Der Waldspaziergang

In einem großen, durch seinen reichen und gesunden Bewuchs und seine Ruhe sehr angenehmen Wald, während des Sommers, begegneten sich zwei Menschen.
  Nun wollte es der Zufall, dass sie sich inmitten des tiefen Waldes auf einem Weg treffen sollten, der in einer extrem langen Geraden verlief, und sie sich zu einem Zeitpunkt wahrnehmen mußten, da sich jeweils der eine an diesem und der zweite am anderen Ende des Weges befand.
  Der Weg, nur etwa drei Schritte breit und rechts und links von ungefähr fünf Meter hohen, weiten Kiefernpflanzungen eingefaßt, erschien wegen seiner Schmalheit noch länger, als er es war, und die beiden mußten sich, obgleich sie weit voneinander entfernt waren, wie Riesen sehen und veränderten auch im kommenden Sich-Nähern kaum ihre Größe, was die Begegnung auf ein ihnen unerträgliches Maß ausdehnte.
  Auf der einen Seite des Weges befanden sich also die eng wachsenden rotbraunen Stämme der jungen Kiefern, die sich in die Tiefe des Waldes hin zu einer dunklen, undurchdringlichen Wand verdichteten. Auf der anderen Seite war es ebenso. Aber dort waren die Kiefern hin und wieder von einer weiß strahlenden, durch den Kampf ums Licht überschlank gewordenen Birke durchsetzt. Nach oben hin schlossen sich die Wipfel der unmittelbar am Weg stehenden Bäume zu einem lichtdurchlässigen, schwach nach Harz duftenden Tunnel. Und der Waldboden war durch die in vielen Jahren abgefallenen Nadeln so weich und elastisch geworden, dass man, trat man einmal unachtsam auf einen kleinen trockenen Zweig, der da liegen mochte, erschrocken zusammenfahren konnte.
  Auf diesem Weg also kamen sich die beiden langsam, von Argwohn erregt, näher und liefen dann, ohne sich in die Augen sehen zu können, aneinander vorbei.
  Still blieb es, wie es beim Laufen auf solchem Weg nur sein konnte. Zu hören war nur ein schwach pfeifendes Rauschen in den langen Nadeln der Kiefernkronen, denn an diesem Tag mußte ein leichter Wind geherrscht haben.

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