Als die Bilder sprechen lernten

Es ist der zweite Roman, in dem Volker Kutscher seine Hauptfigur, den jungen Kommissar Gereon Rath, in das Berlin der Zwanziger, Dreißiger Jahre schickt. „Der stumme Tod“ setzt dort an, wo der erste Fall zu Ende gebracht wurde. Dies ist jedoch keinerlei Einschränkung für das Verständnis des Buches, beide Werke kann man unabhängig voneinander lesen. Natürlich gibt es starke personelle Verknüpfungen, die aber zu keinem Zeitpunkt relevant für das Lesevergnügen werden, da notwendigen Hinweise durchaus gegeben werden.

Es ist ein ambitioniertes Projekt, das Volker Kutscher begonnen hat, aber es wird bislang allen Erwartungen gerecht. Kutscher will unter anderem – einem gut geschriebenen Krimi natürlich – die Endtage der Weimarer Republik in seinen Romanen beschreiben. Dies gelingt mit eindrucksvoller Sachkenntnis, unaufgeregt im Kontext mitschwingend. Der kundige Leser liest und stellt in seinen Nachforschungen fest, dass hier jemand mit guter Sachkenntnis die Feder führt. Die beeindruckende Literaturliste und Recherche bestätigt im Nachhinein dieses Urteil. So entsteht ein Portrait einer aufgeregten Zeit, ein Blick auf ein Berlin der Vergangenheit. Hier muss man nicht Autoren, wie dies beispielsweise mit Andrea Maria Schenkel geschah, in künstliche Gegnerschaft bringen, wie es von manchen Kritiker. Das eine ist der Blick auf eine Epoche, das andere ist ein Fokus auf ein Ereignis innerhalb einer Epoche, beides eine Klasse für sich.

Aber es ist eben nicht nur eine Zeit dramatischer Ereignisse, wie sie spannender im 20. Jahrhundert nicht hätte sein können, sondern eben auch ein spannender Roman, der mit dem Tod einer Filmschauspielerin bei den Dreharbeiten beginnt. Zuerst als singuläres Ereignis untersucht, eine Beziehungstat wird vermutet, wächst sich das Geschehen zu einem Serienverbrechen aus. Gereon Rath, ein durchaus eigenwilliger Charakter, setzt die Ermittlungen auf eigene Faust fort, erkennt die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Verbrechen als Erster. Ein fanatischer Anhänger des Stummfilms mit pathologischen Zügen der Bewältigung eines Kindheitstraumas, versucht den Lauf der Zeit aufzuhalten, mordet die ersten Stars des Tonfilms nieder. Verbunden ist die Erzählung mit viel Zeitkolorit, die Tumulte am Rande des Begräbnisses von Horst Wessel, der Privatauftrag eines Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer – Rath stammt ursprünglich aus Köln – ergeben in der Gesamtheit ein Bild von den Endtagen der ersten deutschen Republik, das sich am Schauplatz Berlin zuspitzt. Lebendig geschrieben, darf man durchaus schon gespannt sein, wie es weitergeht, denn Volker Kutscher scheint als Autor für sorgfältige Recherche und durchdachte Krimis zu stehen, Eigenschaften, die in der Schnellebigkeit des Geschäftes oft nicht mehr gegeben sind.

Bernhard Meyer

Meyer & Meyer

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Bernhard Meyer 34 Jahre Buchhändler Zur Zeit Wanderer in verschiedenen Lebenswelten, schreibe ich in meiner Freizeit Rezensionen und Lyrik. Letzteres wird vielleicht nun öfter mal hier zu lesen sein. Neben dem beruflichen Leben steht auch vielfältiges Engagement im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Aktueller Lieblingsdichter: August Stramm

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