Schattenwirtschaft und Milieus 1989 – 2009
Mein schönes Spitzelleben
Deutschland, so heißt das jetzt. Teutonika. Bloß keine Jubiläumsindustrie, keine Rückblicke.
Aber es gehört ja nun doch irgendwie hierher.
Zwanzig Jahre sind vergangen, und es ist doch ein guter Zeitpunkt, einmal den subjektiven Eindruck zu befühlen, wie sich die Biografien und Generationen zusammen gebaut haben in diesem jüngeren Gebilde. Ich sei dafür in einem guten Alter, hat mir neulich jemand gesagt, weil ich damals 1989, noch nicht alt genug gewesen bin, um als zu verstrickter Bitter-Ossi in das neue Deutschland hinein zu schmelzen; aber ich war auch nicht mehr jung genug, um ganz und gar ungeprägt von dieser DDR zu sein, die damals in das große Einschmelzen sich fügte.
Was heißt subjektiver Eindruck? Es bezeichnet den Ort im Wirbel der Prozesse – und die Geschwindigkeit, mit der sich der eigene wirbelnde Ort weiterbewegt und zugleich mit verändert. Ein Ort, dem ich hier einen speziellen Namen geben will. Und dieser Name heißt Milieu. Von Milieus soll hier zunächst die Rede sein.
Ich selbst komme aus der DDR. Aber ich komme hauptsächlich aus einem Milieu. Das Milieu in dem ich aufwuchs, war so austariert, dass es sich zum System DDR oppositionell verhielt, politisch und kulturell engagiert, so dass es heute beinahe als opponierendes Milieu gesehen werden könnte. Es befand sich am Rand hin zur Dissidenz, plus noch ein weniges mehr hin zu diesem Rand. Vielleicht sogar direkt auf diesem Rand. Auf einer Grenze. Hier allerdings, auf dieser Grenze, die mich auch prägte, hatte ich das große Privileg, als Kind und Heranwachsender gewisse Erfahrungen zu machen, die eben auch das einspeisen, was ich oben meinen “subjektiven Eindruck.” genannt habe.
Ich hatte das Privileg, ein Doppelspion zu sein, ohne als Doppelspion zu leben.
Ich konnte, ja durfte sozusagen spitzeln, aber nicht für die Stasi. Mein schönes Spitzelleben war meine Kindheit und Jugend, mein Heranwachsen, in das ich hineingeboren wurde und dass ich mir nicht „verdienen“ musste. Ich bekam dieses Spitzelleben geschenkt. Dieses Leben spitzelte nicht als Zuträger oder IM, es spitzelte vital aus der eigenen Wahrnehmung heraus und in diese hinein. Doppelspion nicht zwischen Ost und West, aber Doppelspion im Sinne einer frühen Aufmerksamkeit gegenüber Milieus, Millieugrenzen und Milieugrenzübergängen innerhalb der DDR, zu denen ich als Kind und Jugendlicher noch etwas unkomplizierter wechselnden Zugang fand, als dies im Erwachsenenalter möglich ist. Denn die Rollen waren in dem Alter noch nicht ganz so ernst gefestigt.
Als erwachsener Mensch bildet man eigene Milieus aus oder ordnet sich einem Milieu zu. Und das führt dann zumeist zu einer – vielleicht ganz notwendigen Milieuverdummung oder Blindheit gegenüber den Strategien der Eigenbefestigung, die man dann selbst nicht mehr sehen kann. Aber bevor es bei mir zu einer ersten milieubefestigenden Eigenverdummung kam, löste sich die DDR – nicht auf – sie löste sich ein.
Ich selbst wurde hier nicht mehr schuldig. Darüber habe ich seit dem immer mal wieder nachgedacht.
Als Kind und Heranwachsender lebt man wie flüssiges Metall, das Wände und Poren von Milieus durchdringen oder sogar heiß aufschmelzen kann.
Später dann soll man, darf man, muss man,– selbst zum Keim des eigenen Milieus sich festigen, vernünftelnd einkühlen, allerdings um den Preis einer sich langsam einstellenden Selbsterblindung gegenüber der sich einkühlenden Lebensfigur. Zur Eigenkühlung dieses allmählich fester oder deutlicher formierenden Lebens benutzt man seine neurotischen oder psychosozialen Spastiken, die man eine Zeit lang mit Einsichten und Erkenntnissen oder Wahrheiten verwechselt. Man fächelt sich damit Kühlung zu und Gewissheiten und Überzeugungen.
Oder man hält, was einem mitgegeben wurde, lange für eine Eigenleistung, verteidigt es. Aber dieses sich selbst Zufächeln ist eine dialektische Bewegung. Denn dieses sich selbst Zufächeln osziliert und versucht auch immer den eigenen Milieu-Geruch wegzufächeln, man unternimmt gewisse Anstrengungen zur “Eigenständigkeit”. Man fächelt ein bisschen die Eltern weg, und fächelt sich Neuigkeiten zu. Aber der Fächer selbst, die Art wie er gebaut ist, und wie man ihn in der Hand hält, darauf hat man keinen Einfluss. Und sollte man irgendwann an einen Punkt gelangen, an dem man “etwas erreicht” hat, besteht hier wieder die Möglichkeit, stolz auf sich zu sein und auch das als eine Eigenleistung misszuverstehen. Das ist dann der Punkt, an dem Menschen normalerweise damit beginnen, wirklich (ein bisschen) einzudummen – denn jetzt beginnt bereits die nächste Generation wichtig zu werden, die Kinder, die ihre Ansprüche einfordern. Man fächelt dann seinen Kindern zu, zärtlich, liebevoll, und formt sie dabei wie kleine Wirbel in dieser gefächelten Luft. Schickt sie auf ihren eigenen wirbelnden Weg.
Am Anfang hat man nichts anderes als diesen Fächer des eigenen Milieus, mit dem man sich zu und weg fächelt. Wie einer mal gesagt hat: Ich kenne niemanden, der so oft Recht hatte, wie ich selbst. Es dauert dann beinahe ein ganzes Leben, um das Leben zu gewinnen, in dem man immer seltener Recht hat. In dem es vielleicht sogar gelingt, diesen Fächer auch mal ganz aus der Hand zu legen.
Seit dieser Zeit aber habe ich den Eindruck, dass man den Menschen nicht beweisen kann. Es gibt nur Milieus. Milieus kann man beweisen. An den Menschen muss man glauben. Man muss ihn behaupten. Und erst indem das Milieu an einen bestimmten Menschen glaubt, konstruiert sich dieser Mensch und das Milieu kurzzeitig oder etwas länger selbst -
- bis zum nächsten Bruch.
Aber das eigentlich Irritierende daran bleibt: Dieser Glaube an den Menschen hatte das Menschen-Unrechts-System DDR lange Zeit stabilisiert. Warum das hier noch so verwirrend klingt, davon soll das Folgende handeln.
Wie funktionierten Milieus in der DDR?
Von Milieus zu sprechen klingt also vorerst bürokratisch, weil es jedes Einzel-Schicksal in die Abstraktion einer opaken Menge zwingt. Aber andererseits habe ich damals die Erfahrung gemacht, dass diese Milieus als umgrenzte, zum Teil auch deutlich differenzierte Lebenskreise durchaus real gezeichnet waren, und „Einzelschicksale“ etwas sehr relatives sind. Und es gab Zugänge – Accounts – zu diesen Milieus, die entweder materieller oder informeller Art waren. Auch in der DDR tauschten sich verbale oder nonverbale Zugangscodes zwischen Milieus, stumme Zeichensprachen, bewusste oder unbewusste Zulassungskriterien, Fertigkeiten. Präparationen, Schlüssel, gestische Währungen, Merkmale.
Ich würde heute sogar soweit gehen, zu sagen, dass die DDR eine beinahe ebenso ausdifferenzierte Gesellschaft zeigte wie unser heutiges soziales Gewächs. Die Theorie spricht heute vom System, aber die kleineren Untereinheiten, mit denen auch heute die kapitalistische Wirtschaft bei der Zielgruppenerfassung ganz real und auch erfolgreich arbeitet, das sind die Milieus. Es sind statistische Wirkräume.
Millieus sind größer als aktuelle Verwandschaften und Familien, aber nicht so groß wie Systeme. Millieus sind möglicherweise die aussagekräftigsten Formationen, wenn man etwas über das Innere von Gesellschaften erfahren will. Und diese Millieus lebten beinahe ebenso ausdifferenziert in der DDR wie in der damaligen BRD.
Aber Milieus sind auch wieder komplizierter: Im Gegensatz zu Systemen haben Millieus auch eine zeitliche Ausdehnung. Millieus haben Vergangenheiten. Und sie haben eine Lebensdauer. Sie mischen sich aus Herkünften und Einkünften. Sie können auch verschwinden, sich einlösen. Das sind die Biographien und Erbbiografien mit allen Lasten und Mitgaben in ein solches Milieu hinein. Es kann deshalb durchaus geschehen, dass Teilhaber eines Milieus sich über verschiedene Systeme verteilen und sich hier aber am „Geruch“ erkennen. Milieus verströmen einen immateriellen Geruch, halten ein Microklima, das sich aus einer komplizierten Mischung von Codes und Körpern, Zeichen und Gesten zusammensetzt. Habituelle Dialekte, stumme Jargons, Nuancen oder auch Narben, die auf milieuformierende Ereignisse hinweisen. Milieus sind auch elastisch, so dass sie sich für Zeiträume scheinbar ganz zerstreuen, um sich irgendwann wieder zu einer real existierenden Wiedererkennungsgesellschaft zu vereinen. Deshalb gilt wohl am Ende auch für Milieus: Man kann sie nie ganz beweisen. Man muss an sie glauben, ebenso wie an den Menschen. Man muss sie erkennen. Dann existieren sie.
Es heißt, in der DDR konnte niemand existenziell total abstürzen, dafür stürzte die Umwelt total ab, die Städte stürzten ein und schließlich auch die absolute Ökonomie. Die Härten waren verteilter, vielleicht mehr auf Dinge und Natur verteilt, aber in der Summe spielten sie wahrscheinlich auf ein ähnliches Lebensrisiko. Bei Bitterfeld zu wohnen war ernster als nur der Ernst des Lebens. Und der NVA-Dienst oder ein Bautzen-Knast kein Kindergeburtstag.
Trotzdem gab es auch in diesem System, das scheinbar gleicher verteilte, gute und schlechte Tage, Sommer und Winter, Liebende und Geliebte, Winner und Looser. Und es gab Millieus.
Der Publizist und Diplomat Günther Gaus hatte damals für die DDR den Ausdruck “Nischengesellschaft” geprägt und dabei gemeint wohl vor allem die Tendenz der Einwohner dieses inzwischen eingelösten Staates, sich dem systemischen Zugriff des totalitären Regimes in die inneren Nischen einer Privatheit zurückzuziehen oder in bestimmte Rituale und Gewohnheiten von nichtadministriertem Leben. Kleine Freiräume also. Damit lag er zu einem gewissen Anteil richtig. Eine andere Sache blieb davon aber eher schwach beleuchtet.
Es gehört zu den Erstaunlichkeiten, dass eine Gesellschaft, die in einem geografisch recht klar begrenzten Gebiet mehr oder weniger eingesperrt lebt, intrinsische Aktionsräume ausbildet. Sie vergrößert ihre Oberfläche nach innen. Als würde sie Lungenbläschen ausbilden. Diese Lungenbläschen sind die Milieus. Die Bereitschaft, an ein eigenes Milieu zu glauben und damit solche Milieus zu konstruieren, steigt mit dem systemischen Innendruck.
Und tatsächlich bildeten sich in der Gesellschaft der DDR, solche inneren Freiräume in verschiedenen Formen aus. Bekanntermaßen blühte die klassische Feierabendkultur, ein mentales Laubenpiepertum der Privatheit, und in diesem mentalen Laubenpiepertum, dann die Berufsmilieus, Angestelltenmilieus von Leuten, die in Büros arbeiteten, Vorzimmern, Verwaltungen, es gab den klassischen Fabrikarbeiter, den LPG-Bauern, private Handwerker, die Kirchen, das Ärtzte-Millieu, und natürlich die hauptberuflichen Funktionäre, Genossen, Armeeleute, Stasis ….etc und Künstlermilieus, die sich noch einmal unterteilten in die Genre-Milieus Schriftsteller, Maler, Schauspieler…weiche und harte Dissidenten, temporäre Dissidenz, vorgetäuschte Dissidenz.
Die sehr imaginäre Menge dieser beruflichen Milieus bildete hier noch mal temporäre Milieus aus Interessen, Hobbys und Beschäftigungen, der Angler, Motor-Sportler, der Amateurfotografen, der schreibenden Arbeiter, der Kurzwellenfunker, der Fern-Schachspieler, der Urlaubscamper, der Blueskonzertbesucher, der Musiker, der Oldtimersammler und Garagenbastler, Häuslebauer, der Freizeitsportler… und und und….
Und durch all dieses strömten die immer wiederkehrenden Besorger,- Tausch, – und Mangelrituale, mit denen sich in einer Mangelwirtschaft nicht wenig Zeit verbringen lies.
Es strömte wie ein Blut.
Sei es bei Autoersatzteilen, Wasserhähnen, Schallplatten, Südfrüchten, Seegrundstücken, Büchern, Urlaubsplätzen, Genehmigungen, Informationen, Kaffee, Eintrittskarten oder was auch immer gerade knapp und deshalb begehrt war. Aber prinzipiell galt hier: Die Knappheit war relativ und sie blieb volatil. Wenn man unbedingt keine Wasserwagen brauchte, bekam man plötzlich Wasserwagen und wenn man erwartete, dass es keinen Kohlrabi gab, dann fehlte plötzlich etwas ganz anderes, wie zum Beispiel Badehosen… Man lebte in der DDR nicht unbedingt in Armut, und auch nicht in Rumänien, man verglich sich auch nicht mit dem Kongo, sondern mit europäischen Standarts – aber: man musste in einer gewissen Geschicklichkeit leben, in Aufmerksamkeiten und Erwartungen. Die Versorgungslage blieb insgesamt mangelhaft und zum Teil niveaulos, was die Qualität, Haltbarkeit und Attraktivität betraf.
Aber mitten im Mangel oder auch wegen dieses Mangels erwuchs durchaus ein Mikro,- oder ein Subkapitalismus, der all diese Milieus miteinander verband, und es bewegte sich in dieser DDR-Gesellschaft, die vorgeblich keine kapitalistische war, eine still ausgeprägte Subleistungsgesellschaft in einer Hierarchie von intrinsischen Großkapitalisten des Besorger , – und Beschaffertums und der Geschicklichkeit bis hinunter zum “Verlierer”, der keine Beziehungen oder keine “Skills” und folglich auch nichts “zu besorgen” hatte. Ebenso wirkte aber auch eine echte Subsolidarität, die ganz natürlich auch zu einem Subkapitalismus gehört.
Allerdings, die “staatlichen Organe” der DDR haben diese Form des Subkapitalismus nicht verbissen bekämpft oder bekämpfen wollen.
Sie waren im Gegenteil – wie man weiß – sogar selbst darin verwickelt, und sei es über ein subtiles Steuerungssystem von Privilegien, Vorteilsnahmen oder Positionen, die den Zugang – die Accounts – zu materiellen oder geistigen Ressourcen oder sogar bestimmten Freiräumen regulierte.
Auch diese Accounts gehörten bereits zu einem subkapitalistischen Währungssystem der DDR. Nur funktionierten sie als Zweitwährung diskreter und weniger handgreiflich als die begehrte D-Mark.
Der Film „Sonnenallee“ hat davon erzählt – teilweise. Ebenso „Das Leben der Anderen“ – teilweise. Thomas Brussig hat davon erzählt – teilweise. Ingo Schulze erzählt auch davon – teilweise. Und Uwe Tellkamp auf seine Art auch – teilweise. Trotzdem bleibt ein immer wieder durch die Hände rutschender Rest.
Das angesprochene Phänomen wurde bisher unter dem Begriff “Schattenwirtschaft.” behandelt, dabei aber zugleich begrifflich still gestellt. Der Begriff „Schattenwirtschaft“ klingt viel zu schattig und zweitklassig, nach Schwarzarbeit oder Schwarzmarkt oder Schwarztausch, und scheint damit schnell abgelegt in der Kategorie „Knast-Handel.“ Dies alles spielt hier durchaus hinein, aber es reicht nicht hin, um die systemische Relevanz des angesprochenen Phänomens für die DDR zu fassen, um wiederzugeben seine formative Durchschlagskraft an Korruptheit, an Notwendigkeit, Verlockung und vitaler Verstrickung. Kurz gesagt: An Normalität.
Was den intrinsischen Subkapitalismus der DDR so interessant macht ist, dass er gut funktionierte und eigentlich alle bewusst oder unbewusst daran Teil nahmen. Da er aber in Abschottung zur offiziellen Kulisse funktionierte, konnte er leicht missverstanden werden als opponierendes Verhalten. Als „Gegen-Alltag.“ Später wurde er auch stilisiert als innergesellschaftlicher Kuschel, – oder Solidarkoeffizient. Irgend wo war dieser Subkapitalismus auch opponent, auch subsolidarisch, weil er die Tauschenden indirekt kapitalismusfähig hielt in einem Submarketing aus Beziehungen, Besorgungen und Zuwendungen. Zugleich wirkte er aber systemstabilisierend, da das Ganze der Gesellschaft in ihn mehr oder weniger – atmend, pulsierend – eingeschleift war.
Es durchströmte sie wie ein Blut.
Der Subkapitalismus vollführte eine intrinsisch fließende Tauschbewegung, ein Stoffwechsel, der das nach außen starre DDR-System innerlich beweglich hielt, atmen lies und ihm seine Milieus gab, seine Lungenbläschen.
Dieses Gebilde mit dem Namen DDR vitalisierte einen inneren subkapitalistischen Stoffwechsel. Seine Außengrenzen waren nicht völlig undurchlässig. Sie blieben halbdurchlässig für Informationen, Geld, Waren, und letztlich auch für Tauschende. Aber der Stoffwechsel der Aussengrenzen wurde reglementiert, kontrolliert und für Menschen repressiert. Für die Tauschenden stellte er sich weit undurchlässiger da als für Waren. Es sei denn, die Menschen wurden selbst zu einer Ware.
In der DDR, die sich dem außen stehenden Ökonomen vordergründig überhaupt nicht als Leistungsgesellschaft darstellte, wirkte also intern sehr wohl ein funktionierender Subkapitalismus zwischen den Milieus, dessen Regeln hier und da den Bedingungen seiner subkutanen Aktivität angepasst war; strukturell aber unterschied er sich kaum von der Art und Weise der Funktion heutiger Ökonomien, in denen Korruption, Vorteilsnahme oder „Vitamin B“ ebenso zählen wie „personell skills“. Der innersystemische oder strukturelle Subkapitalismus und die Subleistungsgesellschaft der DDR war für einen westlichen Ökonomen, der von außen nur die absolute Produktivität betrachtete oder die verrotteten Industrieanlagen bestaunte, so gut wie nicht erkennbar.
Er blieb ihm größtenteils verborgen. Denn er wirkte mehr als ein Verteilen, ein Kontrahieren, ein Oszilieren zwischen halbdurchlässigen Milieugrenzen.
Als das dann “gestorben” war, konnte der von außen kommende nur noch mit zugehaltener Nase eine Leiche begutachten.
Aber eine Zeitlang lebte in dieser Leiche – ein Leben, dieses Leben.
Wer in der DDR einen Zugang, einen Account, hatte, zweigte – unter Umständen ab – in den privat betriebenen Accounthandel des Subkapitalismus. Wer in einem Baustoffbetrieb saß, zweigte – möglicherweise – Fliesen oder Dachziegel ab, wer den Account zu einer Autowerkstatt besetzte, konnte “terminlich vorziehen” – möglicherweise – zum Beispiel den Mann vom Baustoffbetrieb oder vielleicht sogar den Zahnarzt, der eventuell sowohl ältere leicht stumpfe als auch neue scharfe Bohrer im Repertoire hatte.
Wer ein Account zum Theater hatte, besorgte Zutritt zu einer beflüsterten oder überverkauften Vorstellung.
Und wer spontan privat einen größeren Transporter brauchte, und das soll heißen, schneller als vorgesehen, tat vielleicht gut daran, sich mit dem Kommandeur der betrieblichen Kampfgruppen ins Benehmen zu setzten oder mit einem Offizier der nächsten NVA – Kaserne, den er “persönlich, menschlich” kannte oder irgendeine Gegenleistung in Aussicht stellte.
Es gehört auch nicht zu den Geheimnissen, dass selbst Studienplätze und Lehrstellen, also der Zugang zu Accounts nicht immer nur von gesellschaftlichem Wohlverhalten abhängig war. Als entscheidendes Moment bei der Vergabe konnten von Fall zu Fall durchaus subkapitalistische Motive, also Beziehungen der Eltern, eine stärkere Rolle spielen als offiziell veranlagte Loyalitätsbekundungen.
Wenn mancher „Ossi“ nach 1989 über einen allzu hart herein brechenden Kapitalismus schimpfte, dann schimpfte er ironischerweise nicht auf etwas ganz Fremdes, sondern er schimpfte auf etwas Wohlbekanntes, auf etwas Ähnliches, dem er sich selbst jahrelang hingegeben hatte, aber eben gedämpft, verlangsamt, halb, sozusagen unter der Haut, nicht immer ganz bewusst. Nun wurde er mit seiner subkapitalistischen Praxis zum ersten Mal offen konfrontiert als etwas, das er selbst bisher nur subkutan praktiziert hatte.
Man könnte sagen: Er sah plötzlich zum ersten mal Blut und konnte es dann am Anfang nicht immer sehen. Natürlich ging dieser Subkapitalismus der DDR nie so ganz ans Eingemachte, aber er wirkte als eine vitale Größe.
Zugleich aber reussierten auch viele „Ossis.“, die erstaunlich glatt und flink in das neue System hinüber switchten, ob als Autoverkäufer, Nationaldichter, Ministerpräsident oder Franchisenehmer – diese Ossis konnten Blut sehen, weil sie das System der Milieuzuordnung eben einfach gut kannten. Wenn sie vorher Skills oder Milieu-Accounts als Subleistungsträger subkapitalistisch tauschten, dann wurden sie nun auch bald wieder Leistungsträger in einem ganz offiziellen System der Vorteilsnahme in Milieus.
Der Kapitalismus war diesen Ossis gar nichts so Fremdes. Und das hatte nichts mit dem Westfernsehen zu tun. Die Aufgabe lag einfach darin, sich daran zu gewöhnen, dass es nun eben offiziell so lief. Einzig eine gewisse Eleganz und Weltläufigkeit fehlte noch hier und da, manchmal auch Schnelligkeit, aber das war ein Übergangsproblem. Das konnte man sich abgucken oder antupfen.
Die Repression, die Bespitzelung und Unterdrückung, war tief in den fließenden Subkapitalismus eingeschleift. Sie lief nicht immer und überall so ganz konspirativ gradlinig vom bösen Stasioberst über den Spitzel zum Delinquenten. Der Normalfall dieses klassischen Erzählmotivs zur DDR-Geschichte war, wie man weiß, viel verwickelter. Es war durchaus möglich, dass der selbe Mann, der jemanden stasimäßig aushorchte, seinem Opfer in irgendeiner hilfreichen Weise unter die Arme griff, ihm zum Beispiel unter der Hand zu einer begehrten Mangelware verhalf. Oder sogar zu einem Pöstchen. Solche Aktionen waren nicht nur „einfach“ taktisch motiviert, sondern sie gehörten in eine schwer zu beschreibende lebenswarm verschleppten Funktionen-Sphäre der Repression und Überwachung, die für eine Halbdurchlässigkeit der Millieugrenzen sorgte. Sie beruhte auf einer Oszillation von Beobachtung und Gegenbeobachtung.
In dem die Milieugrenzen aber oszillierend halbdurchlässig wurden, ähnlich wie die Membranen von Zellwänden, machten sie diese Milieus erst zu funktionierenden, also gesunden Einheiten in einem informellen Stoffwechsel.
“Mein Stasi-Mensch hat mir gute Dachziegel besorgt.” – solche merkwürdigen, offen gewussten und bealberten Verhältnisse gab es in der DDR. Sie zeigten vielleicht nicht die große Regel, aber es fanden sich doch genug Leute, die einen Riecher für die Figuren ihres Milieus ausbildeten und das ausnutzten. So als Operanden der Halbdurchlässigkeit zwischen Milieus. Dazu musste man nicht unbedingt selbst Stasi oder IM sein. Es genügte schon die normale Teilnahme an jenem subkapitalistischen Stoffwechsel. Wer ein bisschen aufmerksam war, und das waren eigentlich alle, weil alle immer irgendetwas brauchten oder vermissten, der wusste ungefähr, oder konnte es ahnen, wer „dazu“ gehörte. Aber schon dieses Wissen oder Ahnen gehörte zum inneren subkapitalistischen Stoffwechsel. Denn man tauschte auch Verabredungen, Zeitpunkte, Gelegenheiten, Wissen.
Das umfangreiche Spitzelsystem der DDR konnte sich so stark etablieren, weil es eine durchaus sichtbare oder jedenfalls viel weniger verdeckt operierende innersystemische – menschenwarme – Angelegenheit war, die auf viel zu viel Normalität und Alltagsverschliff bauen konnte, als dass es sich hätte all zu stark verstecken müssen. Natürlich passierten die klassisch harten oder verdeckten Operationen und Repressionen, aber dies als untergetauchte Spitzen eines umgekippten Eisbergs, dessen größten Anteile absolut sichtbar und alltäglich über der Wasseroberfläche lagen.
Denn in jedem Betrieb saß in jeder beliebigen Arbeitsgruppe irgendein Brigadier oder irgendein Parteimensch, ein Sowjetfreundschaftsbeauftragter, irgendein Kampfgruppenheini oder FDJ-Funktionär, von dem man wusste, dass er natürliche Kaderkompetenzen hatte, dass heißt Wissen über Personen oder sogar Zugang zur Kaderakte (Personalakte), und so in irgendeiner informellen Nahrungskette stand. Das hieß noch nicht, dass diese Leute alle IMs waren, der Stasi böswillig oder sehr gerne berichteten, aber im Zweifelsfall war es klüger, bei Funktionsträgern davon auszugehen, dass wenn jemand sie fragte, sie auch antworten würden.
In einer solchen Situation hätte man nun sehr vielen Menschen, die ja neben ihren Funktionen auch noch als normale, zum Teil nette Leute, begegneten, mit denen man arbeitete, Bier trank, redete oder grillte, permanent aus dem Weg gehen müssen. Am Ende hätte man sich von jeder Sozialität abschneiden müssen und damit – und darauf will ich hier hinaus – auch von gewissen subkapitalistischen Halbdurchlässigkeiten der Beschaffung, des Tausches und des Stoffwechsels, denn, und das wurde bisher immer noch zu wenig beleuchtet: Zu einem solchen subkapitalistischen Stoffwechsel gehört auch die Kommunikation. Die Stasi griff nicht nur Kommunikationen ab, sie produzierte auch welche. So gab sie nicht nur bewusst falsche Kommunikationen zur operativen Desorientierung, sondern die Stasi informierte die Milieus indirekt und ganz ungewollt durch ihre gewusste oder wahrscheinliche Präsenz oder Nichtpräsenz. Hiervon hat auch „Das Leben der Anderen“ erzählt – teilweise.
Denn in totalitären Systemen wirkt außer dem offiziellen oder inoffiziellen Fluss von Informationen noch eine ganz stumme Kommunikationsbewegung, die in der Beobachtung von Präsenz oder Nichtpräsenz erwächst. Über die „Wichtigkeit“ und „Unwichtigkeit“ von Themen oder von Personen, die Präsenz oder nicht Präsenz von offiziellen Beobachtern. Allein in dieser stummen Bewegung wiederum werden Aufmerksamkeitsmillieus formiert, soll heißen, auch die Stasi hatte mit einem dialektischen Problem zu kämpfen, dass sie nie ganz in den Griff bekam: Was sie selbst beobachtete, formierte sich zu einem Aufmerksamkeitsmilieu, das, wenn sie Pech hatte, erst dadurch „dissident“ wurde, eben weil es beobachtet wurde. Ich würde diese stummen Kommunikationserzeugungen als die politische Körpersprache einer Gesellschaft bezeichnen.
Ein Knacken im Telefon konnte genügen, um sich beobachtet zu fühlen. Ein sich beobachtet fühlen, konnte genügen, um sich dissident zu fühlen, und es später vielleicht sogar wirklich zu sein. Es formulierten sich Gegenaufmerksamkeitsmilieus.
Die politische Körpersprache der DDR-Gesellschaft erzeugte stumme Aufmerksamkeitswerte bis hin zu Dissidenzwerten, die von der Stasi-Zentralbank beinahe wie Währungen aufgelegt wurden.
Diese Werte konnten per Beobachtung und Gegenbeobachtung subkapitalistisch „gehandelt“ werden, getauscht oder auch angehäuft.
Aufmerksamkeitsmilieus tauschen untereinander und ernähren sich von: Wahrnehmungswerten.
Wahrnehmungswerte sind interphysische Währungen. Sie werden per politischer Körpersprache aufgelegt und können zwischen Beobachtern getauscht werden. Ihre physischen Banken sind Aufmerksamkeitsmilieus.
Auch Dissidenz muss man sich als einen solchen Wert vorstellen, als eine Währung, die von der Stasi per politischer Körpersprache informell in Umlauf gebracht wurde. Und diese Währung Dissidenz konnte getauscht werden, entweder mit der Stasi gegen Information oder Kooperation, oder mit dem Milieu gegen Vertrauensschutz im prominenten Binnenstatus des Dissidenten. Oder mit dem Westen, der dafür vielleicht Publizität anbot. Was dann meistens hieß: Schutz, Aufmerksamkeit, Bekanntheit – auch Geld.
Manchmal konnte ein solcher Handel auch platzen entweder im Vertrauensbruch zum eigenen Milieu oder zur Stasi, die dann auch schon mal einsperrte, bevor man durch Publizität oder ein sehr starkes Milieu allzu geschützt war.
Wenn die Stasi härter agierte und zum Beispiel jemanden einsperrte, dann musste sie damit rechnen, dass die Millieuangehörigen des Eingesperrten jetzt erst Recht sich zu einem Gegenaufmerksamkeitsmillieu verfestigten.
Die Verfestigung zu einem Gegenaufmerksamkeitsmilieu hatte aber auch zur Folge, dass diese Milieus selbst aus internen Sicherheitsinteressen unbewusste Grenzkontrollen einführten. So entstanden wiederum feine Wahrnehmungsmembranen. Zur Festnahme gehörte also immer auch die Wahrnahme.
Diesem dialektischen Problem glaubte das System nur dadurch entgehen zu können, in dem es das Spitzelsystem totalisierte. Das konnte aber nur gelingen, wenn das System sich selbst tief hinein ließ in die Fluss-und Tauschbewegungen des Milieu-Stoffwechsels und das hieß am Ende auch Einschleifung in den subkapitalistischen Durchlässigkeitshandel zwischen den Milieus.
Die Totalisierung des Behorchungssystems hatte aber wiederum zur Folge, dass die Stasi, ohne das sie das wusste, sich immer stärker selbst beobachtete und selbst bearbeitete. Das System Stasi begann sich selbstreferenziell einzukrümmen. So wurde sie irgendwann ihr eigener operativer Vorgang, sie bearbeitete sich selbst, ein kafkaesker Apparat, in dem zum Schluss eigentlich jeder gleichermaßen „verdächtig“ oder „unverdächtig“ sein konnte. Immer öfter gaben dann Zufälle oder Willkürbewegungen den Ausschlag.
Die nachfolgende juristische Undeutlichkeit bei der Frage, ob jemand „IM“ war oder nicht „IM“ war, ob er nur geplaudert oder streng berichtet hat, darf damit nicht relativiert werden.
Und selbstverständlich gehören Verantwortlichkeiten juristisch aufgearbeitet.
Aber es gehört zu den ausrechenbaren Wiederholungen der Geschichte, dass alle zentralistischen Systeme die Neigung haben, ihre Zentralität nach innen so stark in die kleineren Milieusphären einzufilzen, dass hinterher nur noch schwer zwischen Täterschaft, Mitläufertum und wirklicher Gegnerschaft differenziert werden kann.
Wenn heute jemand Grund hat, sich zu beklagen, dann wären das die Leute, die sich ganz bewusst und unter schwersten Entbehrungen nicht nur vom System fernzuhalten suchten, sondern auch von dem allenthalben obwirkenden Accounthandel des Subkapitalismus der bis in die Dissidenz hineinwirkte.
Sich wirklich raushalten hieß auch, sich aus der Dissidenz raushalten.
Ein nachfolgender Rechtsstadt, der selbst auch kein totaler Gerechtigkeitsstaat sein kann, täte vielleicht besser daran, nach den wenigen Unverstrickten zu suchen, und diese Unverstrickten positiv zu „verurteilen“, indem er sie massiv belohnt mit einer lebenslangen und überdurchschnittlichen Rente. Es käme ihn finanziell günstiger als im praktizierten umgekehrten Verfahren. Denn so viele Fälle von Nichtverstrickung würde er – leider – nicht finden.
Die subkapitalistischen Milieu-Accounts haben nicht nur einen informellen Beschaffungsstoffwechsel realisiert, sondern zugleich wieder Vertrauensverhältnisse und soziale Millieus befestigt, die dann wieder rückgekoppelt das Behorchungssystem stabilisierten und zugleich totalisierten.
Ein totalitär organisiertes System ist immer zugleich anwesend und abwesend.
Die Tauschenden darin nehmen das System deshalb zugleich wahr und nicht wahr. Ernst und nicht ernst.
In dieser Undeutlichkeit normalisiert es sich, auch in den Köpfen der Tauschenden, die ja alle ein Leben zu führen haben.
Auch zwischen den Geschlechtern herrschte im FKK-Land DDR keine DDR. Hier funktionierte die Partnerwahl zu einem normalen Anteil subkapitalistisch durchaus in den bekannten Schemen zwischen Account-Kompetenz, sozialer Rangverbesserung, Milieuabgleich und Attraktivität.
Und auch in der DDR war es interessanter, “more sexy”, dissident zu sein oder Dissidenz zu simulieren. Die Währung Dissidenz als Wahrnehmungswert musste man sich durch Leistung erarbeiten. Wenn es am Anfang nur ein politischer Witz war, der einfach Intelligenz bewies oder wenigstens vortäuschte. Oder umgekehrt: Wer in der DDR more sexy war, der konnte gegenüber der ofiziellen Kulisse der Gleichheit automatisch auch immer etwas schneller als “dissident” wahrgenommen werden. “More sexy” – heißt immer: Abweichung. Weil die thermodynamische Natur der Lebewesen die Mischung verfolgt. Diversifikation. Und Mischung ist eine Bewegung. Mischen können sich aber nur Verschiedene, weil das Gleiche ja schon gemischt ist. (Ein Kartenspiel, das nur aus Herz-Damen besteht, kann man nicht mischen, ist auch kein Kartenspiel) Deshalb ist der Exot innerhalb eines Durchschnitts die Abweichung und deshalb “more sexy” – er will genetisch eingemischt werden, und im umgekehrten Fall – “more sexy” ist immer der Exot – das Andere. Aus diesem tieferen Grund verursacht auch der Sex und die Partnerwahl innerhalb einer äusserlich gleichgeschalteten Gesellschaft informelle Halbdurchlässigkeiten und Mischverhältnisse zwischen den Milieus.
Ein Parteifunktionär/in ist vielleicht ein böser Mensch und Funktionär, aber wenn er/sie interessant riecht, gut aussieht und Lebensfähigkeit beweist, dann schlägt auch schon mal der Subkapitalismus der Natur zu.
Wer dissident war, bewies Abweichung, Risikobereitschaft, was immer auch eine gewisse Sexyness erzeugt, was allerdings in einem eher unterdurchschnittlich organisierten Umfeld auch nicht ganz so schwer fällt. Es bedurfte in der DDR nicht allzugroßer Anstrengung und Phantasie Wahrnehmungswerte der Abweichung zu erzeugen oder zu simulieren. Zumeist reichte es schon, aus einem anderen Milieu zu kommen als der Partner.
Vor diesem Hintergrund darf man sich jedenfalls nicht wundern, wenn manche Spitzelverhältnisse in der DDR sogar bis in Ehen eingeschleift wurden. Es war hinterher völlig überflüssig, das manche Paare sich deshalb nach der Wende Komplikationen oder Aufklärungen oder Szenen bereitet haben.
Das ist ein Grund, warum sich gesellschaftlich betrachtet und was die Wirksamkeiten betrifft, statistisch immer der Durchschnittstyp durchsetzt, der statistische Durchschnitt, die Durchschnittsgene, das Normale, das Gesunde, die pragmatisch navigierende Intelligenz. Die patente Bauernschläue hat die Wirkmacht. Die Volksweisheiten.
Sie schiebt sich als mittlerer und größter Haufen der Normalverteilung wie ein Sinuswellenberg durch die Historie.
Und verweist auf das thermodynamische Einmischen.
Opportunismus bestätigt sich automatisch im Dabeisein im Eingemischten. Nicht immer im Überleben. Opportunismus sucht nicht vordergründig die Macht. Obwohl die immer auch kitzelt. Aber hauptsächlich sucht der Opportunismus das Dabeisein im Lebenswarmen der Gegenwart, das Nichtausgeschlossensein, das Dazugehören. Wer Eigensinn riskiert, trägt das höhere Risiko, fühlt sich für Andere kühler an, hat immer mit Komplikationen zu rechnen und nur selten mit einem höheren Gewinn. Eigensinn wird nur ganz ausnahmsweise belohnt, wenn die Evolution ihn als vorteilhafte Mutation gebrauchen kann. Ansonsten wird er aussortiert.
Manchmal hat das Überleben im Durchschnitt des Opportunen vor der Historie auch einen Erklärungsnotstand. Dann findet man den Opportunen plötzlich als “Verantwortlichen” in einem Banken-Desaster oder als Durchschnittstyp an einem Verschiebeschreibtisch zur Judenvernichtung. Man entdeckt den Opportunen in einem leninistischen Erschießungskommando oder als Amokläufer in einer Schule. Oder man findet ihn als ehemaliges SS-Mitglied unter der Gruppe 47. Man findet ihn meistens nachher. Es dürfen Memoiren geschrieben werden.
Auch die Wirtschaft, die sich gerne von “außergewöhnlichen” Ideen “inspirieren” lässt, lebt und wird betrieben vom Oportunen des Durchschnitts. Sie kann nicht soviele Steve Jobs vertragen, aber sie braucht ganz viele Heinz Hurtigs. Sie braucht nicht so viele Computer-Erfinder, aber sie bedarf der vielen Computer-Shop-Betreiber und Benutzer.
Nur ganz selten bringt sie epochale Produkte hervor. Dafür aber eben das, was sich an den Durchschnitt verkauft. Steve Jobs Ideen waren seiner Zeit eine Mutation, ein Eigensinn, ein Abweichen, das die Evolution gebraucht hat. Aber auch er stand in einer Mischung unter einigen.
Und schließlich, zum Glück, findet man den guten Durchschnitt des Opportunen auch in sich selbst.
Manchmal liegen die Dinge komplizierter. Dann entdeckt man den Opportunisten auch inmitten von Friedensbewegten, Ostermarschierern, Berufsempörten und Linkswohlfühlern, oder im Rechtsaußen. Bei den Zuschauern, in Präsidentenpalästen, im irakischen Sand, im Bundestag, im Kulturbetrieb. Und – davon hat Hannah Arendt ebenso berichtet wie Imre Kertesh – man findet die Opportunität schließlich ebenso unter den Opfern.
Bei Imre Kertesh ist die Opportunität ein jüdisches Kind in Auschwitz, dass den Himmel mit den Schornsteinen als eine farbige Landschaft empfindet. Als Landschaft im Frühling. Mit interessanten Wolken. Für Momente schön.
Zurück zur DDR.
Die so genannte “Abweichung.”, das Differente, gehört deshalb noch nicht zum Abweichenden, es gehört zum normalen statistischen Spiel der Mischung, die ja immer nur Differenzen – mischen kann. (Das Kartenspiel)
Deshalb gehört auch “Dissidenz” solange zum System, bis auch das Spiel der Dissidenz selbst erkannt wurde und entweder aufgekündigt, sich offen hineinbegibt oder ab sofort realsubversiv das Spiel instrumentalisiert.
Teil 2
Der Glaube an den Menschen. 1989 – 2009
Mir scheint, dass die offizielle Wahrnehmung der DDR als subkapitalistisches Tausch-System noch nicht die selbe ganze Aufmerksamkeit erhalten hat, wie ihre klassischen Narrative des Mangels, des Unrechtsstaats, des Schießbefehls, des kleinbürgerlichen Kleinhandels und schließlich der Maueröffnung, also eben in den Klassikern des “Problemstaats” etc… ohne diese Dinge hier auch nur im Geringsten verharmlosen zu wollen. Aber den funktionierenden Subkapitalismus der DDR tiefer zu beleuchten, könnte vielleicht in Zukunft zu einem noch tieferen deutsch-deutschen Generationenverständnis verhelfen.
Bisher glaubte man, die Geschichte der DDR, die zugleich auch eine Geschichte der alten BRD ist, sei mit der Stasi-Spitzel-Problematik, der Birthler-Behörde, den Sportdopings und der Kenntnisnahme ihres vordergründig ökonomischen und moralischen Bankrots genug zur Bearbeitung vorsortiert. Darüber hinaus traut man der erzählenden Literatur einiges zu, wenn es um Milieuberichterstattung geht, die, wenn man es mal zusammenfassend sagen wollte, gar nicht anders kann, als die innere Kleinbürgerlichkeit der DDR in eine kleinbürgerliche Literatur zu verwandeln. Das von Tellkamp erinnerte „DDR-Bürgertum“ war und musste ja ein mentales Kleinbürgertum bleiben, da es der offiziellen Kulisse lediglich nur die Gegenkulisse einer antiquarisch geborgten oder memorierten Weltläufigkeit entgegenzusetzen hatte, mit samt dem bulgarischen Stierblutwein, gelegentlichen Westpaketen und manchmal noch eine stuckatierte Wohnung hier und da.
Ein paar Ausländer, Exilanten aus Nikaragua oder Chile, oder auch Auslandsstudenten, brachten exotische Geruchsmoleküle ins Land, wurden vom Durchschnitt der Bevölkerung auch wohlwollend aufgenommen, aber da konnte sich nur schwer etwas entfalten, weil sie in der wirklich unangenehmen Lage waren, sich dankbar gegenüber einem ziemlich korrupten Unrechtsapparat zeigen zu müssen, der sie zum Teil auch instrumentalisierte als Tätschelköpfe und Solidaritätsmaskotchen. Aus verständlichen Gründen litten viele von ihnen überwiegend an Heimweh oder an einer leichten Zuordnungs-Schizophrenie.
Es gehört nun mal zu den eher unangenehmen Wahrheiten, dass es in der ganzen DDR ungefähr seit den späten 60igern überhaupt nichts mehr gab, dass als „intellektuelles Bürgertum“ bezeichnet werden könnte. Hier war auf Grund ideologischer Härten in den 50iger Jahren viel abgeflossen oder später dann ausgestorben. Was danach noch ein bisschen gedieh und gedeihen konnte, waren gepflegte „Gegenkulissen“ der memorierten Bildung, der Hausmusik, der etwas größeren Grundstücke, Ärtzte,- Millieus, ein paar Schauspieler oder Künstler die so ein bisschen aufmuckten oder aber irgendwann „rübermachten“. Und darin hielten diese Milieus auch durchaus lobenswert die Fahne des „Anderen“, hoch, blassbunte Kleckse in einem grauen Land, aber dieses „Andere“ blieb Gegenkulisse. Es blieb hoffnungslos eingebettet in den postproletarischen Muff des subkapitalistischen Klein-Klein und war darüber hinaus viel zu sehr mit Innenbefestigung beschäftigt oder einem Nachdenken darüber, ob man nun drei Jahre zur Armee gehen sollte, eine freiwillige Entscheidung mit positiven Auswirkungen, oder ob man es bei den normalen anderthalb Jahren belassen sollte.
Deshalb denke ich, es gibt noch einen Punkt in dieser deutsch-deutschen-Geschichte, der kontrajuristisch und zugleich auch kontraliterarisch sich darstellt. Der sich sowohl einer rein juristischen, als auch einer literarischen Aufarbeitung regelrecht entzieht, und sei sie noch so raffiniert gebügelt.
Ich vermute diesen Punkt weder bei der Birthler-Behörde, noch bei Ingo Schulze oder Uwe Tellkamp. Ich vermute diesen Punkt irgendwo in der Nähe von Florian Havemann oder in der Nähe von dem Fall Sascha Anderson.
Die historische Bedeutung des Romans von Florian Havemann wurde wohlwollend offen gelassen, seine literarische Qualität zum Teil angezweifelt. Aber es gab Ausnahmen. Bei Sascha Andersons Roman “Sascha Anderson” hagelte es eigentlich nur Verrisse. Ich will hier gar nicht die literaturkritische Diskussion in Frage stellen oder weiter behandeln, aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass beide Autoren als Fälle eben doch symptomatisch auf etwas verweisen, dem man mit der normalen Literaturbetriebstemperatur oder auch einer moralisch-juristischen Stellungnahme nicht beikommt.
Und ich denke mir, dieser Punkt berührt eben genau diesen intrinsischen Subkapitalismus, der mit Schattenwirtschaft oder „VitaminB“ nicht ausreichend beschrieben ist.
Denn dieser Subkapitalismus wirkt nicht nur unterhalb der Oberfläche von offiziellen Sozialismuskulissen, Verlautbarungen und Systemen oder auch Meinungen, sondern er wirkt noch unterhalb jeder Art von Position, unterhalb jeder Art von “Problemen.” – ja, schließlich wirkt dieser intrinsische Subkapitalismus noch unter unserer Haut, und sei es eine Dissidentenhaut, unter dem Deckgewebe aus Überzeugungen, Ansichten und Engagements, sowie sogar unter den Taten.
Dieser Subkapitalismus ist es, der schließlich den gut und fest geglaubten Kern unseres Menschen-Ichs auf vertrackte Weise als Verhandlungsmasse liquide hält, wenn es darum geht, innerhalb eines physischen oder mental-politischen Milieus Heimat oder Position auszuhandeln.
Bevor wir all das sind, was die Literatur eine Figur nennt, oder ein “Leben”, bevor wir Funktionäre oder Oppositionelle oder auch nur Mitläufer sind, oder bevor wir das sind, was Juristen als eine “Person” ansprechen – verhandelt in uns selbst ein präpsychischer Makler an einer inneren Börse den informellen Marktwert unseres Selbst, unserer Person und Überzeugungen. Unser Ich wird subkapitalistisch präpariert in einem Fließgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Diese ausgehandelte Figur steht zwar nicht zwangsläufig für das beste Geschäft, es kann sogar ein sehr schlechtes Geschäft sein, aber sie wird in jedem Fall subkapitalistisch unter dem Aspekt der Vorteilsnahme ausgehandelt und diese Vorteilsnahme heißt: Ich. Sie heißt: Vorteil. Sie heißt nicht Gerechtigkeit. Sie heißt nicht Sozialismus. Sie heißt: Vorteil. Die Vorteilsnahme kann auch Altruismus oder Dissidenz erzeugen, aber trotzdem bleibt es ein Vorteilsgeschäft. Der Autor Hans Joachim Schädlich nannte diesen Vorteilsattraktor einmal: “Immer an der richtigen Stelle und möglichst weit vorn.”
Leben lebt immer nur asymmetrisch – nach vorn.
Dass wir überhaupt irgend etwas sind, an einem Fleck stehen, über Linien uns bewegen,einen Beruf oder eine Funktion ausüben, eine Meinung vertreten oder für eine politische Überzeugung streiten, ist immer schon das Ergebnis eines subkapitalistischen Makelns, eines präformativen Feilschens und Abwägens und schließlich: einer präpsychischen Selektion, der unseren inneren Millieuwert als Marktwert abtastet und subkapitalistisch bewertet und im Zweifelsfall auch gegenbewertet mit den informellen Währungen des Milieus in einem Gesellschafts-Geschäft, das auch ausgeschlagen werden kann – wenn es der vorteilhaften Eigenpräparation zuwiderläuft.
Die Pointe des DDR-Sozialismus und aller sozialistisch gedachten Systeme zeigt sich darin, dass sie surreal werden in dem Moment, wenn ihr offiziell verlautbarter Gleichheits – und Gerechtigkeitsanspruch mit diesem inneren subkapitalistischen Handelssystem der Vorteilsnahme an der gestischen Millieubörse in Kurzschluss gerät.
Und was daran besonders pikant ist – dass selbst die oppositionellen Milieus, die ja eigentlich immer das Bessere wollten, einer internen subkapitalistischen Logik unterliegen und deshalb plötzlich einem Spätgeborenen wie Florian Havemann schmerzhaft sureal erscheinen mussten. Denn auch im dissidenten Milieu wurde mit Accounts gehandelt, mit den Zugängen zu Kreisen, mit Teilhabe, mit Aufmerksamkeiten und Beifallsrationen. Ein oppositionelles Milieu agiert als eine subkapitalistische Firma mit allen Vor – und Nachteilen, die eine solche Struktur mit sich bringt. Auch ein konspirativ dissidentes Milieu kennt Chefs und Angestellte, Winner und Looser. Sie kennt das Einstellungsgespräch, die Probezeit und letztlich auch die Kündigung. Und dies überhaupt nicht nur aus Sicherheitsgründen der Gegenaufmerksamkeit.
Auch Dissidenz ist eine Firma.
Hier wirken dann – wie man bei Florian Havemann nachlesen kann, die Subkapitalismen der erotischen Positionen, der Vorteilsnahme und des Makelns von ganz archaischen Präsenzwerten, Rudelkonfigurationen, ein mentalpolitisches Feuchtwerden und Heruntersacken aller großkopferten Dissidenzentwürfe auf ihr milieuplattes Handelsformat.
Selbst wenn manche Rezeption Florian Havemann hier und da ein verqueres oder nicht ganz lauteres Motiv unterstellt hat, so weist das Movens seiner Schilderungen auf eine Wahrheit, die jeder – wenn er wirklich ehrlich ist – bestätigen müsste: Jeder ist sich selbst der Fernste. Zuordnung, Identität ist prinzipiell immer ein milieubedingtes, situationsbewertetes Papier. So banal diese Feststellung ist, so schnell vergisst man sie auch. Und oft halten wir für gesellschaftliches Engagement, was eigentlich der Selbststabilisierung und Vorteilsnahme in Millieus dient.
Diese Feststellung lässt sich nicht einfach damit abtun, dass gesellschaftliches Engagement im besten Fall automatisch der Selbsterhaltung dienen soll, ja sogar muss, ganz einfach deshalb nicht, weil sich eine Position, die bereit ist, für ihre Position auch zu sterben, erst im Ernstfall wirklich herstellt. Die Position existiert erst, wenn sie stirb. Bis dahin osziliert sie im Abwägen, Feilschen, Tauschen und Handeln. Der kritische Punkt ist immer ein erklärter oder nicht erklärter Bürgerkrieg. Und hier gilt: Fliehen, sich Wegducken, den nächsten Ausgang suchen, ist nicht gerade Engagement oder eine Heldentat, aber meistens sehr empfehlenswert.
Bis dahin bleiben unsere Engagements, Taten, Positionen, immer auch Titel und Papiere an einer subkapitalistischen Milieubörse.
Und das ist wohl auch das Kompromitierende der Havemann-Bestandsaufnahme, dass dieser dissidente Kreis damals um Havemann selbst schon informell zu verfilzt und geschützt war, als dass ihm wirklich etwas schlimmeres hätte zustoßen können, als der flaue Abtausch in den Westen.
Und wenn Sascha Anderson einen Roman geschrieben hat, den er “Sascha Anderson” nennt, in dem er sich immer noch nicht deutlich genug bei seinen verratenen Freunden entschuldigt hat oder vielleicht sogar sprachlich oder literarisch nicht genügt oder hier sogar psychologisch auffällig scheint, dann kann man das zu Recht anprangern. Aber der Fall Sascha Anderson verweist eben wieder auf den Verlauf des subkapitalistischen Makelns. Hätte es den nicht gegeben, dann hätte ein „Sascha Anderson“ , der eigentlich als ein subkapitalistischer Makler von Dissidenzwährungen agierte, gar nicht zwischen Stasi und Westen und Dissidentenmillieu makeln können.
Die Fragen: “Was lässt Dich JA sagen?” “Was lässt Dich NEIN sagen.” – das sind die Fragen, die auch nach dem Untergang der DDR weiterleben und weitergelebt haben. Sowohl das Stasimilieu als auch das Dissidentenmilieu als auch der Westen waren subkapitalistisch ineinander verzahnt. Sie haben miteinander getauscht und gehandelt.
Wenn man sich die subkapitalistischen Tauschprozesse als Fließgleichgewichtsroutinen vorstellt, als ein Hin-und Herschwappen von mental-informellen Haushalten im Ausbalancieren und Verhandeln von Milieus und Gegenmilieus, dann war der Subkapitalismus vor 1989 systembedingt eine viel langsameres und zäh flüssigeres Ausbalancieren. Sicher auch weniger abstrahiert. Seine Langsamkeit und Vitalität tarnte ihn, so dass er den Händlern und Maklern dieser subkapitalistischen Prozesse womöglich gar nicht auffiel.
Sie alle glaubten deshalb ganz stark an den Menschen. Die DDR glaubte an den sozialistischen Menschen. Der Westen glaubte an den freien Menschen. Einige Dissidenten und honorige Intellektuelle und bundesdeutsche Linke glaubten noch lange an einen Sozialismus „mit menschlichem Antlitz.“
Aber indem sie an diesen Menschen glaubten, gaben sie einen Kredit in eine undichte Stelle hinein. Sie gaben diesem Menschen Kredit und hofften und warteten und bangten, dass dieser Mensch sich als kreditwürdig erweisen würde und damit gaben sie letztlich einem Unrechts-System Kredit, und stabilisierten es mental, bis sich schließlich erwies, dass dieses System diesen Glaubenskredit nie und nimmer zurückzahlen würde.
Dann brach es irgendwann zusammen wie eine faule Bank.
Dass viele Tauschende vom Westen aus dem DDR-Knast frei gekauft wurden, war für jeden einzelnen ein Segen dieses Glaubens. Das steht außer Frage.
Deshalb gilt sowohl für das DDR-System als auch für den Westen – an den Menschen glauben heißt:
Ihn zu kaufen oder zu verkaufen.
Was lässt dich Nein sagen? Was lässt dich JA sagen?
Nach der Wende dann begriffen diejenigen Ossis, die auch in der DDR eine subkapitalistische Geschicklichkeit an den Tag gelegt hatten, dass es jetzt darauf ankam, die neuen Milieuverhältnisse zu beriechen und zu beschnuppern. Einige vormals „systemkritische“ Intellektuelle, die vorher schon „systemkritisch“ agierten, bemerkten, dass es in dem neuen Deutschland ein spezielles Milieu gab, das “systemkritische” Intelligenz honorierte. Auch hier konnte wieder gehandelt werden. Wenn man in Projektanträgen auf Kunst-Fördergelder Worte wie „kapitalistische Verwerfungen“ oder „Sozialabbau“ oder „innergesellschaftliche Abkühlung“ schrieb, stiegen die Chancen der Bewilligung.
Später dann, als die „Linke“ ein wenig schwächelte, genügte es auch, nach „menschlichen“ oder „solidarischen Strukturen“ als „marktsubversive Korrektive“ küntlerisch zu fahnden. Wahlweise streichelte man auch wieder das “lyrisch-poetische Ich.” Der Literatur fahndete nach „menschlichen Geschichten“ über die Liebe und den Körper, die auch schon mal „augenzwinkernd, erotisch, leidenschaftlich – oder auch schärfer aufs Korn“ genommen werden sollten.
Heute dagegen wird auf Filmfestivals nach „zutiefst menschlich ergreifenden Geschichten“ gesucht und man findet sie dann noch in Peru oder Mumbai. Mit der Prämierung ereignet sich dann ein Importgeschäft. Man importiert das Menschliche und Wesentliche, das jetzt ein menschliches Qualitätssiegel trägt, wie Bananen früher den Chicita-Aufkleber.
Deshalb fällt es so schwer, nach dieser DDR-Erfahrung erneut einzubiegen in die Illusion, dass eine Gesellschaft, von einfach „links“ reformiert werden kann. Das Glaubens-Kreditsystem und die Handelsmarke Mensch wird immer wieder genau so zusammenbrechen, wie gerade das faule Bankensystem zusammengebrochen ist.
Es kann aber auch nicht von einfach „rechts“ reformiert werden. Denn auch das Geld-Handelssystem wird immer wieder zusammenbrechen, wenn sich nicht ganz grundsätzlich etwas ändert.
Denn der Mensch und sein Milieu ist eine undichte Stelle. Offen und fliehend. Form und Fluss, Linie und Krümmung. Rückrad und Buckel. Ein Wirbel. Er selbst erzeugt statistisch betrachtet weder einen Produktions-Überschuss an Menschlichkeit, noch an Wesentlichkeit oder Wahrhaftigkeit. Seine Aufgabe hier ist es, sich wegzukrümmen, gebuckelt in den Tausch zu fliehen und einen ganz kleinen gekrümmten Stab immer ein bisschen verlogen an die jeweils nächste Generation weiterzureichen. Dieser Stab ist das Wissen nicht um Positionen, sondern um Posten. Das gute Wissen vom Überleben. Deshalb kann er auch, muss er – automatisch – ein solidarisches Milieu-Wesen sein. Das ist schon schwer genug.
Aber seine Aufgabe heißt nicht Bleiben, sie heißt Fliehen.
Das wesentliche Merkmal des Menschen ist seine Fluchtgeschwindigkeit.
Führt das nun in einen alles nivellierenden Fatalismus?
Im Gegenteil. Ich glaube, wenn man das Gläubigersystem Mensch entlastet und ihm ein für alle Mal als Schuldner Mensch entschuldet, und überhaupt das faule Kreditsystem umbaut von Effizienz auf Belastbarkeit, erst dann wird dieser Mensch erst anfangen können, wirklich zu atmen.
Wie viel innere Zerknirschung soll sich ein Ministerpräsident leisten, der den Tod einer Skifahrerin schuldhaft verursacht hat, bevor er wieder zur Tagesordnung übergeht?
Wie viel Skrupel soll ein Manager haben, seine Mitarbeiter bespitzeln zu lassen?
Was genau tut ein Mensch oder hat er unterlassen für sein berufliche Kariere, Hand aufs Herz – was genau, und was noch alles?
Was lässt dich JA sagen, was lässt dich NEIN sagen?
In all diesen Fragen stecken die Fragen nach einer „DDR“, in der wir zwar nicht mehr leben – aber sind es letztlich nicht die selben Fragen nach dem Tun und dem Unterlassen.
Und wieviel “Haltung” bewahren wir, wenn sich morgen plötzlich ein Wind um 180 Grad dreht oder wir mit jemanden zusammenstoßen.
Die fliehende Erscheinung.
An den Menschen glauben, heißt: Ihn zu konstruieren.
Aber was heute konstruiert wird, kann morgen schon verkauft werden.
Oder übermorgen ausgewechselt.
Wie weit weg ist die DDR nach 20 Jahren? Die Frage nach ihrer Schattenwirtschaft stellt die Fragen nach der Schattenwirtschaft in uns selbst. Eine Schattenwirtschaft, die solange im Schatten bleibt, bis wir das Licht einschalten und diesen schlecht geglaubten Menschen verschwinden lassen und ersetzen durch einen weniger guten.
Die anspruchsvollste Aufgabe besteht immer darin, gegenüber seinem eigenen Milieu Unrecht zu behalten.
Bleibt das Gedenken an alle, die schlechte Geschäfte gemacht haben und an alle Posten, die noch zu besetzen sind.


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