Zehn Euro für Vati

Von den Gesichtsbarometern der S-Bahn-Benutzer lassen sich die Außentemperaturen bereits ablesen: Die Mienen stehen auf Hitze. Schweißige Rotköpfe fallen schwer in die noch von den Sitzvorgängern angefeuchteten Sitzpolster. Schultern schlagen beim Aus- und Einsteigen aneinander: Höflichkeit erfordert Aufwand, und für Aufwand ist es zu heiß. Ein Wind aus Osten soll sogar Saharasand in die Stadt getragen haben.

Die Tür schließt sich; der halbvolle Wagen setzt sich plötzlich und mit einem harten Ruck in Bewegung. Auch dem S-Bahn-Führer ist zu heiß. Die Sitzenden schwanken. Das dürre Kerlchen, das seine Obdachlosenzeitung aus der Mitte des Wagens anpreisen will, schlägt es gegen die Haltestange. Die Überhitzung hat es noch bleicher werden lassen als sonst. „Vielleicht hat der Mann keinen Schrank, wo er die Jacke lassen kann, und darum trägt er sie auch, wenn es warm ist“, beantwortet ein Vater in optimistischem Tonfall die Frage seines neugierig äugenden Sohnes. Dann macht Vati das geheime Zeichen, das er dem Filius für eben solche Momente eingeprägt hat: Still jetzt, alles Weitere erkläre ich Dir zu Hause. Man bewegt sich schließlich inmitten von Großstadtkreaturen aller Denkungsart; da lässt man auch plappernde Kinder samt ihren Väter nicht immer in Frieden. Und sowieso: Vater will bei seinen Erklärungen frei sprechen können. Also zuhause. Der Knabe gehorcht und ruckt schweigend auf seinem Sitz herum. Die Füße darf er nicht auf den Sitz stellen – auch wenn die Schuhe fast neu sind. Wenn sich nachher jemand mit heller Hose auf den Sitz setzt, wird der sich schön freuen. Der Junge lacht. Schön freuen! Vater unterbricht tadelnd: Darüber freuen wir uns nicht. Das Kind schaut betreten. Beide tragen praktisch-moderne Wandersandalen von gleichem Fabrikat.

Vatis Erklärung hat den Anfangsmonolog des bleichen Jackenmanns mühelos übertönt. Einen weiteren Teil schlucken die Fahrtgeräusche. Seine Stimme scheint zu leiern, wie eine zu oft abgespielte Tonbandkassette. Der Vater lächelt. Sein Sohn würde nicht wissen, wovon er spricht. Kassetten sind Nostalgie.

Die Betretenheit des Jungen hat andere Gründe. Mit dem Jackenmann ist auch ein Pärchen eingestiegen, dessen weibliche Hälfte einen bulligen Hund an der Leine führt. Das Tier liegt Vater und Sohn gegenüber und schaut sich die beiden teilnahmslos an. „Das ist ein Rottweiler. Aber ein ganz lieber“, erklärt Vati, der die leise Angst seines Kindes kennt. Sohn lächelt die Besitzer des Hundes schüchtern an. Sie ignorieren ihn. Vati ist ganz froh darum. Der Köter sabbert und hat auch sonst werweißwo gegraben; den muß der Junge nicht streicheln. Auch Frauchen ist nicht wirklich nach Vatis Geschmack. Die mollige Discoprinzessin hat ihr Haar zu Tode gefärbt: Als geschwärzte Glaswolle strubbelt es sich auf ihrer Kopfhaut. Da kann auch der Versuch einer Rockabilly-Frisur nichts mehr retten. Das tätowierte Arschgeweih über ihrem sonnenbankgebräunten Steiß kann man sich getrost denken. Man muß nicht erst warten, bis sie sich wieder in den Stand wuchtet und man es sieht, grinst Vati und tut dies lieber in Richtung Sohnemann, auf dass sich Frauchens Männchen in keiner Weise provoziert fühlen kann. Tatsächlich ist derselbe deutlich schmalschultriger als Frau oder Tier. Seine Glatze und einige sorgfältig ausrasierte dünne Linien Barthaares verleihen ihm aber dennoch den gewünschten Effekt: ein wenig friedvolles Äußeres. Vati nimmt sich vor, tolerant zu reagieren und nicht zu kichern, wenn sein Junge die Phase erreicht, in der ihm Gangsta-Rapper als cool erscheinen. Der Köter räkelt sich ausgiebig. Speichelflocken tropfen zu Boden. Frauchen freut sich und zückt die Handykamera.

Der Jackenmann hat die Pflicht der Ansprache hinter sich gebracht und macht sich müde auf den Gang durch das Spalier der weggedrehten Gesichter. Vati schaut ihn offensiv an und schüttelt freundlich den Kopf. Er dreht sich nicht weg, kann aber auch nicht immer helfen. Das soll der Junge sehen. Den Rest erklärt er ihm zuhause. Jackenmann spricht Frauchen an, die ihn bis dahin ignoriert. Sie nimmt die Handykamera aus dem überschminkten Gesicht und widmet ihm einen derart verachtungsvollen, boshaften, angewiderten Blick, dass es Vati kaum glauben kann. Auch sein Junge schaut in ihre eindeutige Visage. Vati spürt Empörung und muß sich konzentrieren, dass es ihm nicht die Neutralität aus dem Gesicht treibt. Wenn es einen Moment gab, wo elterliche Vorbildsfunktion vonnöten war, dann jetzt und hier! „Moment, bitte“! Er zückt das Portemonnaie. Es gilt, ein Zeichen zu setzen, das auch das Arschgeweih in ihrer Tumbheit zu lesen imstande ist. Hier hilft keine Münze. Hier hilft nur ein Schein. Vati sieht den Zweifel in den Augen des Jackenmannes. Doch, Freund, nimm. Ich meine es ernst. Mein Sohn schaut zu. Nein, die Zeitschrift habe ich schon. Jackenmann stammelt einen unbeholfenen Dank und schlurft bleich und gerührt zum Ausgang.

Die Bahn läuft in die nächste Station ein. Sohn schaut schüchtern-lächelnd zum Vater. Vater nickt ihm zu. Siehst Du! Zuhause werde ich Dir erklären, was Dein Vater getan hat. Die Türen öffnen, der Wagen entleert sich und füllt sich wieder. Ein kurzer Seitenblick aus dem Fenster: Jackenmann schlurft über den Steig und bleibt stehen. Vor ihm Frauchen mit ihrem Hund. Der Hund springt an Jackenmann hoch. Frauchen küsst Jackenmann. Frauchen und Jackenmann drehen sich zu Vati und winken ihm grinsend zu. Sohn winkt schüchtern zurück.

Vater greift sich den Jungen und setzt ihn ordentlich auf die Bank. Sein Gegreine ist für den Moment nicht wichtig. Zuhause wird er ihm erklären, warum man Gesockse nicht winkt. Ihm pocht die Halsschlagader. Dieses verlogene Pack! Spielen ihm hier eine Soap Opera vor, um Kohle abzuzocken. Scheißdreck. Und wieso vor ihm? Wenn sie das wenigstens vor jemandem mit richtig Geld tun würden! Aber dass sie ihre Sympathisanten hintergehen, die Leute, die wenigstens noch Verständnis für Ihre Lage haben, das ist alles andere als clever. Da brauchen sie sich auf Dauer nicht zu wundern…

„Wir möchten Sie gerne einladen.“ Die Glatze ist nicht mit ausgestiegen. Er lächelt den Jungen an und hält Vati ein Flugblatt hin: Arme Sau, reiches Schwein. In Ferkelrosa. Theater Direkt in Mitte. Und einen kleinen Ausschnitt hätte er ja jetzt schon gesehen. Sie würden sich freuen, wenn er käme. Ist auch durchaus für Kinder. Vati fühlt immer noch seine Halsschlagader pochen. Gibt es hier eigentlich nur noch Schauspieler? Natürlich bekommt er seinen Schein zurück, erklärt Glatze und zückt eine Kellnerbörse. Welcher war das? Er könne für das Geld natürlich auch gleich Karten…20 Euro, sagt Vati. Glatze nickt und öffnet die Börse. „Rot ist doch 10!“, ruft der Sohn aufgeregt. „Ich hab nämlich einen von der Oma und sogar zwei von Onkel Jakob gekriegt! Weil ich doch in die Schule geh!“ Glatze lächelt, schaut Vati nicht mehr an und drückt dem Knaben einen Zwanziger in die Hand. Der Junge schaut scheu auf seinen Vater. Der Schein in seiner Hand ist ihm unheimlich.

Vati ist müde. Ihm ist zu heiß. Für einen kurzen Moment überlegt er ernsthaft, ob sein Kind, Frucht seiner Lenden, dieser sechsjährige, schüchterne, ein bisschen dicke Junge, wissentlich in dem Stückchen Theater mitgespielt hat.

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