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Tim Boson

Am Illusionenbeschleuniger: Barack Obama

Toller Typ, lila Mann vor grünem Grund, weiß verkabelt mit ipod-Clip, Jogger, Kumpel.
Echte Globalstatuette mit 300-Watt-Lächeln, Blackberry und zeitgemäß, unser neuer Präsident.

Ein Mann räumt auf. Stellt richtig. Geträumte Westerndramaturgie, der man zu gerne sich
hingeben wollte, obwohl einem sonst ja nur noch wenig zugesagt hatte an einem klassischen
Wild-West-Amerika.

Dabei ist es jetzt fast schon wieder etwas stiller um ihn geworden.

Barack Obama war nach Maßgabe einer MetaThermik im Präsidentenamt sehr begrüssbar.
Und schließlich auch zu erwarten. Die Attribute seiner negrid gemischten Flughafen-Biografie, seiner multilokalen Prägungen stehen für die Realität einer mobil globalen Gesellschaft, die nur so, sich weiter ineinander mischend und vermischend, im Fortgang dieser Thermik  auch in Zukunft denken lässt.

Hier regiert zunächst mal ein Naturgesetz und erst dann ein Präsident.

Obama also der Gute jetzt. Der schwarze Mann mit weißem Hut,
der nun den bösen weißen Mann mit schwarzem Hut vertrieben hat.
Die europäisch altabendländisch moderierte Wahrnehmung hat ihn, aufatmend,
beinahe märchenhaft angetan, begrüßt als den Richtigsteller auf dem Pferd.
Den Geraderücker.

Er strahlt ja auch, wirklich.

Abgesehen davon, dass Obama weltmännischer anreitet und agiert als sein Vorgänger, dazu noch besser aussieht und wohl keine Hüte trägt und mit dem Flugzeug reist, war der vorhergehende Absatz sowieso geflunkert.

Denn dieses Schwingen im Wechselspiel von – aus europäischer Sicht – guten und bösen
Präsidenten, hat in den vereinigten Staaten eine Tradition.
Ist womöglich sogar so alt wie diese erstaunliche Verfassung selbst – und liegt so sehr auf der Hand, dass man nur die Abfolge der Präsidenten und die mit Ihnen verknüpften bad guy/good guy- Administrationen, die Kriege, Abrüstungsvereinbarungen, MC-Carthy-Verfolgungen, Entspannungsphasen etc… bei Wikipedia oder im Geschichts-buch nachzuschlagen braucht.

Republikaner und Demokraten spielen seit Epochen das bad guy/good guy Ping-Pong.
Das Spielnetz spannt sich dabei zumeist von einem texanischen Kaff um die Erde
über Asien bis zum Brandenburger Tor.

Die Mächtigkeit der Vereinigten Staaten, ihrer Geschichte und ihrer Tradition, zeigt sich darin, dass “Typen wie Obama” hier sozialisiert und dann tatsächlich Präsident werden können. So etwas ist hier also möglich.

Wo sonst noch?

Erkauft allerdings immer um den Preis, dass vorher zumeist ein Typ Bush, Typ Nixon, Typ Reagan,  für die nötige Grundspannung im Überdruss-Katapult gesorgt hat. Sicher gibt ein Obama nicht die einfache Tellerwäschergeschichte, aber immerhin ist er doch sehr typisch amerikanisch sympathisch.

Eine Schwäche des altabendländischen Wahrnehmens produziert gerne die Illusion, dass der nächste Obama oder der nächste Typ Bush, der ganz sicher auf diesen Obama auch wieder folgen wird, das Prinzip USA in eklatanter Weise verändern wird.

Aber alles, was auf der Welt im Großen passiert, ob ethnische Konflikte, religiöse oder rassistische Animositäten, Abspaltungen, Genozide, provinzielles Sektierertum oder Kirchengründungen – all das haben die USA in ihren politischen Genen oder vorweggenommen immer schon auf ihrem eigenen Territorium ausgetragen. Deshalb ist sie das Weltlabor. Und kann in Folge dessen nur schwerlich moralischer oder integrer handeln, als der Rest der Welt im Durchschnitt betrachtet.

Dass sie es mit ihrer alten halbwegs demokratischen Verfassung im Grunde seit über 200 Jahren zumeist trotzdem tut, stellt dann doch eine gewisse Leistung dar.

Damit ist nicht von einer heiligen Unschuld dieses Prinzips USA  geredet, und nichts über das Leid von Kriegen oder über das Mitgefühl mit den Opfern. Oder über Kritikfähigkeit. Auch nichts über grundsätzlich zu überlegende Reformen zum global-monetären Wirtschaftssystem.

Sehr wohl aber über die Rolle dieser USA, die nach wie vor und auch in Zukunft der good guy/bad guy spielende Schwingkreis bleibt, der den globalen Fortgang der  Geschichte ganz deutlich mit Führungs-Impulsen versorgen wird.

Dass die Macht und das wirtschaftliche oder auch militärische Gewicht der USA vorhersehbar in der Konzentration abnehmen wird, ist eine Konsequenz der globalen Bewegung.
Auch das folgt dem Axiom einer Mischung als einer weiteren Verteilung, begleitet und bestimmt von Technologien und einer mit ihnen ausgreifenden amerikanisch-technischen Moderne.

Gut möglich, dass diese amerikanische Moderne irgendwann sogar selbst in ein Auseinanderbrechen der USA in mehrere autonome Teilstaaten mündet. Aber sie bliebe trotzdem eine amerikanische Moderne.

Der Vorreiter dieser Mischungsbewegung ist wiederum die USA als traditionelle Vielvölker – oder Multi-Ethnien-Gesellschaft, die sich letztlich – Todesstrafe hin oder her -Irakkrieg hin oder her – als eine Art schneller Brüter für globale Zukunftstendenzen präsentiert. Eine alte Binse, die nach wie vor gültig bleibt.

Wo andere Regionen jetzt stark und selbstbewusst werden, auch mit Autonomiegestus, segeln sie – im Wind – des amerikanischen Prinzips  – und nicht dagegen. Auch der große Unabhängigkeitskrieg samt Unabhängigkeitserklärung sind im Grunde nordamerikanische Erfindungen, wenn man vielleicht von der Schweiz mal absieht.

Die Autonomisierung ist eine Begleiterscheinung der Globalisierung.

Klar kann diese Bewegung auch immer in die Rückkrümmungs-Effekte hart konservativer
Provinzialisierung einwirbeln. Nicht nur in den USA. Nicht nur im Kosovo oder im Iran.

Leise, eher zurückhaltend wurde registriert, zumindest in deutschsprachigen Medien, dass Barack Obama die Forschung an embryonalen Stammzellen – im Gegensatz zu seinem Vorgänger Bush – jetzt komplett freigegeben hat – gegen den Einspruch von gewichtigen Bischöfen.

Auch das erstaunt wieder, wo man der Administration gelegentlich ja schon wieder unterstellt hatte, sie sei im Grunde genau so ein verhärteter Gottes-Staat wie ihre scharfen ideologischen Gegner.

Forschung an Stammzellen, genommen von menschlichen Embryonen.

Eine Entscheidung, die irgendwie nicht so richtig in das Bild des GeradeRückers
passen möchte. Oder vielleicht doch?

Pipetten pieksen da jetzt hinein. Für den guten medizinischen Zweck.

Naja, man wird sehen. Change. Yes, we can.

Was diese Pipetten – Entscheidung eigentlich bedeutet, ob sie möglicherweise in Ihren guten oder schlechten Auswirkungen alles in den Schatten stellt, was das zweifelhafte Irak-Unternehmen seines Vorgängers so mit sich brachte, wissen wir nicht.

Vielleicht kann man auf diese Weise später verletzten Soldaten wieder einen neuen Arm herbei züchten, so dass Verletzungen in Kriegen nicht mehr so endgültig ausfallen, und diese so wieder entspannter führbar werden.

Immerhin bedeutet diese Pipetten-Entscheidung die leise aber  deutliche
Überschreitung einer ziemlich fetten moralischen Demarkations-Linie.

Pipetten dürfen da jetzt hineinpieksen, ganz offiziell.
Und mal schauen, wie China diese Erlaubnis übernimmt, kopiert, anwenden wird.

Das kommt eben nur nicht so laut und spektakulär, wie der Start einer Tomahawk-Rakete.

Dass die eher leisen Pipettenbewegungen im Allgemeinen nicht so stark
wahrgenommen werden, liegt an unseren Gehirnen, die immer noch akkut
und im Modus althergebrachter Reizverarbeitung zumeist  spontan und im Reflex
von Heftigkeit auf heftige Bilder reagieren – ein Lächeln oder ein Weinen
in Gesichtern ihnen mehr sagt, als trockne Fakten und Statistiken.
Dementsprechend passen wir selbst samt  Medien uns auch an diese
Wahrnehmungsgewohnheiten an, was diese wiederum konditioniert u.s.w.

Wahrnehmung von Politik sowie unserer Reaktionen,
aber auch die Gewichtung, die wir Ereignissen geben, steht und fällt
mit den Affekten unseres Betroffenheitssensoriums, das von Bildern
mehr affiziert wird als von statistischen Tatsächlichkeiten.

Aber man wird sehen, welche Auswirkung jetzt diese eher knall-arme
und vom picture-apeal her wenig spektakuläre Pipetten-Entscheidung
in den nächsten Jahren zeitigt.

Spektakuläre Bilder sind auch hier nicht zu erwarten. Vorerst.

Da kann man nur wieder in den Erlenmeierkolben der Zukunft schauen.

Trotzdem, genießen wir noch eine Weile das gute Gefühl.

Labornotiz.


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Lucia

  • Der Garten Eden ist nicht mehr. Aber es schmeckt sehr süß. Blätter fallen und der Teich wächst zu.

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