Natur der Technik 21

TRIPLET

Sabine hat Erik morgens doch noch auf der untersten Treppe erreicht.
Sie gab ihm seinen Schlüssel, den er auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte.
Am Donnerstag war es wichtig, dass er ihn mitnahm.
Bis 22 Uhr wäre er sonst nicht in die Wohnung gekommen.
Donnerstag war der Tag, an dem Sabine seit drei Wochen abends regelmäßig einen Weiterbildungskurs zur Großtier-Behandlung besuchte.
„Ja, danke dir, hab ich vergessen.“ – sagte Erik, nahm den Schlüssel, gab ihr einen Kuss und drückte mit der Hand gegen den Metallrahmen der Haustür, die sich über seinem Kopf in den Schließkolben schob.
„Machs hübsch.“ – sagte Sabine und schaute ihm noch kurz hinterher, sah die Figur seiner Jacke, die durch das wellige Bauglas der langsam zurückschwimmenden Haustür abwechselnd von einer hellbraunen Kugel zu einem schmalgehenden Geist gezerrt wurde.
Sie roch an ihrer Hand und stieg die Treppe wieder hinauf. Oben hörte sie noch das Klappen.

*
*

Fahrschule Köster, Asicom, Bäckerei Laurich, TaschenMeyer….auf seiner Straße gab es in letzter Zeit einige neue Geschäfte. Eine Straße, die Simon gut kannte. In seiner Gegend, in der er gerade schlenderte. In der er sich gerade Zeit ließ.
Nachher musste er den Bahnhof erreichen, wo er die Oma abholen sollte. Seine Omi. Aber viel zu früh war er los gegangen. Ausserdem wusste er, dass der Zug meistens nie pünktlich ankam. Die Provinzbimmel, wie er den Zug immer nannte.
Mitten auf dem Weg leitete ihn ein schmaler Steg an einer aufgelassenen Baugrube vorbei, die er dicht bei den Geschäften am Haus entlang passierte.
Er sah die beiden gelben Helmschalen zweier Bauarbeiter, die über ein schwarzes Kabel gebeugt miteinander sprachen.
Etwa auf der Mitte des Steges blieb er dann stehen, um drei Handwerkern Platz einzuräumen, die hier mit größeren Kisten im Arm ihm entgegenkamen.
Da er es nicht besonders eilig hatte, drehte er sich zu dem Schaufenster direkt in seinem Rücken um und betrachtete hinter dem Glas eine auffällig beleuchtete Fläche in himmelblau von übermannshoher Größe.
Sie erschien ihm beinahe als Himmel, weil er so dicht davor stand und in ihrem Zentrum ein kleiner Gegenstand angeheftet war, wie ein Ufo. Ein Ding ungefähr daumengroß, umgeben von einem kleinen Kranz mit Leuchtdioden. Dann sah er auch, dass hier mehre grafische Linien von verschiedenen Pictogrammen zu dem Gegenstand hinführten, Zeichnungen von Geräten, die jetzt offenbar in diesem kleinen Gerät integriert waren. Er erkannte ein Mobiltelefon, ein mp3-Player auf einer Notenlinie, einen Computer mit Tastatur und das vierte Bild deutete wohl eine Navigationshilfe an.
Das ist schon erstaunlich, dachte Simon, jetzt haben die das alles so klein da in ein einziges Ding hinein gebaut. Und schreiben natürlich keinen Preis ran.
Er stellte sich vor, wie jemand in dem Laden eine beträchtliche Summe bezahlte und dafür eine winzige Schachtel bekam. Oder vielleicht überreichte man ihm auch einen riesigen himmelblauen Karton, weil sich das für so viel Geld besser anfühlte. Der aber dann nur ganz wenig wog und hauptsächlich mit weißem Schaumstoffbällchen gefüllt war, in dessen Mitte dann irgendwo wie in Wolken….
Tatsächlich zeigte der Aufsteller mit dem kleinen Gerät in der Mitte einen echten Himmel, fotografiert und aufgezogen. Denn jetzt erkannte er leichte Dunstschleier neben den Leuchtdioden. Die große Kleinigkeit, dachte Simon. Aber der Preis hätte ihn schon interessiert. Nur mal so. Er würde sicher lange sparen müssen.
Hinter seinem Rücken auf dem Steg waren die Handwerker vorübergegangen.
Er trat etwas zurück, wendete den Kopf nach oben und las über dem Schaufenster das Wort „Hörgeräte.“
Das hätte er sich eigentlich denken können, dachte er, und schlenderte weiter.

*
*

Gestern haben wir um ein Feuer gesessen. Zugeschaut, wie die Flammen dem Holz ein paar Locken drehen. Knacken vorm Gesicht. Die Schuhe warm. Die Hände am Glas auf dem Hosenbein.
Funken. Keine Mücken. Lichter um die Nase. Den Blick da unten gut eingeparkt.
Als hätte jemand was gesagt.
Hat aber niemand.
Muss auch nicht.
Leg noch was drauf.

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