Projekt LINA (4)

Die Geschichte von der Frau, die ihr Nein sehen wollte. (4)

Lina und ihre Familie bewohnten das obere Stockwerk eines zweigeschossigen
Hauses. Im Erdgeschoß lebte eine allein stehende Dame, Frau Trucka, die, wenn Lina ihr begegnete, zumeist eine gedrungene Giesskanne an einer Leine hinter sich herzog, an deren vorderem Ende die durchlöcherte Tülle wie abgesprengt fehlte und Fetzen von bräunlicher Auslegeware heraushingen. Diese Giesskanne hieß Marko, schepperte die Passanten an und war ein „mit Genen vermischter Pudel“ – wie es die Dame auf Nachfragen immer mit einem gewissen Anspruch, aber letztlich sehr einleuchtend klarmachte.
Dass dieser Hund seinem Aussehen nach auf den ersten Blick deutlich außerhalb der Normalverteilung lag und sich erst auf den dritten und vierten Blick in eine Reihe von bekannten lebenden Geschöpfen einordnen ließ, beschäftigte Lina eine Zeit lang, präziser: eine kurze Zeit lang, nachdem Paul der Sitzenbleiber so plötzlich in die Sphäre der Neins und Keins gewechselt war, wo sie ihn manchmal sehen konnte.
Aber dieses Ding hier, dachte Lina, lag ganz in der Nähe von Kein Hund und war trotzdem ein Hund, ein Pudel „mit Genen vermischt“, dachte Lina, während sie mit Giesskanne Marko scheppernd spazieren ging. Frau Trucka aus dem Erdgeschoß hatte es gelegentlich erlaubt.
Und so wurde Paul allmählich weniger unsichtbar und leiser.

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