Volksbühne Berlin: Der unsichtbare Gott.
Der Winter zeigt ein weißes Rauschen, aber Stefan Rosinski, der Chefdramaturg der Volksbühne Berlin, bleibt aufrecht. Engagiert hält er in seinem blog an der Frage nach einem Subversions-Auftrag von Theater fest. Die gute Frage, was sollen Zuschauer im Theater? Was sollen sie mitbringen, was mit nach Hause nehmen? Ihr zu Hause – das eine Gesellschaft ist.
Revolutionen, weiß er, brauchen ein kollektives Subjekt, das einheitsstiftend und repräsentativ angesprochen werden kann, damit sich eine Änderung der – herrschenden – Verhältnisse vielleicht auch im Theaterspiel als Wechselspiel mit dem Publikum herbei imaginieren lässt. Aber das kollektive Subjekt, dessen Rosinskis Volksbühne bedarf, um einen – ja – vielleicht – verändernden – Subversionsauftrag innert herrschender Verhältnisse an den Mann/Frau zu bringen, ist zerfallen in das Personengestöber der Leute und der Differenzen.
Die Armen und Notleidenden dieser Welt seien eine sprachlose Menge, aber das Theater könne nicht mehr so naiv sein, ein repräsentatives Sprechen “über” Armut, Not und Verunsicherung einfach in seine Auslagen zu nehmen. Denn jedes repräsentieren wollende Gestikulieren oder Sprechen “über” – vereinnahmt den Besprochenen und löscht ihn damit als “Anderen” aus. Rosinski nennt diese Einsichten, ein “sich ehrlich machen” von Stadttheatern.
Ist das eine – vielleicht notwendige – Variation auf ein theologisches Bilderverbot?
Der von dem revolutionsbefeuernden Potential der Volksbühne erwärmte Leser des Rosinski-Artikels bekommt darauf seine Abkühlung. Was? Kein kollektives Subjekt mehr? Eine schlechte Nachricht, die hier auf den Samtkissen von Marx- und Foucauld-Zitaten dem bangen Sehr-Gerne-Revolutionär von der indischen Intellektuellen Spivak überreicht wird.
Die Nachricht scheint Rosinski so “ungeheuerlich” brisant, dass er sie nicht selbst denkt – dafür vorsichtig von der korrektesten Hand, die man sich vorstellen kann, überreichen lässt: Spivak. Frau. Inderin. Intellektuelle. Derridaübersetzerin.
Zusammen mit Spivak dämmert auf, dass womöglich der Komplex der postmodernen Ästhetiktheorien samt 1000 Deleuze-Plateaus, Rhizomatik, Grammatologiemätzchen und Simultansimulationen eventuell nicht ganz unschuldig an einer solchen Zerstäubung sein könnte.
Diese, dieses oder das, hat womöglich zur Zerstäubung beigetragen und die “Begehrens – und Machtsphären” in den ontologischen Häcksler der Nichtidentitäten gesteckt, an dessen anderem Ende dann nur noch Differeancekompost heraus bröselt. Auf dem Differancekompost wächst dann irgendwann die böse Kompostkulturpflanze “Kapital” womöglich besonders gut. Aus der Kultur-Industrie ist die Adorno-Industrie geworden. Warum Adorno-Industrie? Soll gleich überlegt werden.
Eine Lehre von begriffsgeschichtlichen Entwicklungen heute: Konzepte – in dem Falle das Konzept der “Nichtidentität”, und die gesamte Postmoderne könnte man politisch und ästhetisch auch als Adorno-Derivat der Nichtidentität betrachten – werden von den Nachfolgern unweigerlich in einer Art Diskurs-Industrie gebrauchsfähig gemacht – ergo: in ein Identifikations-Gestell hineingestellt.
Man kann es so sagen: Hegel selbst war kein Hegelianer, Marx selbst war kein Marxist, Kafka selbst nicht kafkaesk und Adorno kein Adornojaner, und Deleuze selbst war kein Rhizom. Es sind die nachfolgenden Generationen, die Schüler, Adepten, Exegeten, die aus Gedanken Lager gründen, Produkte oder Artikel herstellen. Arbeitsprogramme. Spielpläne. Namen. Funktionen. Anwendungen. Und das erst…wird dann wirksam. Kumulativ ökonomisch. Gebrauchend und verbrauchend oder auch: gesprächsmächtig. Wer hätte gedacht, dass sich heute ungefähr 80 Prozent unserer Ökonomie von der Nichtidentität ernährt. Ich schätze, ungefähr 70 Prozent des Bruttosozialprodukts werden mit Adornos Nichtidentität verdient. Wenn nicht sogar mehr.
Zunächst paar Adornoklassiker:
“Der Gegenstand der Ästhetik bestimmt sich als unbestimmbar, negativ.
Deshalb bedarf es der Philosophie, die sie interpretiert, um zu sagen,
was sie (die Ästhetik, Kunst) nicht sagen kann, während es doch nur von
Kunst gesagt werden kann, indem sie es nicht sagt.”
(Adorno, Ästhetische Schriften)
“Kunst ist nicht nur der Statthalter einer besseren Praxis, als der bis heute herrschenden,
als ebenso Kritik von Praxis als der heute Herrschenden, als der brutalen Selbsterhaltung
inmitten des Bestehenden und um Seinetwillen…..”
(Adorno, Ästhetische Theorie)
und noch ein drittes :
“Philosophie, wie sie nach allem allein zu verantworten wäre, dürfte nicht länger des Absoluten sich mächtig dünken, ja müsste den Gedanken daran sich verbieten, um ihn nicht zu verraten. Und doch vom emphatischen Begriff der Wahrheit sich nichts
abmarkten lassen. Dieser Widerspruch ist ihr Element. Es bestimmt Sie als negative.”
(Adorno, Ästhetische Theorie )
Deleuze, Derrida und das etwas neuere Zertifikat Georgio Agamben sind, politisch gelesen, Adorno-Derivate. Sie haben es dem intellektuellen “Diskurs” ermöglicht, mit Adornos “Nichtidentität” weiterzumachen, als dieser schon bissel aus der Mode war, ohne dass es weiter auffiel. Sogar der Pop, in dem Moment, als er seine Theoretiker bekam, wurde adornofiziert.
Alles, was eine Interpretationsmaschine an ein “Ungesagtes” anschließt, schließt sich gewollt oder ungewollt - an Adorno an.
Hier kann nun vermerkt werden, dass weder Adorno noch die Postmoderne das Konzept der “Nichtidentität” oder der “Strukturen” erfunden hat. Sie hat es nur wiederbelebt. Weil es eigentlich ein mystisch theologisches Konzept ist, dass Eckhard von Hochheim (Meister Eckard) im 13. Jahrhundert bereits sehr knackig formuliert hat.
Zitat Meister Eckhard:
“Gott ist nicht Wesen noch Güte. Güte klebt an Wesen und ist nicht breiter als Wesen, denn wäre nicht Wesen, so wäre nicht Güte, und Wesen ist noch reiner als Güte. In Gott ist weder Güte noch Besseres noch Allerbestes.
Wer sagte, dass Gott gut sei, der täte ihm ebenso unrecht, als wer die Sonne schwarz hiesse.”
(…)
“Das verborgene Dunkel der ewigen Gottheit ist unerkannt und ward nie erkannt und wird nie erkannt werden. Die Selbsterkenntnis des Einen kann nur im Weltlichen stattfinden, da das Erkennen eine Struktur der Welt ist.”
Meister Eckard, Was ist Gott.
Bei Meister Eckardt im 13. Jahrhundert also steht Gott jenseits von Moral und jenseits von Wesenheit. Man könnte sagen, er fehlt. Er ist ein Fehler. Aber dieser Fehler definiert überhaupt erst das (dynamische?) Sein als Struktur und diese Struktur ist ein Erkennen. Erkennen als Handlung, nicht Erkenntnis als Bild
Vielleicht ist Eckard von Hochheim der heimliche, der eigentliche Philosoph unserer Zeit.
Erkennen ist eine Struktur der Welt.
Aber: Was gehört dann eigentlich nicht zum Erkennen?
Man kann sehen, dass Adornos negative Dialektik mit Meister Eckards Predigten überstark flirten, und das Konzept von Nichtidentität eine verkleidete Form der Theologie genannt werden kann. Ebenso steckt auch sehr viel Derrida schon in diesem Meister Eckard: “Erkennen ist eine Struktur der Welt” – das ist eine Menge Postmoderne für’s 13. Jahrhundert.
Die Postmoderne bindet oder band sich zu großen Teilen wieder an die negative Theologie der Mystik. Ihr Gott ist allerdings jetzt eine Leerstelle, die sie “Nichtidentität” oder “Struktur” nennt – oder “Spielen” oder “Arbeiten” oder “Fluxus” oder “Spontanität”
Das Geheimnis unserer Zeit scheint zu sein, dass dieser unsichbare Gott der Nichtidentität unsere scheinbar so säkularisiert sich gebärdende Moderne, eigentlich zu einer theologischen macht. Wir sind garnicht säkularisiert. Wir leben immernoch in einem theologischen Gesprächsraum der Bilder-Verbote, der Repräsentanzverbote. Der Gott ist ein unsichtbarer Gott der Nichtidentität. Aber weil er so garnicht da ist, so garnicht identisch, muss er permanent produziert werden, angepasst werden und angesprochen.
Und diese theologische Nichtidentität treibt die Märkte in die Andersheitendynamik, in der morgen die Version 2.0 anders anders ist, als die Version 1.0 heute war. Die scheinbare Nichtveränderbarkeit der Gesellschaft als Ganzes lebt sich in einer rasanten Dynamik der permanenten technischen Veränderungen aus. Und diese Dynamik braucht die Nichtidentität als Pseudolücke, die notwendig ist, um Unterschiede zu produzieren. Distinktionen.
Das Kapital der Unterscheidung. Viele Kulturverschworenen vergessen immer mal wieder, obwohl sie es eigentlich wissen, dass die Ökonomie heute zu einem starken Anteil eine ästhetische und philosophische Ökonomie ist. Der Anteil des Funktionalen als der instrumentelle Gebrauchswert von Dingen und Produkten und Funktionen wird heute stark überragt vom ästhetischen und diskursiven (philosophischen) Wert einer Sache. Die Dinge und die Technik selbst sind stark philosophisch und ästhetisch geworden. Und seit einiger Zeit stellt sogar das “Spielerische” einen ökonomischen Diskurswert da. Der Claim einer Canon-Digitalkamera heißt ja nicht: Komm arbeiten. Er heißt: Komm Spielen. Das könnte man auch aufs Dach der Volksbühne schreiben.
In solchen Zusammenhängen hat es “Subversion” schwer. Den jede Subversion produziert zunächst wieder nur eine neue Unterscheidung.
All diese ästhetisch diskursiven Werte definieren über die Pseudo-Lücke der Nichtidentität die Unterschiede zwischen Dingen und Personen, Augenblicken, Orten etc.. Und jeder Unterschied, der bewusst bestritten wird, in dem er sich selbst bestreitet, ist heute automatisch ästhetisch-technisch und damit ökonomisch brauchbar, weil kommunikabel. Aber zugleich auch niveliert, weil sozial gleich-gültig. Identifiziert werden nicht Identitäten, sondern Unterschiede. Der allergrößte Unterschied macht dann immer den Hype aus. Dass viele sich ein i-phone zulegen, trägt die ironie, dass alle das Ding wollen, dass “am meisten anders ist” Die Kategorie des “Neuen” wirkt hier als Verstärker der Kategorie “Anders”. Keine neue Erkenntnis. Die berühmte Individualisierungsfalle.
Ein Grund, warum aus den drei genannten Adorno-Zitaten eine ganze sozusagen theologische Adorno-Industrie ausfloss. Eigentlich eine Meister Eckard-Industrie. Dafür kann Adorno nichts, aber es bleibt ein Fakt. Weil das, was die Ästhetik der Produktion und die Ästhetik der Ökonomie nicht sagt, das Nichtidentische wird zum Hinterhergesprochenen, in die Pseudo-Lücke der Nichtidentität hineingesprochen und dann kenntlich gemacht. Als “Unternehmensphilosophie” die immer bereit ist “Interpretationsarbeit” an ihrem Produkt zu verkaufen. Insofern sind auch Diskurse zu den Konsumenten und Produzenten zu zählen. Diskurse kaufen und verkaufen Nichtidentitäten, indem sie Unterschiede besprechen, “bestreiten” - werden Unterschiede erzeugt und erregt. Ich kaufe und begehre heißt zugleich: Ich interpretiere Nichtidentisches und unterscheide.
In diesem Zusammenspiel liegt auch ein Geheimnis des Ökonomie.
Das Begehren, der Eros, will immer das Andere.
Der Eros will den Unterschied. Man könnte auch sagen: Die Gene wollen die Mutation und die Diversifikation. Die Nichtidentität. Deshalb ist Adorno heute ökonomiekonform, weil seine Nichtidentität die Pseudolücke ist, die irgendwann als Marktlücke entdeckt und dann ökonomisiert wird.
Als Industrie der Ästhetik und Distinktion, die sich als ein Begriffetauschhandel an den Diskurs – Interpretations – und Unterscheidungsbörsen fest etabliert hat, mit entsprechenden Umsätzen im Distinktions-Währungshandel der Andersheiten und den Regularien der verarbeitenden Begriffs – und Metaphernwirtschaft unter Theoriejockeys, Bescheidwissern, Trendsettern, Unterscheidungsprofis und Early Adopters oder Last-minute-Theroetikern.
Adornos Verdacht, dass die Ökonomie Identität als herrschendes Prinzip an den Warenfetisch (Marx) koppelt, der dann wieder in Repräsentation die Machtsphären der herrschenden Verhältnisse bestätigt, kann heute glattweg gekontert werden.
Nicht die Identität ist heute “herrschaftsbindend”, sondern die Nichtidentität, sprich: Der Unterschied, der Nichtidentität braucht, um sich als Unterschied zu etablieren. Sage mir, wie anders Du bist, und ich kenne deinen Wert. Die Ökonomie will nicht Identität, sie will die Differenz, den Unterschied. Jeder ist für sich – so dermaßen anders, dass wir uns als Ganzes nicht mehr ändern können. Darüber und daneben aber läuft ein permanentes hyperdynamisches Änderungsprogramm von Version zu Version: Änderung 1.0 wird morgen Änderung 2.0 u.s.w.
Es ist also garnicht so, sondern ganz anders.
So kann man die Ökonomie der Nichtindentität auch als Andersheitsökonomie beschreiben, die das von Rosinski so dringend gesuchte kollektive Subjekt in eine Kakophonie aus Seelenklingeltönen zerlegt, die sich nur noch schwerlich zu einem gesellschaftlichen Orchester vereinigen.
Seelenklingeltöne, die allerdings oft etwas hölzern klingen.
Und Rosinski nennt das einen “fürchterlichen Verdacht”.
Anstatt aber nun diese sozioökonomische ästhetisch-ökonomische Escherfigur einmal darauf hin zu untersuchen, warum genau sie sich bilden konnte und was ihr innerer Movens ist, weicht Rosinski mit einem Roland Barth – Zitat in den Karneval aus.
Das alte Spiel von Identität/Nichtidentität spielen Theater gerne durch an dem Synonym
Repräsentanz/ Nichtrepräsentanz.
Klar, die ungebrochene Repräsentanzgeste des guten alten Schauspielertheaters, das vom hell heiligen Bühnen-Podium ins Dunkelverdorbene des Zuschauerraums autoritär hinein gestikuliert, ist ja seit gefühlten 500 Jahren uncool. Zumindest in der Volksbühne Berlin. Und nicht nur ein Rene Polesch führt das als Adorno-Derivat seit einiger Zeit diskursiv erhitzt immer mal wieder auch sehr unterhaltsam vor. Rosinskie meint: Man wisse zwar, dass es ein kollektives Subjekt nicht mehr gebe, ebenso wisse man, dass keine “repräsentativen” Gesten oder Sprachen mehr ausgelegt werden könnten, die “für” Andere sprechen, aber irgendwie könne man ja als “Forum von räsonierenden Privatpersonen” nicht weise abseits stehen…und müsse Dinge weiterhin ansprechen…. ( Neue Bescheidenheit der Volksbühne Berlin: Forum räsonierender Privatleute.)
Aber: Die Sprachlosen der Straße? Stimmt das denn? Als sei die Volksbühne Berlin
jemals angetreten, Mario Barth das Olympiastadion oder Cindy aus Marzahn das
Publikum streitig zu machen.
Also überlegt der Chefdramaturg, das untote kollektive Subjekt imaginär zu installieren,
um es aber gleichzeitig “wieder durchzustreichen”, denn man wisse ja wie “prekär” ein
solches Vorgehen sei….usw.
Etwas zu imaginieren und es gleichsam wieder durchstreichen – Nichtidentität?
Am Ende soll es die “Arbeit” richten. Nicht die verabredeten Gesten und Sprachen,
aber die Arbeit an der Geste, die Arbeit an der Sprache soll es richten.
Rosinski:
“Dass Arbeit sichtbar wird, scheint aber die mindeste Voraussetzung für jede Art von Revolution. Vorher braucht man davon nicht zu sprechen.”
“Arbeit” ist jetzt das neue Schlagwort der Volksbühne.
Es liegt einem irgendwie auf der Zunge: Macht Arbeit jetzt frei?
Hier klingelt aber jetzt der Klinglton und er klingelt wieder nach dem, was die Volksbühne immer schon gemacht hat, dort, wo sie besonders unterhaltsam war. Fluxus. Eine der beliebtesten Konzeptderivate, die man immer dann aufsetzen kann, wenn man Konzepte eigentlich aus guten oder schlechten Gründen ablehnt. Lass uns kein Projekt zeigen, sondern das Suchen nach einem Projekt, na ist doch schön. Und meint letztlich: Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es, (Erich Kästner)
Insofern begibt sich jetzt die Volksbühne auch auf die Spuren Meister Eckards. Sie verbietet sich das Bild oder die Sprache der Repräsentation – und nimmt “die Arbeit” selbst als Erkennen, als eine Struktur der Welt, die im Wirken die Repräsentation meidet.
Meister Eckardt schreibt:
“Wer von Gott als Gottes Sohn geboren ist, der liebt Gott um seiner selbst willen, das heißt: er liebt Gott um des Gott-Liebens willen und wirkt alle seine Werke um des Wirkens willen. Eckardt von Hochheim, Buch der göttlichen Tröstung
…wirkt alle Werke um des Wirkens willen
Man soll Gott um des Gott-Liebens willen lieben und alle Werke um des Wirken willen wirken. Das ist eine Gebrauchsanweisung für den Fluxus aus dem 13. Jahrhundert. Wenn das nicht eine negative Theologie genannt werden kann, dann weiß ich nicht.
Wer weiss. Manchmal hilft ja auch einfach eine konzeptionelle Atempause. Die besten Einfälle kommen immer, wenn einem nichts mehr einfällt. Wichtig bleibt, wie das mal der anderer Chefdramaturg Hegemann hinterhältig ausgedrückt hat:
Auch in der Volksbühne Berlin müssen die Schornsteine rauchen. Was da drinnen kokelt, ist nicht immer ganz so wichtig. Und wenn es Spaß macht und Zuschauer lockt, ist die Welt in Ordnung.
Andererseits:
Ein sich als “subversiv” definierendes Forum räsonierender Privatleute wie die Volksbühne Berlin könnte sich auch von einer anderen Seite ihrem Thema “Gesellschaft” nähern. Anstatt die ollen Kamellen “Repräsentanz” und “Sprachlosigkeit” und “Nichtidentität” aufzuwärmen, wäre es eine ernsthafte Geste, sich mit den Mediamärkten und Fussballstadien solidarisch zu erklären, weil dort die “Sprachlosen” sich aufhalten, die Rosinski ganz romantisch immer noch massenweise auf der “Straße” vermutet. Auf die Idee, dass das abhandenkommende “kollektive Subjekt” seine Sprache in Wechselwirkung von Funktion nach Dysfunktion von Qualifikation und Disqualifikation von Lese nach Auslese peu a peu mit der immer sprechender werdenden Technik abtauscht, kommt Rosinski nicht. Stattdessen bemüht er die Zitatenmühle der Theologie von Nichtidentität, um für die vielleicht letzte Legislaturperiode von Castorf den Schornstein zu heizen. Ein kollektives Subjekt soll imaginiert und gleichzeitig durchgestrichen werden. Naja. Die ganz oben gestellte Frage würde ich mir so beantworten:
Solange die “intellektuelle Produktion” von Theater nach den Gesten und ihrer Sozialität unter Gesten allein fragt, nach dem Gewissen, seiner Solidarität, seinem Gerechtigkeitsempfinden, seinem Genießen, seiner Frustration, seiner wie auch immer zersiedelten oder depravierten oder globalisierten Psyche- und all diese Haushalte mit den Mitteln des Spiels, der “Arbeit”, der geformten Gesten und Sprachen ebenso wie mit geformten Nichtgesten und Nichtsprachen in Pathos oder Nichtpathos, in Räumen oder Nichträumen, ironisch oder nichtironisch, in Szenen oder Nichtszenen zwischen Schauspielern und Spielschauern heißblütig oder kaltblütig irgendwie auf die Sprünge helfen möchte – solange verteidigt dieses Theater vorbildlich die innere Moral seiner eigenen Biologie, die in Zeiten von Flickr und Onlinepoker eine “reine” Theaterbiologie ist, und die sich selbst von der soziotechnologischen Verkopplung da draussen – weiterhin entkoppelt – pflegt – - als Theologie der Nichtidentität, und erzeugt damit doch nur Biogesten des Nurpsychischen, die es dann als Biozeichen in den Kommunikationshandel von Sinnlichkeitszeichen, seiner Gerüche, seiner Gefühle, seiner impulsiven und spontanen Elemente der biogestischen Verarbeitung als Bio-Arbeit in den Markt aller Biogestiken einspeist.
Theater braucht die (mystische) Theologie der Spontanität, des organisch “wirkenden Wirkens” der Biologie und des Körpers, um als Theater zu funktionieren, das ist heute sein Segen und sein Fluch. Insofern ist noch die abgerissenste und authentischste Konfliktarbeit im Umfeld von Theater sehr anschaulich und mental haptisch. Im besten Falle liefert solches Theater einen Manufaktum-Effekt oder eine Manufaktumindustrie der Gefühle: Es gibt ihn noch, den guten alten Konflikt. Die gute alte Verunsicherung. Das gute alte Gefühl. Die gute alte Spontanität. Den guten alten Arbeitslosen den guten alten Globalisierungsverlierer etc….Eine etwas andere Übersetzung für die Adorno-Industrie, die jetzt langsam in die Manufaktumkataloge abwandert und dort das gute alte Nichtidentische in den Komunikationsmarkt einspeist.
Die “Gesellschaft” aber wird davon aufs Ganze betrachtet nicht gestört. (Wenn das denn angestrebt sein sollte.) Das muss sie ja auch nicht. Denn sie speist ihren Veränderungsimpuls heute sofort in die Technik. Noch bevor an der Volksbühne Berlin zwei Dramaturgen gewechselt haben, sind online schon 5 Generationen von Flash-Programmen über den Jordan gegangen.
Gewonnen im Sinne von Aktivierung oder Veränderung wird mit diesem Theater vielleicht eine Art “Seelenlärm” – wie der Expressionismus vor hundert Jahren einmal bezeichnet wurde. Heute könnte man dem noch den Soma-Pop und die somatische Religion (Lem) und die Bio-Gestik hinzufügen. Es wird das Theater als diskursives Biogestell oder biologische Anstalt zum wiederholten Male installiert. Auch das kann eine legitime Funktion sein, als Memorial.
Solange, bis nicht mehr nur zwischen Bioklassen unterschieden werden muss, dafür zwischen Bio-Massen. Wobei die eine Biomasse als technologisch anschlussfähig und gestisch qualifiziert sich in die Zukunft einspeist, während der andere Teil als nichtadaptierbar in die Biotonne der Perspektivlosigkeit entsorgt wird – dann als ein Rest, sozusagen als das Humanplankton von Marzahn. Bei freiem Eintritt aber ohne Gage und ohne grünen Punkt.


Kommentare (Kein Kommentar)
Ihr Kommentar