte, man eine Referenz braucht, welche die Dinge zunächst einmal gleich macht. Das ist furchtbar anstrengend, aber vielleicht lohnt sich der Aufwand ja. Denn, und nun werde ich Ihnen etwas sagen, dass mich ebenso schockiert hat, wie es sie vielleicht nur müde lächeln lassen wird: Auch ein Stein als nicht belebtes Objekt ist ein GEGEN-WART und setzt den physisch energetischen Prozessen seine (vorübergehende) GEFASSTHEIT (in Form) ENTGEGEN. Man könnte auch sagen: Ein Stein existiert täglich, also sozusagen jeden Morgen neu ENTGEGEN dem Vorbehalt des Verdacht, dass er vielleicht gar nicht existent sein könnte mit seinem Widerspruch: ES IST ABER EBEN GANZ ANDERS; nämlich: Er ist als Stein da und noch nicht kaputt, also energetisch zerstreut, wie man vielleicht denken könnte. Dass der Stein das schafft und kann, dass er also seine GEFASSTHEIT in GEFASSTSEIN als GEGEN-WART hat, ist nicht selbstverständlich. Auch ein Stein „ringt täglich um Fassung.“ Denn es kann jederzeit ein größerer Stein auf ihn fallen und ihm seine FASSUNG rauben. Deshalb könnte man sagen, auch ein Stein leistet in gewisser Weise täglich eine Widerspruchs – oder Widerstandsarbeit gegen den Vorbehalt des Verdachts, dass er zerstört oder verändert oder zerstreut ist/sein wird. Auch er also ein GEGEN-WART. Das Schicksal der Veränderung und Zerstreuung mag auch ihm bevorstehen, nur eben nicht so plötzlich. Das Erstaunliche daran bleibt, dass es so gesehen jetzt mit dieser Referenz keinen Unterschied gibt zwischen einem Stein und einem lebenden System. Das Argument des Biologen, dass ein biologisches System seine formale GEFASSTHEIT zum Beispiel als Zelle in seiner Form aktiv forciert, gestaltet oder gattungsmäßig durch Fortpflanzung entwickelt, während ein Stein ja nur passiv so in der Gegend herumliegt, ist von der energetischen Seite betrachtet sehr schwach. Nicht haltbar. Denn als örtliches Strukturmoment oder als zeitliches Prozessmoment, sind Steine ebenso in der Lage sich fortzupflanzen, sich zu teilen, oder sich zu größeren Haufen, Felsen, Gebirgen, Vulkanen aufzuschieben. Alles eine Frage der Zeit und der Arbeitsleistung im Sinne von Zufuhr oder Abgabe von Energie, vulkanisch oder kosmisch, oder der allgemeinen Lage im energetischen Fortgang der Bewegung. Alles was an Materie da ist, ob Stein oder biologische Zelle, war von Anbeginn da. Es kann nichts hinzukommen oder verschwinden. (Erhaltungssatz) Energie und Materie sind äquivalent. Auf der Erde „wächst“ deshalb auch kein Leben. Es gestaltet sich als Prozess und Strukturmoment von Materie oder Energie irgendwo zwischen einer GEFASSTHEIT in GEGENWART und dem GEFASSTSEIN auf WIDERWART (Sammlung oder Zerstreuung im Ereignis). Dass die großen Zeitskalen bei Steinen so ungleich länger sich dehnen als bei biologischen Systemen, kann nur ein vorläufiges Argument zur Unterscheidung liefern. Aber kein endgültiges. Dies alles gilt natürlich nur für eine rein physikalische Betrachtung und wenn man Erde und Sonne in Energiewechselwirkung zusammen empfindet. Ob es überhaupt noch eine andere sinnvolle Seite der Betrachtung gibt, und wie genau die Übergänge hin zur biologischen beschaffen sind, muss ich noch untersuchen. Aber wenn Physik überall gilt, und das tut sie, dann muss sie auch für die Biologie gelten.
Das mag jetzt wieder furchtbar trivial klingen, und damit komme ich jetzt zu dem zweiten nicht unberechtigten Einwand von Ihrer Seite.
Sie haben gesagt, dass meine Untersuchungen zum gepflegten gutbürgerlichen Widerspruch, ja selbst auch wieder ein, wenn auch subtiler Widerspruch sind, und das ich damit also in einer selbstreferenziellen Schleife zirkulieren würde. Anders ausgedrückt: Auch mein Sprechen sei ja seinem Impuls nach ein Entgegensprechen, ein Widersprechen. Und so wäre ich selbst in einem ewigen Zirkel gefangen, weil ich dann im Grunde nichts über die Außenwelt erfahren könne, sondern nur immer den GEGEN-WARTS- Charakter meines eigenen Bewusstseins oder Wahrnehmungsapparats bestätige, indem ich meine eigene Wiederspruchswunschmaschine anwerfe. Für diesen Einwand bin ich Ihnen auch sehr dankbar, Herr Dr. Pöltz
Nur, Herr Dr. Pöltz, zunächst mal interessiere ich mich ja nicht vordergründig für die „Welt“, auch nicht für die „Aussenwelt“, sondern ich interessiere mich für Wirklichkeiten (Wirkungen). Und Wirkungen im Sinne von Wirklichkeiten halte ich mit Verlaub für diskutierbar. Und hier in diesen Wirkungen interessiert mich eben genau der Widerspruch als Phänomen der Kommunikation, in dem mein eigenes Widersprechen mit eingeschlossen ist. Das gebe ich gern zu. Ich bin eben deshalb auch kein Philosoph, sondern Widerspruchsforscher. Was die „Welt“ betrifft, da wissen Sie selbst, dass wir damit an einem empfindlichen Knackpunkt allen Philosophierens rühren. Und sie haben damit völlig Recht. Das Dumme ist nur, dass auch damit kein Beitrag geleistet ist, außer eben wieder nur ein Einwand, ein Kontrapunkt oder einen Widerspruch von Ihrer Seite, der das Problem aber auch nicht löst.
Wenn Descartes seinen berühmten Satz gesagt hat: „Ich denke, also bin ich.“ Dann darf man nicht vergessen, dass er diesen Satz unter dem Eindruck eines tiefen Zweifels, der in einem Traum geboren wurde, eben genau diesem Zweifel ENTGEGENGESPROCHEN, ja geschleudert hat. Des Zweifels, der die Frage behandelt: Wie kann ich sicher sein, dass ich bin und nicht nur etwas Geträumtes? Sie wissen ebenso gut wie ich, dass auch Descartes damit den logischen Zirkel nicht aufgebrochen hat. Ganz im Gegenteil. Er hat damit lediglich gesagt: Ist mir doch schnuppe, ist mir doch scheiß egal jetzt, ich denke, also bin ich. Punkt. Man muss ihm da zunächst einmal ein Löwenherz und einen Mut anerkennen, dass er das Problem für sich vorläufig so gelöst hat. Damals ein Wagnis. Dass diese Art, einen Knoten einfach durchzuhauen, statt ihn aufzuschnüren, nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss war, haben andere Philosophen nach ihm ja auch gesehen. Aber das würde jetzt den Rahmen dieses Briefes sprengen. Weil es auch sinnlos wäre. Sie wissen das auch alles, Herr Dr. Pölz. Kein Philosoph, und wirklich: kein Philosoph, konnte bisher den logischen Zirkel, dass nämlich menschliches Sprechen und/oder Empfinden sich immer als ein GEGEN-WÄRTIGES, also als auf ein GEGEN bezieht, dessen „wirkliches“ Dasein sich letztlich nicht beweisen lässt – lösen. GEGEN-WART wird bedingt von einer WIDER-WART- und damit befindet man sich in einer Menge, die sich selbst enthält. Weil auch unsere Wahrnehmungsinstrumente selbst nicht außerhalb der Wirkung(lichkeit) sich befinden können. usw… Und „da draußen“ bleibt zweifelhaftes, unsicheres Gebiet. Die Philosophen wussten das und haben für dieses Dilemma verschiedene Lösungen angeboten. Gott war immer ein guter und hilfreicher Ausweg, als ein jenseitiges GEGEN, das uns stützt, an dem wir uns stützend aufrichten, den man zwar letztlich nicht beweisen muss, aber der dafür im Glauben selbst erzeugt wird. Aber auch hier nagte der Zweifel zu Recht. „Da draußen“ wurde nicht besser. Deshalb kam dann Kant mit seinem „Ding an sich“ dessen „wahre Natur“ man zwar nie erkennen könne, dass sich aber mittels Vernunft im Prozess des Handelns und Urteilens nach Maßgabe dieser Vernunft im Prozess einer Ermittlungsbewegung erkenntlich zeige im Sinne der Vernunftbestätigung, aber eben nie in seiner „wahren Natur.“ Bei Hegel war es dann der „Weltgeist“ in der dialektischen Aufwärtsbewegung immerhin schon als fluider Reflexionsprozess konzipiert, was clever gedacht war, der dann aber ausgerechnet im Hegelschen System selbst aber zur Vollendung und Ruhe kommen sollte, was auch nicht befriedigt hat; und wieder andere haben sich für dieses Problem gar nicht erst interessiert, sondern gemeint: Wichtig ist doch, dass wir unsere Welt einigermaßen gerecht organisieren, ob sie nun geträumt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Und damit hatten sie ja auch gar nicht so unrecht. Das waren die Schmerzpragmatiker, wohlwollende Anästhesisten, denen es vordergründig darum ging, den Schmerz zu minimieren, den Hunger, das Leid, die Ungerechtigkeit u.s.w. Leider haben ausgerechnet diese letztgenannten durchaus vernünftig motivierten Schmerzpragmatiker im letzten Jahrhundert auch Schlimmes bewirkt. Wenn man so will, wie eine Betäubungsspritze, deren Nadel man heute weitaus mehr fürchten muss, als den übelsten Zahnschmerz. Viele sind sich darin einig, dass es in unserer geträumten oder nicht geträumten Welt statistisch betrachtet von der Schmerzseite her nicht so viel besser geworden ist, eher schlechter. Ich selbst glaube übrigens nicht, dass dieser Einschätzung so zutrifft. Da bin ich optimistischer und würde der Einschätzung deutlich widersprechen. (ggW) Aber das möchte ich an dieser Stelle noch nicht diskutieren.
Was ich Ihnen zunächst gerne anbieten würde: Dass wir den Satz von Descartes aus seiner Ich-Fixiertheit lösen und Cogito ergo sum, eben nicht übersetzen mit „Ich denke, also bin ich.“ sondern etwas freier mit der Übersetzung: „Es gibt Bewusstsein.“ Oder noch anders: Es gibt ein GEFASSTSEIN in GEFASSTHEIT. Dann hätten wir zunächst eine Referenz, welche die elende Frage, ob es nun real oder nicht real, ob die Welt ein Traum oder kein Traum ist, ausklammert, und könnten uns zuerst der Frage zuwenden, was es eigentlich ist – dieses Empfinden, dass uns sagt: Irgend etwas prozessiert zwischen GEGEN-WART und WIDER-WART
Dazu wäre es aber notwendig, dass Sie sich mal wieder aus dem Aquitaine hier her begeben. Ich kann Ihnen versichern, dass hier keine Progrome gegen die 68iger Generation stattfinden, der Sie ja (un)glücklicherweise angehören, was auch ungerecht wäre – und auch in Zukunft keine zu erwarten sind. Sie können ganz unbesorgt sein. Auch ihre gut dotierte C4-Professur und Ihre 6–Zimmer-Dachgeschosswohnung stehen hier nicht zur Debatte. Im Gegenteil, Herr Professor Pöltz, ihre GEGEN-WART wird hier gebraucht, dringender denn je, nicht nur von mir. Denn einige Teile der ehemaligen Intelligenz in diesem Land sind gerade dabei, Ihr selbstständiges Denken an den rostigen Nagel eines alten Katholizismus zu hängen oder an noch bedenklichere Nägel, oder sogar einfach nur noch ans Chaos oder ans Herz zu delegieren. Herz und Chaos sind aber (vorerst und nach altem Brauch) immer noch für die Liebe reserviert und zuständig, nicht aber fürs Denken. Und sie, die Liebe soll dort auch mit aller Wärme und Leidenschaft wachsen. Für alles andere aber und im Sinne des hellen Lichts der Aufklärung, bitte ich Sie dringend, schließen Sie ihr Landhaus für eine Weile ab und kommen Sie hier her in die Stadt zurück.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr Boson

PS: Ich gebe Ihnen sogar noch dazu, dass auch ein Rasierapparat (ausnahmsweise) eine echte WIDERWART sein kann, nämlich dann, wenn er kaputt ist, oder wenn die Klingen stumpf sind, man sich infolgedessen schneidet und dann mit einem Pflaster seitlich in Pickelhöhe über dem Mundwinkel, das beim Reden schön hin- und her wackelt, genau an diesem Tag ein Bewerbungsgespräch überstehen muss oder eine Präsentation zum Thema „Mimik-Kontrolle bei Vertragsverhandlungen“.
Das kann die ganze Existenz betreffen, wie früher eine giftige Strauchbeere.

Klick…und absenden.

Was noch heute:

16 Uhr: YOGA

17 Uhr 30 : QUI GONG

19 Uhr: I Ging

20 Uhr : Tai Chi

22Uhr: Doku/Arte (Zen)

23 Uhr: Doku/ZDF (Uwe Barschel)

Projekt LINA

Die Geschichte von der Frau, die ihr Nein sehen wollte.

Es war am Abend ihres 5. Geburtstages, als sie zum ersten Mal bemerkte, dass sie ihr Nein nicht sehen konnte.
„Willst Du noch ein Stück von dem Kuchen?“ – hatte ihre Mutter gefragt, während sie mit dem Finger auf das Tablett zeigte, auf dem noch ein einziges Stück lag, das von dem bunten Nachmittag mit den anderen kleinen Gästen aus der Vorschulgruppe übrig geblieben war.
Das Mädchen fühlte sich satt und zufrieden und antwortete: „Nein. Kein Stück Kuchen.“
Aber nachdem Sie das ausgesprochen hatte, lauschte sie ihren Worten noch eine Sekunde hinterher und bemerkte dabei, dass sie kein Stück Kuchen nicht sehen konnte.
Sie sah das letzte Stück Kuchen, aber das Stück mit dem Nein sah sie nicht.
Ein kleiner Schreck durchfuhr sie, deshalb sagte sie noch einmal: „Kein Stück Kuchen.“ Und sah noch einmal auf das Tablett und dann mit fragenden Augen die Mutter an. Die Mutter wickelte das Tablett in eine Tüte, stellte es in den Kühlschrank und sagte:
„Gut, dann heben wir es auf.“
Dann klingelte das Telefon.
Als die Mutter aus der Küche zum Apparat gegangen war, öffnete das Mädchen noch einmal den Kühlschrank, hob die Tüte von dem Tablett etwas an und sah: Ein Stück Kuchen. Also flüsterte sie noch einmal in den Kühlschrank:
„Kein Stück Kuchen.“
Aber kein Stück Kuchen zeigte sich nicht.
Auch nicht, als sie es mit dem Lichtknopf der Kühlschranktür kurz dunkel und wieder hell werden lies, um dem Stück mit dem Nein eine Gelegenheit zu geben.
Nach dem Zähneputzen, als sie im Bett lag, vermutete sie, dass sie kein Stück Kuchen womöglich schon vorher gegessen hatte, oder jemand ihrer Gäste. Oder sie würde es morgen finden. Lies es dabei bewenden und schlief ein.
Am nächsten Tag am Frühstückstisch fragte die Mutter sie: „Willst du vielleicht ein Stück Kuchen? Und Lina, das Mädchen, beantwortete die Frage mit einem deutlichen: „Ja. Ein Stück Kuchen.“
Die Mutter ging an den Kühlschrank, holte das Tablett hervor, nahm die Tüte ab und sagte überrascht: „Da ist kein Kuchen.“
Und hielt das Tablett, auf dem kein Stück Kuchen lag, dann dem Vater, der auch mit am Tisch saß, dicht unter die Nase.
Der Vater sagte: „Ja, ich hab’s gegessen. Abends noch.“ Lina wiederholte, was die Mutter sagte: „Da ist kein Kuchen.“ Und konnte es wieder nicht sehen, das Stück, das nicht da war.
Der Vater sagte: „Ich hab’s gegessen, geb’s ja zu.“
Lina schaute das leere runde Tablett und dann den Vater an und wiederholte, diesmal aber in fragendem Ton: „Ist da kein Kuchen?“ „Nein,– sagte der Vater kleinlaut – „ich hatte gestern plötzlich einen Mords Appetit, entschuldige Liebes.“ – und zeigte verlegen auf seinen Bauch.
„Na, eine Entschuldigung ist ja wohl das Mindeste.“ – sagte die Mutter.
Lina war es zufrieden. Ihre Frage war damit vorerst beantwortet.
Obwohl sie an dem Vormittag noch etwas grübelte. Wahrscheinlich konnte man das Stück mit dem Nein erst sehen, wenn man erwachsen war.
Der Nachmittag kam, der Abend, und dann ein paar Jahre. Und immer wenn sie ein Tablett sah, auf dem kein Kuchen lag, ein Baum, an dem keine Äpfel hingen, oder ein Fensterbrett, auf dem kein Flamingo saß, freute sie sich auf ihren 18. Geburtstag, an dem sie, das hatte sie herausgefunden, offiziell erwachsen sein würde und eine riesige Vase geschenkt bekäme, in der Keine Blumen standen.

Laufen Lernen

Berlin-Hoppegarten ist für seine Pferderennbahn bekannt, doch nebenan in der Reha-Klinik bestimmen Krücken das Tempo. Wer hier wieder laufen lernen will, begegnet Topflappenverkäufern, eifrigen Zivis und verwirrten Anwälten. Und an Ostern suchen alle zusammen Eier.

„Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen … für voraussichtlich drei Wochen … Median Klinik in Berlin-Hoppegarten …“, ich überfliege den Brief der Deutschen Rentenversicherung. Das bedeutet Ostern in der Reha-Klinik und zehn Seiten Formulare ausfüllen. Nach der Diagnose Fersenbeinfraktur beidseitig, links OP mit neun Schrauben und Platte, drei Monate liegen und Rollstuhl endlich ein erster Schritt, um wieder laufen zu lernen. „Informationen zur An- und Abreise finden sich unter Ziffer 2, bzw. erkundigen Sie sich bei Ihrer Klinik“, die aber ist nicht zuständig. Es tue ihr leid, sagt die Frau am Telefon und rät, ein Taxi zu nehmen und sich wegen der Zuzahlungsmodalitäten, Ziffer 2, mit der BVA in Verbindung zu setzen. Ich fahre mit dem Taxi. Hoppegarten ist direkt an der B1, immer die Frankfurter Allee raus, Richtung Köpenick, Hellersdorf, dann hinter Kaulsdorf an der Ampel beim Pflanzencenter Kölle links. Wo jetzt das Pflanzencenter ist, war früher das Winterquartier des Staatszirkus der DDR, heute züchtet noch genau eine russische Zirkusfamilie hier weiße Schäferhunde, die nachts manchmal heulen. In der Rennbahnallee stehen noch zwei Gründerzeitvillen, Louise und Viola, jetzt unbewohnt, die Fenster und Türen mit Brettern verrammelt, im Garten ein Sperrmüllhaufen und ein schiefer Zaun. An der Bushaltestelle vor der Klinikeinfahrt kein Mensch, in der Woche nie, nur sonntags manchmal der Besuch, stündlich auf dem Weg zum S-Bahnhof.

  Vorwiegend ältere Menschen mit einem Stoffbeutel um den Hals schlurfen durch den Empfangsbereich der Klinik, setzen langsam einen Schritt nach dem anderen, sitzen auf den Holzbänken vor dem Eingang. Später werde auch ich hier sitzen. Vormittags ist hier Sonne. Bei der Aufnahme bekomme ich einen Stoffbeutel, ein Therapielaken, Zimmerschlüssel, das Terminheft für die täglichen Anwendungen und eine Mineralwasserflasche, die ich wieder auffüllen soll, wenn sie leer ist. Auf dem Weg Richtung Fahrstuhl entdecke ich in einer Vitrine die Souvenirs, die man hier kaufen kann: Schlüsselband, Kaffeetasse und Kugelschreiber – alles mit dem Klinik-Logo, einem Leonardo Da Vinci Strichmännchen in einem blauen Kreis mit ausgestreckten Armen und Beinen. Schließlich ist das Motto hier: Der Mensch im Mittelpunkt.

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Zur Endlösung der Lachfrage

Nicht mehr ganz tagesaktuell und wie ein sehr verspäteter Schluckauf nach einem unbekömmlichen Mahl, dass ich schon längst gegessen und verdaut zu haben glaubte, überraschte die Lektüre Hannah Arendts linkhausklein.png mich neulich mit einem Gedanken, der meine Wahrnehmung doch noch einmal auf die Peinlichkeiten des vergangenen Jahres zurücklenkte. Es geht also um die Peinlichkeit, oder vielleicht müsste man es schon epochale Verblödung nennen oder wenigstens ein intellektuelles Versagen, das einem bestimmtem Zeitgeist und Teilen seiner kulturellen Vertreter, die ihn produzieren, ein bedenkliches Zeugnis ausstellt.
Der Gedanke bezieht sich, etwas verspätet, auf die merkwürdige Anwandlung, Geschichte aufarbeiten, verstehen oder irgendwie besser verwinden zu können, indem man auf die Pathologien menschlicher Subjekte starrt. So wie man nicht erst im vergangenen Jahr plötzlich glaubte, Adolf Hitler komisch oder grotesk oder menschlich finden zu wollen, zu müssen oder zu können.
Als sei damit irgendeine besonders pfiffige Annäherung, irgendeine Verwindung oder gar eine besonders befreiende Form des Verstehens nachgeliefert, was sich da zwischen 1933 und 1945 ereignet hat.
Zum Glück hat es hierzu dann doch genug kritische Beiträge und feuilletonistische Stimmen des Zweifels gegeben. Aber diesem speziellen Einspruch, den Hannah Arendt, würde sie noch leben, vorgebracht hätte, gebührt die Achtung und der Respekt, das Problem besonders scharf und knapp auf den Punkt zu bringen:
Die eigentlich interessante Frage lautet deshalb nicht – darf man
über Adolf Hitler lachen – sondern:

Warum lacht eigentlich niemand über Adolf Eichmann?

Ist er nicht prominent genug?

Gibt es über Adolf Eichmann keine lustigen Filme,
weil das Exempel der Verbindung von funktionaler Normalität und funktionaler Vernichtung, vermittelt und ermöglicht durch Technologien, keine Valenzen für humoristische Annäherungen bietet?

Man kann Adolph Eichmann ganz schlecht parodieren, weil seine Durchschnittlichkeit als Person nichts hergibt, nichts anbietet, von dem man sich über das Moment der Komik und der Parodie distanzieren oder befreien könnte.

Wie geruchlos war Eichmann?

Ist dieser so ungeheurer geruchlose Funktionsbeamte einfach zu dicht an uns allen dran? Ist er uns allen immer noch so unheilbar, so ungeheuer ähnlich, dass wir ihn nicht parodieren, nicht über ihn lachen können?

Zeigt sich in der Normalität der Person Eichmanns, die so gar keine psychopathologische Benutzeroberfläche bietet, vielleicht ein Moment von Funktionalität, die sich bis in unsere Gegenwart zieht, und dem über menschliche Subjekte allein, über gestörte Charaktere, komische Oberlippenbärte oder Sexualpathologien nicht beizukommen ist?

Hannah Arendt als Berichterstatterin des Eichmannprozesses konnte sich damals nicht anders helfen und nannte es „Die Banalität des Bösen.“ Für diese Formulierung hat sie viel Kritik einstecken müssen, weil sie so weh tut. Die ungeheure Diskrepanz zwischen dem Ausmaß eines Verbrechens und einem Normalo wie Eichmann war schwer verständlich und ist immer noch schwer erträglich. Sie war so schwer erträglich, dass man im Nachhinein versucht hat, Hannah Arendt zu widerlegen und auch einen Mann wie Eichmann zu pathologisieren oder ihm die Jacke einer antisemitischen „Bestie“ überzustreifen. Man kann das nachlesen. Ich halte diese Versuche allesamt für sehr dünn und untauglich.

Nach wie vor brauchen wir offenbar das kraftvolle Subjekt, um uns Geschichte zu erklären, oder wenigstens das Böse, das ordentlich böse ist. Hitler der Freak, Hitler der Teppichbeißer, Hitler der Spasti, Hitler der Kranke, Hitler der Hässliche, Hitler die Bestie, Hitler der Verklemmte. Kurz gesagt: Hitler der Mensch.
Humanistisch aufatmend einatmend nimmt man heute den strengen Geruch Hitlers wahr. Und delektiert sich an ihm.

Und Eichmann? Nichts von alledem. Ein nach wie vor nicht verstandenes Problem.

Prädikat: Nicht komisch.

Über Hitler lachen. Was für ein geistig-kulturelles Versagen am Beginn dieses Jahrhunderts.

Hannah Arendt fehlt.

Drei Könige und kein Jägermeister – eine Begegnung in Wolfenbüttel


Wolfenbüttel, Mai 2007.

Auf der Parkbank vor dem Schloss von Wolfenbüttel sitzen drei Könige – wenn Lessing recht hat, dass der Bettler „doch einzig und allein der wahre König“ ist. Eckart, Hubert und Karl sind zwar keine Bettler und auch keine richtigen Könige, aber abends, wenn die Touristen weg sind, gehört ihnen das Schloss mit Wassergraben, Gipsstatuen unter blühenden Kastanienbäumen ganz allein. Sie kennen sich seit ihre Kinder zusammen zur Schule gegangen sind und treffen sich hier auf der Parkbank, nee, keine Frauen. Das Lessing-Zitat gefällt ihnen gut und sie kennen auch den Tintenfleck von Lessing, als der sein Tintenfass in seiner Wohnstube an die Wand geschmissen hat. Den Tintenfleck kennen sie und die Wut, wenn einem nix mehr einfällt und man nicht mehr weiter weiss.

Auf den Spuren von Lessing, Casanova oder Wilhelm Busch gibt es in Wolfenbüttel viel zu entdecken ­ „viel mehr als Sie denken“ verspricht eine Tourismusbroschüre und empfiehlt einen Ausflug ins Umland, zum Golfclub Rittergut Hedwigsburg oder in die Saunalandschaft Okeraue. Bekannt ist Wolfenbüttel vor allem für das Residenzschloss, in dem die Herzöge von Braunschweig und Lüneburg residierten und die Herzog-August-Bibliothek mit dem teuersten Buch der Welt, dem Evangeliar Heinrichs dem Löwen. Und natürlich für den Jägermeister, einen Kräuterlikör, der seit 1935 hier gebraut wird. In der Fußgängerzone schmiegen sich Fachwerkhäuser aneinander und über der Apotheke am Harztorplatz mahnt eine Hausinschrift aus dem Jahre 1617: „Erhebe dich nicht in dem Gelücke / Verzage nicht in deinem Ungelücke / Gott ist der Mann der Gelücke und Ungelücke wenden kann.“ Hubert Dunkel, 64, ist schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil sich Arbeitslosengeld und Kirchensteuer nicht miteinander vertragen. Er betont dennoch, dass er streng katholisch erzogen wurde: „Rauchen auf der Straße oder so, das gab’s nicht.“ Noch immer ärgern kann er sich über die Sprüche der anderen Schulkinder, die sich über seine Familie mit den achtzehn Kindern lustig machten: „Die Dunkelbande hammse uns genannt, haha, und ob wir bei uns wohl immer Stromausfall gehabt haben…“ Hubert war Grenzsoldat bei der GS-5 in Helmstadt, jetzt nach einem Unfall und dem Tod seiner Frau ist er Witwer und macht sich Sorgen über die steigenden Pflegekosten für die Tochter mit MS – „wenigstens kann man sich mit so einem Schwerbehindertenausweis sehen lassen.“ Den Schäferhund hat Hubert auf dem Müll gefunden, aber statt mit dem Hund im Park „bei den Haschpapas“ spazierenzugehen, sitzt er lieber mit den Kollegen hier unter den Kastanienblüten.

Projekt Lina (3)

Die Geschichte von der Frau, die ihr Nein sehen wollte. (3)

Trotzdem ist Lina ein ganz normales Mädchen. Eher durchschnittlich.
Also vielleicht ein wenig überdurchschnittlich durchschnittlich. Wie ist Lina?
In etwa so: Nein, Lina trägt keine runde Brille. Nein, ihr Gesicht wird nicht von einer so genannten Stirn überwölbt, oder von einem nie ganz auswachsenden, viel zu großen Säuglingsschädel. Nein, sie befremdet sich und andere auch nicht mit frühen Tics, Marotten oder abwesenden Gesichtszügen. Ebenso wenig zeigt sie putzige Fehlstellungen der Zähne, Pigmentfehler in den Pupillen, auch keinen frühschiefen Silberblick oder Anzeichen von Sozialferne.
Obwohl man das vielleicht ganz gerne sähe bei ihr. Aber sie tut einen nicht den Gefallen. Sie entwickelt keine frühen Schrullen, besucht keine abgelegenen Lieblingsverstecke und auch keine „Phantasie anregenden“ Dachböden mit alten Koffern, Büchern oder Truhen aus Großvaters Zeiten. Das hat sie alles nicht nötig.
Sie ist auch nicht unsportlich, wie man vielleicht erwarten würde. Nein, Lina erreicht bei allen Übungen, ob beim Hüftaufschwung an der kalten Reckstange, bei der Ansprungrolle auf der müffelnden Gummimatte oder auf der 400 m – Stadionrunde ein „Gut“.
Nein, sie ist durchaus kein sonderbares Kind.
Zugegeben, Lina hat eine Schulklasse übersprungen. Und dann noch eine. Aber auch das war völlig normal bei Ihr. Ein ganz unauffälliges Verhalten, nichts Besonderes eben. Niemand hätte etwas anderes erwartet.
Sie ist eben ein überdurchschnittlich durchschnittliches Mädchen. Wenn Sie eine besondere Begabung hat, die noch stärker ausgeprägt scheint, als die Begabung, alle Neins sehen zu können, sofern sie es will, dann die Begabung, dabei völlig normal, durchschnittlich und unauffällig zu wirken. Andererseits ist Lina aber auch wieder nicht dermaßen durchschnittlich, dass man annehmen könnte, sie sei unauffällig. Nein, ihre Durchschnittlichkeit ist vielmehr so fein ausgeprägt, dass sie eben nicht auffällt. Ihre Durchschnittlichkeit fällt nicht auf. Lina dagegen schon. Niemand, der sie sieht, käme auf die Idee zu sagen: Die ist aber durchschnittlich. Ihre Durchschnittlichkeit ist eben mit kleinen Auffälligkeiten getarnt, die sie gerade so individuell erscheinen lassen, dass dann wieder gesagt werden kann:
Lina ist nicht unnormal durchschnittlich, sondern bleibt ein ganz normales Mädchen, das lediglich zwei Klassen übersprungen hat. Ein Mädchen mit ganz normalen Auffälligkeiten.
Und deshalb verguckt sie sich auch mit 13 Jahren, wie jedes normale Mädchen, in einen älteren Jungen aus eben dieser Klasse, in die sie hineingesprungen ist. Dieser Junge ist aber nicht zwei Jahre älter als sie, wie sie zunächst rein rechnerisch vermutet hatte, sondern drei Jahre, weil dieser Junge eben noch einmal ein Jahre älter ist, als die anderen Jungs in dieser Klasse. Ein Sitzenbleiber.
Warum, weiß sie nicht.
Sie steckt ihm Zettel zu, auf denen nichts geschrieben steht.
Sie sieht ihn an, aber sie lächelt nicht.
Er schaut zurück und hält die Mundwinkel gerade.
Dann lächelt sie doch.
Und er dreht sich wieder nach vorn.
Sie sieht seinen Rücken, seinen Kopf. Von hinten.
Oder leicht von der Seite, wenn er versucht, von seinem Banknachbarn abzuschreiben.

Verguckt. Nicht: Verliebt. Das wäre zu früh. Verguckt?
Er heißt Paul.
Er hat eine Clique, an die sie nicht herankommt.
Selten trifft sie Ihn allein.
Sie ist auch nicht die Einzige in der Klasse, die ihn einmal allein treffen möchte.
Ein einziges Mal gelingt es ihr. Auf dem Weg zum Schulschwimmen.
Sie redet.
Er murmelt.
Nach den nächsten Sommerferien ist er nicht mehr da.
Weggezogen – so heißt es.
Sie kann nicht sehen, wie er auf seinem Platz sitzt.
Wo er einmal saß, sitzt jetzt ein Anderer.

Notiz 27/09/07

Post von Pöltz. Der Herr Doktorvater und hochverehrte Honorar- und ordentliche Professor Dr. hc. Pöltz gibt mir seinen vorrübergehenden Rückzug in sein Landhaus ins Aquitaine bekannt. Er hätte ein wenig zu tun. Was denn – Hosenbeine hoch und runterkrempeln? Der Herr ist beschäftigt. Hätte ich an seiner Stelle auch gemacht. Wenn es keine e-mail wäre, würde ich sagen, seine Post wirkt parfümiert, ein bisschen feige, taktisch. Fehlt nur noch ein kleines Wasserzeichen in der Signatur.

Immerhin entschuldigt er sich für die Kugelschreiberorgie im Manuskript.
Er schreibt, ich soll mich mit Martin Luther befassen. Ihm mal einen kleinen Seitenblick in der Arbeit gönnen. Hat der sie noch alle?
Außerdem: Ich bin Martin Luther, du Snob!
Dann lässt der gnädige Herr von seinem mailserver auf elektronischem Wege ausrichten, „dass ihm mein Ansatz, den ggW als Kommunikationsphänomen in seinem vitalen Bezug zu vorsprachlichen Weltverhältnissen zu untersuchen, wie etwa dem der Ernährung, nach wie vor höchst lohnenswert erscheint.“
Na danke Pöltz, ich fühl mich gleich viel besser.

Was schreibt die Presse heute? Der Trainer vom 1.FC-Nürnberg findet die Lage sehr sehr angespannt.
Das finde ich irgendwie auch immer noch.

Wie kommt der denn auf Luther?
Der Kaffee ist alle, warum liegt hier ABC-Pflaster, ich habe kein ABC.
Frau W. schreibt mir auch nichts mehr. Na wenn Sie meint.
Das Spektrometer muss neu kalibriert werden.
Blut-Hirn-Schranke, warum schießt mir plötzlich dieses Wort durch den Kopf?

Treppe

Bilderbogen

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Randnotiz

Lucia

  • Der Garten Eden ist nicht mehr. Aber es schmeckt sehr süß. Blätter fallen und der Teich wächst zu.

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