“Was darf’s denn sein?”

Der Historiker Michael Rissmann weist in seiner beachtlichen Studie “Hitlers Glaube” sehr seriös und an Hand vieler Qellenstudien nach, dass Hitler ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Christentum unterhielt.
Was seine Kirchenpolitik betraf, war Hitler alles andere als ein Wirrkopf. In den Wahlkämpfen vor 33 giftete er taktisch klug gegen christliche Parteien, da er hier transzendentale Konkurrenz witterte, doch blieb er zeitlebens Mitglied der katholischen Kirche.
Andererseits plante er, später einmal alle Gotteshäuser zu ersetzen – durch Sternwarten.

Rissmann bescheinigt Hitler einen “erstaunlich modernen” Gottesbegriff, und zitiert ihn an einer Stelle: “Wenn erst einmal das Wissen um das Universum sich verbreitet, wenn der Großteil der Menschen sich klar darüber wird, dass die Sterne nicht nur Leuchtkörper sind, sondern Welten, vielleicht belebte Welten, wie die unsere, dann wird die Lehre des Christentums völlig ad absurdum geführt.”

In dieser Ambivalenz zeigt sich ein Grundproblem unserer Zivilisation.

In dem wir heute, technologisch betrachtet, immer weiter ausgreifen und expandieren,
praktizieren wir einen weiter ausdifferenzierenden Hitlerismus.
Unsere technologische Architektur, die Kultur unserer Informationsnetze,
weisen alle auch zurück nach Peenemünde. Sie weisen hin auf mehr als
nur den pathologisch zu distanzierenden Geltunganspruch eines Wahnsinnigen, der sich bekanntlich als in einer “Vorsehung” oder “Fügung” handelnd funktionalisiert sah.

Ob das “pathologisch” oder “krude” war, ist die falscheste Frage, die man dazu stellen kann. Dass sie lange Zeit immer wieder so gestellt wurde, war in Bezug auf einen nicht zu relativierenden Massenmord und Weltkrieg verständlich.
Aber genau so falsch war es, diesen Vorgang überhaupt nur an der Person Hitler sensationieren zu wollen.

Es gibt kein Konzept, keine Idee, keine ethischen Instrumente, keine Worte,
keine Verständigungskultur dazu, wie man damit umgehen kann, dass wir –
technologisch gesehen – Hitleristen sind und bleiben. Expansionisten.

Aber auch nur als Christen, sind wir diesem Hitler nur um eine Helixwindung ferner.

Denn auch Religionen sind als meta-physische Expander “Ausdringlinge” in den anderen, jenseitigen Raum. Sogar und gerade da, wo er sich mit Leere tarnt. (Budhismus)

Schwer zu begreifen, dass Technik und Religion auf ein und denselben Movens verweisen. Ein und derselbe Movens, der es sich im Prinzip seit Luther aussuchen kann, in welche Form von Totalität er ausstrahlt:

in die Totalität eines Gottesglaubens.
in die Totalität eines kryptoreligiösen diktatorisch strukturierten Regimes.
in die Totalität von Märkten im Handeln technischer und immer technischerer werdender Innovationen.
Oder in der Totalität einer globalkapitalistischen Mischung in weicher Verzahnung.

Der Individualismus postmoderner Psychen, auch wenn sie sich noch so sehr zurück krümmen in die synthetische Gemütlichkeit der Verlangsamungs-Kokons zweiter Ordnung, schafft den Markt der Innovationen nicht ab. Im Gegenteil. Es beflügelt ihn.

Die Doppelhelix schraubt sich weiter nach oben, nach vorn, in den Zeitstrahl.

Wer da noch mitkommen will, braucht technische Bildung.

In all diesen Totalitäten muss eine klassisch symmetrisch gedachte “Gerechtigkeit” verlieren, muss der “Mensch” als souverän gedachter Akteur abnehmen.

Eine “Rückflucht” in die Religion rettet nichts, weil keine Rückflucht gelingt.
Es bleibt immer nur ein Tausch nach vorn, ein Tausch hinein in die nächste Doppel-Helixwindung, der genau so eigendynamisch, wenn es schlecht läuft, jederzeit auch in die nächste Diktatur zieht. Vielleicht nicht bei uns, aber woanders ist heute auch nicht mehr woanders.
Ein Tausch, der zudem metaphysische Potenziale der religiösen Repräsentation mit hochangereicherten physischen Potentialen der energetischen Präsenz heute immer in einen gefährlichen Konflikt stellt, oder in den nächsten Anschlag.

Die kulturellen Dialoge sehen heute immer noch nicht, dass Religion und technologische Säkularisierung lediglich die selbe doppelhelixverschränkte meta-physische Dynamik verweisen, die so, sich einander umwindend, in den offenen Raum drängt.

Technik ist die Fortsetzung der Himmelfahrt mit anderen Mitteln –

– so lautete im Prinzip das Telegramm des 11. September.

– und jedes neue iphone macht uns etwas leichter.

Solange einer Gesellschaft dieser Zusammenhang nicht aufscheint, dass Religion und Technik nur zwei Windungen einer verkoppelten Doppelhelix sind, solange sind alle ihre Dialoge zur Regulation, zur Moderne, zur Gestaltung von Zukunft, zum Verständnis, blind, vernünftig aber unterkomplex.

Dass die Alternativen Himmelfahrt oder Cape Canavarel eben keine Alternativen sind,
dies einzusehen, bereitet das größte Problem.

In Scherzartikel-Läden findet man mit Gel gefüllte Latexkugeln.
In die Hand genommen weicht die Masse immer ulkig aus,
geht immer woanders zwischen den Fingern hindurch “in Form”

Nie bekommt man die Kugel gleichmäßig zu fassen.

Asymmetrische Gerechtigkeit.

Dass man aber energetisch hineinfasst, ist ein Gesetz,
das Bewusstsein determiniert.

Diese Kugel gar nicht erst aufnehmen oder sie ablegen, hieße Bewusstsein verleugnen, Wirklichkeit leugnen. Und das funktioniert eben nicht oder nur wieder zum Preis eines Krieges.

Was den Philosophen heute dazu einfällt: Schweigen.

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