TEUTONIKA – Leben in Deutschland

Ein beinahe schöner Traum

G. lief im Wald und wußte ja nicht, daß er eigentlich träumte.
   Er kam diesmal an eine Stelle, die er noch nie während seiner ausgedehnten Spaziergänge gesehen hatte.
   Die Luft und das Licht waren besonders rein und die Moospolster überall von Farben und einer Kraft ihrer Weichheit getragen, daß G. in seinen Schritten innehielt.
   Dicht um ihn, eine kleine Lichtung bildend, standen in einem Verhältnis gemischt, wie man es selten findet, Birken, Lärchen und Kiefern.
   Im Traum war es Herbst, und die Sonne schien noch sehr warm. Die Jugendliebe von G., die er schon mehr als zehn Jahre nicht mehr gesehen hatte, an die er in dieser Zeit aber fast jeden Tag denken mußte, erschien nun überraschend auf der Lichtung.
   Es ist wichtig zu wissen und heute kaum zu glauben, daß G. früher, zur Zeit seiner starken Liebe, diese nicht etwa zu erkennen gab oder sie zu verwenden fähig war, vielmehr erschien er damals böse, las viel in Büchern und trank erhebliche Mengen Alkohol.
   G. näherte sich ihr, die, als sie ihn sah, in verständlichem Argwohn verharrte, entspannte sie und sich selbst durch nur wenige Worte und verbrachte mit ihr auf der Lichtung herrliche Stunden des Verständnisses, wie es in seiner Jugendzeit nicht möglich gewesen wäre.
   Er hatte ihr auch seine Liebe von einst gestanden und ebenfalls, aus Ehrlichkeit, die er stets anwenden zu müssen glaubte, gesagt, daß er sie jetzt aber nicht mehr liebe.
   Sie glaubte ihm jedoch nicht und war sehr zärtlich, gab ihm noch einen Kuß und verschwand dann wieder, langsam, mit erwartungsvollen, kindlichen Augen zwischen den Bäumen.
   G. wußte jetzt, daß er sie noch oft wieder sehen würde.
   Er legte sich zurück auf das Moos, verfiel in die weite Vergangenheit und dachte mit verschlossener Freude daran, sie unter den neuen Bedingungen noch im Nachhinein zu bewältigen.
   Doch dann schrieb er plötzlich auf einen Zettel:
   Ich weiß nicht, ob Du die Kraft hast, aus vergangenem Leben Freude zu schöpfen, ohne von dem abhängig zu werden, was Gegenwart heißt. Der Mißbrauch der einen Person durch die andere liegt da nahe; und es würde dem Ziel eines Wiedersehens absolut widersprechen, sollte es Dich treffen; zu lieb habe ich Dich einmal gehabt!
   Dann erwachte G. erschrocken.
   Am nächsten Tag mußte er wieder arbeiten; er war Taxifahrer, machte seinen Beruf aber ungern.

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