TEUTONIKA – Leben in Deutschland

Der Heiland ist da

“Erwarte jetzt bloß keine zu großen schauspielerischen Leistungen”, sagte die arme Kirchenmaus zu mir, als wir Heiligabend ins Kirchenschiff hinunter blickten. Wir knabberten an unseren Brotkanten und warteten gespannt auf die Kinder, die in diesem Jahr das Krippenspiel aufführten.

“Lobet den Herrn !”, rief der Pfarrer von der Kanzel.

“Lauter !” hörte man eine Stimme aus den hinteren Reihen. Auch in diesem Jahr war es der Kirche nicht gelungen, genug Geld für Mikrofone zusammen zu bekommen.

“Was hat er gesagt?”, fragte die alte Dame ihren Nebenmann, der sie darauf nur etwas erbost anschaute und “psssssst” machte.
Unter den Klängen von “Alle Jahre wieder”, bei der man der Orgel deutlich anhörte, daß wohl auch für sie nicht viel Geld übrig war, zogen die Kinder, allen voran Maria und Josef, ein. Der Verkündigungsengel, gespielt von der kleinen Helene, stolperte über das selbst gemachte und etwas zu lang geratene Engelskostüm, schlug mit dem Kopf gegen eine Kirchenbank, riss dabei Tobias um, der einen Hirten darstellte und blieb reglos liegen.

“Die schon wieder…”, sagte Marcus, ein zweiter Hirte. “Immer muß die im Mittelpunkt stehen.”

“…auf die Erde nieder”, sang die Gemeinde, denn anscheinend hatte von dem Unfall niemand etwas mitbekommen. Da sich die meisten auch die Ohren zu hielten, um die schrägen Töne der Orgel nicht hören zu müssen, hörte auch niemand das Geschrei von Helenes Mutter, die verzweifelt nach einem Arzt rief und dabei versuchte die alte Dame von ihrer Tochter zu heben, die den Hirtenstab des fallenden Tobias ins Gesicht bekam und bewußtlos von der Bank, direkt auf Helene gefallen war.

Die Krippenspielprozession stand um den gefallenen Engel herum, außer die Kinder die Maria und Josef spielten, die nichts mitbekommen hatten und inzwischen am Altar angekommen waren. Die Orgel hörte auf zu spielen und alle schauten gespannt auf Maria und Josef. Die schauten fragend zum Pfarrer und der suchte seine Brille, da er nicht erkennen konnte, was da im hinteren Teil der Kirche los war.

“Anfangen ! Wir haben doch nicht die ganze Nacht Zeit”, brüllte jemand in der ersten Reihe, während man hinten weiteres Geschrei vernahm.

“Fassen Sie meine Großmutter nicht an !” , fuhr ein Mann Helenes Mutter an, die immer noch versuchte die alte Dame von ihrer Tochter zu zerren. Inzwischen weinten fast alle Kinder. Besonders Jenny, die von ihrer Mutter eine Backpfeife bekommen hatte, weil auf ihrem umgenähten Hochzeitskleid einige Blutspritzer zu sehen waren.

“Und dafür haben wir jetzt drei Monate geprobt”, sagte Marcus.“Ich will nachhause, ich krieg heute ein neues Playstation Spiel.”

“Siehe, euch ist ein Heiland geboren”, hörte man etwas verlegen, von vorne, den Pfarrer.

Auf dieses Zeichen hin begann der Organist, wie verabredet wieder zu spielen und die Gemeide stimmte ein…

“Stille Nacht, heilige Nacht…”

“Ist doch immer wieder schön bei dir, auch wenn ich nur einmal im Jahr herkomme”, sagte ich zur Kirchenmaus.

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