Babel – ein Film

Gefühle im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit: Man sitzt im Kino und sieht sehr großformatig Cate Blanchet irgendwo in Nordafrika angeschossen auf einem Topf sitzen und pinkeln, während ihr Film-Mann Brad Pitt sie sehr besorgt und mit perfekt eingestellter Lee Strassberg – Einfühlungs – Stirnfalte im Arm hält, stützt und an sich drückt. Eine berührende Szene.
Hier erkennt der Zuschauer, was die Menschen ganz allgemein und die beiden Teile eines problembeladenen Ehepaares im Besonderen doch immer noch an sich finden und vielleicht wieder finden – die Liebe.
Wenn man bedenkt, dass der Film an sich als dynamisches Ereignis im Jahre 1895 seine berühmte Gründungsszene hatte, als eine Lokomotive auf die Kamera und also auf die entsetzten Zuschauer vor der flimmernden Leinwand zuraste, so dass diese erschrocken aufsprangen und aus einem der ersten Pariser Kinos flüchteten, dann staunt man über den Abstand, den das Medium Film in den letzten 112 Jahren von seiner ursprünglichen Kernkompetenz genommen hat.
Damals: Eine rasende Lokomotive. Heute: Die pinkelnde Cate Blanchet.
Eine willkürliche Gegenüberstellung, mag sein. Es kann auch nicht darum gehen, hier beides gegeneinander auszuspielen. Viele Male hat der Kinofilm inzwischen seine eigenen Möglichkeiten untersucht, strapaziert, contrapunktiert, hat bis zum Stillstand im Close-up die vergehende Zeit gedehnt oder ist mit Warp 6 durchs Weltall gerast, und ein guter Kinoregisseur kennt und weiß dies alles. Und macht sich seinen Reim darauf, wie auch Alejandro Gonzales Innaritu.
Und sie, die Liebe? Sie wird auch bei ihm erst richtig erzählerisch und fühlbar, genau dann, wenn der Schatten einer Verletzung oder eines Abschieds, seelisch oder physisch, sie einzudunkeln droht.
Ist das nun ein Klisché? Ein auf Breitwandformat zum xten Mal hoch geblasenes Poesiealbum? Oder trotzdem und gerade deshalb eine immer noch große Wahrheit?
Der Regisseur Innaritu weiß hier um eine Gefahr, und deshalb lässt er Cate Blanchet im Augenblick des Filmkusses, der ja durch die lange Kinohistorie zu einem eigenen Referenz-Schema sich entwickelte, geräuschvoll und eiligst unter sich in einen Blechtopf pinkeln. Ruhe bitte! Action!
Das hat durchaus berührenden Witz, und damit bekommt Innaritu wenigstens an dieser Stelle gerade noch einmal die Kurve in einer ansonsten sehr werbefilmmäßig durchgeschickten Globalisierungs-Erzähl-Konfektionsware. Afrika zeigt er uns genau so, wie sich Meier, Müller, Schulze Afrika immer schon vorgestellt hat – mit ledergesichtigen Ziegenhirten, Flimmerhitze, weißen Lehmhäusern in ockergelber Landschaft und verschmockter Exekutive. In Mexiko (wo die Menschen noch zu leben wissen – jawohl ) werden Hochzeiten noch richtig gefeiert, laut, intensiv, schmuddelig, lebendig und etwas gefährlich, was wir auch immer schon wussten; und seine Japansequenzen schließlich würden sich sehr gut in einen pfiffigen H&M – Commercial einpassen.
Aber auch hier hat der Regisseur seinen eigenen Braten gerochen und fleißig und lange gesucht, um ihn mit einem weniger abgenutzten Sujet zu spicken. Was ihm dazu einfiel am Drehbuchschreibtisch? Eine taubstumme Japanerin, die ein bisschen geil ist und darunter leidet, dass sie so anders ist und keiner von den Normalo – H&M-Romeos ihrer Altersklasse sich für sie und ihr Problem interessiert.
Ich ertappe mich an dieser Stelle bei dem etwas kindischen Gedanken, dass eine taubstumme Japanerin, die zudem noch in einem Basketballverein für taubstumme Japanerinnen spielt, irgendwie etwas ganz besonderes ist. Ein weniger abgenutztes Zeichen immerhin. Und ich denke: Da hat er sich aber tüchtig Mühe gegeben und: Aha, Japan ist also doch nicht nur Sushi, Haiku, Geisha und Bonsai, sondern, wer hätte das gedacht, es leben dort auch taubstumme Basketballspielerinnen. Und ich ertappe mich weiterhin dabei, wie ich im Sessel sitze und diese kulinarisch servierte Paraneuigkeit genieße. Mit dem Pfefferminzblättchen des Frischen und Ungesehenen. Aber zugleich auch ein bisschen belächle, während ich denke: Eine taubstumme kleine Japanerin, die in einem Basketballverein spielt und dann irgendwann im Restaurant den H&M-Romeos ihre Muschi zeigt….das hat einen guten pararealen Brechungsindex, dem wir wahrscheinlich bald so ähnlich irgendwann im nächsten Nike-Spot wieder begegnen werden. (Schon mal vormerken.)
Aber so merkt man dem Film eben auch an, wie er einerseits redlich einen globalen Bogen spannen möchte, um zu erzählen, wie sehr seine internationalen Protagonisten in einer technologisch zusammenschnurrenden Welt sich selbst von einander zu entfernen drohen, und in ihren Bedürfnissen nach Nähe, Verständnis Zuneigung und Geborgenheit ein letztlich katastrophales Aneinandervorbeireden herrscht (Der Film heißt ja deshalb auch „Babel“ ) – dies aber andererseits in einer Art Zapping-Dramaturgie mit babylonischen Mitteln serviert wird, die dem cinematografischen Ikea-Katalog des Globetrotterkinos seit Wim Wenders und den Toyota-Commercials entnommen sind. Zubereitet mit dem Authentizitäts-Strass von beigemischten „Laiendarstellern“, der großartig pinkelnden Cate Blanchet, der wunderbar taubstummen Basketball-Japanerin, dem stirnfaltenden Brad Pitt und, nicht zu vergessen, der „unheimlich intensiv“ agierenden mexikanischen Haushälterin, deren Namen mir gerade nicht einfällt.
Es wäre wohlfeil und abgenutzt, dem Film daraus einen Vorwurf zu machen. Der Film ist okay. Sehr okay. Visuell opulent und nur ein kleines bisschen langweilig. Schließlich ist man ja auch nur Mensch. Ansonsten ein gut gemachter Betroffenheitsexportschlager. Und eigentlich lohnte er keine aufwendige Betrachtung, wenn er nicht so exemplarisch für ein Phänomen stünde. Ich würde es das Phänomen des blinden Flecks nennen oder die Globalisierungsfalle des technologischen Erzählens. Und jede Form des Erzählens hat eine technologische Seite, eine Komponente des Gemachten und Kalkulierten. Diese Art von Kintopp technologiegemäß in ganz besonderem Maße.
Der Regisseur zeigt uns also, darin auch vorbildlich pessimistisch, eine Welt, die mit ihren babylonischen Anmaßungen von Mobilität, Technologie aber auch mit krassen Differenzen der Geschwindigkeit, der Gerechtigkeit und der Verteilung bedrohlich aus dem Leim geht, während seine Protagonisten in ihrem geografisch tektonisch bebenden Möglichkeitsraum wie verwirrte Ameisen zumeist alle überfordert sind und sich bei akuter Verständigungsnot in zwischenmenschlicher Hinsicht die Hosen mit der Kneifzange anziehen.
Und der Regisseur selbst? Kurioserweise baut er selbst mit an diesem Babel, in dem er uns diese Welt in einer cinemtatografisch katalogisierten Optik erzählt, mit den obligatorischen Raffinessen einiger Befremdungsreize. Er kommt uns mit einem Filmemacherglobetrotter-Uraniadiavortrag über die schaurigschöne Kompliziertheit dieser Welt und am Ende mit einer halbschwellig induzierten Honoratioren-Ethik, die an Erkenntniszuwachs eher weniger zu bieten hat:
Habt euch mehr lieb. Passt auf euch auf. Achtet mehr aufeinander. Macht langsamer. Lasst Euch nicht so beschleunigen. Achtet die elementaren Bedürfnisse eures Menschsein etc…
Nicht dass ich das nicht sofort mit einem dicken Stift unterschreiben würde. Aber diese Frage ist nicht interessant. Interessant ist das Phänomen, dass ein erzählerischer Gestus, der es darauf anlegt, verstanden zu werden – und diese Art von Kino ist immer auch eine Technologie des Verstandenwerdenwollens. – eben gezwungen ist, auf gelernte Klischés und Schematas zurückzugreifen, auf globale und gemeinsame Zeichenvorräte, die aber genau zu der Klasse von technologischen Standards gehören, die unseren Planeten gerade so hübsch globalisieren und babylonisieren.
Man könnte es auch so ausdrücken:
Es gibt Ikea, es gibt Samsung, es gibt H&M und Mc Donalds. Und mittlerweile gibt es eben auch sehr gut gemachte und auf der ganzen Welt verständliche filmische Betroffenheitsware aus den global agierenden Problemversandhäusern von Innaritu, von Trier, Wenders, Soderberg und Co.
Phänomenal daran ist, dass auf diese Art so ganz allmählich ein virtuelles Globallywood erwächst, indem die Motivkreise von reinen Commercialspots und den immer noch in bester Absicht gedrehten Globalisierungsproblemfilmen miteinander verschmelzen. Denn beide werden inzwischen von identischen Visualitäten getragen und vom selben Movens getrieben: Entdecke dein Menschsein. Liebe es. Intensiviere dich und guck dir vielleicht auch mal Afrika an etc…
Muss man sich deswegen Sorgen machen? Vielleicht, wenn man ein Gegner der Globalisierung ist, aber auch darin schließt sich schon wieder ein hübscher Zirkel. Denn niemand denkt globaler als der Globalisierungsgegner. Also kann man diese Sorge beiseite lassen. Die Homogenisierung der Wahrnehmung, unserer Sehnsüchte aber auch unserer Ängste und Probleme, vor allem aber der Mittel, die sie uns vor Augen führen, wird voranschreiten. Und irgendwann werden alle Menschen auf diesem Planeten entweder dieselben Unterhosen tragen, dieselben Burger essen und dieselben Innaritu-Filme gucken oder sie werden tot sein.
Dass bis dahin noch einige japanische Geschäftsmänner in Nordafrika ihre Jagdgewehre verschenken und damit kleine bis mittelgroße Katastrophen auslösen, ändert nichts an dieser Perspektive.
Apropos. Der Film von Innaritu hätte die Chance gehabt, am Ende doch noch so etwas wie einen kleinen Erkenntniszuwachs zu liefern.
Dass im toten Winkel seiner/unserer so sehr im Menschsein und im Menschbleiben problemelnden Mentalitäten die Technik, hier in Form eines simplen Gewehrs, der eigentliche und erhabene Hauptakteur war, könnte man dem Film wohlwollend zugestehen. Aber zu sehr war der Regisseur in seine Taubstummenfolklore, lederhäutigen Ziegenhirtengesichter und in seine pinkelnde Cate Blanchet verliebt, als dass er es selbst so gemeint haben könnte. Deshalb operierte auch bei Ihm die Technologie wieder einmal als treibende Kraft wuchtig aber blind in einer ansonsten vorbildlich menschlichen Geschichte.

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