Projekt Lina (2)

Die Geschichte von der Frau, die ihr Nein sehen wollte. (2)

Lina wuchs heran, wurde älter. Und war dabei eine zumeist heitere Person.
So ging sie morgens die Treppe in ihrem Haus hinunter und nachmittags wieder hinauf, und grüßte dabei in Richtung Geländer, auf dem keine grünen, roten und gelb gepunkteten brasilianischen Pfeilfrösche herum hüpften. Also hob sie lässig die Hand wie eine Geschäftsführerin, die morgens in ihrer Firma zu ihren angestellten „Hi“ sagt und abends „Tschau, ihr Lieben“.
Oder sie stand manchmal vor einem Tisch, auf dem kein zerfleddertes Nest mit Straußeneiern lag und dachte bei sich: Das müsste auch mal wieder in Ordnung gebracht werden.
Natürlich ahnte sie irgendwann, ganz allmählich, dass wohl auch Erwachsene ihr Nein nicht sehen konnten. Sie war ja schließlich nicht doof. Aber das störte sie nicht weiter. Denn sie hatte herausgefunden, dass sie bestimmen konnte, wann sie ihr Nein sah und wann nicht. Ein Wasserhahn, aus dem kein Wasser kam, zeigte eben: Kein Wasser. Und dann sah sie eben kein Wasser aus dem Hahn kommen. Natürlich nur wenn sie es sehen wollte. Ebenso wie eine leere Tasse bedeutete: Kein Kakao, keine Milch, oder kein Kaffee. Da konnte sie es sich eben aussuchen, ob eben kein Kaffe, keine Milch, kein Tee, kein Kakao oder sonst was zu sehen war. Auch kein Bier konnte sie sehen, wenn ihr danach war. Alles nicht schwierig. Wenn sie es ganz genau mochte und zum Beispiel wirklich nur keine Milch sehen wollte, dann schaute sie eben ganz speziell nur auf eine leere Milchflasche.
Es kam dann sogar eine Zeit, so zwischen ihrem 11. und 13. Lebensjahr, da dachte sie gar nicht mehr daran oder manchmal nur ganz kurz. Da sagte sie Ja und Nein wie alle Leute. Nur manchmal vielleicht, wenn sie ihrem Nein einen besonderen Nachdruck geben wollte, zum Beispiel ihrem 5 Jahre jüngeren Bruder gegenüber, wenn der sie über die Maßen hartnäckig um Süßigkeiten anging, die sie schließlich auch nicht herbeizaubern konnte; wenn der dann in seinem Betteln nicht nachließ, dann kam es schon mal vor, dass sie irgendwann nachgiebig wurde, und ihrem Bruder einen leeren und knisternden Müllbeutel von der Rolle schenkte, in dem keine Süßigkeiten lagen. Wenn der Bruder darauf hin heulend und rotzblasig in der Zimmerecke zusammenschrumpfte, dann hatte er offenbar etwas falsch gemacht. Aber da konnte sie ihm auch nicht helfen.
Zu den weniger angenehmen Momenten dieses Lebensabschnitts gehörten die ersten Mathematikstunden in der Schule. Am Anfang, als die Lehrer vor ihren Klassenkameraden entweder mit echten oder mit aufgemalten oder mit Pappattrappen von Äpfeln, Birnen oder Stäbchen herumfuchtelten, dehnte sich jede Minute um eine Ewigkeit. Dann legte sie ihren Kopf über den ausgestreckten Arm auf die Bank und schaute durch das Glas der Fenster nach oben in den Himmel, wo keine Reisenden auf Teppichen vorüber flogen. Oft fiel ihr dabei irgendwann der Stift aus der Hand.
Als dann die Zeit mit den Äpfeln und Birnen endlich vorüber gezogen war und die Lehrer von „Variablen“ oder „a“ und „b“ redeten, da hatte Lina noch andere Methoden gefunden, mit denen sie sich die Zeit vertreiben konnte. Mal kalkulierte sie im Kopf für die kleine Firma ihres Vaters die Steuerababschlüsse der nächsten Jahre durch, mal überschlug sie die Riesterrente für ihren Bruder wenn er 67 wäre, wobei sie die voraussichtlichen Inflationsraten berücksichtigte und mittels Aproximationsverfahren die Entwicklung an den Weltdevisenmärkten mit einbezog. Oder sie beschäftigte sich mit einer alten Kasparow-Partie, deren letzte Züge sie im Vorbeigehen auf dem Schulweg auf dem durchgeweichten Blatt einer Schachzeitschrift auf der Straße hatte lesen können.
Für Lina war es kein Problem mit Dingen umzugehen, die nicht da waren.

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