Das Untergrundlächeln

Der Frau ist es noch nicht nah genug. Obwohl der Mann auf der Rolltreppenstufe direkt vor ihr steht, krümmt sie sich nach vorn, bis ihr Kinn fast seine linke Schulter berührt. So fahren sie durch die vielbenutzte Schleuse nach unten.

An allen Tagen werden hier Mengen von Menschen eine Etage tiefer in das Erdinnere verbracht. Manche wählen auch die Steinstufen und gehen selbst. Aber die weitaus meisten lassen sich von der schmalen Rolltreppe nach unten tragen. Dabei nimmt der Fußsteig gut vier Fünftel des Niedergangs ein ­− genügend Platz für die vielen Fahrer, dass sie sich komfortabel verteilen könnten. Und die paar Treppensteiger wären auch in der Enge des Förderbandes eine noch immer angenehm luftige Gruppe. Sie tauschen trotzdem nicht.

Ich nehme die Treppe. Es sind gute Stufen: Man muß nicht auf sie achten, um sicher treppab zu kommen. Ich kann sie nehmen und dabei die Frau beobachten, der die beengte Nähe zu ihrem Rolltreppenstufenvordermann nicht reicht.

Sie ist ihm zu nahe. Ihr Mund neben seinem Ohr, und er schaut geradeaus, als sei sie nicht da. Ihre Felljacke steht offen; das Rosa ihres Strickpullovers beißt sich mit dem Keramikorange der kleingekachelten Schleusenwände. Seine Ignoranz macht sie wütend. Das reichliche Fleisch ihrer hängenden Wangen wackelt. Sie macht mit links einen Ausfallschritt nach vorn und begibt sich nun halb auf seine Stufe. Er rückt einen Deut weiter an das rechte Laufgeländer und steht dort lotrecht und bewegungslos. Sie spricht ihm nun direkt in das Ohr.

Wegspringen wird er ihr nicht. Es liegt nicht an seinem Alter von vielleicht 70 Jahren. Seine Haltung ist aufrecht und stolz, und er wird sie auch in dieser Bedrängnis nicht aufgeben. Die Frau redet in zunehmender Geschwindigkeit weiter, bleibt dabei aber unpassend leise. Ich höre nur „Dreckschwein“ und „Internet“. Das kann nicht sein. Und „20 Jahre verheiratet“.

Am Fuße der Stufen und der Rolltreppe biegen wir alle nach links zum gleichen U-Bahnsteig. Noch ein „Dreckschwein“. Sie bleibt unverändert dicht an ihm; er lässt sich von ihr an das vordere Ende des Steigs treiben. Immer noch schaut er sie nicht an. Ich warte mittig. Zwei Minuten bis zur Bahnankunft. Sie treibt den Alten wieder zu mir. Er hat etwas von einem Kauf- und von einem Lebemann an sich. Der Buchhalter von Django Reinhardt. Jetzt ist sie lauter, und ein paar von uns übrigen Wartenden wenden sich den beiden zu. „Mehr als 20 Jahre!“

Der Alte trippelt am äußersten Rand des Steigs auf mich zu. Noch einen Schritt nach rechts, und er fiele auf die Schienen. Die Verfolgerin ist gut zwanzig Jahre jünger als er. Seine Augen starren nun nicht mehr geradeaus, nacheinander sucht er offen und bar jeder Pein die Blicke seiner Beobachter. Er wirbt um Verbündete. Wir schauen alle weg. Sie hat nur Augen für ihn.

Die Bahn fährt ein. Nein, sie will ihn nicht stoßen. Es ist noch nicht alles gesagt. Und er hat die Pflicht, sie zu hören. Im Abteil kommen mir die beiden noch näher. Er will sich nicht in einem Sitz einkeilen lassen und stellt sich dicht an die Tür. Hier bleibt er stehen. Flucht zuende. Noch immer redet sie, noch immer hat er sie keines Blicks gewürdigt. Sie wird fiebrig in ihren Bemühungen. Ihre Finger krallen sich um die Haltestange. Sie setzt noch einmal zu einem Generalangriff an. Dreckschwein soll sich bloß nicht mehr vor dem Bildschirm erwischen lassen.

Da schaut er sie zum ersten Mal an. Ich sehe sein klares, überzeugtes, durch und durch wollüstiges Grinsen. Er hat sich entschieden. Sie verstummt augenblicklich.

Im U-Bahnhof Siemensstadt steigen die beiden aus und gehen gemeinsam und stumm in dieselbe Richtung.

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