Expertise/Prognose zum staatl. geprft. Heiterkeits-Designer. (Dipl.)
Studiendauer: 8 – 10 Semester.
Der staatl. geprft. Heiterkeitsdesigner stellt in Zukunft für jedes gegebene Soziotop die höchste Stufe der operationsfähigen Einrichtung,- Verteilung – und Gestaltung mental-informeller Prozesse dar.
(Er darf deshalb auch die Bezeichnung geprft. Klimatechniker führen.)
Dafür muss er im Grundstudium die voran gestellten oder beigeordneten Stufen zum Heiterkeitsdesign einmal aktiv durchlaufen haben.
1. und 2. Semester: Volltrottel, Trottel, Depp, Blödmann.
3. und 4. Semester: Hanswurst, Dummer August, Lustige Person.
5. Semester: Clown, Komiker. Witzbold, Comedian.
6. Semester: Narr, Ironiker, Late-Night-Talker.
7. Semester: Enfant terrible. Provokateur.
8. – 10. Semester: Heiterkeitsdesigner.
Ab dem 8. Semester werden die Studierenden an anspruchsvolle Aufgaben herangeführt.
Mögliche Übungen: Den frisch Angetrauten einer Hochzeitsgesellschaft nahe liegende, gut handhabbare Gegenstände der Heiterkeit einrichten:
(Beispiel: “Na, ihr Beiden, jetzt seid ihr verheiratet.”) Dabei agiert der Heiterkeitsdesigner hier nicht etwa trottelig (1. Semester – indem er diesen Satz etwa zu den Eltern des Bräutigams sagt), auch nicht als Witzbold (5. Semester – im Sinne von: “jetzt seid ihr verheiratet, da geht der Spaß erst richtig los, was? ha ha.”) eben so wenig als Narr (: “Ihr seid jetzt verheiratet – dabei wart ihr so ein schönes Paar.), aber auch nicht als Enfant terrible (Im Sinne von: “Ihr seid jetzt verheiratet – aber Kindersoldaten im Kongo haben’s da noch weit schlimmer.”)
Die Übung im Fach Heiterkeitsdesign befasst sich vielmehr mit der höheren Schule der freundlichen Konstatierung des Gegebenen. (eben scheinbar ganz einfach: “Na ihr beiden, ihr seid jetzt verheiratet.”) Gegebenenfalls kann er auch gratulieren. Aber auch dies unbedingt ohne Witz oder doppelten Boden, also eben nicht wie ein Ironiker (“Ich gratuliere, ganz ehrlich!”) und auch ohne lästiges Tätscheln oder tröstendes Schulterklopfen. (Witzbold)
Von einem Heiterkeitsdesigner wird die Fähigkeit zur freundlichen Anverwandlung verlangt. So schafft er in jedem Wertfindungsraum ein angemessenes Klima der heiteren Gelassenheit.
Ein Heiterkeitsdesigner kennt sich außerdem unbedingt in sinnlichen Genüssen aus. (Wein, Essen,Tabak,Kamasutra…) Aber auch hier: Er übertreibt nicht und achtet auf die Linie.
Semesterübung: Das Unterbrechen einer stark angespannten Diskussion, die an Heiterkeit verliert, weil sie sich gedanklich zu eng in ein Thema gebohrt hat, mit dem plötzlichen Hinweis auf die Qualität des Weines, die Schuhe der Gastgeberin, einer heiteren Anekdote oder mit einem heiter-gelassenen Zitat von Horaz.
Als Diplomarbeit kann die heitere Einrichtung eines gesellschaftlichen oder privaten Wertfindungsraums verlangt werden. (Auch in physischen oder geistigen Prekär-Regionen wie in Ruanda, FAZ-Redaktion, bei Siemens, Nokia etc…)
Prognose/Werdegang: Diplomat, Künstler, Kulturdezernent, Berufsberater, Sterbebegleiter, Bundespräsident.
Persönlichkeitsprofil: …?
Klick. Und ab. Daily business. Eigentlich reicht es langsam.
Nachtbild/Ernährung:
Ich habe Appetit, nein, ich bin hungrig.
Dass die griechischen Philosophen in ihren Symposien eine entwickelte Kultur des gutbürgerlichen Widerspruchs pflegten und dabei sehr wohl auch den leiblichen Genüssen zugetan waren, und ihre Themen schmatzend, mit glänzenden Fingern in Fleischtöpfen nestelnd, bei bestem Wein sich vorlegten, den sie sich womöglich von verdächtig jungen Männern servieren ließen, deutet – ja, natürlich – auf einen unmittelbaren Zusammenhang hin zwischen der Widerspruchskultur im Disput und der sinnlich – physischen Existenz. Und eine Erinnerung an diese Sache ist immer interessant, und nicht nur das, der Hinweis darauf liegt heute geradezu im Trend.
Wenn ich mir aber die Situation genauer vor Augen führe, dann sehe ich, dass man nicht oder nur schwer sprechen und gleichzeitig dabei beissen oder schlucken kann.
Da aber Sprache sehr unmittelbar mit dem Denken verknüpft ist, hieße das: Ich kann letztlich nicht mit vollem Mund denken. Oder vielleicht besser: Der physische Ernährungszusammenhang im Sinne von Fassung gewinnen an energetischer Wirklicheit erhält bei aller Nähe zu den Sprachwerkzeugen letztlich doch keinen sprachlich gefassten Ausdruck. Er bleibt stumm.
Der Ernährungskomplex ist “gegessen”, wird “geschluckt”, wobei er sich dem Gedachtsein oder Gesprochensein entzieht.
Was nach dem Schlucken und Beissen gedacht oder gesagt wird, sind vom Fließ- und Ernährungsprozess abstrahierte Transformate – vielleicht auch des Kehlkopfs, der zwischen Luftschwingungskanal der Kommunikation und dem Ernährungskanal (Speiseröhre) eine wesentliche Unter-Scheidung trifft. Er scheidet ab. Klappt um. (Der Kehlkopf als Schalter, der zwischen sprachlichen Zeichen – und Kommunikationsprozessen und rein energetischen Ernährungs-Prozessen trennt.)
Nach dem Essen oder vor dem Essen mit einem deutlichen Überschuss auf der Reflektionsseite bei gleichzeitiger reflektorischer Unterbelichtung der physischen Fließprozesse wie Verdauung, der Nährstoffe, der Mineralien, Kohlenhydrate, des Stärke-Zuckerkomplexes etc…
Deshalb spricht es sich hinterher oder vorher leicht “über” das Essen; aber es spricht und denkt sich schwer direkt im Essen oder mit dem Essen.
Mit vollem Munde spricht man nicht – denkt man nicht – würde ich mir selbst hinzufügen – war eine Anweisung für gutes Benehmen. Aber vielleicht meint das ja einfach nur eine so oder so nicht zu beeinflussende Gegebenheit. Es stimmt ja auch. Denn abgesehen von dem unhöflichen Partikelausstoss gegen den Zuhörer, hört sich das Gesagte, Gesprochene und Gedachte mit vollem Mund sofort undeutlich an, fehlerhaft. Dabei gehört das Fehlerhafte, überhaupt – der Fehler – in die Kategorie der Mutationen. Und Mutationen waren und sind wohl eminent wichtig für die Evolution, auch für die gedanklich- philosophische.
Gut möglich, dass in den Symposien vor über 2000 Jahren damals auch viel mit vollem Mund gesprochen wurde; und der Reichtum an Gedanken, der sich da transformiert hat, sich so vielen Fehlern, Miss – und Nichtverständnissen verdankt, die aus vollem Mund und mit Krümeln vermischt auf den jeweiligen Zuhörer regneten.
Der dann damit irgendwie umgehen musste, indem er sich seinen Teil dazu dachte, noch einmal nachfragte – oder vielleicht Sätzen sehr gepflegt widersprach, die so gar nicht gesagt worden waren und also dem Disput wieder eine überraschende, geradezu unwahrscheinliche Wendung gab. Für Information sorgte. So dass alles insgesamt viel reicher, offener, bunter und wilder austrieb, als es Platon und andere dann gesäubert und gereinigt, pikiert und selektiert in die Geranienkästen ihrer Schriften und des abendländischen Denkens eingezeichnet, eingepflanzt haben.
Daraus aber nun abzuleiten, man bräuchte sich ja eigentlich gar nicht mehr bemühen um Deutlichkeit und Klarheit, und jeder Versuch, einem Problem auf den “Grund” zu gehen, sei sowieso zum Scheitern Krümeln und Spucken verurteilt, man könne stattdessen lieber gleich und ohne Umweg in den gemütlichen Teil des Abends überwechseln, bei Wein und Hühnchen ein paar Lieder anstimmen, singen, brabbeln oder lallen, scheint mir ein vorsätzliches Missverständnis eine Bequemlichkeitsstrategie oder ein Abwendungsmanöver der Postmoderne, die auf diese Weise gut zu ihrem Fleisch kam und immer noch gut in ihrem Fleisch steht.
So gerne ich esse, trinke und genieße, glaube ich trotzdem nicht, dass die griechischen Philosophen sich damals einfach nur so zum Essen getroffen haben, und ihre Gedanken und Gespräche so ein Abfall oder zwischenzeitliches Aufstoßen gewesen sind. Sonst hätte Platon Kochbücher geschrieben und keine Dialoge. Jedenfalls sind keine Kochbücher von ihm überliefert, (was ich trotzdem sehr schade finde.)
Immer noch Nacht. Zurück im Labor. Wohnungsschlüssel vergessen. Der Mondschein draußen. Alles schläft, nur ich kann noch nicht.
“Die großen Erzählungen” hat der französische Philosoph Lyotard damals alle vormals denkerischen Versuche genannt, Wirklichkeit in ein einheitliches Verstehenssystem zu zwingen mit metaphysischen Setzungen der Absolutheit und jenseits der physischen Ernährung.
“Große Erzählungen” , mit denen es jetzt erst einmal vorbei sei, wie er damals klarstellte.
Zeitgleich wuchs mit dieser Absage und neben ihr dann ein beeindruckender Reichtum zu “Plateaus”, “Rhizomen”, “Systemen”, “Diskursen” “Ironien” “Strukturen” oder “Schäumen” als affirmierte Strategien des Heterogenen, des Fehlerhaften, des Nomadischen, und letztlich als bewusste Entscheidung für ein Sprechen und Denken mit vollem Mund als Praktik der angewandten Undeutlichkeit.
Mit der angewandten Undeutlichkeit hatte man denkerisch und aus gutem Grund ein Manöver der Abwendung unternommen. Die Abwendung vor den Gefahren und dem potentiell “Unmenschlichen” von Diktaturen der Deutlichkeit, die im Zwanzigsten Jahrhundert viele Menschen mit angewandter Deutlichkeit tyrannisierten und sie ernährungsseitig/physisch/energetisch buchtstäblich darben und verhungern ließen.
So weit und so verständlich.
Aber wie jedes Manöver, hatte auch dieses Absagemanöver der Postmoderne an die “Großen Erzählungen” seine Gegenwart, und als solche eine Wider-Wart, die sich heute um so deutlicher zeigt, insofern die verordnete Wind – und Denk- und Sturmpause der relativ idyllischen Ost-West-Vereisung nach dem 2. Weltkrieg vorüber ist. Seit 1989 wehen scharfe Frühlingswinde, und es treiben vereinzelte, vom Tauwetter abgebrochene Eisberge mitten hinein in den Kurs von Gesellschaften, die plötzlich wieder heftig navigieren müssen.
Aber Navigieren heisst: Entscheidungen treffen. Unterscheidungen. Heisst Ausschließen und Einschließen. Heißt Erkenntnis und Verständnis. Werte. Man muss wissen, wo die Pole sind, die Sterne.
Und plötzlich rächt es sich, dass die Postmoderne, die längst nicht überwunden ist, die Pole und die Sterne hat verblassen lassen. Während Wissenschaft und Technik gelassen, klar und um postmoderne Strategien unbekümmert Kurs hielten, sterben die denkerischen Konzepte der Post – und Postpostismen mit ihrer angewandter Undeutlichkeit einen unschönen Tod.
Ihre ursprünglichen und verständlichen Analysen mit samt aus der Dialektik der Aufklärung erwachsenen Skepsis gegen die Rationalität ist heruntergekommen auf hoch bezahlte Stimmungen und Haltungen, auf “Poetiken”, die mehr Mentalität als Gedanke sind und die – wie der Volksmund so schön sagt – beim Bügeln nicht stören.
So hat sich neben den so genannten Parallelgesellschaften und Unterschichten des materiellen Präkariats in Neukölln, Anklam oder Rostock nunmehr auch in vielen Intendanzen, Chefredaktionen, Kulturetagen und kulturwissenschaftlichen Akademien eine Parallelgesellschaft des geistigen Präkariats ausgebildet, denen man ihre Armut nicht sofort ansieht, weil sie verdeckt ist und bei sehr stark ausgebildeten traditionell postmodernen oder antiaufklärerischen Diskursfamilienstrukturen auch von außen nur schwer aufgeklärt werden kann.
Für diese Art des geistigen Präkariats gibt es bisher überhaupt keine Konzepte oder Hilfe zur Wiedereingliederung und Re-Integration in den großen Prozess westlich – abendländischen, rationalistischen Denkens.
Aber vielleicht hilft hier doch noch das Internet.
Wo das geistige Präkariat nun aus seiner Abseitsstellung in den Herausgeberetagen und Intendanzen nach Außen ins Wirkliche drängt, versteht es die Welt nicht mehr und flüchtet sich sofort in die krassesten Rückkrümmungen und Uraltstrategien der Religionen, des Glaubens, oder produziert Gefühle, Affekte und “Werte” zweiter Ordnung, und kramt dort nach sehr alten Antworten auf neue Fragen. Dabei bleibt sie gegenüber der tatsächlich wirksamen Dynamik völlig chancen- und verständnislos.
Teils, weil sie sich nicht anders zu helfen weiß, teils weil dort immer noch die Fleischtöpfe und die alte postmodern diskursive Familienstruktur für eine falsches Gefühl der Geborgenheit sorgen.
Der Amerikaner John Searle dazu sinngemäß: … aber die Kritik an der Rationalität will nicht sehen, dass ihr kritisches Geschäft nur funktioniert, weil sie sich selbst rationaler Mittel bedient.
Weil jedes Geschäft der Kritik immer ein rationales Geschäft ist und ein Realitätskonzept voraussetzt, das unzweideutig ist…..
Danke dafür, lieber John Searle, für diesen Plasmastrahl mitten hinein in den toten Winkel, der immer auch der eigene sein kann.
Da liegt die Latte. Und da muss es weiter gehen.
Hier kann man nun nicht wieder in das entgegengesetzte Extrem zurückklappen und den einfachen Kontrapunkt der nächsten Abstoßung bedienen, damit das Ping-Pong-spiel von vorne los geht. Aber die Postmoderne muss jetzt irgendwie aufgegessen werden. Dass man schön satt ist und etwas neues beginnen kann.
Und unter der Schädeldecke?
Mehr graue Substanz und etwas weniger Habermasse.
Das Jahr der Mathematik lässt hoffen.