Kunst mit der Ex

Eine Vernissage in einem Galerien-Geheimtipp-Hinterhof. Das Publikum ist zugegen; die Vernissagen-Eröffnungsperformance läuft bereits: Zu traditionellen mongolischen Hochzeitsgesängen, unterlegt von digitalisierten Klängen zuschlagender Friedhofstore aus ganz Europa, versucht ein Butoh-Tänzer, sich ein Bein auszureißen und mit ihm die Geister der Vergangenheit zu vertreiben, die ihn umschwärmen.

Derweil trifft am Sektausschank im Hintergrund eine Ex ihren Ex.

SIE

Hallo, Ullrich!

ER

Sybille? Bist Du das etwa?

SIE

Ach, Du hast mich gar nicht erkannt? Obwohl Du mich seit einer Viertelstunde beobachtest.

ER

So lange bin ich noch gar nicht da.

SIE

Und was willst du hier?

ER

Ich bin eingeladen. Gut siehst du aus! Vielleicht habe ich dich deswegen nicht erkannt.

SIE

Du hast dich aber auch verändert. Zugenommen?

ER

Ab. Wie lang ist das jetzt her? Fünf Jahre?

SIE

Anderthalb. Komm, ein bisschen zugenommen hast Du schon.

ER

Wirklich nicht. Erst anderthalb? Das ist für mich alles so weit weg…

SIE

Du musst es ja nicht zugeben. Und – mit wem bist du hier?

ER

Heute mal allein.

SIE

Aber du hast jemanden.

ER

Klar. Immer mal wieder. Kennst mich ja.

SIE

Aber, ja. Je nachdem, ob du gerade das Geld hast.

ER

Komm, hör auf. Und Du?

SIE

Ich bin richtig glücklich.

ER

Schön. Er auch? (lacht)

SIE

Sonst hätte er mich wohl nicht geheiratet.

ER

Ach! Das ging ja schnell.

SIE

Wenn man einmal den Falschen hatte, dann merkt man sofort, wenn es der Richtige ist.

ER

Und wer behält schon die Ruhe, wenn die biologische Uhr immer lauter tickt. Hat er dich schon geschwängert?

SIE

Wir haben Zeit. Er ist acht Jahre jünger als Du.

ER

Also neun jünger als du.

SIE

Du bist immer noch älter, Schatz. Und klingst irgendwie verbittert.

ER

Ich gönne es Dir doch. Von Herzen. Du hattest schon immer diesen klassischen Mädchentraum, eine Braut zu sein.

SIE

Ich wollte ihn heiraten. Nicht generell.

ER

Ja, klar.

SIE

Und schon gar nicht dich.

ER

Ich hab mich ja auch mit Händen und Füßen gewehrt!

SIE

Ich wollte dich nicht, mein Dickerchen. Darum hab ich mich von Dir getrennt.

ER

Du wolltest doch nicht wie deine Mutter werden?! Und jetzt säufst Du Dir auch schon die Vergangenheit schön! Ich habe Schluss gemacht.

SIE

Da weiß ich ja gar nichts von. Das musst du getan haben, als ich schon nicht mehr da war!

ER

Ach, ja – du warst ja nicht das einzige, was dann nicht mehr da war! Keine schlechte Organisation, in 7 Stunden eine halbe Wohnung leer zu räumen.

SIE

Deine Exfreundinnen haben mir beim Tragen geholfen. Mein Gott, waren die motiviert!

ER

Nee, nee, du bist schon einmalig. Mit den anderen habe ich normalen Kontakt. Sonst wäre ich hier wohl auch kaum eingeladen worden.

SIE

Wieso?

ER

Das ist Ullis Vernissage.

SIE

Die Ulli, mit der ich dich mal getroffen habe?

ER

Deine Nachfolgerin.

SIE

Ullrich und Ulli. Klang für mich wie Sendung mit der Maus. „Das ist das Maulwurfspärchen Ulli und Ullrich.“

ER

Wir sind ja nicht mehr zusammen.

SIE

Und sie hat die Bilder gemalt? Wie findest du sie denn?

ER

Sieht immer noch gut aus. Wir hatten zwischendurch noch mal ein kleines…

SIE

Die Bilder, du Kunstliebhaber.

ER

Ach, so. – Ja. Schon.

SIE

Komm, ich kenn dich doch. Wie fändest Du die Bilder, wenn du kein Interesse an der Vagina des Künstlers hättest?

ER

Schrei doch nicht so. – Die Bilder haben was Unverwechselbares.

SIE

Das hat ein Autounfall auch. Trotzdem möchte ich ihn nicht im Hause haben.

ER

Du hast gut reden. Sie hat mir mal eins geschenkt.

SIE

Mein Gott – sie muß dich noch mehr hassen als ich!

ER

Der Gedanke ist mir gerade auch gekommen.

Beide kichern.

ER

Scheiße. Hast du das da vorne mit den fickenden Pferden gesehen?

SIE

Das große? Das sind ja wohl eindeutig Elefanten. Warte mal – ich guck mal auf den Titel.

Sie tritt näher heran und schaut auf die winzige Begleittafel neben dem Gemälde.

ER

Pferde, oder? Sag schon.

SIE

„Die Kartenspieler.“

ER

Scheiße, scheiße, scheiße.

SIE

Stell dir mal vor, Ihr hättet Kinder gekriegt. Du hättest überall Ullis Bilder aufhängen müssen. Und in die Zwischenräume die Bilder von den Kindern, die sie aus dem Kindergarten mitgebracht hätten.

ER

Die Hölle in Acryl.

Sie lachen gemeinsam.

SIE

Ich meine: Sie roch doch auch danach.

ER

Was? Nach Farbe?

SIE

Als ich euch getroffen habe.

ER

Damals hatte sie so eine Phase: Nur Bleistiftzeichnungen.

Sie lachen.

SIE

Dann war es ihr Make-Up.

ER

Das kann auf jeden Fall stimmen. Da war sie immer großzügig.

Sie lachen lange und schauen sich an.

ER

Natürlich hab ich sofort gesehen. Ich könnte dich nie übersehen.

SIE

Ist doch nicht alles weg, was?

ER

War es nie. Das weißt du auch.

SIE

Hast du den Raum hinter der Garderobe gesehen?

ER

Ist da einer?

SIE

Der ist ganz leer.

ER

Und dein…

SIE

Der ist schon ganz voll. Und er hat einen Kollegen aus der Agentur getroffen.

Sie lächeln beide und gehen.

(Happy End)

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