Charlie Brown: When the music stops…
Ein kleiner Trick wird gegen Schüchternheit empfohlen. Wer es
nicht gewohnt ist, allein und frei vor einer größeren Gruppe
von Zuhörern eine Rede zu halten, dem rät man, sich das
lauernde Publikum während des Vortrags nackt vorzustellen.
Das soll die Exponiertheit des Redners abgleichen
ihm einen Gegenüber-Blick geben, und ihn so innerlich
wiedereingliedern in die Gemeinschaft, in der keiner wirklich
ganz nackt oder ganz bekleidet dasteht.
Ein Anlass zur Überlegung. Ob so eine Form der ausgleichenden
Moderation auch auf größere gesellschaftliche Gefüge anwendbar wäre.
Wie kann man das einzelnes “individuelle Schicksal” sich vor einer
versammelten Menge von verschiedenen “zuhörenden Schicksalen” gestellt denken,
wo es dann über seinen ganz eigenen Ort Auskunft geben soll, in freier Rede,
ohne dabei in Verlegenheit zu geraten.
Wer spricht, muss immer gewahr sein, dass tausend Andere nicht sprechen.
Und wer ein allgemeines abstraktes Wort an Zuhörende richtet
wird irgendwann noch einmal steng ins Verhör genommen vom sehr Konkreten,
dem Sinnlichen des Moments. Ex nunc. Aus dem Jetzt.
Musical Chairs oder die Reise nach Jerusalem.
Das so genannte kollektive Unbewusste soll nach C. G. Jung
eine evolutionär gewachsene Kondition sein, die
Gemeinschaften formt, ihr Verhalten bestimmt – ihnen geradezu
eine Psyche zuschreibt. Aber ungeschrieben. Nonverbal.
Wenn man sich den Ablauf des Spiels vergegenwärtigt,
könnte man die These vom kollektiven Unbewussten beinahe glauben.
Das kollektive Unbewusste als ein Anonymus, der solche Spiele erfindet.
Das Spiel, seine bildgebender Ablauf oder sein ablaufendes
Bild, hat diese Simplizität, die unangenehme Stimmigkeit
von Redensarten und auch die weitreichende Präzision
von Kindermärchen, die jeden umständlich sortierenden Soziologen
neidisch verstummen lässt.
When the music stops….
…das bängliche Rumpeln und Drücken, das Fühlbarwerden der
surrenden Nano-Angst vor dem Platzverlust; die sich auf die Stuhlsitzflächen
geradezu hinunter bombenden Existenzen. Ein kurzer Moment der Stille.
Die Erleichterung, es diesmal, wieder einmal, noch einmal, auf einen Stuhl
geschafft zu haben. Und: Der Blick oder die Blicke auf den, der stehen blieb, der übrig blieb,
und jetzt – nun ja – eben gehen muss – ausgeschieden.
Ein nicht ganz lustiges Spiel, aber immerhin und vielleicht deshalb: Auf der ganzen Welt bekannt.
Von Österreich bis zu den Phillipinen.
Die schräge Empfindung, when the music stops, der gefühlte Kitzel
von postfreundlichem Durchsetzungsakt und dem noch einmal
glück-gehabt-habendem Davongekommensein in Tauglichkeit
für die nächste Runde.
Eine voreilige Metapher würde hier vielleicht von
Ellenbogengesellschaft sprechen oder von Verdrängungswettbewerb.
Dabei regiert hier lediglich eine Regel, vor der im Grunde ausnahmsweise alle
Menschen gleich sind. Die eine Regel, ist die der Routine, der Ronde, der Wiederholung.
Die Rotation als dynamische Form der Kopie von Halbumlauf zu Halbumlauf.
Teilhabe von allen an einer kreisenden Bewegung.
Der Plattenspieler. Die Musik.
So einigen sich Gesellschaften überhaupt zu bewegten Formationen.
Man ist sich grundsätzlich darüber im Klaren, dass alle Bewegung nur motiviert
sein kann, wenn da an irgendeiner Stelle ein Verlust reguliert ist.
Der Mangel, das Fehlen eines Stuhl ist das, was die Stühle so wichtig macht,
und jedes Platzhaben ist nie so ganz selbstverständlich.
Ist es das, was die Lebensphilosophie als Elan Vital (Bergson) oder
mit dem “Willen” (Schopenhauer) meinte?
Und zum zweiten – der Fehler. Das Aussetzen der Musik.
Der Moment der Entscheidung.
When the music stops. Man könnte auch sagen:
Der Fehler macht Entscheidung zugänglich und abgänglich.
Eine Ordnung öffnet sich für den Verlust von Ordnung um sich – zu ordnen.
Ein Stuhl wird beiseite gestellt. Und einer kann, darf, muss, soll – gehen.
Anderseits: Sie oder er hat es hinter sich.
Warum das Spiel nicht nur und nicht vordergründig als darwinistisches
Auslesespiel gelesen werden kann, wird klar, wenn man die Wertung
umdreht. Man kann sich nie ganz sicher sein, ob die auf die Stühle sich hinunter
werfenden immer und ewig – - die Gewinner sind.
Gut, in dem Spiel gewinnt der letzte, ganz klar.
Aber in einem erweiterten Bild nicht unbedingt.
Es kann auch lebensrettend sein, einen Marktplatz vorzeitig zu verlassen,
oder zum richtigen Zeitpunkt aus einem Spiel auszusteigen.
Aktieninhaber wissen es.
When the music stops…
…kann auch bedeuten: Glück der Bewegung. Der Ausgeschiedene darf sich weiter
bewegen. Er darf gehen. Ist entlassen. Er investiert jetzt woanders.
Oder: Er verlässt das Caffee, noch bevor die Bombe hochgeht.
All die Stühle haben nun keine Zukunft mehr. Sie werden immer geringer
Und wer zuletzt noch sitzt, der hat verloren.
Dann ist da – auf dem letzten Stuhl – nichts mehr
zu wollen.
Stühle sind attraktiv, solange sie umrundet werden.
Die moderativen Qualitäten des Spiels, wenn man das als Bild nimmt,
zeigen sich in dieser Zweideutigkeit. Es kann sein, dass ausgerechnet
der letzte auf dem Stuhl nur noch ein Verwalter einer überkommenden Routine ist.
Der übrig gebliebene Rest eines xmal sich kopiert habenden Vorgangs
Kein Gewinner mehr, eher ein Ewigsitzender.
Weil die Menge, die Gemeinschaft, sich längst woanders aufgestellt hat.
Das Abseits ist nun kein Abseits mehr, dafür der Platz von fast allen.
In sozialen Bewegungen kann das Spiel hineingelesen werden.
So, wie es heute noch einen Gewinn verspricht, einen Platz zu verteidigen.
Aber genau diesen Platz will nach der nächsten Umdrehung niemand mehr haben.
In der kommenden Epoche, und es kommt immer eine nächste,
war es womöglich ganz falsch, je auf einem solchen Stuhl gesessen zu haben.
Die Zukunft, und dieses Spiel handelt auch davon, findet immer dort
statt, wo sich Mehrheiten sammeln. Damit ist noch nichts über die Qualität
von Zukunft gesagt.
Biologen wissen heute, dass in der Reproduktionsmaschine
von Zellen eine hochempfindliche Ballance zwischen Reproduktion (Kopie)
und Reduktion (Fehler, Mutation) eingestellt ist. Auch hier spielt die
Natur offenbar das selbe Spiel. An den Enden der Chromosomen
sitzen Teleomere, deren Zahl im Laufe des Lebens von Kopie zu Kopie
abnimmt. Dabei nimmt die Wahrscheinlichkeit für Kopierfehler langsam zu.
Gäbe es eine Regelung, die vorsieht, jedes neu vereidigte Ministerkabinett
dieses Spiel vor laufenden Kameras spielen zu lassen oder in großen
Konzernen das Management zu verpflichten, einmal im Jahr vor der Belegschaft
die Stühle zu umrunden – unser Verhältnis zur Politik, zur Ökonomie,
zur Öffentlichkeit als solche, und zu den jeweiligen Figuren, die hier ihre
Runden drehen, würde sich anders darstellen. Vielleicht moderierter, entspannter.
Möglich, das Spiel erzählt sogar einen physikalischen Seins-Ablauf
Eine Ordnung verändert sich, indem sie streut, peu a peu
an das Offene abgibt. Die Anzahl der Stühle nimmt ab,
die Moleküle einer Formation streuen. Dabei kopiert sich ein Vorgang.
Man könnte auch sagen: So existiert diese Ordnung, in dem sie abgibt.
Oder als ein Prinzip von Wahrnehmung: Der Moment
einer Beobachtung hält einen Prozess an und er-zählt ihn.
Das Quantisieren aber, die Er-Zählung, ist nur zu haben
um den Preis der aussetzenden Musik.
Ein kurzer Stillstand, der einen Verlust an Bewegung bedeutet.
Die Wahrnehmung quantelt. Sie hackt. Die Musik stoppt.
Aber das Aussetzen der Musik formiert etwas. Ein Bild.
Und dieses Bild ist eine In-Formation.









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