TEUTONIKA – Leben in Deutschland

Posteingang 16.02.08

Post von Pöltz. Na endlich. Dachte schon, er wäre abgesoffen in seinem Keller. Aber anstatt nun die inhaltliche Diskussion weiterzuführen, schreibt er mir folgendes:

„Lieber Boson, zunächst der Versuch einer Erklärung für das längere Ausbleiben einer Nachricht. Die Überschwemmung ist überwunden und halbwegs abgetrocknet. Gott sei Dank. Ich bin auch seit ca 3 Wochen wieder in Deutschland und hoffe demnächst auch auf ein Gespräch mit Ihnen unter vier Augen in ihrem Labor. Was mich bisher davon abhielt, war ein aktuelles Anliegen der Münchner Universität. Der Dekan dort bat mich um ein Gutachten zur Einrichtung eines Lehrstuhls für Diskurs-Design, angewandte Gefühle und Affekt-Distribution. Die Sache wurde zwar als
„leger vertraulich“ eingestuft, aber weil diese Anfrage thematisch mittelbar auch in das Anliegen ihrer Dissertation hinein spielt, berichte ich Ihnen davon. Sie und ihr Projekt könnten da vielleicht mit eingeblendet werden. Das Problem aber, das auf Seiten der Universität mit meiner Mithilfe noch geklärt werden soll, betrifft die Zuordnung. Also genauer die Frage, ob man Diskurs-Design, angewandte Gefühle und Affekt-Distribution eher der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät oder der naturwissenschaftlichen zuordnen soll. Ich selbst plädiere klar für die erstere Option, zumal ich hier auch stärker schon die ökonomische Verwertbarkeit in der Perspektive sehe. Die Absolventen des Faches sollen nach dem Abschluss gewisse Fähigkeiten wenigstens im Ansatz vorweisen können. Als die 3 wichtigsten Fähigkeiten zu nennen wären: Erstens, die Fähigkeit, jedes beliebige Thema in einer beliebig großen Gesellschaft als Hauptgesprächsthema auf die Tagesordnung zu setzen.
(Agenda-Setting) Und zwar unabhängig von der Relevanz des Themas und der geistigen Beschaffenheit des Soziotops, das thematisch versorgt werden soll.
Zweitens sollen die Absolventen die Fähigkeit erlangen, auf Themen, die sie nicht selbst auf die gesellschaftliche Agenda gesetzt haben, so zu reagieren, dass sie sich nach einer kurzen Zeit das Thema perfekt anverwandelt haben, und als deren führende Initiatoren anerkannt werden. (Trend Setting, Opinion leading, spin doctoring) Und als dritte Fähigkeit – und hier käme ihr Forschungsbereich ins Spiel – soll das Fach die Absolventen in die Lage versetzen, das so genannte Trend-Switching zu verstehen und zu beherrschen. Und das wäre nun recht eigentlich neu an der Sache und der Punkt, an dem ich Sie und Ihre Arbeit einbinden möchte. (Natürlich nur, wenn Sie damit einverstanden sind.) Worum es der Universität mit dem neu einzurichtenden Lehrstuhl geht: Die Studierenden sollten frühzeitig befähigt werden, zu erkennen, wann eine Meinung, eine gesellschaftliche Übereinkunft, ein medialer Affekt, eine Perspektive auf ein Thema, ein Trend etc…. in sein Gegenteil umschlägt, Sie, Herr Boson, würden sagen: „einen gepflegten gutbürgerlichen Widerspruch“ generiert – und wie der beste Zeitpunkt ermittelt werden kann, der es angezeigt sein lässt, eine aktuelle Meinung, einen aktuellen Affekt, einen aktuellen Trend mit einem gutbürgerlichen Widerspruch zu kontrapunktieren, zu verabschieden und eben durch eine von diesem Widerspruch generierte Kontradiktion, also: durch einen ggW, Herr Boson, zu ersetzen und in die entgegen gesetzte Richtung zu manövrieren – und sich durch geschicktes Kommunizieren zugleich so zu positionieren, dass man selbst wiederum als „Meinungsführer des Meinungswechsels“ (so der Dekan wörtlich.), also als Erfinder des aktuellen Widerspruchs zum thematischen Trend wahrgenommen wird. (Sie würden das jetzt vielleicht einfach auf- und abtauchende Sinuswellenkompetenz nennen.) Hier kommt es vor allem auf die Antizipation des richtigen Zeitpunkts an. (Der richtige Meinungswechselzeitpunkt, Opinion-Switching)
Warum ich Sie und Ihre Forschungsarbeit in diese Sache einbinden möchte, dürfte auf der Hand liegen. Der Name „Diskurs-Design“ ist im Grunde noch ein ungenügender Platzhalter, der die Sache nicht genau trifft. Auch das Wort „Diskurs“ ist mittlerweile allzu breit strapaziert, so dass man es längst hätte aus dem Verkehr ziehen müssen. Zu ungenau. Und es wird darüber hinaus auch von vielen Nicht-Denkern verwendet. „Diskurs-Design“ vermittelt fälschlicherweise den Eindruck, gesellschaftliche Themen und die Perspektive, in der sie dotiert und gehandelt werden, ließen sich von „Designern“ also Subjekten komplett „designen“ oder steuern. Wir wissen heute, dass dies nur zu etwa 50 Prozent zutrifft. Aber auch dieser 50ig prozentige Anteil ist immer noch unverstanden genug . Was bei der Einrichtung des neuen Lehrstuhls das Wort „Diskurs-Design“ besser ersetzen müsste, wäre ein Wort für „Anverwandlung“, „Instinkt“ – oder – wie der Dekan persönlich vorgeschlagen hat: „Ein Lehrstuhl zur Dämpfung des Eigensinns, und zur Ausbildung von Prozess-Kompetenz, verbunden mit der Fähigkeit, im Bereich der Affektsimulation und der Überzeugungskonstruktion tätig zu werden.“ Mir gefallen alle diese Bezeichnungen noch nicht recht. Vielleicht fällt ihnen dazu etwas Besseres ein, Herr Boson. Wichtig wäre der Universitätsleitung, dass man den Studierenden von vorn herein eben schon mit der Benennung des Lehrstuhls die Illusion nimmt, sie würden hier zu so genannten Persönlichkeiten ausgebildet. Dieses Lernziel halten hier alle für pädagogisch kontraproduktiv. Was vermittelt werden soll, sind die wissenschaftlichen Grundlagen zum Erkennen des richtigen Ortes und des richtigen Zeitpunkts und die daraus resultierende Fähigkeit, das passende Meinungs- mit dem dazugehörigen Persönlichkeitsprofil zu konstruieren, um maximale Kommunikationseffekte zu erzielen und damit eben innerhalb des gegebenen Sozitops Lebenskompetenz (und –Berechtigung) zu erlangen und zu behalten. Ein Absolvent des Faches, wenn er dazu noch Meisterschülerstatus beansprucht, müsste befähigt sein – und das ist eine sehr gute Formulierung des Dekans – „zur Synthese von Überraschungen ebenso wie zur Konstruktion von Überzeugungen.“ Überhaupt muss er fähig sein, ein ganzes Spektrum an emotionalen Zuordnungen, Widerständen, Reaktionsmustern, Signalen, etc… perfekt abgestimmt auf den Zeichenhaushalt seines aktuellen Soziotops gewinnbringend synthetisieren und verteilen zu können.“ Ich habe es einmal spaßeshalber „Hysteriekompetenz“ genannt. Gemeint ist aber eher die Fähigkeit zur zeitlich präzisen Verteilung (Distribution) von Affekten und diese Fähigkeit – wo es zeitlich angezeigt scheint – auch mit der Fähigkeit zum Widerspruch, also dem genauen Gegenteil, der Kontradiktion zu mobilisieren.
(Dass eine Meinung als persönliche Position zwar für sich bestehen kann, aber erst durch ihr ausgesprochenes Gegenteil und einen Widerspruch ökonomisch mobilisiert werden kann, und auf die Ökonomie kam es Ihnen an, war einmal eine Hypothese von Ihnen, Herr Boson!) Um es für Ihren Bereich zu formulieren, Herr Boson: Ein Absolvent des Faches “Diskurs-Design” muss eine Meinung und den Widerspruch zu dieser Meinung in seiner eigenen Person als Widerspruchsunternehmer gezielt polarisieren aber auch raum-zeitlich abgestimmt zugleich synthetisieren, verkörpern, und ebenso diskursiv widerlegen können. Und das mit ökonomischem und kommunikativem Mehrwert in jedem beliebigem Soziotop und in jeder beliebigen Funktion als Politiker, Zeitungsmacher, Unternehmer, Künstler, Erfinder, Dichter etc… Was bisher nur dem so genannten Bauchgefühl oder der guten alten historischen Situation vorbehalten war, wird nun synthetisch und wissenschaftlich anverwandelt und ökonomisch initialisiert….“

Und so weiter… Pöltz scheint ganz aus dem Häuschen. Dabei ist, was er oder dieser Dekan vorschlägt, überhaupt nicht neu. Neu wäre allenfalls, dass hier einige bis dato “aus dem Bauch heraus” praktizierten oder der „historischen Situation“ entsprungenen Kompetenzen einem regulären Lehrstuhl zugeschlagen werden sollen. Pöltz glaubt, er hätte eine gute Nachricht für mich, wenn er mir die Einbindung in dieses Projekt verspricht. Dabei hat er inhaltlich auf meinen letzten Brief überhaupt nicht reagiert. Was interessiert mich dieses Gutachten. Ja, einige Aspekte klingen so, als hätten sie mit meiner Forschung etwas zu tun, aber diese Arbeit muss ja zunächst noch geleistet werden. Die Einordnung und Klassifikation des gepflegten gutbürgerlichen Widerspruchs, vor allem sein umfassendes Verständnis steht noch ganz am Anfang. Und dabei soll Pöltz mir helfen. Mein Doktorandenstipendium läuft nicht ewig. Was völlig fehlt, ist eine gültige Theorie des gepflegten gutbürgerlichen Widerspruchs. Oder eben eine Theorie der semantischen Polarisation – wenn das wissenschaftlicher klingt. Unter Berücksichtigung der nichtsemantischen rein energetischen Anteile, die in ihrer Funktion und in ihrem Verhältnis auch noch nicht bestimmt sind. Pöltz sollte das eigentlich wissen. Es ist viel zu früh für meine Mitwirkung.

Will er mir ausweichen? Ich hoffe nicht. Ich muss ihm diplomatisch antworten. Pöltz wiederum beweist selbst Instinkt, wenn er versteht, dass sich mit der wissenschaftlich beherrschten und ökonomisch gut perspektivierten Produktion und dem Design von Diskursen, Trends und Themen bei gleichzeitiger Genese der jeweils dazu passenden Widersprüche und Kontradiktionen emotional gut verteilter Affekte zumindest ein Diskurs-Dienstleistungssektor ausbilden lässt. Mit Schwerpunkt Diskurs-Design. Ich muss gelassen bleiben und warten. Es gibt einige Probleme, bei denen ich auf seine wissenschaftliche Meinung großen Wert lege. Aber stattdessen forciert er irgendwelche Versorgungsgeschichten an der Uni. Das ist natürlich nicht ganz untypisch für Ihn. Dass ausgerechnet er zur Einrichtung eines Lehrstuhls für Diskurs-Design und zur wissenschaftlichen Dämpfung des Eigensinns bei gezielter Ausbildung von Prozesskompetenz als Gutachter hinzugezogen wird, überrascht mich gerade nicht.

Worin ich Pöltz sofort zustimme: Das Wort Diskurs muss durch irgendein anderes Wort ersetzt werden. Es ist vom vielen Anfassen fettig geworden. Unhygienisch. Aber womit ersetzen? Instinkt? Anverwandlung? Zugehörigkeit? Einschlussverfahren? Mein Diskurs ist mein Butterbrot. Schwierig.Was also tun. Ich bin nicht zufrieden mit seiner Post. Ich habe auf etwas anderes gewartet. Vielleicht sollte ich Interesse heucheln, um ihn zum Thema zurück zu biegen.
Klar, ich könnte Ihm zum Beispiel schreiben, wenn Sie das Wort Diskurs-Design vermeiden oder umgehen wollen, dann entwickeln Sie einfach ein paar Unterkategorien, wie zum Beispiel Empörungs-Design, Überzeugungs-Design, Nachdenklichkeits-Design, Angst-Design, Eifersuchts-Design, Neid-Design, Heiterkeits-Design, Erregungsdesign, Traurigkeits-Design, Irritations-Design, Betroffenheits-Design, Leidenschafts-Design. Et cetera.
Da hätte er dann im Handumdrehen eine Armada von Neuberufen kreiert. Und wenn ihm das Wort Design auch nicht mehr in den Kram passte, könnte ich ihm das Wort Einrichter empfehlen, abgeleitet von Inneneinrichter gäbe es dann den Überzeugungsseinrichter, den Nachdenklichkeitsedesigner, den Heiterkeitseinrichter, den Irritationseinrichter…Vielleicht ist es aber doch schlauer, ihn doch einmal zu provozieren, um ihn aus der Reserve zu locken….

…Sehr geehrter Herr Professor, Ihr Gehirn ist ein Nachtclub mit einer verdammt harten Tür. Aber wenn Sie den Laden zum Tanzen bringen wollen, sollten Sie mal ihre Einlasspolitik überprüfen. Ich stehe derweil hier draußen und versuche meine Beziehungen spielen zu lassen….!!

Na ja, man wird sehen.

Was noch –

Ich könnte Pöltz auch ein Experiment vorschlagen. Zehn Leute mit derselben Meinung zu einem Thema werden in einen Raum eingeschlossen. Nach t minus X Minuten wird der Raum wieder geöffnet und es erscheint die Gruppe, aber nun genau mit der gegenteiligen Ansicht zum Thema.

Hypothese: Die Verfassung einer Gesellschaft ist keine Funktion der an ihr teilhabenden Individuen, sondern eine Funktion der Zeit. Nach t minus X Tagen sind der common sense einer Gesellschaft oder die Ansichten der Mehreit zu einem Thema in ihr Gegenteil gekippt. Wartet man weitere X Tage, befindet sich die Meinung oder der common sense wieder in der Ausgangsposition. Ein zeitlich getakteter Vorgang. Ich nenne ihn vorläufig common switch.

Nachtnotiz Ernährung:
Schwierig erscheint es mir deshalb, das Wort Widerspruch mit dem Wort Negation zu ersetzen. Denn in Negation fehlt der Bezug zur Zeit, zum Prozess. Das Wort Negation tut so, als gäbe es keinen „Zeiteinschluss“ im Moment des Negierens, keinen stofflichen Prozess. Negation leugnet die Zeit, und damit jeglichen Stoff. Was sich mir als Widerspruchsforscher (nicht als Philosoph) als problematisch darstellt. Das Wort Negation klingt ideal wie das Klicken eines Schalters ohne Zeiteinschluss. t = 0, Klick und etwas ist – negiert. So ein zeiteinschlussfreies Schalter-Klick als Negation gibt es aber nicht. Im ganzen Universum wirkt keine Negation. Was  sehr wohl wirksam ist: Induktion, Transformation, Expansion, Widerstand, Phasenübergänge, Symmetriebruch – aber immer: Mit Zeiteinschluss. Prozesse nähren die Zeit. Und sie nähren sich von der Zeit. Deshalb eben Widerspruch statt Negation. Denn auch im Moment des Widerspruchs „vergeht“ Zeit. In einer klaren Richtung. Die Zeit des Widersprechens oder des Widerwartens. Des Gegenwartens. Aber auch die Zeit die „vergeht“,  vergeht eigentlich nicht. Sie ist im Moment eingeschlossen dadurch, dass etwas geschieht. Und irgendwas geschieht immer. Aber negiert wird gar nichts. Nirgends. Weil es – wie Kaminskie sagte – auch das Nichts, streng physikalisch betrachtet, offenbar nicht gibt. Deshalb eben nicht Negationsforschung, sondern: Widerspruchsforschung. Jedenfalls vorläufig.

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