Der Korbiniansapfel

„Der Korbiniansapfel weist mehr auf als nur eine schöne goldgelbe Farbe und einen harmonischen Geschmack. Diese Eigenschaften besitzen auch andere Züchtungen. Was ihn von anderen Apfelsorten unterscheidet, ist seine Geschichte: Er wurde im KZ Dachau gezüchtet.
Dort saß der streitbare Pfarrer Korbinian Aigner ein, weil er sich mit den Nazis angelegt hatte. Die spärlichen Grünstreifen des Lagers nutzte er zur Apfelzucht. Ein Zeichen der Hoffnung in einer düsteren Umwelt. Vier Sorten, von ihm KZ1 bis KZ4 genannt, waren das Ergebnis von Korbinians Bemühungen, KZ3 davon die beste.
Anfang der 80er Jahre erhielt sie zu Ehren von Pfarrer Korbinian Aigner ihren heutigen Namen. Heute kann man für 44 DM ein Jungbäumchen über den Obstzüchter Peter Klock (Tel.: 04155/6215) bestellen. Fünf DM gehen davon an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zur Unterstützung ehemaliger Zwangsarbeiter. Damit geht die Saat auf, die Aigner im KZ gesät hat.“
(Zitat aus Ulmers Webshop.)

Es gibt Geschichten, die eignen sich nicht für die Rubrik „Was sonst noch passierte.“ Auch nicht für eine Millionenfrage bei Günther Jauch. Und trotzdem gibt es sie. Wenn man als räsonierender Blogger von ihr erfährt, steht man unweigerlich vor einem schweren Charaktertest. Mir jedenfalls geht es so. Obwohl gut dokumentiert, halte ich diese Geschichte trotzdem nur für mittel – bis kaumbekannt.
Mittel- bis kaumbekanntes Faktenmaterial zur Ära des Nationalsozialismus enthält aber in unserer allesbesprechenden Gesellschaft ein wertvoll gewordenes und unverbrauchtes Aha- Potential und müsste sich deshalb wenigstens eignen – ich sage mal – so in der Preisklasse Enzensberger (Dokumentarroman), Hochhuth (Drama), oder auch etwas darunter für ein paar nachdenkliche Epitaphe zur Groß-Einspeisung in den Geschichtsbewusstheits-Apparat.
Insbesondere aber müsste sich diese Geschichte eignen zur Einspeisung in den Widerspruchsapparat der Kategorie: „Formen des individuellen Widerstands im dritten Reich.“
Warum das im Falle des Korbiniansapfels noch nicht oder nicht so geräuschvoll geschehen ist, wie etwa im Fall von Pastor Niemöller, Georg Elser, der „Weißen Rose“, oder wie neulich bei Enzensbergers „Hammerfest“ (eigentlich: Hammerstein oder der Eigensinn.) kann mehrere Gründe haben.
1. Sie ist den Genannten nicht bekannt.
2. Eine Geschichte über einen Mann, der als Gefangener in einem KZ nach den Mendelschen Gesetzen zur Vererbung Äpfel züchtet, nummeriert, selektiert und schließlich mit dem „besten“ dieser Äpfel dann noch überlebt, ist dermaßen komplex und kontra-additiv und überfordert jede mögliche Vorstellungskraft mit dem dazugehörigen Stoffbearbeitunggerät ganz grundsätzlich.
3. Die Geschichte wurde so oder so ähnlich schon mal groß eingespeist. (Dann habe ich es nicht mitbekommen.)

Ich selbst empfinde diese authentische Geschichte schon unbearbeitet als angsteinflössend dicht. Und ich fühle mich von ihr dermaßen geprüft, dass ich mich von den Versuchungen, vor die sie mich stellt, hier nur entledigen kann, indem ich sie kurz aufzähle.

1. Diesen Beitrag mit „Vom Baum der Erkenntnis“ zu überschreiben.

2. darüber nachdenken, warum zum Beispiel Enzensbergers „Hammerfest“ (eigentlich: Hammerstein oder der Eigensinn) als bearbeiteter Stoff dagegen so wohlfeil gemacht und bis an die Zähne aufs risikoloseste diskursbewaffnet und zurechtkalkuliert erscheint.

3. mich von dieser Geschichte zu erneuten Einlassungen über „finstere Dialektiken“ und Gutheitsroutinen verleiten zu lassen.

4. an Hand dieser Geschichte einen längeren Essay darüber schreiben, warum Religion und technologische Säkulariserung „vereinigen“ zu wollen (Habermas) soviel bedeutet wie: Einen Fisch ins Wasser tauchen.

5. In einer Nachschrift zu diesem Essay erläutern, warum Religionen und technologische Säkularisierung bereits „vereinigt“ sind, weil Religionen zur Vorstufe der Säkularisierung gehören, die im Abendland durch den Schalter-Luther zuerste in Gang gesetzt wurde, da beide Felder in der selben Metaphysik gründen.

6. Mir die Frage stellen, ob man einen Korbiniansapfel überhaupt essen darf.

Aus Respekt vor Korbinan Aigner gebe ich all diesen Versuchungen nicht nach. Das Leben in den KZ’s war zum Teil so organisiert, dass unter den Gefangenen keine Gleichstellung herrschte. Es gab hierarchisch strukturierte und selbstverwaltete Bereiche. Eine Logik der Effizienz.
Gegenüber den inhaftierten Juden hatten Kommunisten, Sozialdemokraten und auch widerständige Kirchenleute gewisse „Privilegien“. Auch das eine Form der Selektion.
Dass Korbinian Aigner in Dachau einen Apfel gezüchtet hat, züchten konnte, einen guten aus drei minderwertigen, so wie andere sich vielleicht auch kleine Schachbretter gebaut haben, war zunächst auch die blanke Überlebenstechnik eines Menschen. Die Überlebenstat eines Pomologen, Kenners der Mendelschen Gesetze, und Pfarrers, die bis heute in einer Apfelsorte überlebt hat. Als achtenswertes Lebenswerk.

Ein Lebenswerk, vor dem mir die Knie zittern.
Schwer zu sagen, wie viele Enzensbergerbücher neben diesem Apfel bestehen können:

Frucht: Sehr guter Tafel- und Wirtschaftsapfel. Baumreife Ende Oktober. Genussreife ab Dezember. Haltbarkeit bis Mai und länger. Mittelgroßer, abgestumpft rundlicher Apfel mit 5 deutlich ausgebildeten Rippen. Fruchtschale glatt, gelb, später goldgelb. Zur Reifezeit ist die ganze Frucht kräftig gestreift. Schale leicht fettig, dadurch ist die Frucht lange haltbar und welkt nicht auf dem Lager. Fruchtfleisch grünlichweiß, fein, saftig, gewürzt. Harmonisches Zucker-Säure-Verhältnis.

Baum: Kräftiger Wuchs, breite Krone. Erziehung vorwiegend als Halb- und Hochstamm. Ertrag mittelfrüh einsetzend und regelmäßig. Ansprüche an Boden und Klima gering. Auch noch für mittlere Höhenlagen geeignet. Sehr widerstandsfähig gegen Krankheiten und Schädlinge, vor allem gegen Schorf. Dadurch auch für Obstwiesen und die Feldflur empfehlenswert. Die Sorte wird vom Institut für Obstbau und Baumschulwesen der Staatlichen Versuchsanstalt für Gartenbau in Weihenstephan vermehrt.

(Zitat aus einer Baumschule)

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