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Genre : Erzählungen

Natur der Technik 09

Der neue Hauptbahnhof, Berlin Douglasdorf. Oktobernachmittag in mittlerer Auflösung, Mausklickarchitektur, lang durchs Glas fingerndes Licht, Zier- und Rollköfferchen am Sushi-Karussel, asiatische Ziffernblattgesichter mit Hauptstadtzertifikat, Wartende. Viel Platz auf den Bahnsteigen. Dicht über dem Fußboden schwebend, neben den Kehrmaschinen, helljackige Rentner und Reisende, taumelnde Buntstiftstriche pastellfarben, beinahe zum Anklicken, mit perfekt proportionierten Einkaufstüten, wie der Architekt sie geträumt hat. Abfahrt und Ankunft über kreuz, aber Züge sind auf diesem Bahnhof eher nebensächlich. Schuhe sollen hier Geräusche machen. Klick klack, soviel zur Stimmung. Nicht viel los also.
Dann aber doch, sozusagen plötzlich, wie ein Programmfehler von einer unsauberen Regionalbahndatei eingeschleust: Fußballfans in Schwarz. Hu Hu…Geräusche im Bahnhof. Ruft da wer? Flashback in eine andere Zeit. Flashback zurück in die unappetitlichen 70iger, mit Kotletten, Kassettenrekordern, schambehaarten Pornofilmen, letzten Kriegskrüppeln und den „Rowdys“ mit Knackfröschen in der Hand, Jeansweste über der Lederjacke in schlecht durchlüfteten Haltestellenbereichen.
In den 70igern – na gut. Aber heute hier und jetzt ist das so passend wie Achselnässe über dem Laptop. Und die hier sind aus der zweiten oder dritten Liga. Und irgendwann könnte es sich auch mal wieder herumsprechen: Fußball ist und bleibt – WM hin WM her – an einem ganz bestimmten Ende leider was für Dumpfbacken. Die Party ist vorbei. Das musste mal gesagt werden. Deshalb jetzt auch ein paar angenehm ins Gewicht fallende Polizisten. Diese wiederum optisch kontrolliert, sauber. Gebügelt und gepanzert ein wenig, aber gelassen. Durchtrainiert, aber nicht übertrieben. Aufmerksam, ausgeschlafen, wachäugig, federnd – das schon, aber deeskalativ. Dafür gut gespannt Funktion ausstrahlend. Und einen sehr reinlichen Standpunkt vertretend, so ganz in der Nähe der Rossmannfiliale. Bestens installierte müllgrüne Entsorgungsexperten mit schwarzen Handschuhen am Gürtel, für den eventuell notwendigen Zugriff auf das zu sortierende Material aus der zweiten oder dritten Liga. Später vielleicht mit weiteren Arbeitsgängen befasst, wie dem Hochdrehen der Arme, dem Einknicken der Kniekehlen und dem Festmachen des Objekts mit kontrolliertem Beindruck zwischen die Schulterblätter zum Dosieren des Nase-Boden-Kontakts. Ich mag diese Polizisten. Mann, bin ich ein Spießer geworden.
Aber das sind nur Tools, Optionen. Nicht notwendig zu aktivieren an einem kanzleramtlich geprüften Herbstsonntag mit Orangenhaut. Die tiefere Programmroutine wird heute nicht hochgefahren.
Man kann getrost weiterschlendern und zum Beispiel bei Kaisers hereinschauen. Dem Piepen der Kassen lauschen. Während draußen der kleine Bug mit den Drittligafans ganz oberflächlich, zur Feier des schönen Tages, grafisch gelöst wird. Ein dynamischer Filter retuschiert die pöbelnden Pixel. Drittligapixel mit ungünstiger biographischer Prognose sind nicht mehr vorgesehen in diesem Entwurf. Und sie merken es dann auch selbst, dass etwas nicht mehr kompatibel ist mit ihrem Auftritt. Aber es kommt wie es kommt – kaum haben sie es bemerkt, ist es auch schon zu spät. Der imaginäre Mauszeiger des Architekten hat sie zur Gruppe arrangiert. Auf der Rolltreppe. Dort stehen sie neben sich. Wenn das Zeitfenster verpasst ist, ein stiller Mann zu werden, dann steht man eben irgendwann mit Vorstadtgesicht im schwarzen Runen-Shirt unterm Riesenrad mit Blick in sein eigenes Leben und muss sich ertappt fühlen.
Aber ertappt – wobei? Beim Hitlergruß? Beim ungezogen sein? Rücken zur Fahrtrichtung, Fäustchen hoch, ein Lied. Dünne Stimmen in einem viel zu hellen, viel zu weiten Raum, während der sonst so schwere Körper langsam wie durch einen Lichtschacht durch die Biosphäre in Richtung Spanndach-Nirvana gleitet. Dem oberen letzten Bahnsteig entgegen. Wie sterblich fühlt man sich, wenn man auf so einem Bahnhof einfach nur umsteigt und die leere Bierflasche in den Papierkorb gleiten lässt. Unten die Gruppe von Polizisten, die deutlich ihren reinlichen Standpunkt vertritt. Sie verfolgen, die Arme verschränkt und langsam in den Nacken knickendem Köpfen, die Bewegung ihrer dahin gleitenden Sonntagsbeschäftigung, wie sie da so ungezogen Treppe fährt. Ihr kommt da nicht mehr runter. Ihr nehmt jetzt Rolltreppe, dann die S-Bahn und macht Euch auf den Heimweg. Denn ihr alle habt es bald hinter Euch. Einer der Polizisten schaut auf die Uhr. Vier, drei, zwo, eins… noch ein schüchterner Hitlergruß von dort mit Sprechgesang… gut für ein Foto mit der Digicam. Für die Akten? Für das Album? Ein letztes Bild zum Abschied einer Gattung, die mit sonnigem Rülpser im Kürbis des Oktobers verschwindet. Viele Türen öffnen und schließen sich heute ganz automatisch. Zurückbleiben bitte.

Natur der Technik 14

Schon da sitzt. Vor dem Fenster die Straße. An der Decke der Ventilator. Können es hier hin stellen. Danke schön. Kommt auch rein. Trifft den Mund. Nach Draußen und Münzen schmeckt. Luftzug. Tuch um den Hals. Bauch. Die Haut unterm Jeansstoff. Augen blickt. Zuckerwürfel. Tabakkrümel.
Rand der Tasse pustet. Anorak hängt. Rührend der Löffel. Da. Lehne aus Holz. Sag mal. Du. Hallo. Brauen hoch. Strohhalm. Nimmt auch eine. Zwei Jahre. Hand wischt. Gewusst. Flasche. Sehr gut eigentlich. Da wartet. Hand wischt. Lippenbogen. Zahnfleisch. Glastisch. Laut dem Hals. Hört zu. Hustet. Salzstreuer. Toilette. Der Ventilator.
Unsere. Gesagt jetzt. Noch nicht abräumen. Das auch. Hand den Haaren. Lippenbogen. Nicht gemeint. Verständnis aber. Doch doch. Abtropft. Dieser Ton. Nicht gesagt. Was denn sonst. Die Wohnung. Gewartet. Augen nach oben. Ein Fleck da. Klingt so. Die Untertasse. Der Ventilator.
Wiederkommt. Anruf gewartet. Die CD. Die Hand. Lippenbogen. Nasenspitze. Verständnis durchaus. Ein Jahr. Oder zwei Jahre. Musik gehört. Die Telefonnummer. Erinnert. Kein Anruf. Ein Tonic. Gesprochen. Die Hand wischt. Glastisch. Zungenspitze. Auf einmal. Lippenbogen. Hattest. Hättest. Hatte. Nicht verstanden. Was gesagt. Manchmal.
Geschlafen gern. Noch was. Der Stolz. Was nimmt. Stellt hin. Das Knie. Der Stuhl. Der Glastisch. Wusstest. Kein Vorwurf. Ein Kaffee noch. Nicht abräumen. Augen nach unten. Haut im Gesicht. Klingt die Tasse. Rührend. Die Milch.
Draußen jetzt dunkler. Vor dem Fenster die Straße. Noch da sitzt. Der Ventilator.
Noch einmal. Wie jetzt. Die Hand nimmt. Ach Mensch. Nicht loslässt. So was.
Gewollt. Sieht danach aus. Auf einmal. Die ganze Zeit. Die Heizung hier. Der Anorak. Wie der Mund. Was jetzt. Daran gedacht. Ein Haar.
Wie losgelassen. Über dem Glastisch. Nie geredet. Hättest. Sowieso.
Abgelenkt. Warme Finger. Na ja. Können das abräumen. Was gesagt. Was gewusst.
Ja das ist leer. Aber jetzt. Der Lippenbogen. Die Brauen hoch. Der Ventilator. Die Zungenspitze. Zwei Jahre. Gefreut. Was eigentlich. Verkippt. Drübergewischt. Nicht weggelaufen. Hand bleibt. Glas steht.

Das Untergrundlächeln

Der Frau ist es noch nicht nah genug. Obwohl der Mann auf der Rolltreppenstufe direkt vor ihr steht, krümmt sie sich nach vorn, bis ihr Kinn fast seine linke Schulter berührt. So fahren sie durch die vielbenutzte Schleuse nach unten.

An allen Tagen werden hier Mengen von Menschen eine Etage tiefer in das Erdinnere verbracht. Manche wählen auch die Steinstufen und gehen selbst. Aber die weitaus meisten lassen sich von der schmalen Rolltreppe nach unten tragen. Dabei nimmt der Fußsteig gut vier Fünftel des Niedergangs ein ­− genügend Platz für die vielen Fahrer, dass sie sich komfortabel verteilen könnten. Und die paar Treppensteiger wären auch in der Enge des Förderbandes eine noch immer angenehm luftige Gruppe. Sie tauschen trotzdem nicht.

Ich nehme die Treppe. Es sind gute Stufen: Man muß nicht auf sie achten, um sicher treppab zu kommen. Ich kann sie nehmen und dabei die Frau beobachten, der die beengte Nähe zu ihrem Rolltreppenstufenvordermann nicht reicht.

Sie ist ihm zu nahe. Ihr Mund neben seinem Ohr, und er schaut geradeaus, als sei sie nicht da. Ihre Felljacke steht offen; das Rosa ihres Strickpullovers beißt sich mit dem Keramikorange der kleingekachelten Schleusenwände. Seine Ignoranz macht sie wütend. Das reichliche Fleisch ihrer hängenden Wangen wackelt. Sie macht mit links einen Ausfallschritt nach vorn und begibt sich nun halb auf seine Stufe. Er rückt einen Deut weiter an das rechte Laufgeländer und steht dort lotrecht und bewegungslos. Sie spricht ihm nun direkt in das Ohr.

Wegspringen wird er ihr nicht. Es liegt nicht an seinem Alter von vielleicht 70 Jahren. Seine Haltung ist aufrecht und stolz, und er wird sie auch in dieser Bedrängnis nicht aufgeben. Die Frau redet in zunehmender Geschwindigkeit weiter, bleibt dabei aber unpassend leise. Ich höre nur „Dreckschwein“ und „Internet“. Das kann nicht sein. Und „20 Jahre verheiratet“.

Am Fuße der Stufen und der Rolltreppe biegen wir alle nach links zum gleichen U-Bahnsteig. Noch ein „Dreckschwein“. Sie bleibt unverändert dicht an ihm; er lässt sich von ihr an das vordere Ende des Steigs treiben. Immer noch schaut er sie nicht an. Ich warte mittig. Zwei Minuten bis zur Bahnankunft. Sie treibt den Alten wieder zu mir. Er hat etwas von einem Kauf- und von einem Lebemann an sich. Der Buchhalter von Django Reinhardt. Jetzt ist sie lauter, und ein paar von uns übrigen Wartenden wenden sich den beiden zu. „Mehr als 20 Jahre!“

Der Alte trippelt am äußersten Rand des Steigs auf mich zu. Noch einen Schritt nach rechts, und er fiele auf die Schienen. Die Verfolgerin ist gut zwanzig Jahre jünger als er. Seine Augen starren nun nicht mehr geradeaus, nacheinander sucht er offen und bar jeder Pein die Blicke seiner Beobachter. Er wirbt um Verbündete. Wir schauen alle weg. Sie hat nur Augen für ihn.

Die Bahn fährt ein. Nein, sie will ihn nicht stoßen. Es ist noch nicht alles gesagt. Und er hat die Pflicht, sie zu hören. Im Abteil kommen mir die beiden noch näher. Er will sich nicht in einem Sitz einkeilen lassen und stellt sich dicht an die Tür. Hier bleibt er stehen. Flucht zuende. Noch immer redet sie, noch immer hat er sie keines Blicks gewürdigt. Sie wird fiebrig in ihren Bemühungen. Ihre Finger krallen sich um die Haltestange. Sie setzt noch einmal zu einem Generalangriff an. Dreckschwein soll sich bloß nicht mehr vor dem Bildschirm erwischen lassen.

Da schaut er sie zum ersten Mal an. Ich sehe sein klares, überzeugtes, durch und durch wollüstiges Grinsen. Er hat sich entschieden. Sie verstummt augenblicklich.

Im U-Bahnhof Siemensstadt steigen die beiden aus und gehen gemeinsam und stumm in dieselbe Richtung.

Heiterkeits-Design

Expertise/Prognose zum staatl. geprft. Heiterkeits-Designer. (Dipl.)

Studiendauer: 8 – 10 Semester.

Der staatl. geprft. Heiterkeitsdesigner stellt in Zukunft für jedes gegebene Soziotop die höchste Stufe der operationsfähigen Einrichtung,- Verteilung – und Gestaltung mental-informeller Prozesse dar.

(Er darf deshalb auch die Bezeichnung geprft. Klimatechniker führen.)

Dafür muss er im Grundstudium die voran gestellten oder beigeordneten Stufen zum Heiterkeitsdesign einmal aktiv durchlaufen haben.

1. und 2. Semester: Volltrottel, Trottel, Depp, Blödmann.
3. und 4. Semester: Hanswurst, Dummer August, Lustige Person.
5. Semester: Clown, Komiker. Witzbold, Comedian.
6. Semester: Narr, Ironiker, Late-Night-Talker.
7. Semester: Enfant terrible. Provokateur.

8. – 10. Semester: Heiterkeitsdesigner.

Ab dem 8. Semester werden die Studierenden an anspruchsvolle Aufgaben herangeführt.

Mögliche Übungen: Den frisch Angetrauten einer Hochzeitsgesellschaft nahe liegende, gut handhabbare Gegenstände der Heiterkeit einrichten:
(Beispiel: “Na, ihr Beiden, jetzt seid ihr verheiratet.”) Dabei agiert der Heiterkeitsdesigner hier nicht etwa trottelig (1. Semester – indem er diesen Satz etwa zu den Eltern des Bräutigams sagt), auch nicht als Witzbold (5. Semester – im Sinne von: “jetzt seid ihr verheiratet, da geht der Spaß erst richtig los, was? ha ha.”) eben so wenig als Narr (: “Ihr seid jetzt verheiratet – dabei wart ihr so ein schönes Paar.), aber auch nicht als Enfant terrible (Im Sinne von: “Ihr seid jetzt verheiratet – aber Kindersoldaten im Kongo haben’s da noch weit schlimmer.”)

Die Übung im Fach Heiterkeitsdesign befasst sich vielmehr mit der höheren Schule der freundlichen Konstatierung des Gegebenen. (eben scheinbar ganz einfach: “Na ihr beiden, ihr seid jetzt verheiratet.”) Gegebenenfalls kann er auch gratulieren. Aber auch dies unbedingt ohne Witz oder doppelten Boden, also eben nicht wie ein Ironiker (“Ich gratuliere, ganz ehrlich!”) und auch ohne lästiges Tätscheln oder tröstendes Schulterklopfen. (Witzbold)

Von einem Heiterkeitsdesigner wird die Fähigkeit zur freundlichen Anverwandlung verlangt. So schafft er in jedem Wertfindungsraum ein angemessenes Klima der heiteren Gelassenheit.

Ein Heiterkeitsdesigner kennt sich außerdem unbedingt in sinnlichen Genüssen aus. (Wein, Essen,Tabak,Kamasutra…) Aber auch hier: Er übertreibt nicht und achtet auf die Linie.

Semesterübung: Das Unterbrechen einer stark angespannten Diskussion, die an Heiterkeit verliert, weil sie sich gedanklich zu eng in ein Thema gebohrt hat, mit dem plötzlichen Hinweis auf die Qualität des Weines, die Schuhe der Gastgeberin, einer heiteren Anekdote oder mit einem heiter-gelassenen Zitat von Horaz.

Als Diplomarbeit kann die heitere Einrichtung eines gesellschaftlichen oder privaten Wertfindungsraums verlangt werden. (Auch in physischen oder geistigen Prekär-Regionen wie in Ruanda, FAZ-Redaktion, bei Siemens, Nokia etc…)

Prognose/Werdegang: Diplomat, Künstler, Kulturdezernent, Berufsberater, Sterbebegleiter, Bundespräsident.

Persönlichkeitsprofil: …?

Klick. Und ab. Daily business. Eigentlich reicht es langsam.

Nachtbild/Ernährung:

Ich habe Appetit, nein, ich bin hungrig.

Dass die griechischen Philosophen in ihren Symposien eine entwickelte Kultur des gutbürgerlichen Widerspruchs pflegten und dabei sehr wohl auch den leiblichen Genüssen zugetan waren, und ihre Themen schmatzend, mit glänzenden Fingern in Fleischtöpfen nestelnd, bei bestem Wein sich vorlegten, den sie sich womöglich von verdächtig jungen Männern servieren ließen, deutet – ja, natürlich – auf einen unmittelbaren Zusammenhang hin zwischen der Widerspruchskultur im Disput und der sinnlich – physischen Existenz. Und eine Erinnerung an diese Sache ist immer interessant, und nicht nur das, der Hinweis darauf liegt heute geradezu im Trend.
Wenn ich mir aber die Situation genauer vor Augen führe, dann sehe ich, dass man nicht oder nur schwer sprechen und gleichzeitig dabei beissen oder schlucken kann.
Da aber Sprache sehr unmittelbar mit dem Denken verknüpft ist, hieße das: Ich kann letztlich nicht mit vollem Mund denken. Oder vielleicht besser: Der physische Ernährungszusammenhang im Sinne von Fassung gewinnen an energetischer Wirklicheit erhält bei aller Nähe zu den Sprachwerkzeugen letztlich doch keinen sprachlich gefassten Ausdruck. Er bleibt stumm.
Der Ernährungskomplex ist “gegessen”, wird “geschluckt”, wobei er sich dem Gedachtsein oder Gesprochensein entzieht.
Was nach dem Schlucken und Beissen gedacht oder gesagt wird, sind vom Fließ- und Ernährungsprozess abstrahierte Transformate – vielleicht auch des Kehlkopfs, der zwischen Luftschwingungskanal der Kommunikation und dem Ernährungskanal (Speiseröhre) eine wesentliche Unter-Scheidung trifft. Er scheidet ab. Klappt um. (Der Kehlkopf als Schalter, der zwischen sprachlichen Zeichen – und Kommunikationsprozessen und rein energetischen Ernährungs-Prozessen trennt.)
Nach dem Essen oder vor dem Essen mit einem deutlichen Überschuss auf der Reflektionsseite bei gleichzeitiger reflektorischer Unterbelichtung der physischen Fließprozesse wie Verdauung, der Nährstoffe, der Mineralien, Kohlenhydrate, des Stärke-Zuckerkomplexes etc…
Deshalb spricht es sich hinterher oder vorher leicht “über” das Essen; aber es spricht und denkt sich schwer direkt im Essen oder mit dem Essen.
Mit vollem Munde spricht man nicht – denkt man nicht – würde ich mir selbst hinzufügen – war eine Anweisung für gutes Benehmen. Aber vielleicht meint das ja einfach nur eine so oder so nicht zu beeinflussende Gegebenheit. Es stimmt ja auch. Denn abgesehen von dem unhöflichen Partikelausstoss gegen den Zuhörer, hört sich das Gesagte, Gesprochene und Gedachte mit vollem Mund sofort undeutlich an, fehlerhaft. Dabei gehört das Fehlerhafte, überhaupt – der Fehler – in die Kategorie der Mutationen. Und Mutationen waren und sind wohl eminent wichtig für die Evolution, auch für die gedanklich- philosophische.
Gut möglich, dass in den Symposien vor über 2000 Jahren damals auch viel mit vollem Mund gesprochen wurde; und der Reichtum an Gedanken, der sich da transformiert hat, sich so vielen Fehlern, Miss – und Nichtverständnissen verdankt, die aus vollem Mund und mit Krümeln vermischt auf den jeweiligen Zuhörer regneten.
Der dann damit irgendwie umgehen musste, indem er sich seinen Teil dazu dachte, noch einmal nachfragte – oder vielleicht Sätzen sehr gepflegt widersprach, die so gar nicht gesagt worden waren und also dem Disput wieder eine überraschende, geradezu unwahrscheinliche Wendung gab. Für Information sorgte. So dass alles insgesamt viel reicher, offener, bunter und wilder austrieb, als es Platon und andere dann gesäubert und gereinigt, pikiert und selektiert in die Geranienkästen ihrer Schriften und des abendländischen Denkens eingezeichnet, eingepflanzt haben.

Daraus aber nun abzuleiten, man bräuchte sich ja eigentlich gar nicht mehr bemühen um Deutlichkeit und Klarheit, und jeder Versuch, einem Problem auf den “Grund” zu gehen, sei sowieso zum Scheitern Krümeln und Spucken verurteilt, man könne stattdessen lieber gleich und ohne Umweg in den gemütlichen Teil des Abends überwechseln, bei Wein und Hühnchen ein paar Lieder anstimmen, singen, brabbeln oder lallen, scheint mir ein vorsätzliches Missverständnis eine Bequemlichkeitsstrategie oder ein Abwendungsmanöver der Postmoderne, die auf diese Weise gut zu ihrem Fleisch kam und immer noch gut in ihrem Fleisch steht.
So gerne ich esse, trinke und genieße, glaube ich trotzdem nicht, dass die griechischen Philosophen sich damals einfach nur so zum Essen getroffen haben, und ihre Gedanken und Gespräche so ein Abfall oder zwischenzeitliches Aufstoßen gewesen sind. Sonst hätte Platon Kochbücher geschrieben und keine Dialoge. Jedenfalls sind keine Kochbücher von ihm überliefert, (was ich trotzdem sehr schade finde.)

Immer noch Nacht. Zurück im Labor. Wohnungsschlüssel vergessen. Der Mondschein draußen. Alles schläft, nur ich kann noch nicht.

“Die großen Erzählungen” hat der französische Philosoph Lyotard damals alle vormals denkerischen Versuche genannt, Wirklichkeit in ein einheitliches Verstehenssystem zu zwingen mit metaphysischen Setzungen der Absolutheit und jenseits der physischen Ernährung.
“Große Erzählungen” , mit denen es jetzt erst einmal vorbei sei, wie er damals klarstellte.
Zeitgleich wuchs mit dieser Absage und neben ihr dann ein beeindruckender Reichtum zu “Plateaus”, “Rhizomen”, “Systemen”, “Diskursen” “Ironien” “Strukturen” oder “Schäumen” als affirmierte Strategien des Heterogenen, des Fehlerhaften, des Nomadischen, und letztlich als bewusste Entscheidung für ein Sprechen und Denken mit vollem Mund als Praktik der angewandten Undeutlichkeit.

Mit der angewandten Undeutlichkeit hatte man denkerisch und aus gutem Grund ein Manöver der Abwendung unternommen. Die Abwendung vor den Gefahren und dem potentiell “Unmenschlichen” von Diktaturen der Deutlichkeit, die im Zwanzigsten Jahrhundert viele Menschen mit angewandter Deutlichkeit tyrannisierten und sie ernährungsseitig/physisch/energetisch buchtstäblich darben und verhungern ließen.
So weit und so verständlich.

Aber wie jedes Manöver, hatte auch dieses Absagemanöver der Postmoderne an die “Großen Erzählungen” seine Gegenwart, und als solche eine Wider-Wart, die sich heute um so deutlicher zeigt, insofern die verordnete Wind – und Denk- und Sturmpause der relativ idyllischen Ost-West-Vereisung nach dem 2. Weltkrieg vorüber ist. Seit 1989 wehen scharfe Frühlingswinde, und es treiben vereinzelte, vom Tauwetter abgebrochene Eisberge mitten hinein in den Kurs von Gesellschaften, die plötzlich wieder heftig navigieren müssen.
Aber Navigieren heisst: Entscheidungen treffen. Unterscheidungen. Heisst Ausschließen und Einschließen. Heißt Erkenntnis und Verständnis. Werte. Man muss wissen, wo die Pole sind, die Sterne.
Und plötzlich rächt es sich, dass die Postmoderne, die längst nicht überwunden ist, die Pole und die Sterne hat verblassen lassen. Während Wissenschaft und Technik gelassen, klar und um postmoderne Strategien unbekümmert Kurs hielten, sterben die denkerischen Konzepte der Post – und Postpostismen mit ihrer angewandter Undeutlichkeit einen unschönen Tod.
Ihre ursprünglichen und verständlichen Analysen mit samt aus der Dialektik der Aufklärung erwachsenen Skepsis gegen die Rationalität ist heruntergekommen auf hoch bezahlte Stimmungen und Haltungen, auf “Poetiken”, die mehr Mentalität als Gedanke sind und die – wie der Volksmund so schön sagt – beim Bügeln nicht stören.

So hat sich neben den so genannten Parallelgesellschaften und Unterschichten des materiellen Präkariats in Neukölln, Anklam oder Rostock nunmehr auch in vielen Intendanzen, Chefredaktionen, Kulturetagen und kulturwissenschaftlichen Akademien eine Parallelgesellschaft des geistigen Präkariats ausgebildet, denen man ihre Armut nicht sofort ansieht, weil sie verdeckt ist und bei sehr stark ausgebildeten traditionell postmodernen oder antiaufklärerischen Diskursfamilienstrukturen auch von außen nur schwer aufgeklärt werden kann.
Für diese Art des geistigen Präkariats gibt es bisher überhaupt keine Konzepte oder Hilfe zur Wiedereingliederung und Re-Integration in den großen Prozess westlich – abendländischen, rationalistischen Denkens.
Aber vielleicht hilft hier doch noch das Internet.

Wo das geistige Präkariat nun aus seiner Abseitsstellung in den Herausgeberetagen und Intendanzen nach Außen ins Wirkliche drängt, versteht es die Welt nicht mehr und flüchtet sich sofort in die krassesten Rückkrümmungen und Uraltstrategien der Religionen, des Glaubens, oder produziert Gefühle, Affekte und “Werte” zweiter Ordnung, und kramt dort nach sehr alten Antworten auf neue Fragen. Dabei bleibt sie gegenüber der tatsächlich wirksamen Dynamik völlig chancen- und verständnislos.

Teils, weil sie sich nicht anders zu helfen weiß, teils weil dort immer noch die Fleischtöpfe und die alte postmodern diskursive Familienstruktur für eine falsches Gefühl der Geborgenheit sorgen.

Der Amerikaner John Searle dazu sinngemäß: … aber die Kritik an der Rationalität will nicht sehen, dass ihr kritisches Geschäft nur funktioniert, weil sie sich selbst rationaler Mittel bedient.
Weil jedes Geschäft der Kritik immer ein rationales Geschäft ist und ein Realitätskonzept voraussetzt, das unzweideutig ist…..

Danke dafür, lieber John Searle, für diesen Plasmastrahl mitten hinein in den toten Winkel, der immer auch der eigene sein kann.
Da liegt die Latte. Und da muss es weiter gehen.

Hier kann man nun nicht wieder in das entgegengesetzte Extrem zurückklappen und den einfachen Kontrapunkt der nächsten Abstoßung bedienen, damit das Ping-Pong-spiel von vorne los geht. Aber die Postmoderne muss jetzt irgendwie aufgegessen werden. Dass man schön satt ist und etwas neues beginnen kann.

Und unter der Schädeldecke?

Mehr graue Substanz und etwas weniger Habermasse.

Das Jahr der Mathematik lässt hoffen.

Architekt.

Der Laden liegt nicht gerade in der Nähe deines Ateliers. Trotzdem gehst du immer mal wieder gerne da hin. Dein Entspannungseinkauf, meistens zum Ende der Mittagszeit. Du hast dir angewöhnt, es so zu nennen. Eigentlich musst du nichts einkaufen, aber die paar Schritte machst du ganz gern. Im Grunde könntest du auch einfach nur ein paar Runden um den Block gehen, aber es ist eben dieser Laden.
Wenn dich jemand fragte, würdest du sagen, du weißt, es klingt blöd, der Laden hat eine Tür mit einer Türklinke, die man herunterdrücken kann. Die Tür öffnet sich dann, man geht hinein.
Da liegen dann Rasierklingen neben Haribo neben Seifen neben Reis, neben Batterien, und daneben…
Du bist Architekt.
Du hast dich in die Selbstständigkeit geschuftet. Hineingeknüppelt. Hast sehr lange an Telefonhörern riechen müssen; und ja – du bist Architekt mit einem eigenen Atelier jetzt. Anders als deine Kommillitonen, die inzwischen – wenn sie Glück hatten – in irgendeiner städtischen Baubehörde bei Bremen im öffentlichen Dienst verschwunden sind. Wenn sie Glück hatten.

Der Ladeninhaber ist ein gedrungener Vietnamese. Was du von ihm weißt ist, dass er sich alles asiatische abgewöhnt zu haben scheint. Ihn umgibt nicht mehr die unauslotbare Diskretheit seiner Landsleute, wenn er hinter einem Haufen Socken aus Mischgewebe, zu 2 Euro das Paar, Bananen aufstapelt. 2 Euro. Der Laden ist nicht mal besonders günstig.
Es kam schon vor, dass der Ladeninhaber “unasiatisch” wurde, du nennst es so, obwohl es Blödsinn ist, “unasiatisch”, in dem er dich zurechtgewiesen hat an einem Regal: “Nicht von oben nehmen. Stehen lassen das Bier. Von unten nehmen. Nicht von oben nehmen. Ja, bitte schön.” “Wird’s bald” hat er noch nicht gesagt. Dabei kommst du öfter hier her. Ein vietnamesischer Blockwart, hast du manchmal gedacht. Ist es das – was du vielleicht sogar beinahe sympathisch findest?
Du gehst gerne in den Laden. Du spürst hier irgend eine Logik, zwischen den Regalen, die dich interessiert. Du könntest ja mal mit ihm plaudern.
Aber du kommst nicht her um zu plaudern. Du bist einfach nur gern hier.
Deshalb warst du einmal doch überrascht, als der Vietnamese seine Familie hier hatte. Sie war plötzlich da. Er muss sie irgendwann in den letzten 4 Wochen geholt haben.
Der Ladeninhaber lässt sich seitdem, manchmal, von seiner Frau vertreten. An der Kasse neuerdings auch, seit ein paar Monaten, von seiner kleinen Tochter, die du auf etwa fünf einhalb schätzt. Vielleicht vier. Eher doch fünf.
Sie selbst behauptet, dass sie sechs sei.
Es ist ein kleines Spiel. Sie nimmt dein Geld. Sie rechnet es nicht in die Kasse ein, noch nicht. Die Mutter hilft ihr. Aber bald wird auch sie all das können.

Heute nachmittag sitzt er nun wieder allein hinter dem Ladentisch. Hat einen kleinen Fernseher laufen und schlürft eine Nudelsuppe. Es klemmt auch wieder der große LKW-Spiegel über der Kasse, mit dem er die beiden Gänge zwischen den Haushaltswaren und den Lebensmitteln im Auge behalten kann.
Du könntest ja, denkst du dir, spaßeshalber, wieder an das Regal mit dem Bier gehen und ganz nach oben greifen.
Du biegst um die Gemüseecke, gehst an den Waschmitteln vorbei und triffst – auf das Mädchen.
Sie ist also doch hier. Sie sitzt auf einem Stapel Kartons und lässt die Beine baumeln. Sie sieht dich kurz an und widmet sich dann wieder einem Malheft. Sie scheint ihren Platz gefunden zu haben. Und sie kennt dich schon.
Ein lautes Geräusch dringt aus dem Fernseher von vorne an der Kasse. Mehr ein Schnarren als ein Ton. Es ist ein Applaussturm, Begeisterungsrufe aus irgendeiner Fernsehshow.
Da weißt du es.
Das Mädchen, dass dich eben kurz angesehen hat – du stehst gerade mitten in ihrer Kindheit.
Du bist der Mann, der manchmal, immer mal wieder in ihre Kindheit hineingelaufen kam zum Einkaufen. Erinnerst du dich? Der Laden. Und du bist – eine Erinnerung. Der Mann, der nie eine Tasche dabei hatte.
Das Mädchen sitzt auf dem Kartonstapel. Es beachtet dich nicht mehr. Es hat dich gesehen, das reicht.
Was jetzt von hier mitnehmen – Reiskörner?
Du läufst nach vorn, öffnest das Kühlfach und entnimmst ihm ein… du entnimmst nichts.
Du bist Architekt.
Du gehst zum Ladentisch, wo der Angestellte ihrer Erinnerung sitzt, stellst den leeren Korb neben die Kasse.
Dann drückst du die Türklinke herunter, du staunst, wie einfach das geht, die Tür öffnet sich, du trittst wieder auf die Straße. Wo du bald verblasst.

Natur der Technik 10

Notiz zum Zeitungsartikel: 12. Juli 2011

Ein Besuch auf der Kunst-Bestiale IV in Pföllingen.

Nach der umstrittenen aber viel beachteten Bestiale III vor zwei Jahren, scheint sich Pföllingen neben Edinburgh, Berlin, Bratislawa, Marseille und Lima offenbar als weiterer Pilgerort für Kunstinteressierte zu etablieren. Wer über Trends und den internationalen Standart des Betriebs informiert bleiben möchte, kommt dieses Jahr – nun, er kommt auch nach Pföllingen.
Der Lärm um die „Liebenden Teppiche“ der Künstlerin Ines Cortasar vor zwei Jahren ist abgeklungen, nachdem er damals – der Kenner der Szene ahnte es – als kalkulierter Skandal den Medienfokus wochenlang auf den bis dahin eher gering bewerteten Ort gelenkt hatte. Gut, es war Sommer, aber nur ungern erinnern wir uns an die Debatte von Bogdan Krock, die er damals all die heißen Tage hindurch der Frankfurter Allgemeinen ins Feuilleton bohrte:
„Wie viel Bindegewebe verträgt die Kunst?“
Sicher ist, dass diese Aufmerksamkeit der Bestiale in Pföllingen ein ganz neues Selbstbewusstsein antrug, dem es vielleicht auch zu verdanken ist, dass die Jury, unter Vorsitz des Pföllingener Bürgermeisters Stefáne Schmidt, sich diesmal für einen Kurator von internationalem Format entschieden hat.
Der Ibero-Afro-Anglo-Japaner John Mohamed Chesus Ngobo Tzazanzake hält in diesem Jahr das konzeptionelle Zepter und damit die Definitionshoheit in seinen dunklen internationalen Händen.
Stefáne Schmidt, der sich in Interviews halbernst als Kunstbürgermeister betitelt, äußert auf der Pressekonferenz zur Eröffnung, Kunst müsse auch „verschmidtzt“ sein, wobei er uns, den anwesenden Presseleuten, die Anführungsstriche mit den Fingern in die Luft neben seinem Gesicht vorzeichnet. Der neben ihm sitzende Ngobo Tzazanzake, ein global denkender Nichtraucher um die Fünfzig, reagiert auf die Bemerkung, die er nicht verstehen kann – er selbst spricht nur Englisch, Schmidt wiederum nur Deutsch – mit einem viel sagen wollendem Gesichtsausdruck, weshalb die anwesende Dolmetscherin bemüht ist, das unübersetzbare Wortspiel des Bürgermeisters zu übersetzen. Womit sie sich, auch für das Empfinden meiner Kollegen, dann wieder zu lange aufhält, denn im Konferenzraum von Pföllingen provoziert gerade das ein abwegiges Gemurmel und Geschmunzel, das Herrn Ngobo Tzatzanzake endgültig nicht mehr zu vermitteln ist.
Aber Tzatsanzake ist wie gesagt ein freundlicher Mensch und dürfte einiges gewohnt sein. Als erfahrener Kurator und subtiler Arrangeur hat er einen Namen, und deshalb muss man Kunstbürgermeister Stefáne Schmidt hier zu einem Coup gratulieren, diesen Mann von Format nach Pföllingen verpflichtet zu haben.
Nach den voran gegangenen Spekulationen dürfen wir alle jetzt gespannt sein, welchen konzeptionellen Schwerpunkt der wie gesagt freundliche aber trotzdem ausgebuffte, nicht zu unterschätzende und für Überraschungen bekannte Mohamed Tsatzanzake für die Ausstellung gesetzt hat. Eine thematische Auseinandersetzung zum 10. Jahrestag des 11. September ist nicht zu erwarten. (Schmidt: „Diese Türme repräsentieren nicht mehr internationales Niveau“) Als unwahrscheinlich und allzu ausrechenbar wurde unter Kennern auch das kursierende Gerücht gehandelt, John Tszatzanzake, der mit einer Dänin verheiratet ist, würde sich der neuen dänischen Strömung der postorganischen Neoromantik annehmen. Und nach dem in Edinburgh bereits ein ganzes Festival unter dem Titel „New Abuses“ nur ein spärliches Medienecho bekam, ist Gott sei dank auch nicht mehr damit zu rechnen, dass das Thema Folter hier in Pföllingen auf die Tagesordnung einer vierwöchigen Kunstschau mit Sonderzügen, Hüpfburgen und sommerlichen Eisverkäufern gesetzt wird, zumal der Kunstbürgermeister Stefáne Schmidt sich dazu auch deutlich ablehnend vernehmen ließ.
(Zitat Schmidt: „Foltern ist keine Kunst.“)
Tsatzanzake selbst, der bekanntlich im Vorfeld seiner Kuratorien kaum Interviews gibt, ist Stratege genug, um zu wissen, dass im Gerede des Kunstbetriebs nur noch ein Schweigen das Vakuum schafft, welches den wahren Sog auf die Interessen ausübt. Und dieser Logik konnte sich auch kein Berichterstatter der Bestiale IV bisher widersetzen. Das schweigsame Konzept von Chesus Tsatzanzakes Öffentlichkeitsarbeit ging auf, und so hat er uns, die Presseleute, und auch den Autor dieses Artikels, wochenlang zu seinem SEAMÖFFNEDICH hin verführt, vor dem wir nun alle erwartungsvoll stehen und das Gewicht unserer Stimme von einem Bein auf das andere verlagern.

Notiz 15. 07. 2011
Um es gleich zu sagen: Tsantzanzake hat – vielleicht nicht unbedingt versagt – das wäre ein zu hartes Gericht, aber er hat uns alle schwer enttäuscht. Gut, man kann die Frage stellen, was wir denn erwartet haben? – wir, die abgeschabten Presseleute mit unseren Eurostückchen, den relativen Hotelzimmern und den kleinen Telefonnummern unter Kollegen. Wir, die wir auch nicht gerade zur spritzigen Avantgarde eines Lebensgefühls oder zu den Umkremplern des Betriebs zählen. Wir, die wir alles schon gesehen haben, könnten ja sagen: Danke John Tzatsanzake, auch du hast uns zwei wundervoll langweilige Tage beschert, in einem Nest Namens Pföllingen, in dem wir am frühen Nachmittag unsere Laptops aufklappen, (Der Wein hier ist ganz gut.) an einem verblinzelten Nachmittag also, nachdem wir uns an Mausklickarchitekturen, in Frage stellenden Bildschirmen, verpixelten Materialien, ironischen Räumen, kosmopolitischen Leimwänden, lebensmittelfarbenen Verstörtheiten, verspielten Reduktionen, und wieder hoch geholten Romantizismen vorbeigeschleppt haben, um dann das liebgewordene Kauderwelsch aus den Katalogen der Bestiale abzutippen: aufgebrochene Sehgewohnheiten copy paste, provozierende Perspektiven copy paste, gesprengte Dramaturgien copy paste, Erotik der Nüchternheit, copy paste, Kritischer Blickwinkel, Spiel der Kräfte, skulpturale Sozialität, produktive Stille, vernetzter Diskurs, materiale Entkörperung, mikrophysischer Dialog, verstörende Reduktion, Ablösung der Linien, Freilegung des Objekts, schwebende Dynamik, Energie der Armut, gehäutete Realität, simulierte Gesellschaft, Krieg der Kunst, Regionale Identität, beschleunigte Wahrnehmung, copy paste – und was dergleichen Nummern aus diesem verbalen Bettelzirkus noch mehr sind.
Warum sind wir so enttäuscht, Chesus Tzatzanzake? Warum sind wir es diesmal? Warum waren wir es nicht schon auf all den anderen Kunst-Bestialen? Hatte Stefáne Schmidt seine charmanten aber nur sehr regionalen Finger im Spiel?
Nein, Mohamed Tsatsanzake, du hattest alle Freiheiten und die großzügigen Mittel eines – ja, nennen wir ihn Pharmariesen – plus ein paar Schecks aus den biologisch gepflegten Händen einiger Frauen, die hier in der Gegend gar nicht so schlecht wohnen. Du hattest alles, was man sich als Kurator nur wünschen kann, du hattest deinen Witz, deinen Namen, deinen Ruhm, deine Intelligenz, dein Wissen, deinen Horizont und schließlich all deine Künstler, die ausdrückliche konzeptionelle Freiheit. Du hattest deine Welt. Und dann das: „aufgesprengte Realitäten copy paste, Energie der Armut, Auflösung des Subjekts, skulpturale Sozialität… konkreter Käse, trockener Rotwein, Küsschen, Berlin, Edinburgh, alles so wie immer. Gar nicht mal wirklich schlecht. Für zwei Nachmittage ganz okey. Und trotzdem sind wir enttäuscht, John Tzatsanzake. Erklär es uns? Was ist los?
Zugegeben, wir haben uns vorher auch lustig gemacht über Pföllingen, kein vorteilhafter Name für den Ort einer Kunst – Bestiale. Ja, wir haben geschmunzelt, ein bisschen, ein wenig, zugegeben, aber wir hatten auch Respekt, und wenn wir mit unseren Turnschuhen auch nicht zur spritzigen Avantgarde gehören, so sind wir doch nicht ganz dumm oder schon ganz und gar heruntergekühlt, und schließlich, als dein Name fiel, John Mohamed Ngobo Chesus Tatsanzake, da kamen dann die Phantasien. Wir wußten, wir besuchen eine wüste Kleinstadt, einen jungfräulichen Ort in einem biblischen Abseits hinter einer Autobahnausfahrt; wir haben den Idioten, der sich Kunstbürgermeister nennt, in Kauf genommen an einem Ort, von dem wir uns so sehr gewünscht haben, das er trotzdem und gerade deshalb Potential bekommt, einen plötzlichen Vorrat an Zukunft zeigt, eben weil er gerade noch zu den Geringsten gezählt werden konnte, haben wir uns herbeigesehnt, dass wir Zeuge werden, wenn an diesem Ort etwas geschieht, eben hier in Pföllingen, nicht in Berlin, nicht in Edinburgh, nicht in Marseille, und in all den müden Metropolen, die ein bisschen rückwärts leben, von Erinnerungen zehren, alten Pfefferminz-Visionen, Schuhen, Codes und Komplexionen; Betroffenheiten. Die uns langweilen mit ihren altlinken oder neurechten Assemblagen zum Terrorismus, zum 11. September, zur Folter, dem bösen Großen und dem kleinen Guten, mit ihrer neoromantischen Verkiezung, ihrem fuchtelnden Engagement, ihrem Stockholmsyndrom in unaufgeräumten Kinderzimmern…
Wir dachten, hier in Pföllingen und genau und nur in Pföllingen wäre eine Überraschung möglich. Der Ort, an dem mal wieder etwas passieren könnte; keine Pleite, kein Anschlag, kein Bioladen, sondern etwas Aufregendes, vielleicht ein neuer Gedanke, oder ein guter Witz…eine echte Idee, eine kleine Geburt im Juli. Warum all das nicht, John Mohamed Ngobo Chesus Tsatzanzake ? Dein Foto in der Zeitung. Du lächelst. Wie immer freundlich. Was haben wir erwartet in Pföllingen?

Fünfzehn Uhr fünfzehn

Es ist jetzt 18.41 Uhr. In 79 Minuten werde ich die Sicherheitstür meines in stilvoller Dezenz gestalteten Verkaufsraumes mit den vier Spezialbolzen sichern, mittels der Zahlenkombination den Testsieger unter den Alarmanlagen aktivieren und das spezialbeschichtete Außengitter herunterziehen.

Und bis dahin hoffe ich von ganzem Herzen, dass sich kein Kunde vor meinen Wurzelholz-Verkaufstresen verirrt.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Meine Kunden sind ein exquisites Klientel, und ich begegne ihnen stets mit dem ihnen gebührenden Respekt. Ich darf sagen: ich liebe die Dienstleistung, der ich mich verschrieben habe. Ich verkaufe keine Ware von der Stange. Das entspricht nicht den Anforderungen, die man an mich stellt. Und also hilft es mir nicht. Ich lebe davon, dass man mein exklusives Angebot in den Kreisen, in denen man sich High-Class-Produkte in ihrer entsprechendern Wertigkeit leisten kann, mündlich weiterempfiehlt. Meine Klientel erwartet persönlichen Zugewinn, keine Ware. Mein Point of Sale ist niemals der Preis, sondern schlichtweg die Individuation von Wunsch und Leistung.

Wer zu mir kommt, hat seine Entscheidung bereits getroffen. Er weiß, was er will. Ich kann das auch nur hoffen. Nein, anders: seit 15 Uhr 15 hoffe ich, dass er gar nicht kommt. Ich schwitze vor Angst bei dem Gedanken, in diesem Zustand einen Kunden empfangen zu müssen. Dabei ist diese Zeit des Nachmittags bis hin in die frühen Abendstunden die bevorzugte Zeit meiner Klientel. Aber ich bin seit 15.15 Uhr nicht mehr ich selbst.

Um 15 Uhr 14 erschien ein winziges, gerade handbreitgroßes, knorriges Weiblein aus dem Nichts auf der Chevreau-Ledereinlage meines Verkaufstresens. Es klettert mühelos und leise kichernd am handgenähten Revers meines farblich gedeckten Sakkos auf meine linke Schulter. Von dort bläst es mir einen unendlich feinen, goldfarbenen Staub in mein Gesicht und verschwindet.

Ab 15.15 Uhr weiß ich nicht mehr, was ich verkaufe. Ich schaue mich in dem beruhigend getäfelten Show-Room meines Ladenlokals um und erkenne nichts. Ich weiß zwar, dass ich hierhin gehöre, nicht aber, wie dieser Ort genannt wird. In den Vitrinen stehen hinter entspiegeltem Panzerglas raffiniert ausgeleuchtete, hochwertige Luxusprodukte, deren Sinn und Funktion sich mir nicht erschließt. Meine Kataloge aus handgeschöpftem Büttenpapier sind in einer mir nicht verständlichen Sprache geschrieben; die abgelichteten Objekte empfinde ich als ästhetisch, kenne aber weder ihren Sinn noch ihre Bezeichnung. Ich kann sie nicht einmal in Größe und Form beschreiben – mal erschienen sie mir mannsgroß und von beträchtlichen Umfang, mal eher klein und grazil. Auch jetzt verändern sie sich vor meinen Augen.

Wenn ich einen Kunden frage – und ich schwöre, dass ich das nie mehr tun werde – dann verwandelt sich meine Sprache in ein Grunzen und Lallen, das in gellendem Geschrei mündet. Die beiden Versuche der ersten Tage haben mich das ausreichend gelehrt. Ich werde die Gesichter, mit denen meine Interessenten vor mir flohen, nicht vergessen.

Auch andere Dinge sind mir seltsamerweise erinnerlich: ich weiß, dass das knorrige Weiblein seit genau einer Woche jeden Tag um exakt 15.14 Uhr erscheint. Ich weiß, dass ich jede Nacht unweigerlich einnicke, und ich, wenn ich frühmorgens aufwache, jede Erinnerung an sie verloren habe. Hinweise, die ich mir selber hinterlasse, sind verschwunden. Meine Erinnerung an sie setzt erst mit ihrem Erscheinen wieder ein.

Was ich auch nicht weiß, ist: was das knorrige Weiblein von mir will. Ich weiß nicht, warum ich von ihr bestraft werde und ob es sich überhaupt um eine Bestrafung handelt.

Aber ich spüre, dass diese Möglichkeit hier meine einzige sein wird, um Hilfe zu bitten. Bitte suchen Sie mich! Bitten kommen sie um kurz nach Drei am morgigen Nachmittag in meinen Laden. Bringen Sie eine Fliegenklatsche mit und befreien Sie mich von dem knorrigen Weiblein. Es wird keine Zeugen geben. Und ich habe allen Anlaß, zu schweigen.

Es soll Ihr Schaden nicht sein. Ich werde Sie reichlich und mit einem auf Ihre Ansprüche abgestimmten Luxuserzeugnis belohnen, dessen Sinn und Funktion ich dann sicher auch am Nachmittag wieder erkennen werde. Also!

Was heute Morgen geschah

„Besser spät als nie“ rief Amtshelfer Stoszewski entschlossen und öffnete am achttausendzweihundertdreiundvierzigsten Tag seiner bislang anstandslos verlaufenden Dienstkarriere erstmalig beide Oberlichter des an der Kopfseite gelegenen Flügelfensters von Verhandlungssaal 7/IX.

Dann hüpfte er mit einer überraschenden Leichtigkeit auf den stumpfgereinigten Marmor der ausladenden Fensterbank und flatterte ohne Zögern hinaus auf den höchsten Punkt  des ansteigenden Dachfirsts.

„Besser spät als nie“ zwitscherte er in die sanfte Milchigkeit des gänzlich bedeckten Himmels. Und er beschloss als erstes, ab jetzt nur noch im Flug zu schlafen.

Treppe

Bilderbogen

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Randnotiz

Lucia

  • Der Garten Eden ist nicht mehr. Aber es schmeckt sehr süß. Blätter fallen und der Teich wächst zu.

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