Pornokafka

Hohoho, macht der einsame Netzgourmand, und er wischt mit der Frühstücksserviette kurz über den beschlagenen Bildschirm. Hat er also richtig gelesen, als er von seiner Lieblings-Ficki-Ficki-Seite kurz zu den Nachrichten surfte. Obwohl: so anders ist das Thema hier heute auch nicht. Bei Kafkas Franz hatte man Pornos in der untersten Schublade gefunden. Na, das ist doch mal ein vielversprechender Tagesbeginn, lacht der einsame Netzgourmand. Und er dankt ganz herzlich für die neue Nachricht. Der Mensch ist eben nicht nur Hungerkünstler, merkt Euch das! Auch wenn Ihr ihn ohne Körpersäfte besser archivieren könnt. Daran wird die Literatenwelt zu schlucken haben. Wenn Ihr wüsstet, Ihr selbsternannten Literaten, Ihr mit den edlen Inhalten, Ihr Dichter und Denker, dass ich jeden meiner Tage auf einer geilen Seite beginne! Der frühe Vogler würgt den Wurm. Wie viel Zeit habe ich so verbracht? Wie schnell hättet Ihr mir den Prozess gemacht!

Wie viele von ihnen machen gar nur in Kultur, um ihm seine Heimlichkeiten vorzuwerfen? Aber jetzt hat er sie.

Jetzt ist Euer Kafka nicht mehr nur Hochkultur, sondern auch der Pornofranz. Jetzt sitzt keiner mehr auf dem Hohen Ross. Wo wir gerade davon sprechen: Tiere waren auch dabei. Bei Kafkas Pornobildern. Sieht man den Käfer im Bett doch gleich mit anderen Augen.

Macht es also doch Sinn, mein Ritual, lacht der einsame Netzgourmand: Während des Frühstücks raus aus der Online-Feuchtigkeit, rein in die Trockenheit der virtuellen Nachrichten. Kühlung fürs erhitzte Vomittagsgemüt. Die schweifenden Augen für die Verzehrdauer einer Graubrotscheibe brav auf die Nachrichtenseiten geheftet. Die Hose von den Knöcheln hoch und artig übergezogen. Da stand es heute. Das über Kafka. In den Online-News. Schaut auf Kafkas Heimlichkeiten! Nur Blut husten und an der Welt leiden – das reicht dem Menschen nicht. Das sollte in jedem Bericht an jede Akademie stehen!

Wenn jetzt wer käme und ihn so sitzen sähe, säße er da wie zu einem normalen Frühstück: Brot, Kaffee, Interesse an aller Welt. Natürlich kommt keiner, aber es tut ihm selber gut, die paar Bissen ohne Heimlichkeiten zu verkosten. Der einsame Netzgourmand spielt sich selbst als soziales Wesen: Hier bitte. Ich interessiere mich auch für andere. Und nicht nur als Bildchen. Nicht nur, weil sie stillhalten, wenn ich komm. Mein Schicksal ist nicht nur ein Rubbellos.

Dabei braucht es das doch gar nicht. Die anderen sind so wie er, wenn keiner guckt. Selbst er, der grimme Kafka, der sich in seinen Betrachtungen über die Menschen an ihnen wund rieb. Jeder hat seine heimlichen Schubladen, sagt der einsame Netzgourmand. Er strafft die krummgehockte Wirbelsäule in einem neuen Rest von altem Stolz.

Und er vergisst den Unterschied:

In Franz Kafkas Schubladen fand man auch Franz Kafkas Texte.

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