Wie der Weise vom Berge den Dummen half (1. Teil)

Es begab sich zu der Zeit, dass der König der Dummen seine Untertanen aus dem ganzen Lande wieder einmal zu sich rief.

Diesmal dauerte es besonders lang, bis auch der letzte Schwachkopf dem Rufe seines Monarchen folgte: Dummerweise hatten in der königlichen Einladung weder Tag noch Ort des geplanten Treffens gestanden.

Ja, ja – König der Dummen wird man nicht einfach nur so.

Aber wie es der dumme Zufall so will: Nun waren sie doch noch alle gekommen. Und es war schon ein selten doofer Anblick, der sich aus der Königsloge bot, die für diese Veranstaltung extra auf die Bühne des riesigen Versammlungssaales verlegt worden war. Da hockten die komplett Blödsinnigen neben den völlig Bescheuerten, und die Tretendämlichen rutschten neben den Ganzverstrahlten auf ihren Sitzen herum.

Aber auch die Durchschnittsarschgeigen waren der Einladung gefolgt. Und nicht jedem Alltagsidioten, der da voller Spannung auf die Rede des Königs wartete, war die Dummheit gleich ins Gesicht geschrieben. Ja, man kann sagen: So mancher Dummkopf war ein Mensch wie Du und ich. Na, ja… schon mehr wie Du.

Wie dem auch immer sei: Die Gemeinschaft der Dummen war komplett anwesend. Selbst die beiden Abgesandten des kleinen Dörfchens Niederoberuntersulzbach-Gumpelsfeld, das seit Jahrhunderten den Kontakt mit der Außenwelt scheute und dessen Einwohner mittlerweile alle Geschwister waren, hatten ihren Weg an den Königshof gefunden und saßen nun – wenn auch falschherum und mit den Rücken zur Bühne – auf ihren Plätzen. Erwartungsvolles Gemurmel erfüllte den Raum. Das Saallicht wurde langsam heller. Und als der dämliche Techniker merkte, dass er den Regler in die falsche Richtung drehte, verlöschte es alsbald.

Der König trat vor seine Untertanen: Freunde! Idioten! Ihr von allen Ideen freie Geister! Das Publikum jubelte ihm zu. Die Abgesandten aus Niederoberuntersulzbach-Gumpelsfeld, die weiter auf die Rückwand des Saales schauten, zuckten zusammen. Wer spricht da? fragte der erste Abgesandte erschreckt. Sein Bruder, der zugleich auch sein Onkel, sein Schwager und seine Exfrau war, konnte ihn beruhigen: Stell dich nicht so dumm an. Das kennst du doch. Kein Bild, aber Stimme…das ist Radio.

Die anderen Dummen zischten sie nieder. Der König sollte weitersprechen! Freunde, fuhr seine Majestät fort, wir sind die Gemeinschaft der Dummen! Und es ging uns niemals besser als heute!Jaaaaaaaaa! antwortete ihm wieder begeistert die idiotische Menge. Der stellvertretende Referatsleiter eines Bauordnungsamtes aus dem Bergischen rief: Und jetzt ab zum Buffett, bevor der Krabbensalat weg ist!

Der König erhob sich von seinem Thron, zog die kurzen Hosen über das Hawaiihemd und hob sein Zepter. Er wollte weitersprechen: Erinnert Euch, wie man uns noch vor wenigen Jahren verspottet hat! Wie uns die anderen in aller Öffentlichkeit mit Schmähnamen bedacht haben! – Fahr schon los, Du Idiot, es ist grün! – Jetzt kippt die dumme Kuh auch noch ihr Kleingeld auf das Band! – Wenn Du den Geldautomaten nicht bedienen kannst, dann lass mich vor, Schwachkopf! – Das Publikum nickte und seufzte bei den Worten ihres Königs. Die alte, längst verstorbene Garde der Langzeitgeistlosen hatte diese Ära noch erlebt und ihr trauriges Wissen an ihre ungewollten Kinder weitergegeben. So war es seit ehedem Tradition, sodass auch die jüngste Generation moderner, jungendlicher Idioten wusste: Blödheit war nicht immer eine Leistung.

Eine übersensible Raumgestalterin, die sich auf die Inneneinrichtung von Hundehütten nach dem Feng Shui-Prinzip spezialisiert hatte, brach, vom Schicksal der Alten überwältigt, gar in Tränen aus. Sofort sprang ein zwei Reihen entfernt sitzender Idiot zu ihr hin und sprach ein paar mitfühlende Worte in Richtung einer nicht existenten Kamera: Die Trennung war sicherlich sehr hart für dich. Aber ich gebe Dir die Möglichkeit, deiner großen Liebe eine Videobotschaft zu schicken und…-

Setz Dich hin, Du Pflaume! unterbrachen ihn die anderen. Im Saal wurde es laut.

Der König griff zu seiner goldenen Dummenglocke und schwang sie. Zwar hatte sie keinen Klöppel und machte dementsprechend kein Geräusch, aber alle wussten, dass ihre Majestät so Ruhe einforderte. Stille legte sich über den Saal. In dem vorhergehenden Tumult hatten ein paar der weniger Dämlichen der Niederoberuntersulzbach-Gumpelsfelder Delegation erklärt, dass sie sich besser umdrehen sollten. Das hatten sie brav getan, streckten nun ihre Füße in die Höhe und betteten die Köpfe in den Fußraum. Aber sonst blickten alle Augen erwartungsvoll nach vorn.

Lesen Sie morgen im zweiten und letzten Teil:

Was wird der Weise vom Berge den Dummen raten? Ist genügend Krabbensalat da? Und bin ich so doof, dass es nach dem letzten auch noch einen dritten Teil gibt?

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