Mann im Schrank

Neulich nachmittags saß ich so vor mich hin. Da kam plötzlich ein Mann aus meinem Wandschrank. Ich war auf vieles gefasst: sogar, dass das Telefon mal wieder klingelt. Aber ein Mann aus meinem Wandschrank! Wer kommt denn auf so was?
Dann kam mir der Gedanke, dass es jetzt durchaus angebracht wäre, einen neuen Satz auszuprobieren.
Ich wollte also gerade rufen: Was machen Sie in meiner Wohnung? Da fuhr der Mann aus dem Wandschrank mich an: Was machen Sie in meiner Wohnung?
Wieso Ihre? Fragte ich. Das ist meine! Sind Sie sicher? schoss er zurück.
Das war ein Problem. Ich war auf das meiste vorbereitet: sogar, dass es an der Tür klingelt, und es ist wirklich für mich. Aber ein Mann aus meinem Wandschrank, der wissen will, ob ich sicher bin!
Hilfesuchend blicke ich zum Regal. Ich erinnere mich natürlich noch daran, wie der Gebrauchtmöbelhändler zu mir sagte: Gute Wahl mit dem Regal! Aber als Sicherheit wär mir das auch ein bisschen dünn. Und den Mietvertrag hatte ich jetzt nicht zur Hand. Es kam mir auch nicht in den Sinn, wohin ich ihn verlegt hatte. Was mir kam, war eine nebulöse Erinnerung an den Moment der Unterzeichnung: ich an einem fremden Eichenholzschreibtisch. Vor mir ein Stoß Formulare. Ich unterschreibe, jemand kichert. Die Blitzlichter der Fotografen…Moment! Das ist keine Erinnerung an etwas, das schon war. Das ist eine Vision über etwas, das noch kommt! Das hilft mir jetzt aber gar nicht!
Um Zeit zu gewinnen, sage ich: Sind Sie denn sicher, dass es Ihre Wohnung ist? Und siehe da: das war ins Schwarze getroffen! Der Mann aus dem Wandschrank sah sich sichtlich unsicher im Raume um. Ach, Mensch, sagte er, das ist ja jetzt… dass ich alleine wohne, macht die Sache ja nicht einfacher. Ich nickte. Weil wenn ich eine Gefährtin hätte, dann könnte ich sagen: Sicher bin ich sicher. Sieh doch auf die Spuren, die meine Gefährtin hier hinterlassen hat. Zum Beispiel dieses Windlicht! Wenn ich das anmache, dann sagen immer alle: och. Das ist aber mal ein schönes Windlicht, das Dir Deine Gefährtin für Deine Wohnung geschenkt hat!“
Ist aber nicht so, und dann hilft es ja nichts.
Da standen wir also beide (bis auf mich, ich saß ja noch), und wir waren uns in unserer Unsicherheit durchaus ähnlich. Na, dann sagten der Mann aus dem Wandschrank und ich gleichzeitig.
Und dann haben wir uns, bis wir uns sicher sein können, auf ein Arrangement geeinigt.
Wir gehen uns aus dem Weg.
Und wenn ich jetzt Leibwäsche aus dem Wandschrank brauche, dann klopfe ich eben an, warte ein Weilchen, und er reicht sie mir dann raus.
Ich finde: es gibt Schlimmeres, was man zuhause haben kann.

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