TEUTONIKA – Leben in Deutschland

Der gute Vorsatz

Ich weiß nicht genau, Ihr Lieben, wie das bei Euch ist, aber…

Viele Menschen geben sich gerne gute Vorsätze. Besonders gern tun sie das zu Silvester.

Eine Frage die ich mir schon seit langem stelle ist, wieso wir ausgerechnet im tiefsten Winter

einen Jahres-Neuanfang begehen. Aber na ja…, nur so ein Gedanke.

Ich hatte mir dieses Jahr vorgenommen mir etwas vorzunehmen. Allerdings bot sich mir, anhand der vorhandenen Möglichkeiten, eine undurchschaubare Fülle der noch nie durchgeführten, der Un-Taten. Und ich entschied mich, als guten Vorsatz für das neue Jahr, einmal im Monat, in Berlin, auf dem U-Bahnhof Mehringdamm Amok zu laufen. Gut, ich hätte auch mal wieder mit dem Rauchen aufhören können, aber ich dachte es wäre besser etwas zu nehmen, daß sich auch realistisch durchführen läßt. Da ich ja im Grunde eine friedliebende Katze bin, verzichtete ich gänzlich auf Schusswaffen. Handarbeit wollte ich abliefern. Qualität.

In Berlin in die richtige Stimmung zu kommen, in der U-Bahn Amok zu laufen, ist nicht schwer.

Man muß lediglich mit der U-Bahn fahren.

Heute ist sie zu einem Handelsposten geworden, einem Marktplatz verlorener Seelen, die mit letzter Kraft, den letzten Besitz, für ein Stück Brot feil bieten. Die Zeiten in denen der Berliner Punk eine Touristenattraktion und der Spruch „Haste mal ne Mark“, fast eine Schutz-Marke war, sind endgültig vorbei. Auch der obdachlose Zeitungsverkäufer hat sein Image, des „Verzweifelten mit Kreativität“, längst verloren.

Gnadenlos und lautstark wird um jeden Fahrgast gekämpft. Dabei ist die aller mächtigste Waffe die Egozentrik. Deshalb kann es passieren, das man innerhalb einer Viertelstunde, nicht nur von einem, sondern von sieben Obdachlosenzeitungs-Verkäufern angesprochen, oder sagen wir bedrängt wird. Gefolgt von einem Typen mit einer Gitarre, der einem, völlig unaufgefordert, „Blowin´in the Wind“, ins Ohr schmettert und dafür auch noch Geld verlangt, einem Feuerzeugverkäufer, einer Gruppe Jugendlicher die ihr Handy, jeweils mit anderer Musik oder Klingelton, auf volle Lautstärke gestellt haben und ungefähr 14- 17 Fahrscheinkontrolleuren, die mich immer gerne, schon als nächste Kerbe auf ihrem Quittungsblock sehen. Notwendigerweise sind alle davon überzeugt der erste zu sein. Nicht nur an diesem Tag, sondern seit dem Bau der U-Bahn. Dabei die Ruhe zu bewahren erfordert äußerste Disziplin und Selbstbeherrschung.

„Wartet´s nur ab !“, denk ich bei mir.

In dem Moment steigen zwei ältere Damen ins Abteil. Beide tragen schwarze Armbinden, mit weißen Kreuzen drauf. Als eine von ihnen zu sprechen anfängt, glaubt man im ersten Augenblick ein Zahnarztbohrer dringt tief bis in die Schädelmitte ein.

„Guten Tach, mein Name iss Hildegardt, dis iss Liese. Weil wir gerade nichts besseres zu tun haben, stehen wir auf der Straße…“,

dabei schwankte sie leicht hin und her und ihre Alkoholfahne erschlich sich jeden Winkel des Waggons.

Wir verkaufen das konservative, katholische Wochenblatt ‘Der Wachtposten’. Der Wachtposten kostet zwei Ave Maria. Eins davon können wir behalten und das andere kommt direkt dem Heiland zu gute. In den Wachtposten können sie lesen wo der nächste Kreuzzug in Ihrer Nähe ist…, oder einfach unser Kreuz-Wort-Rätsel lösen…“, sie fing an zu gackern und Liese auf die Schulter zu klopfen. „Ein Heidenspaß für die ganze Familie. Außerdem der letzte Missionarsbericht aus Neuköln und eine neue Folge aus unserer Serie: ‘Du sollst nicht denken’.

Liese brachte ihren Gehstock, der mit einer Eisenspitze versehen war, in eine waagerechte Position, in Augenhöhe der sitzenden Fahrgäste, hielt den Wachtposten weit vor sich hin und torkelte los.

„Der Wachtposten !“, schrie sie dabei und ihre Stimme stand der von Hildegardt in nichts nach.

“Du kannst mich vier mal am Arsch lecken“, hörte man „ein Handy klingeln“.

Ein junger Mann lächelte sie freundlich an, hielt ihr ein zwei Euro Stück hin und sagte: „Hier Mütterchen, gut wenn man im Alter noch eine Aufgabe hat.“ Liese zuckte zusammen, machte eine Drehung nach rechts und zog ihren Gehstock einmal quer durch die Gesichter der neben dem jungen Mann sitzenden, türkischen Familie. Der Stock stoppte ca drei Millimeter vor dem Auge des jungen Mannes.

„Willst du auf die Fresse du Heini !?“, schrie sie ihn an und man bemerkte erst jetzt, daß sie wohl unter Schüttellähmung litt.

Diese, augenscheinliche, Bedrohung überstieg nun wohl die nervlichen Kompetenzen des Schäferhundes, des U-Bahn Ordnungspersonals, der sich von seinem Führer los riss und laut bellend auf Liese los ging. Aus Solidarität stimmte der Gitarrenspieler noch ein mal „Blowin´in the Wind“ an.

Zeitgleich mit dem Schäferhund sprang der Vater, der mit roten Streifen im Gesicht versehenen, türkischen Familie auf, um seinerseits auf Liese loszugehen.

Hildegardt hingegen hatte blitzschnell reagiert und aus ihrer Handtasche eine kleine Dose gezogen, mit der sie nun, wahllos in die Menge, Tränengas versprühte und dabei laut kreischte: „Jesus ist die Rettung !“

Die U-Bahn fuhr in eine Kurve, die Räder kreischten auf den Schienen. Lauter Als Hildegardt. Als vom anderen Ende des Wagens eine, halbvolle, Sektflasche in unsere Richtung fliegt und jemand ruft: „Freiheit für den wahren Heinz“, verliere ich, aufgrund des Tränengases kurz die Besinnung und als ich wieder aufwache hat der Gehstock den Kopf des jungen Mannes durchstoßen und den des Schäferhundes und auch den des türkischen Familienvaters , was jetzt ein wenig an Schaschlik mit Soße, von gestern erinnert. Hildegardt ist von der Sektflasche an der Brust getroffen worden, worauf ihr Herzschrittmacher den Dienst versagte und sie sich, den Wachtposten fest in der Hand haltend, über das Schaschlik garnierte.

„Nächster Bahnhof…, Mehringdamm“, tönte die leicht robotisierte Stimme aus dem Lautsprecher, „Anschluss an die Linie 6…, und zum Bus…“

Obwohl meine Augen noch wie Feuer brennen bahne ich mir einen weg zur Tür. Unterwegs sehe ich den Gitarrenspieler, mit einem Tennisball im Mund der mit Klebeband um seinen Kopf befestigt ist. Ich bin mir nicht ganz sicher ob das Gas mir einen Streich spielt, aber ich glaube zu erkennen, das der Gitarrenhals in seinem Hinterteil steckt. Wie der da wohl rein gekommen ist, denke ich und steige am U-Bahn Mehringdamm aus. Als ich gleich mit dem nächsten Zug wieder zurück fahre, murmele ich vor mich hin:

Nicht schlecht für das erste Mal…, nicht schlecht.“

Hinter mir erklang eine Stimme: „Guten Tach, ich bin Liese. Da ich grad nichts besseres zu tun habe…“

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