Natur der Technik 07

1
Nächste Woche werden auch wir nach langem Zögern unsere beiden Kinder in eine Stelle hinein, abgeben.

Wir kennen nicht die wirklichen Fristen. Wir bemerken nur, wie sich das Land unter unseren Häusern verändert. Und die Zeiten. Worauf also warten. Was wir jetzt verhindern, wird uns später davor bewahren. Es ist nichts für die Ewigkeit.

Einige dieser Stellen haben wir uns in den vergangenen Jahren immer wieder angesehen. Nicht alle scheinen vertrauenswürdig. Vielleicht gehören wir zu den Letzten, die noch wählen dürfen. Manche sind schon jetzt in einem unsicheren Zustand. Man weiß von Wassereinbrüchen, von unfreundlichen Vorarbeitern, mangelhaft ausgebildeten Hilfskräften aber auch von überhellen Flutlichtern, die einer solchen Stelle gerade nachts die Aura eines Landschaft gewordenen Ausnahmezustands verleihen.

Mein Freund Geebauer hat es schon getan. Er hat seine Tochter in eine solche Stelle hinein abgegeben. Er sagte, er hätte es nicht der niedrigen Kosten wegen getan, sondern weil er dort – „weniger Perfektion, weißt du, irgendwie weniger Endgültigkeit gespürt“ habe.

Was auch immer er damit gemeint hat – jetzt bereut er es. Jetzt kann er Eva, seine Tochter, schon nicht mehr besuchen. Als er das letzte Mal unangemeldet dort erschienen ist, haben sie ihn bis an den Rand der Stelle gelassen (es sind eigentlich Gruben), die sehr tief war, und mit dem Handschuh ganz nach unten auf einen orangefarbenen Punkt gezeigt, zwischen vielen anderen orangefarbenen Punkten und winzigen Maschinen, und gesagt – das da wäre seine Tochter. Da hat er geweint und gefragt, woher sie das wüssten und da haben sie gesagt, sie wüssten es eben. Irgendwann hat man ihn dann behutsam am Ellenbogen gefasst, weggeführt, und in einen Werksbus gesetzt. Es sei alles in Ordnung. Er müsse sich keine Sorgen machen.
Geebauer wirkt seit dem leicht sentimental. Auch er wird ja nicht älter. Dabei sollte er sich freuen, dass seine Eva nicht unter die Taucher gekommen ist.
Es gibt Ungereimtheiten mit dem Reglement in den Stellen. Sie ändern es willkürlich. Die Besuchszeiten, den Briefverkehr, Telefonate . . . unerfreulich. Wir müssen damit rechnen, dass uns diese Dinge später vielleicht auch zu schaffen machen.
Mein Freund Geebauer wollte sich über diese Zustände einmal beschweren. Er musste 3 Briefe schreiben, bevor überhaupt jemand eine Antwort gab. Die kam dann aber nicht von der Leitung, sondern von ziemlich weit unten, von einem Instrukteur an einer Kiesrüttelmaschine. Der hat ihm geantwortet, er kenne das Besorgnis der Leute auf Ebene Null sehr gut, weise aber den Beschwerdeführer darauf hin, dass dieser sein Einverständnis gegeben habe, und somit alle Verantwortlichkeiten in Bezug auf den Klienten und das Reglement bis zum Orange-Tag dem Konsortium übertragen worden seien.
Formal mag der Mann Recht haben, aber er hätte sich einfühlender ausdrücken können.
Mit „Ebene Null“ meint er uns hier oben, die Eltern, die wir am Rand der Gruben stehen. Die „Klientin“, das ist der orangefarbene Punkt dort unten, Geebauers Tochter. Seit diesem Briefwechsel ärgert er sich nun regelmäßig über alles Mögliche.
Vorfälle, die uns veranlasst haben, möglichst viele Informationen einzuholen, um zu verhindern, dass es uns später mit unseren Kindern Nina und Tom genauso ergeht.

Wir haben noch lange geglaubt, wir könnten es allein bewältigen und sie hier oben bei uns behalten. Aber irgendwann spürt man, dass einem keine Wahl bleibt. Man hält es nicht zurück, dieses Ding in den Kindern, das von Tag zu Tag in ihnen wächst, mächtiger wird. Es macht sie immer hilfloser. Man schafft es einfach nicht mehr allein. Dann ist es doch gut, dass die Stellen eingerichtet wurden, wo sie betreut werden und ihre Symptome langsam abbauen können, bis auch Sie schließlich die Ebene Null erreichen, wo wir auf sie warten und ihnen die Hand entgegenstrecken – zum Wiederempfang.

Mag sein, manche Leute haben Glück – die lösen sich einfach auf, während das Geschehen in ihren Kindern einfach zum Stillstand kommt. Aber das bleiben Ausnahmen, ungeklärte Fälle. Eigentlich trifft es jeden.

Der Erfinder der Stellen – die eigentlich Gruben sind – ein Deutscher, hat den zuletzt vergebenen Nobelpreis erhalten. Aber wie sie wirklich funktionieren, weiß niemand genau. Gewiss scheint, dass in ihnen Zeit abgebaut wird. Wobei sie nach und nach immer mehr „einflachen“, solange, bis nur noch etwas nachgebende Erde, also eine weiche Reststelle in der Landschaft an diese Grube erinnert.
Manchmal, zum Beispiel beim Pilze suchen, spürt man es. Dann sagt man:

Hier ist wieder was gewesen.

Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wer selbst Kinder hat, wird das verstehen.

2
Es beginnt immer mit dem Körper. Die Masse an Zukunft, die auf ihm lastet, drückt ihn zusammen auf die Größe eines Brotes. Schreie, viele Schreie, Tag und Nacht. Ich deute die Schreie am Anfang als gesunde Lebensäußerungen. Bis es irgendwann auch still bleibt. Dann schalte ich die Nachttischlampe ein und sehe nach. Beuge mich über das Bündel und sehe es da liegen und atmen mit geschlossenen Augen. Die Hände neben dem Kopf, die Handflächen halb geöffnet, scheinen sich gegen etwas zu stemmen, dass ich nicht sehen kann. Es schlägt die Augen auf und sieht mir so ins Gesicht, dass ich mir augenblicklich wünsche, es wieder schreien zu hören. Aber es schreit nicht, sondern schaut nur sehr klein in die Stille. Ich streichle ihm über die Wange. Gehe wieder in das eigene Bett, schalte die Nachttischlampe aus und beginne etwas zu ahnen.

Die Zeit, in der die Stille mit dem Schreien sich abwechselt, erstreckt sich über 1 bis 2 Jahre. Während dessen behauptet sich der Körper auf unerklärliche Weise gegen den Druck der Zukunft. Er wird größer. Wenn ich ihn berühre, fühle ich, um welchen Preis. Er hat an Weichheit verloren und ist fester geworden. Härter. Auch beginnt die Stille zu überwiegen und das Schreien wird seltener. Erschöpfung?

Kaum gewöhne ich mich daran, bildet sich ein neues Symptom heraus. Hatte ich bisher noch geglaubt, der Körper wüchse entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch noch gegen die ungeheure Zukunftslast an, so muss ich eines Tages diese Hoffnung aufgeben. Jeder, der seine Kinder beobachtet, kann das bestätigen. Vielleicht bastelt man gerade an einer Gardinenstange herum, da hört man plötzlich aus dem Kinderzimmer Geräusche, die einem die Hände kalt und fühllos machen. Ich lasse den Schraubenzieher fallen und lausche. Was ich bisher nur geahnt habe: Die Pausen zwischen dem Schreien, die stillen Momente – da dringt die Zeit durch den Mund in das Kind ein und drückt von innen gegen den Körper. Und wird nun auch nicht mehr nachlassen, so dass der Körper über die Jahre an Größe zunimmt.
Sie bläht es.
Und was ich da jetzt höre, während ich blass die Gardinenstange befummle, sind keine Schreie mehr, sondern ist okkupiertes Geräusch, Laute mit irgendwelchen Verbildungen und Zwischenräumen, gestörtes Schwingen, Gemisch aus irgendwas, Überdruck, der wie durch ein geöffnetes Ventil nach außen dringt, unterbrochen von stummen Momenten. Ich muss es benennen. Ich sage:

Jetzt bekommt es das Sprechen.

Es gibt natürlich immer einen Anlass, sich ins Auto zu setzen und mal eben so durchs Land zu fahren. Wichtig sind nicht die Gruben. Wichtig ist das Technische Museum in München oder der Rostocker Hafen. Ich mache einen Ausflug. Gut, ich komme unterwegs an vielen Stellen vorbei und halte auch schon mal an, lasse mir am Informationsstand die orangefarbene Kleidung zeigen, rede mit dem Personal am Eingang und versuche so, mir ein paar erste Eindrücke zu verschaffen. Aber das geschieht nebenher. Denn ich glaube noch nicht wirklich an das Geschehen in den eigenen Kindern. Könnte es nicht auch sein, dass wir Glück haben und von dieser Sache verschont bleiben?

Man hofft das trotz aller bereits vorhandenen Symptome bis zuletzt, bis man am Telefon steht und die Nummer wählt.

Aber so schnell wird niemand eine Nummer wählen. Es folgen Episoden der Ermutigung. Obwohl es nicht sehr angenehm ist, das Kind kämpfen zu sehen. Es versucht, die Zeit, die eingedrungen ist, durchs Ohr hinauszueitern. Oder durch die Nase wegzuschnauben. Oder es begegnet ihr mit brennendem Fieber, Ausschlägen, Durchfall. Das sind die Tage der Hoffnung. Dann schreit es so wie früher oder wird sogar wieder ein wenig kleiner.
Manchen Kindern gelingt es, die kommende Zeit aus ihrem Körper für immer zu vertreiben. Aber das bleiben die Ausnahmen, ungeklärte Fälle.
Meistens wird sie „chronisch“ und breitet sich immer weiter aus. Der Körper nimmt an Umfang zu, wird größer und größer, rollt herum, die Gliedmaßen stülpen sich in den Raum, so dass es dann heißt:

Jetzt bekommt es das Laufen.

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