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	<description>Leben in Deutschland</description>
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		<title>Erlkönig Postscriptum Kleist</title>
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		<pubDate>Sun, 13 May 2012 16:39:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Boson</dc:creator>
				<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Tagewerk]]></category>
		<category><![CDATA[Tim Boson]]></category>

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		<description><![CDATA[...Ein wirklich guter Reiter sitzt zwar auf dem Pferd, aber  er sitzt dort nicht wirklich, er wird zum Pferd, er ist das Pferd, er verschwindet im Pferd und mit dem Pferd  und dichtet sich an den Hals heran, in den Düsenhals hinein, zur ernsten Frage seines Warum. Davon erst kommt sprachliche Bewegung. Das erst macht Dichtung. Als Ver-Dichtung. Das gibt ihr den Bumms. Er vergisst sein Reiter-Sein. Das Pferd der Sprache vergisst ihn und macht sich mit ihm -  in ihm -  auf den Weg ins  Reich des SAGENS.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Werke für die deutschsprachige Literatur eine Art idealen Vergleichsprozess bereitstellen in der Schub-und Strömungs-dimension von Sprache.  Soll heißen: Im Verdichungs-Prozess ihres physischen Triebwerks.</p>
<p>Die deutsche Sprache spricht von der Physis her, aus der Physis heraus, sehr<br />
undiplomatisch und direkt; eine Pferdesprache, deren Aletheia ganz direkt am zuckenden Muskel sitzt, ohne Spalt, ohne Maske, dicht aufliegt am Fleisch der<br />
Be-Wegung.  Das Deutsche, gut geritten, lässt keinen Platz  und keine Zeit für ein &#8220;Wie bitte?&#8221;</p>
<p>Man sitzt nicht in der deutschen Sprache wie in einer Kutsche, man reitet diese Sprache, und zwar ohne Sattel und Bügel geschmiegt an den heißen Rücken ihres Ge-Horchs.<br />
Mit Kleist kann man erleben, wie die Schenkel beim Reiten dieser Sprache immer mehr hineinsinken in die Flanken des Pferdes, so mit ihnen verschmelzen,<br />
der Reiter duckt und drückt sich immer dichter an den Rücken, wird dicht und dichter mit dem Tier, versinkt in ihm, beschleunigt weiter , duckt und drückt sich  und verschwindet so beim Reiten ganz in dem Pferd der Sprache, wird selbst ganz Fleisch, ganz Muskel, ganz Atem, ganz Rückrad, ganz Wind; da ist dann überhaupt kein Spalt mehr zum Lügen oder zum Flirten oder auch nur zum Zwinkern, kein Zwischenraum mehr für die Charmance &#8211; da, wo so gerne ein entlastend Zweideutiges  hin und her klappern  würde, im Spalt zwischen Wahrheit und Lüge &#8211;  das alles reitet sich und dichtet sich mit Kleist ganz  hinein ins Fleisch der Bewegung, der Zwischenraum schließt sich, kein Klappern mehr, es drängt und dichtet sich &#8211; sprechend &#8211; vollständig hinein in die Muskeln und den Schweiß der Spur  und der Sprünge; die führen den Leser in die Verdichtung,  in einen Sektor wo die Alternative &#8220;Dichtung und Wahrheit&#8221; nichts mehr gilt,<br />
nur noch Atem, das Rennen, der Muskel, Durchblutung, Puls &#8211; Geh! Geh! Geh! eben das, was die Sprache ist, wo sie herkommt, vom Körper, von der Wirkung, von der Technik der Natur &#8211; im Dichtwerden und Dichterwerden im Wahrheitwerden der  Geschwindigkeit in  Strömung erreicht sie dann beinahe wieder schnaufend, atmend, ihren wiederstummen Grund.</p>
<p>Da wittert der  Eros der deutschen Sprache. In ihrem Vorwärtsdrängen, das den Reiter mit dem Pferd verdichtet  zur Einheit der Funktion von Bewegung, Richtung und Lauf. Da hat die deutsche Sprache ihren Speed, ihren Sex.</p>
<p>Die deutsche Sprache eignet sich  deshalb gerade nicht für die  &#8221;sexuelle&#8221;  oder &#8220;erotische&#8221; Schrift.  Sie redet auch nicht &#8220;vom Sex&#8221; und &#8220;über Erotik&#8221;. Eben weil das Deutsche eigentlich &#8211; in seinem Innern &#8211; keinen Maskenspalt zur<br />
BE-Schreibung offen hält.  Die deutsche Sprache i s t  der Eros. Sie nimmt umweglos Teil an ihm. Sie beisst und zittert und wittert und reitet sich biss ins Universum hinein.</p>
<p>Deshalb macht sie das Philosophische im Deutschen so stark.<br />
Weil das Denken und das Philosophieren im Deutschen  nicht trocken ist, sondern wirklich physisch, pochend , nass und heiß durchströmt. Dampfend.</p>
<p>Den ironischen Reiter schüttelt sich das Pferd dieser Sprache vom Rücken,<br />
wirft ihn ins Läppische ab.</p>
<p>Weil die deutsche Sprache selbst zu dicht am Fleisch, an der Atmung, am Muskel sitzt. An der Technik der Natur &#8211; deshalb ist da auch kein Platz für Ironie.</p>
<p>Kleist ist heute deshalb im Inter-Esse, weil er einen Vergleichsprozess stellt, mit dem man das Kutschieren, das  Stolzieren erkennt, das Stil-Pinseln, das Porzellanmalen der deutschen Sprache so gut erkennen kann, all das, was einem angelernten oder angefühlten Salon- und Kommunikationskanon hinterherfuchtelt.</p>
<p>Das All-Ein-Werden mit dem Pferd der deutschen Sprache aber, beim Ritt in der Aletheia, mit der Aletheia, verbietet jede Atitüde. Ein wirklich guter Reiter, und hier ist gemeint ein wirklich guter Reiter, muss nicht nur sein Handwerk vergessen, zudem auch  noch sich selbst. Ein wirklich guter Reiter sitzt zwar auf dem Pferd, aber  er sitzt dort nicht wirklich, er wird zum Pferd, er ist das Pferd, er verschwindet im Pferd und mit dem Pferd  und dichtet sich an den Hals heran, in den Düsenhals hinein, zur ernsten Frage seines Warum. Davon erst kommt sprachliche Bewegung. Das erst macht Dichtung. Als Ver-Dichtung. Das gibt ihr den Bumms. Er vergisst sein Reiter-Sein. Das Pferd der Sprache vergisst ihn und macht sich mit ihm &#8211;  in ihm &#8211;  auf den Weg ins  Reich des SAGENS.</p>
<p>Wer so reitet, dem stirbt auch nicht das Kind.<em><br />
</em></p>
<p><em>Die Sprache ver-gessen, das hat Kleist gemeint.</em></p>
<p>Ein Mensch &#8211; hält keine Hand.<br />
Ein Mensch hat &#8211; eine Hand.<br />
Seine Hand ist all-ein.<br />
Diese Hand braucht keine Handpuppen mehr,<br />
keine Hütchen, Symbole oder Metaphern.</p>
<p>So hat der Mensch auch die Sprache.</p>
<p>Er hat die Sprache als Hand.<br />
Er hat sie nicht als  Krankheit oder Hautausschlag.<br />
Er &#8220;trägt&#8221; die Sprache auch nicht wie ein Hütchen,<br />
und er &#8220;spielt&#8221; sie schon gar nicht &#8220;wie &#8221; ein Instrument oder &#8220;als ob&#8221; sie ein Instrument wäre.</p>
<p>Das eben berührt auch den Begriff der Grazie, so gemeint von Kleist.</p>
<p>Die Grazie, die einer  Bewusstlosigkeit bedarf oder: aus einem Verschmelzen und Sichhineinlassen mit dem Ganzen der Aletheia das totale Bewusstsein wenigstens ab und zu berührt. Nicht immer, aber manchmal. Im ALL-Ein-Sein.</p>
<p>Aber ein  kulturelles Millieu, das mit &#8220;Ästhetik-Begriffen&#8221; fuchtelt oder mit<br />
Stil-Pinseln  in Phantasieräume hinein fummelt, macht es graziösen Texten ganz  schwer.</p>
<p>Wirklich graziös ist heute nur noch &#8211; manchmal &#8211;  der aktuelle Mensch selbst, wie er in Gegenwart über eine Straße läuft, wie er eine Einkaufstüte packt, in einem  Zimmer steht oder auf dem Bett liegt &#8211; und graziös ist beinahe jedes Gerät wie zum Beispiel das Hubble-Teleskop. Oder ein Space-Shuttle, wenn es in den Himmel steigt. Das hat die selbe Grazie wie ein Mensch.</p>
<p>Wem einmal ein Ohr für das Ge-Horch der eigenen Sprache gewachsen ist,  für ihren Ritt im kosmologischen Muskel, dem wird dieses Ohr sofort empfindlich,  schon wenn er  ein  Wort hört  wie &#8220;Roman&#8221;  oder &#8220;Gedicht&#8221; oder &#8220;Short-Story&#8221; oder auch nur  das Wort &#8220;Literatur&#8221;.</p>
<p>Gute deutsche Texte findet man heute entweder in älteren Texten der  Philosophie, in sehr konkreten Reportagen oder sehr oft auch zwischen<br />
den Seiten eines aktuellen wissenschaftlichen Fachbuchs.</p>
<p>Manchmal sogar in einfachen Gebrauchsanweisungen: &#8220;Nehmen Sie den Untersetzer. Fassen Sie ihn links vom Griff an. Schrauben Sie ihn ab. Achten Sie auf die rote Markierung. &#8221; Das sind gute deutsche Texte. Das ist der Sex der deutschen Sprache. Ganz ohne &#8220;Wie-bitte?&#8221;</p>
<p>Sehr graziös sind auch viele physikalische Sachtexte oder Vorträge, sogar wenn sie aus dem 19. Jahrhundert kommen. Weil man hier selten bis gar nicht von Autoren oder Dichtern belästigt wird, die &#8220;Literatur&#8221; produzieren oder besonders originell schreiben wollen, vielmehr an einer Sache dran sind, von einem wirklichen Problem geritten werden, darin einer Warum-Frage ge-horchen, in einem wirklichen INTER-ESSE.  Genau deswegen dann zum Teil sehr aufregende Texte produzieren &#8211; weil die Sprache hier plötzlich wieder bewusstlos wird und damit graziös. Die Sprache wird geritten von einer physischen Frage und nicht umgekehrt.</p>
<p>Der Physiker Gustav Kirchhoff zum Schwarzen Körper wäre so ein Beispiel. Oder viele Texte von Planck, Ernst Mach oder auch Boltzmann, auch wenn das schon etwas länger zurückliegt.</p>
<p>Was in den letzten Jahren  an &#8220;deutscher Literatur&#8221; sich zeigte, soweit ich das, selbstverständlich  ganz subjektiv, in Buchhandlungen gelegentlich müde blätternd, zu Kenntnis nehmen durfte, kam mir  - manchmal, oder: nicht selten, ehrlich gesagt: meistens, vielmehr: fast immer &#8211;  irgendwie verklemmt oder verstolpert vor. Es wird stolziert, es wird gekutschert, es wird mühsam paradiert, es wird getümelt, es wird verziert, es wird kopiert, es wird gedrechselt, es wird herumphantasiert, es wird gefenstert, es wird künstlich dramatisiert, es wird hilflos herumgestochert in irgendwelchen &#8220;Einfällen&#8221; oder &#8220;Sujets&#8221;.</p>
<p>Aber kaum einer reitet in einem schönen Pferd.</p>
<p>(Besonders quälend wirkt es,  wenn Physiker am Bachmannwettbewerb teilnehmen und dort &#8220;Romane&#8221; vorlesen, wo doch ihre Fachtexte so viel spannender sind.)</p>
<p>Die verklemmten Masken der literarischen Ironie, von denen auch Philosophen nicht mehr lassen können, gehen einem im Deutschen genau so auf die Nerven wie die verklemmten Masken von klassizistelnder Sprachformung  oder das nicht eben sehr tiefsinnige Wortgeknautsche und der Mikro-Zeilenzerbuch von  Lyrik.</p>
<p>Aber das alles kann, selbstverständlich, ja,  auch ein ganz falscher, ein ganz subjektiver Eindruck sein. Das Leben lebt von der Abwechslung und von der Vielfalt. So gesehen  - ist darin wieder alles enthalten und bedacht.</p>
<p>Aber Kleist bleibt im Inter-Esse, weil seine Dichtung einen Vergleichsprozess bereitstellt, so ähnlich wie die Carmina Burana. Ein Vergleichsprozess, der hilft, den Verdichtungs- und Schubprozess  von Sprache zu dimensionieren oder einzuschätzen. Man könnte beinahe sprechen von einem Instrument für objektive, wissenschaftliche Literaturkritik.</p>
<p>Prost.</p>
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		<title>Heinrich der Raumfahrer&#8230;</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 18:19:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Boson</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Tagewerk]]></category>
		<category><![CDATA[Tim Boson]]></category>

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		<description><![CDATA[Es bleibt eine beeindruckend langsame Zeitlupe, die Heinrich von Kleist da angeworfen hat.  Seit über zweihundert Jahren schon fliegt, schwebt, nein  - schleicht die Kleistische Pistolenkugel aus ihrem Lauf hervor und hat seinen Gaumen noch garnicht durchschlagen, derweil sie, ganz langsam, seinen Mund durchwandernd, wie durch ein überlichtschnelles Sternentor geschleust, die Gehirne der nach ihm geborenen Schreiber zerfetzt -]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>*</p>
<p>Es bleibt eine beeindruckend langsame Zeitlupe, die Heinrich von Kleist da angeworfen hat.  Seit über zweihundert Jahren schon fliegt, schwebt, nein  - schleicht die Kleistische Pistolenkugel aus ihrem Lauf hervor und hat seinen Gaumen noch garnicht durchschlagen, derweil sie, ganz langsam, seinen Mund durchwandernd, wie durch ein überlichtschnelles Sternentor geschleust, die Gehirne der nach ihm geborenen Schreiber zerfetzt -</p>
<p>- und immer schon zerfetzt hat Kleists letzte Kugel den philomantischen Bregen des 19. Jahrhunderts und dann des 20igsten, vieler, sehr vieler, fast aller nachkommenden Kleist-Interessenten, Kleist-Zitierer oder  Kleist-Verwerfer; ob sie sich nun Autoren nennen, Lyriker, Journalisten oder Philosophen; deren  Vokalübungen,  Syntaktiken, Meinungen oder Taxonomie-Versuche zerplatzen immer jubiläumspünktlich auf den neuesten Papierseiten, blutdruckerschwarz durchsengt von der Kleistischen Kugel, ein immer wieder sich öffnendes Oster-Ei, das seit zweihundert Jahren hier ausgeblasen wird.</p>
<p>Während das Projektil aus seinem Kelch heraus immer noch schleicht, immer noch nicht hat erreicht sein nahstes Ziel: Den empfindlichen Gaumen seines Schützen.</p>
<p>Die Kugel schwebt noch immer, langsam, in Pulverwolken vorm Novemberhimmel seines Gaumens. Kleist lebt. Während ganz viele seiner Nachkommer immer schon getroffen sind und sehr sehr tod.</p>
<p>Die Sternentor-Zeitlupe verspätet auch diesen Jubiläumsartikel.</p>
<p>Was soll man noch sagen zur langen Weile<br />
der Kleistischen Pistolenkugel, was nicht schon gesagt wurde?</p>
<p>Es bleibt aufzuschreiben, was hier im Feld der In-Formations-Forschung -<br />
wichtig wird.</p>
<p>Ein eigenes Genre der Second-Order-Schreiberei ist mittlerweile der<br />
&#8220;Kleist-Artikel&#8221; geworden; so wie man die Novelle, den Roman, die Farce oder die Komödie auch als Genre nennt, so muss wohl jeder mit Sprache befasste wenigstens einmal etwas zu Kleist gesagt haben, über Kleist oder um Kleist herum &#8211; sonst bleibt da im Denk-Sprech-Apparat etwas unentwickelt. Irgendwelche Drüsen werden dann nicht aktiviert. Sonst bleibt da, früher oder später, die Spucke weg.</p>
<p>Aber was soll man noch sagen zur langen Weile der<br />
Kleistischen Pistolenkugel?</p>
<p>&#8220;Ach??&#8221; &#8211; der Kleistsche Gaumenlaut.</p>
<p>Ist Kleist unter den deutschen Schreibern vielleicht der größte Langweiler und gerade deshalb ihr Bedeutendster? Die Superzeitlupe der Literatur, die sich vor 200 Jahren angeschaltet hatte als  hochdrehzahlige Kamera in extremer Frequenz von poetischen Erwägung?</p>
<p>Immer mal wieder möchte man es abwiegeln; aber es bleibt da ein Grundgewitter, ein Hochstaunen, das sich nicht einfach abwiegeln lässt.</p>
<p>Die deutsche und vielleicht nicht nur die deutsche Schriftgemeinschaft bietet dem Schreiber, dem Autor, dem Künstler, dem Schriftsteller&#8230;oder wie man das auch immer nennen will, nur zwei &#8220;Enden&#8221; von Schrift-Existenz an:<br />
Den strömenden Ver-Dichter  und in der Sprache physisch Fahrenden/ oder den moderierten Schrift-Onkel als den Ab-Dichter, den Nachschreiber,  den Porzellanmaler, den Irgendwie-Phantasievollen, den Tonsetzer oder Bilder-Macher irgendeiner Gesinnungsästhetik.</p>
<p>Gezogen  aber hat Heinrich von Kleist mit der Hand seiner Sprache, direkt auf dem steinernen Küchen-Fußboden, einen deutlich sichtbaren Kreidestrich.</p>
<p>Vor diesem Kreidestrich, auf der sicheren Seite:  vertritt sich die mäßige Zeitgenossenschaft ihre Füße, die wohldosierte Epochenklugheit, das gut Gekonnte, das witzig Ausgedachte, das eifrig Nachgeahmte, das gar nicht Untalentierte, das putzig Skandalöse, das tüchtig Gefeilte, das interessant Routinierte, das wollend Thematische, das immergut Sexuelle, das pünktlich Richtige, das irgendwie Intuitive, das köstlich Feuilletonistische, das lustig wortschöpfende, das ganz ganz toll schreibende, das gattungsgeschichtlich hineinhechelnde &#8211;  kurz gesagt: das in  Stimmungen und Literarizitäts-Vermutungen sich hinein talentierende Schrift &#8211; und Schreib-Gestocher.</p>
<p>Hinter dem Kreide-Strich aber:</p>
<p>Beginnt Kleist. Eine Expedition, eine Fahrt, ein Suchen, die Sprache, die Dichtung, die Forschung, die Dauer, der Raum, das Schiff.<br />
Und  - wer hätte das gedacht: Ein Schmerz und eine Liebe.</p>
<p>Der Schuss von Heinrich von Kleist trifft ihn selbst seit zweihundert Jahren nicht.</p>
<p>Dafür immer genau in die Hirne eben all der Bücheronkel, Schriftproduzenten, Zeitgenossenschaftsbeamten und moderativ gestimmten Feuilletonisten ihrer jeweiligen Epoche, und immer jubiläumspünktlich.<br />
Dabei war, ist und bleibt Kleist so handlich, so mündlich, so physisch, logistisch, fast mathematisch, und dabei: Wirklich poetisch.<br />
Sehr sehr modern.</p>
<p>Physio-logisch.</p>
<p>Dort, wo Sprache wirklich  ist &#8211; wo sie ursprünglich herkommt, dort war sie immer&#8230; weniger als nur schön, weniger&#8230; als nur kitzlig, weniger als nur provokativ, weniger als  gekonnt, weniger als nur fleißig, weniger als memorierend, weniger als  gewitzt, weniger als nur  phantasievoll, weniger als interessant, weniger als nur gewaltig, weniger als  sensibel, weniger als  akrobatisch, weniger als nur abenteuerlich, weniger als nur dramatisch, weniger als nur musikalisch, weniger als nur gut beherrscht -</p>
<p>- Dort: Kommt Sprache aus einem Bereich, in dem sie all das &#8230; w e n i g e r  ist  -  um dann hinein zu explodieren in ein V I E L M E H R -A L S -D A S&#8230;</p>
<p>Dieser Bereich der Sprache heißt: Total-Ermittlung.</p>
<p>Die Sprache der Totalermittlung kommt aus dem Mund &#8211; wenn man so will &#8211; kommt sie vom Gaumen. Und fliegt in ihn zurück.</p>
<p>Sapiens, lat: Das Salzige. Der Schmeckende.</p>
<p>Dort: Beginnt das Sagen der Sprache.</p>
<p>Und dort: Hat sie einen anderen Geschmack als das irgendwie Geschmackvolle. Dort liegt sie nicht &#8220;immer richtig&#8221; &#8211; aber sie hat: eine Richtung. Einen Vektor.</p>
<p>Dort: Verbündet sich die Sprache mit ihrer eigenen Erzählung in ErZähltheit anders geschmackvoll mit dem Empfinden und dem Denken von WERDUNG.<br />
In physischer Zählung und Verzahnung immer in Wirklichkeit; und wirkt sich dann wieder hinein in die Ge-Fahr des Aus-Sprechens, das sich, so zwischen die Lippen hindurch, züngelnd, wieder in die Ge-Fahr des Denkens zurückwindet und dann im Sprechen &#8211; wieder hervorschnellt. Bedauernd oder dauernd. Kriechend oder riechend. Kauend oder lauernd.</p>
<p>An diesem Dort: oder vor diesem Dort: Steht ein Schild.<br />
Es trägt die Aufschrift &#8211; es muss da und kann nur da stehen mit der Aufschrift:</p>
<p>Schluss mit lustig.</p>
<p>Hier endet jedes onkelhafte Regal von gewählter Symbolik, gemütlicher Metaphorik und gepflegter Dramatik. Sie verlassen den Sektor jeder Gesinnungsästhetik, gedrechselter Phantastik oder stilistischen Hutmacherei.</p>
<p>Ab hier betreten sie den Sektor von Dynamik, Ver-Dichtung und Sprache.<br />
Sie betreten den Bereich des Ur-Poetischen. Sie betreten den Sektor Heinrich von Kleist.</p>
<p>Totalermittlung. Mehr muss man zu Kleist garnicht sagen. Totalermittlung heißt: Das ermittelnde Selbst ist immer auch selbst Bewegtes in diesem ermittelnden Verfahren. Ein sehr offener ungeschützter Vergleichsprozess &#8211; der regelrecht physisch BISS in die Sprache hinein reicht.</p>
<p>Man könnte nun einwenden, dass die Totalermittlung immer etwas Pubertäres mit sich herumschleppt,  sich darin verkaut, einer ewigen Pubertätskrise frönt.</p>
<p>Ein sprachliches Wesen, sprechend in der Totalermittlung auf der Suche nach sich selbst, wirkt  immer auch pubertär, also unreif. Hamletal gefährdet &#8211; könnte man das nennen.  Oder wenigstens hamletal angezählt.<br />
Ja, Kleist war in einem übertragenen Sinne &#8211; ein  Hamlet. Nur etwas mehr eigenverantwortet. Seine Schrift ist &#8211; aus den Fugen.</p>
<p>Nur komischer Weise sind alle Schrift-Erzeugnisse, denen man  so etwas wie Reife oder mentale Gesetztheit anriecht, so ein geschickt Ankomponiertes im Sinne  von &#8220;Endlich weiß ich, worauf es im Leben wirklich ankommt, und  ich weiß jetzt besonders schön, witzig, keck, überraschend  oder elegant davon zu berichten, und mein Instrument beherrsche ich jetzt auch sehr gut  &#8221; &#8211;  wenn man davon etwas zwischen Buchdeckeln oder Zeilen wahrnimmt &#8211; textlich &#8211; ist sofort immer alles gleich sehr tod.</p>
<p>Schon die Spur einer so genannten gekonnten Dramaturgie, einer abgeschmeckten Geschicklichkeit im Satzbau oder in der Vokalführung, das Mü von Komposition, gibt egal welchem Text, wenn er auf deutsch geschrieben ist, sofort einen verdächtigen Geruch, der eher zum Weglegen als zum Weiterlesen auffordert. Selbst bei den ganz Cleveren, die ihre Schriftlings-Akte mit einer gewissen künstlichen Unsauberkeit  tarnen,  mit irgendwelchen Zeichen von ausgeklügelter Spontanitätsproduktion, reicht  eine winzige wahrnehmbare Spur einer solchen gewollten Maßnahme, und der Text wird sofort müll-fällig.</p>
<p>Kleist gehört zu den ganz wenigen, man darf es sagen: zu den  Dichtern, bei dem sogar noch das Ausgeklügelte &#8211; auch in ihm hatte sich ja etwas ausgeklügelt &#8211;  das Dramaturgische, die Syntax oder die Vokalführung bis in den Rhythmus hinein, trotzdem nicht aus dem &#8220;Dichter&#8221;  kommen, nicht aus irgendeinem  ästhetischen Gesinnungs-Rohr herausgedrechselt werden, nein, diese  Texte, ihr Rhythmus, die Vokalführung kommen aus einer Sache, aus einer Passion, aus einer Erwägung, einer Bewegung, kurz gesagt: Sie kommen aus einer sich leer gebeugt habenden  Schale einer Warum-Frage.  Aus einer BerÜHRrung ohne Punkte über über dem U.</p>
<p>Aber woher soll Dichtung sonst kommen? Aus der  Jonglage, vom  Teller, aus irgendeinem pfiffigen Satzbau, einem süffigem Wortschatz?  Vom Aufspreizen irgendeines Talents?</p>
<p>Wie langsam die Zeitlupe von Kleist immer noch läuft, wie fern die Kugel noch dem Gaumen ihres Schützen  schwebt, zeigte neulich wieder eine Jubiläums-Serie der Wochenzeitung <em>Die Zeit: &#8220;Wie gefährlich ist Kleist?&#8221;</em><br />
Ein Popkritiker und Sciencefiktion-Autor  hatte da in einem irgendwie-witzig-aber-bescheiden-sein-wollenden Langsatz den verunglückten DDR-Funktionär und Staatsdummkopf Peter Hacks mit Heinrich von Kleist zusammen in einer Zeile verstrickt.<br />
Und dann in eben  der Dunkelkammer dieses irgendwie- wollend -intelligent-aber- bescheiden-klingen-sollenden-Langsatzes Else-Lasker-Schüler hineingewirkt &#8211;  um am Schluss wiederum den Raumfahrer Heinrich von Kleist mit der abgestandenen  Glücks &#8211; Unglücks- Plakette zu bekleben.<br />
Man muss der Wochenzeitung dankbar sein für diese Serie, die das  ganze geistige Elend offenbarte mit dem Lockstoff eines Kurzbeitrags, für den heute jeder Popkritiker und &#8220;Science-Fiktion-Autor&#8221; den Helden und Vorreiter aller wirklich guten Science-Fiktion mit seinem kleinen Mütchen belegt. Und das auch noch im Namen irgend eines &#8211; sich bescheiden gebenden &#8211;  schlechten Gewissens, das sich ästhetisch situiert am beherrschten oder unbeherrschten Alexandriner. Aber wen überrascht das?</p>
<p>Woher kommt dieser  Hamlet mit dem Namen Heinrich?</p>
<p>1.  Alter  preussischer Militär-Adel , gute Schulbildung, Fahnenjunker Leutnant und Offiziersanwärter.  Frühzeitige Kriegserfahrung mit Todesnähe oder Tötungsnähe (Rheinschlacht) mit ca 16-17 Jahren. Darin Kontakt mit der Hochtechnologie von Europas damalig modernster Militärmaschine.</p>
<p>In einem frühen Brief an Ulrike schreibt Kleist : &#8221;<br />
&#8220;&#8230;.das unmoralische Thöten hier&#8230;. soll aufhören.&#8221;</p>
<p>2. Mathematik-und Physik-Student (nicht aus Pflicht, aus Inter-Esse)</p>
<p>3.  denkerisch beunruhigt von den aufklärerischen<br />
Gedanken seiner Zeit (Kant, Adam Müller) und davon  um-getrieben.</p>
<p>4.  Vertraut mit dem Altgriechischen und der Antike.</p>
<p>5. Ein deutscher  Muttersprachler der preussischen (Pferde-) Sprache</p>
<p>6. Viel zu welt-inter-essiert, um keine religiös sich umwälzenden Fragenkomplexe zu haben.</p>
<p>7. Ein Umherfahrender in Europa.</p>
<p>8. Liebe? Ja, sehr. Leider. Gott sei Dank.</p>
<p>Es gibt an diesem Weg nichts zu verklären aber auch nichts zu dämonisieren. Das frühe Kriegserleben im zarten Alter war damals nichts Ungewöhnliches. Die Kongo-Rebellen  sind nicht die Erfinder der Kindersoldaten. Dass junge bis sehr junge Männer sich in Kriegen &#8220;beweisen&#8221;  müssen, beweisen sollen oder wollen ist erst seit sehr kurzer Zeit mit gewissen, allerdings absolut berechtigten Fragezeichen und Zweifeln behaftet.<br />
Genau deshalb aber muss man Kleist informationell als eine Nachricht aus dem Übergang lesen. Er lebte eben genau in der Zeit, als all das begann, was heute Humansimus oder Aufklärung heißt. Und aus diesem Übergang, fast könnte man sagen, auf einer Blut-Hirnschranke &#8211; wandernd, hat er uns als Dichter etwas zu berichten. Deshalb und dafür hat auch seine (verunglückte?) Raumfahrer-Biografie das, was man  Würde nennt.</p>
<p>&#8230;wenn &#8220;so etwas&#8221; dann auch noch in einer  ungepolsterten politischen Lage während der napoleonischen Kriege durch halb Europa fährt, als  Spion verhaftet wird etc&#8230;was  soll dabei herauskommen?  Gemütlichkeitsprosa? Konversationsgedichte? </p>
<p>Es macht, von heute aus gesehen, keinen Sinn mehr, Kleist politisch einordnen, ablehnen oder vereinnahmen zu wollen, links oder rechts oder napoleonisch oder deutsch-nationalistisch zu bewerten, oder &#8211; noch schlimmer &#8211; ihn  tätscheln oder  verhauen zu wollen mit irgendeiner Fliegenklatsche von Psychologie.</p>
<p>Man kommt auch mit klebrigem Mitleid nicht weiter. Wer sich Kleist mit Mitleid nähert, etwa indem er ihn einen unglücklichen Menschen nennt, hat schon verloren. Rollstuhlfahrer wollen so etwas &#8211; auf Dauer &#8211;  auch nicht.  Denn Kleists biografische Ballistik war von ihrem Anfang her eine Bestimmung und Be-Sinnung mit einer 50ig prozentigen Chance. Es hätte auch anders ausgehen können. Ein guter Nachmittag an einem besseren Tag der Besinnung, ein wohlmeinender Bekannter vielleicht, der sich für ihn doch noch auf eine geschickte Art verwendet hätte, oder am Schluss  nasses Pulver, ein klemmender Abzug, was auch immer&#8230;</p>
<p>Vieviel Entbehrungen muss ein Kosmonaut auf sich nehmen, bis er in die Kapsel darf, bis er seinen Fuß auf den Mond setzen darf oder auch nur bis in den Orbit? Bis er womöglich stirbt, weil seine Kapsel vorher explodiert. Wieviele Entbehrungen? Wieviel Risiko? Wieviel Schmerz?<br />
Ja, man bedauert und betrauert den Tod eines Astronauten zu Recht. Aber man betrauert den Unfall und den Tod, nicht den Weg.  Man bemitleidet ihn nicht für den vorangegangenen Weg, der ihn bis in den zu betrauernden Unfall hinein geführt hat. Denn dieser Weg hat trotz des Unfalls oder gerade deshalb eine Würde.</p>
<p>(Übrigens betrifft das eine Art der Würde, die denjenigen in ein sehr scharfes Licht stellt, der Kleist mit einem Genie-Begriff belegt, die andere Seite des falschen Mitleids &#8211; das ihn bei Seite bringt, ihn noch einmal wegzählt, in dem man sagt, Kleist sei nicht von dieser Welt gewesen &#8211; eben ein Genie oder gar ein Alien. Wer so etwas sagt, hat sich selbst als Intellektueller oder als Schriftsteller disqualifiziert. Er wäre dann besser, er ließe seinen Bleistift fallen und suchte sich ein anderes Hobby, das seine hominiden Kapazitäten nicht überfordert. Wer Kleist ein Genie nennt, einen armen Menschen oder gar einen &#8220;heimlichen&#8221; Idylliker, der outet sich als ein Analphabeth, der lesen und schreiben kann. (Die schlimmere Form des Analphabetismus.) Er entwürdigt sich selbst.</p>
<p>Kleists Unfall also. War es überhaupt ein Unfall?</p>
<p>Um wie viel ärgerlicher wäre es gewesen, wäre Kleist einfach nur von irgendeiner Leiter gefallen oder wäre mit verknackstem Fuss irgendwo im Gebirge liegengeblieben?</p>
<p>Wenn all das Psychologische hier noch einmal gestreift wird, dann im Sinne einer Sympthomforschung im Feld der Information.</p>
<p>Kleist lesen heißt: Ihn physio-logisch lesen.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Der urkomische Dorfrichter Adam im Zerbrochenen Krug spricht &#8220;selbst&#8221;-verständlich von Kant. Und er spricht von Kleist. Er ermittelt gegen sich selbst. Vielleicht spricht er sogar &#8211; ein möglicher Witz &#8211;  von seinem Kollegen und respektable Herausgeberpartner Adam.  Den Adam Müller.</p>
<p>Das Gefäß, der Krug, die Metaphore ist z e r b r o c h e n und irgendetwas strömt da jetzt &#8211; aus. Ein Prozess.</p>
<p>So wie Kant versucht hat, ansatzweise inmitten des Selbst und für das Selbst im Namen des urteilenden Selbst zu ermitteln. In einem Prozess. Wie urteilt man?<br />
Wer urteilt? Der Krug ist das zerbrechliche oder mindestens  unsicher werdende Gefäß einer  Selbst-Ermittelung &#8211; in einem RINGEN UM FASSUNG&#8230;</p>
<p>Und &#8220;selbst&#8221;-verständlich meint die Marquise von O keine Muschebubu-Geschichte über Männer und Frauen als kichernder Ero-Schmöker; sie stellt auch kein gender-problemelndes Manifest.</p>
<p>Diese Novelle wirkt als eine Selbstermittelung von ermittelnden Subjektilen, abgeschossen in einen beinahe technischen Ver-Gleichsprozess hinein, Subjektile, die sich selbst zum Inhalt der Ermittlung werden und um-gekehrt &#8211; sich darin w ä g e n, also w a g e n &#8211; in die Gefahr der Subjekt-Objekt-Drehung sich hinein drillen &#8211; in einer Los-Gelassenheit.</p>
<p>Selbst-verständlich ist  das wieder Kant. Vielleicht schon und noch mehr der noch kaum publizierte Hegel. Aber eben viel physischer, technischer, wirklicher.</p>
<p>Das Schalten einer Zeitungsannonce der Marquise von O ist auch ein technologischer Akt. Blutdruckerschwarz im damals zur Verfügung stehenden schnellsten und technischstem Medium: der Zeit-ung.</p>
<p>Die &#8220;Gewaltigung&#8221;. Das technologische Rückspiel von Kriegstechnik in Form einer Flug-Blatt-Aktion per Annonce. Davon handelt die Marquise von O.<br />
Krieg als Massenmedium von physischer Information. &#8220;Gewaltigung&#8221; versus &#8220;Zeitung.&#8221; Die Schwangerschaft der Zeit.</p>
<p>Selbst-verständlich drillt die Penthesilea eine weitere Um-Windung der Marquise von O, noch einmal gedreht und re-flektiert als Ermittelungsverfahren, in dem die beteiligte Subjektile sich selbst zum Objektil eines Gesetzes werden und wieder zum Subjektil ihres Handelns zurückwinden. Und darin sich treffen und zerreissen. Dann aufessen. Sich einschlängelnd vom Kopf in den Schwanz beißen. Schmeckend dann.</p>
<p>Vergleichsprozesse am Gaumen.</p>
<p>Selbst-verständlich ist der Kohlhaas die Geschichte eines Subjektils in seiner objektilen Bezugnahme zum Gesetz, dass ihn &#8211; in einem Vergleichsprozess &#8211; wie zwischen zwei Gesetzen &#8211; wiederum zum Objektil werden lässt, aus dem heraus er sich noch einmal zum Subjektil wendet und darin  - wieder objektil &#8211; umkommend &#8211; loslässt.</p>
<p>Auch das &#8211; wieder &#8211; ein biss-chen Kant. Noch einmal und ganz sicher noch mehr aber Adam Müllers &#8220;Lehre vom Gegensatze.&#8221; Und eigentlich dann auch wieder Hegel.</p>
<p>Heute kann man Kleist vor allem erkennen als den Kurt Gödel der Dichtung.</p>
<p>Ein zeichenhaft gegebener Inhalt ermittelt sich selbst. Aber in der Ermittlung trifft er: Auf sich selbst. Doch der Prozess bleibt unvollständig, unschließbar.<br />
Immer ausweichen muss er in eine zum Teil schmerzhafte neue Ereignismenge.</p>
<p>Kleist hat nichts anderes getan, als die Kantschen Vernunfts- und Urteils-philosophie einer Prozess und Mengen-Kritik zu unterziehen: In der physischen Dauer.  An dauernden Körpern.</p>
<p>Der Dorfrichter Adam muss gegen sich selbst be-richten lassen und ermitteln.</p>
<p>Dass hier auf Grund einer Unvollständigkeit irgendwann immer in eine andere physische Menge ausgewichen wird, macht bei allen wichtigen Kleist-Texten das Grundprinzip aus.</p>
<p>Der Dorfrichter Adam könnte sich retten, wenn der Prozess, den er führt<br />
u n e n d l i c h lange dauern dürfte. Der Dorfrichter Adam steht vor dem Problem: Endlichkeit versus Unendlichkeit. Der Prozess, solange er ihn führt, solnge er die Entscheidung im Urteil hinauszögert, verbirgt ihn und rettet ihn.</p>
<p>Solange bis er eine Entscheidung zu fällen hat. Und diese Entscheidung erst macht die Ge-Fahr &#8211; erst dieses Urteil sprengt den Ring, zerbricht den Krug dann wirklich. Solange der Prozess läuft, gilt Kant. In dem er aber enden muss, gilt das Leben, also Kleist.</p>
<p>Die klagenden Parteien und Zeugen sind alle endliche und sterbliche Wesen. Sie haben nicht u n e n d l i c h  viel Zeit.</p>
<p>Deshalb wirkt dieser Zerbrochene Krug in seinem Innern auch als ein philosophischer Prozess der Dauer gegen die Zeit.</p>
<p>Im Amphitryon wirkt eine ähnliche Gödelsche Bewegung: Eine Figur trifft auf sich selbst, oder besser: Die beiden Enden einer Figur RINGEN um die Figur. Die Figur ringt um Fassung. Amphitryon tritt sich selbst als Jupiter gegenüber, und jetzt wird verhandelt, wer er ist. Jupiter-Amphitryon oder Amphitryon-Jupiter?</p>
<p>An der Reaktion Goethes in einem Brief an Adam Müller zum Amphytrion, kann man Kurt Gödel direkt erkennen. Goethe schreibt 1807 dazu:</p>
<p><em>&#8220;Nach meiner Ansicht scheiden sich bei diesem Werk (Amphitryon) Modernes und Antikes mehr, als dass sie sich vereinigen. Wenn man die beiden entgegengesetzten Enden eines Wesens durch Kontorsion zusammenbringt, so gibt das noch keine neue Art der Organisation; es ist allenfalls nur ein wunderliches Symbol, wie die Schlange, die sich in den Schwanz beißt.&#8221;</em></p>
<p>&#8220;&#8230;Kontorsion.&#8221; &#8220;&#8230;wunderliches Symbol.&#8221; &#8230;noch keine neue Art der Organisation&#8230;&#8221;</p>
<p>&#8220;Kontorsion&#8221; &#8211; warum benutzt Goethe dieses eigenartige, etwas umständliche, Wort?</p>
<p>Warum sagt er nicht &#8211; RE-FLEXION?</p>
<p>Man kann Goethe nicht vorwerfen, dass er die Kleist-Texte nicht gelesen hätte. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, dass er damals noch keinen Kurt Gödel und kein Bild der DNA gekannt haben konnte. Wohl aber kannte man schon das RAD und die Planeten-Umläufe. Ausserdem waren da noch Kant, Schelling, Fichte, Hegel etc&#8230;</p>
<p>Was man Goethe aber vorwerfen kann: Dass er gegen die Antike ahnungslos blieb. Oder bewusst abdichtend sich verhielt. Sein Antike-Bild war beruhigter, gibserner Murks. Charaktertheater. Griechen-ZDF.</p>
<p>Ja, man soll Goethe auch verteidigen, in dem man ihm zuschreibt, dass er selbst und seine Zeitgenossen überhaupt erst lernen wollten oder lernen mussten, wie man Zivilität lebt und überhaupt adressieren kann, ausserhalb von Mord- und Totschlag und allen plötzlichen Energien. Man kann Goethe also &#8211; in einem gewissen Sinne &#8211; auch verstehen.<br />
Sie wollten ja dort in Weimar die Zivilität definieren und die Höflichkeit adressieren. Und hatten darin ja auch irgendwo sehr Recht in einer Epoche, die gerade aus ihrem dunkelsten Klima heraus etwas am Aufklaren war.<br />
Deshalb kann man nicht einfach so gegen Goethe argumentieren. Nicht einfach so. Aber&#8230;.</p>
<p>Zu Kleists &#8220;Zerbrochenem Krug&#8221; schreibt Goethe an den selben Adressaten Adam Müller:</p>
<p><em>&#8220;Das Talent des Verfassers, so lebendig es auch darzustellen vermag, neigt sich eher gegen das Dialektische hin, wie er es denn selbst in dieser stationären Prozessform auf das Wunderbarste manifestiert hat. Könnte er mit dem selben Naturell und Geschick eine wirklich dramatische Aufgabe lösen, und eine Handlung vor unseren Augen und Sinnen sich entfalten lassen, wie er hier eine vergangene nach und nach sich enthüllen lässt, so würde es für das deutsche Theater ein großes Glück sein.&#8221;</em></p>
<p>&#8220;&#8230;vor unseren Augen und Sinnen&#8221; &#8211; Goethe der Anschauer und Zuschauer.</p>
<p>&#8220;&#8230;eine vergangene nach und nach sich enthüllen lässt&#8221; &#8211; Kleist der Er-Innerer, der Teil-Nehmer, der Er-ZÄHLER. Ein Botentheater, das die Nachrichten enthüllt. Schlechte Nachrichten für Goethe?</p>
<p>&#8220;stationäre Prozessform&#8221; &#8211; eine Goethische Sprachverlegenheit oder ein Wirbel?</p>
<p>&#8220;Kontorsion&#8221;: Rückwindung. Einbiegung.</p>
<p>Als sei die Erinnerung nichts Anschauliches, kein physisch dauernder Akt.</p>
<p>(Die Bedrohung der Kleistschen Sichtweise für Goethe ergibt sich, weil auch ein HOF nicht aus dem Nichts kommt oder aus dem Nichts heraus entsteht. Auch ein Weimarer Hof hat eine Geschichte der Ge-Stattung, der Kriege, der Beute, das heißt: Es gibt auch für einen Hof in Weimar eine ER-INNERUNG an die energetischen Grundvorraussetzungen der Ernährung. Davon wollte Goethe nicht so viel wissen.)</p>
<p>Heinrich von Kleist wird später in seinem Aufsatz zum Marionettentheater, einem der ungeheuerlichsten  Texte, die jemals in den letzten 200 Jahren geschrieben wurden &#8211; sagen:</p>
<p><em>&#8220;Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der</em><br />
<em> einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche,</em><br />
<em> plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des</em><br />
<em> Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötz-</em><br />
<em> lich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkennt-</em><br />
<em> nis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder</em><br />
<em> ein; so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körper-</em><br />
<em> bau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendli-</em><br />
<em> ches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.</em><br />
<em> Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem</em><br />
<em> Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzu-</em><br />
<em> fallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel</em><br />
<em> von der Geschichte der Welt.&#8221;</em></p>
<p>Mein lieber Herr Gesangsverein. Da liegt die Latte für alle Science-Fiktion-Autoren.  Bis heute. Im Brennpunkt dieser ungeheuerlichen Dichtung verdampft die literarische und philosophische Produktion des gesamten 19. Jahrhunderts; und noch vom 20igsten Jahrhundert bleibt nicht viel mehr übrig als ein bisschen Rilke,  Heidegger, Musil, Frisch&#8230;.schon ThomasMann bruzzelt hier als nachsingender Schwan in der Kleistschen Bratpfanne.</p>
<p>Goethes Faust macht im Brennspiegel dieses Textes kurz &#8220;Puff&#8221; und verschwindet wie ein Wassertropfen von einer heißen Herdplatte.<br />
Und Nietzsches Zarathustra-Knattermimik riecht mit einem mal ganz schlecht.<br />
Gegen diesen Kleist-Text ist beinahe der  ganze Nietzsche Wundschaum oder Müll. Er ist es schon im Vergleich mit der Carmina Burana.<br />
Kleist sieht im Vergleich mit der Carmina schon  sehr viel besser aus.</p>
<p>Kleist hat auf der Höhe des Denkens und physischen Wirkens seiner Zeit empfunden, geschrieben und gedacht, aber vor allem auch auf der Höhe ihrer Bewegtheit und physischen Be-Wegnis.</p>
<p>In der Los-Gelassenheit.</p>
<p>Alles, was denkerisch und philosophisch nach Kleist kam, steht hierarchisch unter diesem Text zum Marionettentheater, oder es bleibt Zeitvertreib und Knattermimik. Das ist eine sehr erschreckende Einsicht, aber leider nicht zu ändern. Kleist bleibt mit diesem Text der Speer und die  Spitze. Auch wenn es noch ein Jahrtausend dauern sollte, bis das angekommen ist.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Als Zeitgenosse der napoleonischen Kriege war Kleist &#8220;in Fahrt&#8221; gewesen. Und das hat er, das hat ihn &#8211; dermaßen dicht verfolgt, auch geformt, das hielt ihn so versrickt, dass er noch wahrer und noch dichter als die Philosophen selbst artikulierte. Physisch denkend, energetisch empfindend, kosmologisch berührt und projektiert. Er war in einem INTER-ESSE. In einer ER-MITTeLUNG. In einem PROZESS gegen &#8211; nicht gegen den Richter Adam &#8211; aber gegen den Krug &#8211; inmitten des Krugs.</p>
<p>Daraus folgt die seltsam untergründige Zartheit seiner Entwürfe bei aller manchmal hervorstechenden Grausamkeit.<br />
Sie berühren, weil Kleist nicht von aussen gegen den Krug prozessierte, sondern von innen. Er war selbst im Krug. Er war Teil des Krugs.</p>
<p>Diese Involvierung unterscheidet ihn ganz grundsätzlich von allen dümmlichen Grausamkeits-Literaten , hebt ihn deutlich ab von irgendwelchen  Schock-Effektlern und  von jeder Art von  Salon-Plümeranz  oder  angestrengtem  Tabu-Bruch-Design.</p>
<p>Ja, das ist ein &#8211; biss-chen &#8211; weniger trivial.<br />
Ein biss-chen unanschaulich für den, der keine Augen im Kopf hat.</p>
<p>Kleist war der Dichter, der in Schellings AUGE der Natur schrieb, das &#8220;im Menschen die Augen aufgeschlagen&#8221; hatte, in der Blüte europäischen Denkens und geistigen Aufbruchs gelebt, geschrieben, empfunden und gedacht hat. Kant, Schelling, Fichte, Hegel, Adam Müller. Sehr hell, sehr klar, aufgewühlt, berührt. Zusammen mit einigen empfindlichen Bekannten und Freunden war er auf der Höhe der Fahrt und der Gefahren dieser Zeit.</p>
<p>In ihrer Losgelassenheit.</p>
<p>Die Stimmung dieser Zeit ist in den Sinfonien Beethofens eingefangen. Man kann sie hören. Was für ein Aufbruch in dieser Musik!</p>
<p>Wer  das an sich heranlässt, kann  nachempfinden den geradezu körperlichen Ekelschock, den Beethofen und dann auch Kleist und viele andere erfahren haben mussten, als Napoleon Bonaparte sich in schockierender &#8220;Kontorsion&#8221; zum Kaiser rückverzauberte.</p>
<p>Schon wieder ein Kaiser. Was für ein Schock. Welche Enttäuschung.</p>
<p>Es wird überliefert, dass Beethofen unter einer Komposition, die er Napoleon gewidmet hatte als den großen Zeitenwender und Befreier Europas vom Absolutismus , eben diese Widmung  wieder vom Papier kratzte, wütend und mit Tränen in den Augen , als er von der Kaiserkrönung Napoleons erfuhr.</p>
<p>Was für eine Enttäuschung. Ein Reiter, erwartet als der frische Zephir-Wind Europas, der den Absolutismus ablösen sollte, und mit dem sogar viele fortschrittlich denkende deutsche Geister  naiver Weise sympathisierten, war plötzlich zum Reiterstandbild gefroren, hatte sich eingeschwärzt aus der Bewegung zum dunklen Selbstbild des Kaisers und Imperators.</p>
<p>Hätte man die Toten der jakobinischen Raserei in Frankreich noch halbwegs mit dem ungeübten revolutionären Rausch und einem allerfurchtbarsten Unfall entschuldigen können &#8211; so waren sie jetzt noch einmal enthauptet worden, doppelt tod.</p>
<p>Hier irgendwo, zwischen 1800 und 1810 liegt ein virtuelles europäisches Grab geschockter und herztoter Hoffnungen. Aus diesem Grab heraus stinken nicht nur die Geschockten von damals. Aus diesem Grab stinken immer auch die kleinen oder großen Stänkerein, die sich zwischen den beiden Kunstkonzepten &#8220;Romantik&#8221; versus &#8220;Klassik&#8221; immer leicht und immer ganz falsch anzetteln. Selbstverständlich mit ihren typisch falsch gewählten Vertretern.</p>
<p>Weil schon die Einteilung Sturm und Drang, Klassik, Romantik, Spät-Romantik immer schon ein schlechter Gebärdenkrampf gewesen war. Falsch und überflüssig.</p>
<p>Wenn eine Einteilung Sinn macht, dann die zwischen Schreiber-Onkel und Dichter oder die zwischen einem fahrenden Forscher und einem bloßen Sammler und Anschauer. Oder noch anders: Die Unterscheidung zwischen Kleist und dem Rest.</p>
<p>Der Forscher befindet &#8211; &#8220;sich in Fahrt.&#8221; (zum Beispiel Kleist)</p>
<p>Der Anschauer &#8211; &#8220;geht auf Reisen.&#8221; (zum Beispiel Goethe)</p>
<p>Die Kaiserwerdung Napoleons steht für ein bekanntes  geschichtliches Symptom. Die neue Klasse des Bürgertums wollte gar nicht Bürgertum sein und neu &#8211; sie wollte Adel sein und alt. Das Neue wollte das Alte sein.</p>
<p>So zeigt sich auch in der Figur Napoleons eine &#8220;Kontorsion&#8221; &#8211; die damals von vielen fortschrittlichen deutschen Zeitgenossen nicht verstanden  oder nur schwer geschockt und enttäuscht zur Kenntnis genommen werden konnte  Diese Kontorsion wirkte dann später, bis heute eigentlich, immer in allen &#8220;Bewegungen&#8221;.</p>
<p>Die Beweger, die Reiter, wollen irgendwann alle Standbild werden. Auf dem Kamm, auf dem Scheitel der Bewegung, wollen die Beweger selbst Standbild sein, Kaiser.  Noch lebendig aber schon wieder Bronze. Sozusagen unantastbar.</p>
<p>(Das auch berührt einen Teil des Wahnsinns und die Katastrophe des deutschen Nationalsozialismus. Die Kontorsion, die Einwendung von Dynamik zum Standbild. Das Bildende soll Bild werden. Das Funktionierende soll Funktionär werden. Das Führende eröffnet/erschließt sich den Führer)</p>
<p>Das berührt auch Goethes Unverständnis und sein Versagen gegenüber den Kleist-Texten. Oder war es Betroffenheit? Angst?</p>
<p>Denn auch ein Goethe selbst steht für eine Form des kontorsierenden Karierismus. Er war und blieb letztlich immer ein empfindlicher Bürgersohn, kam also eigentlich aus der kommenden, bewegenden Schicht, hatte dann  aber nichts eiligeres zu tun, als sich in einem Adelshof einzurichten.</p>
<p>Das ist die Perversion nicht der Kunst, sondern der Geschichte. Das berührt die Kontorsion, von der die Kleist-Texte handeln, die Goethe nicht verstanden hat oder verstehen wollte. Das Zum-Jupiter-Werden, anstatt zum Jupiter zu fahren.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Der psychologistisch motivierten Literatur-Interpretations-Kultur, insbesondere der Nachkriegsbundesrepublik, fiel sehr oft nichts anders ein, als in Kleists Sprache und Themenwahl zu fahnden nach sexuellen Pathologien, Psychologismen und Skandalen.</p>
<p>Die 100 000 Euro-Fragen lauteten hier immer: Welches Verhältnis hatte Kleist zu den Frauen. Zu seinen Eltern. Zu seiner Kindheit.</p>
<p>Es ist immer noch nicht abzuschätzen, welchen intellektuellen Schaden die endgültige Trennung der &#8220;Lebenswissenschaften&#8221; von den Physik im 19. Jahrhundert bis heute in den Köpfen und im geistigen Milieu der Literatur angerichtet hat. Die Waste-Lands findet man heute nicht in Fukushima, oder in der Kalahri, auf  dem Mond oder in Tschernobyl, die wirklichen Waste-Lands findet man in der von physikloser &#8220;Lebenswissenschaft&#8221; ausgetrockneten Hermeneutik.</p>
<p>Die  Wüsten finden sich heute in den Bibliotheken der &#8220;Psychologie&#8221; und der &#8220;Lebenswissenschaft&#8221; &#8211; dort, wo man &#8211; ohne Physik &#8211;  von den &#8220;Weisen der Welterzeugung&#8221; redet, von &#8220;Intentionalität&#8221; oder &#8220;Beobachterrelativität&#8221; &#8211; dort stauben die Denkwüsten erbarmungslos gegen alles Leben. &#8220;Lebensphilosophie&#8221; physiklos als das Lebensfeindlichste.</p>
<p>Der psychologistische Kleistinterpret bleibt ahnungslos gegenüber dem, was eigentlich der Eros meint und was der Kosmos, wie dieser Eros eine Dichtung kosmologisch  regelrecht zurichten kann  - davon weiß dieser Interpret nichts. Dass jede Psychologie immer nur eine Maske der kosmologischen Physis bleibt &#8211; mit dieser Einsicht waren Leute wie Euripides oder Kleist geschlagen.</p>
<p>Der Horizont eines durchschnittlichen Kleist- Interpreten reicht nur bis zu Fragen wie: War Kleist ein preussischer Kindersoldat gewesen, traumatisiert? Hat er sich auf seiner &#8220;heimlichen Würzburger Reise&#8221; eine Vorhautverengung wegoperieren lassen?</p>
<p>Da enden die Fragenhorizonte, bis dahin reicht das Interesse, dort erschöpfen sich die allermeisten Begehungen zur Kleistlese.</p>
<p>Ja, es dürfte eine gewisse Geltung haben: Heinrich von Kleist war schon mit 16 oder 17 Jahren an militärischen Kampfhandlungen  beteiligt gewesen. Er erlebte in diesem Alter das Schlachtfeld.<br />
Als Offiziersanwärter der preussischen Armee, zum Teil stationiert in Potsdam, hatte er bis zu seinem 19. Lebensjahr erlebt, was eiserne Form ist, was Disziplin und Drill bis in den Stumpfsinn hinein bedeuten können. Die höfische Höflichkeit des jungen Kleist war die Höflichkeit der Kasernenhöfe.</p>
<p>Kleist hat in einem Lebens-Alter eine Form und eine Förmlichkeit und eine Disziplin und eine Höflichkeit erfahren und gelebt, wie sie ein Goethe sich nicht hätte ausdenken oder künstlich hätte erwirtschaften können.</p>
<p>Goethe, der sich in seinen Aufzeichnungen immer ganz viel auf seine wohlorganisierte Dienstbeflissenheit, seine noch im Dilletantischen ausgeschwitzte Taschenuhr-Uhr-Pünktlichkeit eingebildet hatte, auf seine im ministeriellen Geheimrats-Rock  eingebügelte Tüchtigkeit als eine formgebende Maßnahme eingebildet hatte &#8211; dieser Goethe also blieb gegenüber einem Kleist zeitlebens der Mann, mit der geringeren Lebenserfahrung und der geringeren Form-Erfahrung.</p>
<p>Obwohl er viel älter als Kleist war. Und viel geschrieben hat.</p>
<p>Darin liegt sicher ein bisher noch wenig beleuchtetes Missverständniss, wenn man den Form- Haushalt eines Kleist mit dem Form-Willen eines Goethe vergleicht. Kleist war der ältere, der erfahrenere Dichter, obwohl er so viel jünger war als Goethe.</p>
<p>Denn ein Form-Willen ist etwas, das nicht kann, sondern wollen muss, während ein mit der Muttermilch eingesogener Formaler Haushalt wie selbstverständlich immer ausfließt, und sich demzufolge nicht auf die Form konzentriert, nicht konzentrieren muss, dafür viel mehr auf das zu SAGENDE oder zu DENKENDE.</p>
<p>Deshalb bleibt Kleist gegenüber Goethe in einem deutlichen Sinne der größere, der interessantere und der modernere Dichter. Der wahrere. Der Dichter mit mehr Drive in die Aletheia hinein. In das Unverborgende.  Der Dichter mit der stärkeren Denk-Empfindungs-Kraft und Formgewalt. Zugleich der jüngere und ältere.</p>
<p>Was die vitale Form-Erfahrung betrifft, war Goethe zeitlebens immer eine Lusche, der sich zur Form zwingen musste, sie regelrecht erobern musste, der die Form gesucht hat. Und das  erzeugt dann immer etwas Primanerhaftes und verschwitzt Streberhaftes, eben: Etwas ängstlich Bürgerliches -</p>
<p>-  während ein Kleist, aus einem preussischen Militär-Adel kommend, Form und Disziplin und Maß und Rhythmus und Höflichkeit bereits mit der Muttermilch eingesogen hatte, und dessen Lebensbewegung demzufolge versuchte, diese eingeborene Form-Geprägtheit wieder mehr zu verflüssigen,  oder neu besinnend zu artikulieren, ausfließen zu lassen in Besagung und Bewegung.</p>
<p>Deshalb könnte man sagen: Kleists Lebens-Text kommt aus der Form und fließt gekonnt aus. Goethes Lebens-Text will in die Form und fließt gewollt hinein.</p>
<p>Schon hier zeigt sich, auf welcher Seite das Gekonnte wohnt und auf welcher Seite das Gewollte.</p>
<p>Unangenehm bleibt, dass Kleist diesen weit nach ihm rangierenden Geheimrat so verehrt und angehimmelt hat.</p>
<p>Goethe bleibt mental immer richtig für die Selbstberuhigung im formalen Sofa irgendeiner Weisheit, die zum &#8220;geflügelten Wort&#8221; geronnen ist, für die Abdichtung in irgendeinem Merksatz, für das Zuhause-Sein und das Verstandenhaben.</p>
<p>Der aufkommende Verdacht, dass die freundliche  Zitierfähigkeit von einigen Goethischen Sentenzen &#8211; sie auch in eine Ablage hinein beruhigt, in dem sie nichts mehr sagen.  Was Goethe gesagt hat, stirbt im Merksatzwerden, weil es Goethe gesagt hat.</p>
<p>Goethe ist der Held der Angekommenen. Der Traum vom &#8220;Es geschafft haben.&#8221; Und deshalb hat sein Formwillen und sein Harmonie-Streben immer irgendwo die mentale Pantoffel an. Diese Pantoffeln hat er noch als Italienreisender an den Füßen, der &#8220;auf Reisen geht.&#8221; &#8211; aquarellierend.</p>
<p>Während Kleist selbst-verständlich immer der Jüngere, der Schnellere, der Wahrere, der Dichtere, der Unruhigere und Fahrende bleibt. Zugleich aber auch der Ältere. Der Mann in ziemlich festem Schuhwerk.</p>
<p>Was die philomantisch-intellektuellen Ergebnisse, die philosophischen Sondierungen eines Goethe anbelangt, da darf man die Frage stellen, in wie weit sie die Erkenntnisse zum Beispiel eines Montaigne oder eines Voltaires oder eines Descartes wirklich erreichen, geschweige denn übersteigen.</p>
<p>Die Deutschen hatten mit Luther zwar eine geistespolitische Wende gezündet, waren danach aber, auf Grund furchtbarster Kriege  intellektuell zurückgefallen. Zu Goethes Zeiten mussten die Deutschen erst einmal zu den Franzosen intellektuell wieder aufschließen. Die Deutschen waren in manchen Belangen, vor allem in literarischen, zu Goethes Zeiten, gegenüber den Franzosen geistige Spätzünder. Die tumben, die naiven Deutschen. Das sollte sich später wieder ändern.</p>
<p>Auf Seiten der Philosophie und in einigen Bereichen der Naturwissenschaft und Experimental-Physik, sah die Lage schon sehr anders aus.</p>
<p>Eines der bis heute völlig ungeklärten Form-Verhältnisse im Vergleich von Kleist zu Goethe betrifft den Unterschied zwischen militärischer Formation und höfischer Formation. Beide Formationen waren zumindest im ausgehenden 18. und anbrechenden 19. Jahrhundert  - noch &#8211; Höf-Lichkeiten. Es gab Schlacht-Ordnungen, Kasernen-Höflichkeiten, und Hof-Höflichkeiten als Etiketten.</p>
<p>Kleists Dichtung, sein formal-sprachlicher Grundton kommt aus der Schlachtformation. Sie kommt im wahrsten Sinn des Wortes aus einem DRILL.</p>
<p>Oder wie aus dem DRALL eines Geschosslaufs. Deshalb ist Kleists formaler sprachlicher Haushalt auf Effizienz, Durchschlagskraft und Geschoss-Ballistik regelrecht gedrillt.</p>
<p>Kleists formaler sprachlicher Haushalt verfolgt die Raumsprengung und die militärische Distanznahme. Während Goethes formaler Haushalt eine etwas verkorkste Sicherheitstechnik zur Gebäudesicherung bereitstellt.</p>
<p>Könnte man daraus nun eine dialektische Gleichberechtigung beider Konzepte ableiten und den &#8220;Krieg&#8221; zwischen Kleist und Goethe als unentschieden für beendet erklären?</p>
<p>Schließlich will doch jeder einmal irgendwo ankommen und zu Hause sein. Wollte das Kleist nicht auch? Gerade er wollte es doch so sehr. Gerade Kleist wollte doch mit dem Militär nichts mehr zu tun haben und der große Dichter sein. Ankommen im Ruhm.</p>
<p>Nein, so einfach kann man es sich leider immer noch nicht machen. Denn Kleist wollte beides. Er wusste um eine spezielle Wahrheit. Seine Texte verhandeln das, was Rilke über ein Jahrhundert später das  &#8221;Gewagt sein im weiten Umkreis des drohend Offenen&#8221; nennt.</p>
<p>Auch Goethe hatte ja am Schluss seines Faust eine Allegorie mit der Landgewinnung gestellt, die einem drohenden Meer abgetrotzt ist.</p>
<p>Aber Kleist blieb unter den Deutschen Dichtern der einzige, der verstanden hatte, der von irgendwoher wusste, wie diese Gezeiten, wie ein solcher  Tidenhub in uns selbst schwappt, nicht nur schwappt, vielmehr RINGT und dass ein solches Wissen etwas bedeutet, etwas sehr Zukünftiges. Und Kleist war der einzige, der diese RINGEN in Totalermittlung &#8211; unter Auflösung aller Sefishness nachgezeichnet hat. Es gibt da keinen Strand, dem &#8220;wir&#8221; irgend ein Land abtrotzen. Wir sind dieser Strand selbst.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Kleine letzte Psychologie zu Kleist.</p>
<p>Das Freudsche Sofa, als der onkelhafteste und bürgerlichste und wohnlichste Einrichtungsgegenstand, das samtigste und gemütlichste Etui, das man sich überhaupt vorstellen kann &#8211; hat mit Kleists Texten insofern etwas zu tun, als das es auf eine urkomische Art wie ein paradoxes Traumschiff auf die Fahrt geschickt wird mit einem zutiefst immobilen und gemütlich in die Polster eingesunkenen Patienten-Passagier, der ja eigentlich an genau seiner Eingesunkenheit und gemütlichen Sofapolsterung leidet, an seiner flauschigen Immobilität, die ja das ganze Gegenteil von einem Schiff behauptet.</p>
<p>Diese paradoxe Situation hätte Potential für ein weiteres vielleicht ur-komisches Kleist-Drama. Weil der bürgerlich in die Polster eingesunkene Sofa-Passagier bei Freud gegen sich selbst ermittelt, also gegen das, was er so gerne nicht sein will, nämlich getrieben, schiffsgewaltig angetrieben. Was er sich angeblich versagt?<br />
Dies tut er aber auf einem gewaltig schweren Anti-Schiff der Immobilität. Ein physischer Etikettenschwindel, den Kleist sofort aufgedeckt hätte.<br />
Kleist hätte irgendwann gefragt: Wo ist denn hier der Schiffsdiesel, der Verbrennungsmotor an diesem Sofa? Warum hat dieses Sofa keine Dampfmaschine? Ihr habt das doch alles da. Wieso fehlt das hier?</p>
<p>Damit wäre aber bewiesen, das Kleist sich nicht als ein Patient der Psychoanalyse eignet, sondern genau umgekehrt: Die Psychoanalyse wäre ein perfektes Sujet, ein Patient für ein Kleist-Drama der Selbstermittlung.</p>
<p>Mit anderen Worten: Freud selbst wäre eine Figur, die schon Kleist erfunden hat oder hätte erfinden können.</p>
<p>Die geistige Urkatastrophe des 20igsten Jahrhunderts ist möglicherweise auch diese nichttechnische Psychologie, welche die dynamisch-technische<br />
und kosmologische Physis in eine schwer gefederte und traumweiche, zutiefst bürgerliche Anhalteposition hineinmaskiert hat oder hineinmaskieren wollte. Status malus.</p>
<p>Adam Müller. Apropos. <a href="http://www.textkritik.de/bka/dokumente/phoebus/phoebus519-524.htm">Wenn man Adam Müllers &#8220;Proligomena einer Kunstphilsophie&#8221; liest,</a> veröffentlicht im Phöbus 1808, kann man wirklich melancholisch werden über diese verlorene Zeit. Wie klar, wie zugewandt, wie hell Leute wie Adam Müller geschrieben haben. Zur Wissenschaft und Kunst und Literatur. In Wechselwirkung schon 1808 geschrieben haben. Und wohin das alles dann abgesunken ist, wie es verschwunden war und verschütt gehen musste im Dumpfsinn und Stumpfsinn der territorialen Schiebungen, im Postengerangel, im Ernährungswettlauf dieses unreifen und verzweifelten, sich immer mehr falsche Bilder machenden Europas.</p>
<p>Dumme, verlorene, Zeit. Abgebrochenes, regelrecht amputiertes Empfinden und Denken, dessen schlecht behandelter Amputationsstumpf dann in eine schwärende Figur wie Nietzsche hineineiterte und dort als etwas Wundes aufbrach, aufschäumte, unrettbar zum Vorschein kam, verspätet, falsch bis schräg beatmet. Kaum belichtet.</p>
<p>Warum musste es nach Adam Müllers allerfröhlichster und allerklarster Wissenschaft noch einmal diese gekränkte Wurst Nietzsche geben? Der zwar kurz die Nase an der Physik hatte, mehr aber auch nicht.</p>
<p>1808 war alles Richtige und alles Wichtige für die Zukunft des Denkens im Menschen schon gesagt worden. Von Adam Müller. Von Schelling. Von Heinrich von Kleist. Und von Caspar David Friedrich oder Phillip Otto Runge wurde es gemalt.</p>
<p>Warum musste sich das alles wieder schlafen legen?</p>
<p>Dumme, verlorene, Zeit.</p>
<p>Was ist der Faust von Goethe oder der Zarathustra von Nietzsche verglichen  mit der Carmina Burana?</p>
<p>Antwort: Auswalzung. Wiederholung. Verschlammung. Geschwafel. Wundschaum. Blähung. Handpuppentheater. Hyperventilation. Knattermimik.</p>
<p>Handpuppentheater, nicht für schöne neugierige Kinder, sondern zur absichtlichen Wiederverdummung eines Menschen, der drauf und dran war, erwachsen zu werden. Erwachsen werden wollte.<br />
Ein Handpuppentheater ist physikalisch  etwas grundsätzlich anderes als ein Marionettentheater.</p>
<p>Was ist ein Text von Heinrich von Kleist verglichen mit dem Text der Carmina Burana? Hier muss die Antwort weitaus respektvoller ausfallen.<br />
Ein Kleisttext steht neben der Carmina Burana sehr viel besser da. Auf Augenhöhe mit den Energien. Auch Adam Müller sieht hier sehr gut aus.<br />
Und zwar ein dreiviertel Jahrhundert vor dem unpräzisen Dampfplauderer Nietzsche.</p>
<p>Dagegen wieder Gottfried Benn? Dümmlich. Ein urbaner Penner.</p>
<p>Was geschah sonst noch auf geisteswissenschaftlicher Ebene nach Adam Müller oder nach Schelling? Was war nach Kleist noch erwähnenswert in der Dichtung? Was war danach noch in der Philosophie, oder in der Dichtung, was nicht schon in der Carmina Burana oder bei Schelling oder Adam Müller schon da war?</p>
<p>Wittgenstein?</p>
<p>Als sei das Schweigen keine Physik.<br />
Als hätte das Schweigen keine Dauer.<br />
Als könne das Schweigen nicht gelesen werden und gehört.<br />
Als würde das Schweigen nicht ebenso schreien laut,<br />
wie alles Sprechen dieser immer hoch fallenden Welt.</p>
<p>Ach! (Der Kleistsche Gaumenlaut aus dem Sektor Sapiens)</p>
<p>Oder hat man Wittgenstein nur auch wieder nicht richtig gelesen,<br />
so wie man Nietzsche nicht richtig gelesen hat? Aber warum auch? Warum hätte man das tun sollen? Es hatte doch schon einen so klar denkenden Adam Müller gegeben. Warum hat man einen Adam Müller nicht richtig gelesen? Einen Schelling nicht. Einen Kleist nicht, etc&#8230;</p>
<p>Nein, früher war nichts besser als heute.<br />
Es war eben immer nur einiges schon mal klarer da gewesen.</p>
<p>Kleist, der Forscher in Fahrt. Goethe, der &#8220;Dichter&#8221; auf Reisen.</p>
<p>Mehr braucht man zum Unterschied zwischen den Temperamenten eigentlich nicht zu sagen. Es ist klar, dass von einem Forscher letztlich die stärkeren Berichte und Texte und Literaturen kommen, die schärfere Wahrnehmung, die schnellere, sozusagen mündlichere und gefährdete Notierung, mehr gerufen und geatmet als geschrieben. Der Zeitdruck eines sich in Fahrt befindenden Forschers schärft alle Sinne auf die Ge-Fahr hin,  beschleunigt und verdichtet das Sprechen auch.</p>
<p>Kleists angeblich komplizierter oder &#8220;kunstvoller&#8221; Lang-Satzbau in der Prosa ergibt sich aus einer Art des Mit-Stenografierens im Starkstrom des &#8220;selbst sich in Fahrt&#8221; befindenden Forschers. Kleists Art zu sprechen ist eher der Anstrengung eingedrillt, die Sprache gerade noch so zu behalten. Sie in einer Ballistik zu stabiliseren. Sie nicht in die Atemlosigkeit oder in einen unkontrollierten Funkenüberschlag abreissen zu lassen. Daraus ergibt sich ein starker physischer, fast technischer Ton. Manchmal regelrecht metallisch.<br />
Und darin wieder scharf glänzend.</p>
<p>Während es bei Goethe genau umgekehrt klingt. Der Goethe-Ton wirkt angestrengt. Die immer leicht primanermäßige und später onkel-hafte Stilaufpolsterung der Goethe-Prosa in Richtung &#8220;Schönheit&#8221; und überhaupt auch der meisten seiner dramatischen Kompositionen sind der Anstrengung geschuldet, sich einem inneren (und falschen) Bild von &#8220;Adel&#8221; anzuschmiegen, das heißt: als Bürgersohn &#8220;aufzusteigen&#8221; ins Höfische, das er mit Weltbürgertum verwechselte.</p>
<p>Was ihm ja auch  - zu seinem Pech &#8211; dann gelungen ist.<br />
Die Komik oder die besondere Tragik eines Goethe, wenn man ihn mit Kleist vergleicht, ergibt sich aus dem Umstand, dass Goethe den &#8220;Adel&#8221; für sich entdeckte oder entdecken zu müssen glaubte, nach einem ganz falschen Bild.<br />
Während Kleist aus dem Adel kam, und hier richtigerweise eigentlich erstmal  weg wollte &#8211; nämlich in die wirkliche Fahrt, die wirkliche Welt, die damals gerade damit begann, sich wirklich zu bewegen.<br />
Kleist der ältere und zugleich jüngere.</p>
<p>Denn der &#8220;Adel in Europa&#8221;  zu dieser Zeit, sofern er fest installiert war, stellte selbst zumeist keine Leuchten auf. An den schlecht gelüfteten Höfen überwogen doch meistens die leicht degenerierten Dummköpfe. Auch der Herzog von Weimar war mental und intellektuell eher so etwas wie eine 16 Watt-Birne. Aber man hatte eben den Adel und das Geld, eine gewisse generativ bedingte Feinabstimmung in der Benutzung von Messer und Gabel, sprach französisch, ja, und frönte sicher auch &#8220;schöngeistigen Interessen&#8221; &#8211; dazu erübrigte man die Mittel, um sich &#8220;interessante Menschen&#8221; an den Hof zu holen. Wie interessante Insekten.</p>
<p>Aber aus sich selbst heraus konnte dieser Adel zumeist kein echtes Weltbürgertum verkörpern.<br />
Dass man irgendwie überall in Europa verschwistert und verschwägert blieb, dementsprechend öfter  mal &#8220;auf Reisen ging&#8221;, machte noch keine Weltbürger aus der ganzen Muschpoke. Man blieb unter sich. Und man &#8220;hielt sich&#8221; &#8211; wenn die Mittel es zuließen, &#8220;interessante Menschen&#8221; am Hof. Zur Unterhaltung, zur Abwechslung, zur Konversation, oder auch als Lehrer für die Kinder.</p>
<p>Wer sich welche &#8220;interessanten Menschen&#8221; bei Hofe &#8220;hielt&#8221;, konnte durchaus zu so einer Art Statussymbol avancieren, so wie heute eine Automarke. Auch Bildung wurde mehr &#8220;genossen&#8221; als gelebt oder entwickelt.<br />
In einem besonderen Glücksfall konnte daraus so etwas wie ein &#8220;kulturelles Klima&#8221; bei Hofe sich einstellen, ein Effekt, den man seit Weimar oder im Zusammenhang mit Weimar bis heute mit Kultur verwechselt, der man den Namen &#8220;Weimarer Klasssik&#8221; gibt.</p>
<p>Genützt hat das historisch offenbar alles nicht so viel. Die Höfe hatte wohl ihre Verdienste. Aber hatten sie wirklich Kultur?</p>
<p>Goethe hatte das Pech, als nicht unbegabter junger Mann einen Bestseller  geschrieben oder vielmehr dem Zeitgeist abempfunden zu haben, der ihn berühmt gemacht hatte und dann eben auch als einen &#8220;interessanten Menschen&#8221; bei Hofe vorstellte.</p>
<p>In gewisser Weise verkörpert er damit bis heute eine Art Hausfrauentraum vom Aufstieg. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Berühmtheit verdankte Goethe schon zu Lebzeiten eher diesem Aufstieg und nicht der Schärfe seines Denkens oder gar der besonderen Qualität seiner Literatur. Da waren andere, zum Beispiel Adam Müller, Kant, Voltaire, Diderot, Hegel, Herder, Schelling oder Hegel doch ganz andere Kaliber. Oder Montaigne viel früher vor ihm.</p>
<p>Aber genau das ist es auch, was Goethes &#8220;dichterische&#8221; Betätigungen,<br />
seine vordergründige Beredsamkeit und schriftlingshafte Tüchtigkeit so overdressed erscheinen lassen.<br />
Das primanerhafte, das onkelhaft überblümelte, und das Handpuppentheatermäßige seiner Arrangements haben immer etwas von einem Tic zu viel, einem Tic zu überformt, einem Tic zu gebildet, einem Tic zu vorbildlich gesetzt. Eigentlich: In eine allmähliche Verdummung hinein geformt.</p>
<p>Goethe gibt das traurige Beispiel eines Menschen, den sein eigenes, ursprünglich vorhandenes Talent, aus dem wirklichen Weltkontakt allmählich hinauskomplimentiert. Das Talent wendet sich gegen den Talentierten wie ein freundlicher Saal-Ordner und führt diesen zum Ausgang aus der Veranstaltung, die da Kunst, Bildung, Welt und Unruhe genannt werden kann. Der freundliche Saalordner zeigt dem Talent den Weg zum Ausgang in Richtung Dunkelheit und Kitsch. Schade eigentlich.</p>
<p>So wirkt der Umfang und das Ausmaß seiner Schrift-Onkel-Existenz wie ein Panzer, oder wie ein übergroßer und überbunter Blumenstrauß, den ein Mann seiner Geliebten schenkt, der gegenüber er irgendwo ein schlechtes Gewissen behält. Es ist eben alles aufgepolstert, geplustert, zu viel, zu groß, zu lang, für zu wenig Substanz. So auch sein Faust.</p>
<p>Nicht dass der Faust keine Substanz hätte, aber eben eine ganz falsche Substanz. Denn der Autor Goethe begeht sozusagen einen Anfängerfehler.<br />
Der Autor verrät im allerersten Satz seine Hauptfigur. Er verrät seinen Faust.<br />
Der Autor verrät seine Hauptfigur.  Nicht an den Teufel, sondern an eine platte Lüge. Oder zumindest an einen mäßig platten Trick.<br />
Indem er seinen Faust sagen lässt, dass alles Forschen nichts gebracht hat. Dass er &#8220;so klug als wie zuvor&#8221; sei. Das ist und bleibt sehr sehr dumm. Und sehr sehr falsch. Ein sehr falscher Stückbeginn für etwas,  das seit zweihundert Jahren die Gymnasien und Theater zustopft.</p>
<p>Habe nun, ach&#8230;</p>
<p>Dieses &#8220;Ach&#8221;, klingt so, als hätte es jemand anderes dort hineingehaucht.</p>
<p>Das Kleistsche &#8220;Ach&#8221;&#8230; War es der Geist Kleists?</p>
<p>Warum heißt sein Faust eigentlich Heinrich?</p>
<p>Fausts Traum von der Reversibilität, von der  Jugend, die irgendwie zurück zu erlangen wäre, blieb der flache, der nichttechnische Traum der <em>Zeit</em> gegen die <em>Dauer</em> . Dass Goethe mit diesem Traum den Mephisto ins Spiel bringt, rettet ihn nicht in die Raffinesse des Kalküls eines wirklich guten Autors. Es bleibt der Unfall eines Abdichters gegen den Geist.</p>
<p>Goethes Verrat an seinem Faust bestand darin, dass kein wirklicher FAUST nach einem intensiven Forscherleben so einen kindischen Schluss ziehen würde. Dass er &#8220;so klug als wie zuvor&#8221; sei. Kein wirklicher  FAUST würde so reden.</p>
<p>Wie  beinahe empfindlich  stolz Goethe gegenüber Eckermann doch selbst auf seine &#8220;Farbenlehre&#8221; beharrt hatte, am Ende seines &#8220;Forscher-Lebens.&#8221; Wie wichtig ihm das wahr.</p>
<p>Aber seinen Faust lässt er sagen: &#8220;Habe nun, ach&#8230;..bin so klug als wie zuvor.&#8221; Was für ein Verrat.</p>
<p>Für ein so dummes Stück, für so einen schlechten Faust war sich der Teufel zu  schade. Deshalb schickte er irgendeinen luschen Stellvertreter,<br />
irgendeinen Pudel.</p>
<p>Goethes betrogene Geliebte, der er einen so  vom schlechten Gewissen überblähten Lügen-Blumenstrauß erarbeitete, war eben die Welt.</p>
<p>Goethe ist  - vielleicht unfreiwillig &#8211; der große Volksverdummer in der deutschen Geistesgeschichte.</p>
<p>Im Gegensatz zu Kleist war Goethe kein Weltbürger, nur ein Aufsteiger. (Absteiger.)<br />
Und im Gegensatz zu Kleist schrieb Goethe keine Weltliteratur, nur Aufsteigerliteratur. Hofliteratur. Zeitliteratur. Konversationsliteratur.<br />
Und im Gegensatz zu Kleist war Goethe kein Forscher, nur ein Anschauer, der auf Reisen ging.</p>
<p>Kann sein, die Welt wird immer den &#8220;Aufsteigern&#8221; gehören.<br />
Denen, die alles richtig machen.<br />
Aber gewidmet bleibt sie den Fliegern.<br />
Denen, die eine Richtung haben.</p>
<p>Heinrich von Kleist lebt.<br />
Sein Herz schlägt.<br />
Hier.</p>
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		<title>Nostromo</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 09:50:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Boson</dc:creator>
				<category><![CDATA[Natur d.Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Tagewerk]]></category>
		<category><![CDATA[Tim Boson]]></category>

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		<description><![CDATA[Als wäre die Zeit,
als käme einmal die Gelegenheit,
als sollte man sich Gedanken machen,
als müsste man vorbereitet sein,
als könnte man sich wenigstens - ein bisschen -

- darauf einstellen -]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als wäre die Zeit,<br />
als käme einmal die Gelegenheit,<br />
als sollte man sich Gedanken machen,<br />
als müsste man vorbereitet sein,<br />
als könnte man sich wenigstens &#8211; ein bisschen -</p>
<p>- darauf einstellen -</p>
<p>- als läge es in der Luft -</p>
<p>- eingestimmt zu bleiben auf die Frage:</p>
<p>Wie riecht ein Alien?</p>
<p>Wie riecht das für uns?</p>
<p>Was ist sein Geruch?</p>
<p>Wenn man in einen Nahbereichs-Kontakt<br />
mit einem, nennen wir es mal: unheimlichen Wesen -</p>
<p>käme -</p>
<p>sollte man nicht die psychische Belastung<br />
unterschätzen, den davon ausgelösten Stress,<br />
dem man ausgesetzt -</p>
<p>- wäre</p>
<p>gegenüber einem Wesen,<br />
das uns geruchs-wesens-mäßig</p>
<p>- NEU ist.</p>
<p>Hier hätte man sich einzustellen auf &#8211; das Fremde?</p>
<p>- das wirklich fremd ist.</p>
<p>Das wirklich Fremde?</p>
<p>Das Allerfremdeste?</p>
<p>Von den Geräuschen noch gar nicht zu reden.</p>
<p>Vorgestellt wird hier nicht ein besonders unfreundliches</p>
<p>oder gefräßiges<br />
oder hungriges</p>
<p>Alien</p>
<p>das mit einem Anliegen aus dem Nahbereich -</p>
<p>- im toten Winkel hinter unserem Nacken</p>
<p>an uns herantritt &#8211; witternd -</p>
<p>in einer zehntel Sekunde<br />
als besonders &#8211; unhöflich uns gegenüber -</p>
<p>- sich zeigt als kulinarisch nur ein BISS-CHEN interessiert -</p>
<p>Vorgestellt bleibt die Frage,<br />
ob man mental verwinden könnte<br />
den fremdneuen Geruch</p>
<p>bei einem ganz freundlichen Alien.</p>
<p>Die Fremdheit, mit der man es bei einem Nah-Bereichs-Kontakt</p>
<p>&#8220;zu tun bekäme&#8221;</p>
<p>scheint vorstellbar nur als Schock<br />
oder schwerste Irritation.</p>
<p>Er, Sie, Es käme aus einer anderen Erinnerungsgeschichte<br />
Vielleicht nur ein biss-chen verschieden, aber immerhin&#8230;.</p>
<p>&#8230;darauf sollte man vorbereitet sein, wie so etwas riecht.</p>
<p>Ein solches Wesen würde vielleicht -</p>
<p>- aus Höflichkeit</p>
<p>um sich herum verbreiten<br />
den Geruch von Erkältungssalbe.</p>
<p>Kampfer, Minze, Eukalyptus, etwas Alkohol, Kamille -</p>
<p>- zum Beispiel.</p>
<p>Piment&#8230;</p>
<p>Aus Klugheit.</p>
<p>Es will uns nicht erschrecken.</p>
<p>Aber schon, wenn da mittendrin noch etwas</p>
<p>anderes &#8211; plötzlich -</p>
<p>- hervor röche -</p>
<p>sagen wir auf die Entfernung von einmetersiebzig -</p>
<p>- ganz überraschend ein bisschen Ozon,</p>
<p>uns vertraut von Farb-Kopierern<br />
auch in Funkenstrecken manchmal<br />
wahrnehmbar -</p>
<p>- würden wir mehr als nur unruhig.</p>
<p>Dabei wäre Ozon noch harmlos.</p>
<p>Nicht auszudenken bleiben die Gerüche,<br />
die man sich nicht ausdenken kann, eben</p>
<p>- weil man sie sich nicht ausdenken kann -</p>
<p>- würde unser Gehirn womöglich Zuordnungen konstruieren.</p>
<p>Indem es meint:</p>
<p>&#8220;Hefekloß an Aluminiumspänen.&#8221;</p>
<p>Beunruhigend bleibt dann aber,<br />
die Entfernung von Einmetersiebzig</p>
<p>auf der man es riecht.</p>
<p>Auch noch in drei Metern. Deutlich.</p>
<p>Eine wirklich andere, deutlich neue Geschichte.</p>
<p>Später dann, ja, wird man immer leicht sagen können:</p>
<p>Das ist dieser typische Aliengeruch,<br />
Mischung aus frischem Brot,<br />
ausgeglühtem Motorblock, Ozon<br />
und Erkältungssalbe&#8230;</p>
<p>&#8230;.oder so ähnlich.</p>
<p>Man wird sich dann nicht mehr erinnern wollen -</p>
<p>wie schockiert man Anfangs gewesen war</p>
<p>als das alles zusammenkam erstmalig</p>
<p>Wie man &#8211; ein bisschen &#8211; gezittert hat -</p>
<p>- bis ins Herz.</p>
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		<title>Die Glühlampe und das Mädchen.</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 11:41:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Boson</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Natur d.Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Tagewerk]]></category>
		<category><![CDATA[Tim Boson]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor dem Haus: Silvester, Null Uhr angeknipst - der Hundertjahreswechsel.
Frauen im Pelz, Lavendelsäbel, Herrschaft im Zylinder, Pferdekutschen,
Sektkanonen-Küsse, Lippenstift... und etwas abseits: Wird gepflegt gekotzt.

Ein Streichholz zischt im Schnee.

Ein Kürassier, sehr jung, in straffer Uniform, wirkt abgelenkt,
er steht, er raucht, er schwibbst, er schwankt, er schaut:

Ihn balanciert: Die damals neue Glühlampe.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach Glühlampen hatte ich gesucht.</p>
<p>Kaum durchdringbar, eng, gehitzt, ein dünner Kohlefaden<br />
glomm und später glühte, hellorange bis gelb bis weiß -</p>
<p>- zuströmt mir darin ein Motiv:</p>
<p>Ich sehe eine Villa, irgendwo bei Rudolstadt,<br />
31. Dezember 1899</p>
<p>Vor dem Haus: Silvester, Null Uhr angeknipst &#8211; der Hundertjahreswechsel.<br />
Frauen im Pelz, Lavendelsäbel, Herrschaft im Zylinder, Pferdekutschen,<br />
Sektkanonen-Küsse, Lippenstift&#8230; und etwas abseits: Wird gepflegt gekotzt.</p>
<p>Ein Streichholz zischt im Schnee.</p>
<p>Ein Kürassier, sehr jung, in straffer Uniform, wirkt abgelenkt,<br />
er steht, er raucht, er schwibbst, er schwankt, er schaut:</p>
<p>Ihn balanciert: Die damals neue Glühlampe.</p>
<p>„Wohl zuviel getrunken“ – fragt ihn der Lavendelsäbel.</p>
<p>Sie feuerwerkt elektrisch hoch das zwanzigste Jahrhundert.</p>
<p>Und hakt sich bei ihm ein.</p>
<p><em>Die damals neue Glühlampe.</em></p>
<p>Woher kommt dieses Motiv? Ich muss noch mal zurück.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Im selben Haus, am selben Tag, am Morgen:<br />
Die Katze in der Diele nölt. Sie nölt.<br />
Und fliegt im hohen Bogen &#8211; nölend &#8211; raus.</p>
<p>„Um Acht Uhr früh kommt der Elektrische&#8230;“</p>
<p>- die Dienstfrau sagt’s zum Herrn der Villa -</p>
<p>„..er kommt zum allerletzten Mal &#8230;“</p>
<p>Sie meint damit den Mann vom Strom, den Knipser,<br />
Zieher, Schalter, Putzer &#8211; den „Elektrischen.“<br />
Den Mann, der richtig kommt, zur rechten Zeit.</p>
<p>Die Villa, irgendwo bei Rudolstadt, sehr nah dem Hundertjahreswechsel,<br />
überfällig längst, bekommt das neue Licht geklemmt zum letzten Tag.<br />
Im Zangengriff, an frischem Putz durch Kupferdraht, und ganz zuletzt:</p>
<p><em>Die damals neue Glühlampe</em></p>
<p>„&#8230;er schaltet&#8217;s heut noch an. In allen Räumen. Seien Sie dabei -??“</p>
<p>„Ich werd’s wohl nicht verpassen wollen.“ – antwortet der Herr der Villa,<br />
wirft den Mantel über &#8211; sagt: „Um Zwei bin ich zurück. Mit meinem Neffen.<br />
Zum Fest hol ich ihn her, direkt aus der Kaserne, den Umschlag hier&#8230;“ -<br />
- Er reicht der Dienstfrau ein Couvert – „.gib ihn dem Mann vom Strom,<br />
im Falle unser Schimmel lahmt, was ich nicht hoffen will. Wir essen außer Haus.“</p>
<p>So begann – vielleicht – ein letzter Tag des 19. Jahrhunderts.<br />
Ein Haus bekommt elektrisch Licht. So hatte ich’s mir vorgestellt.<br />
Silvester 99, Glühlampen und Kupferdraht an Putz und: Schnee.<br />
Alles ging glatt. Zur letzten Hand um Acht, kam <em>der Elektrische<br />
</em> und stellte die Verbindung her.</p>
<p>Der Schimmel lahmte nicht, der Herr der Villa kehrt zurück<br />
mit seinem Neffen, jungen Kürassier aus der Kaserne,<br />
Das Fest zum Hundertjahresstart begann mit hellem KLICK.</p>
<p>&#8220;Ahhh! sieh an, sieh an, es funktioniert! Der gute Mann vom Strom!<br />
Da stoßen wir jetzt schon mal an!&#8221;</p>
<p>. . .</p>
<p>Nach Glühlampen hatte ich gesucht -</p>
<p>- im – damals &#8211; neuen zwanzigsten Jahrhundert. Das wie begann?<br />
Elektrischer Dezember? Wie war die Zeit?<br />
Mühselig das täglich Brot, und Wärme war nicht überleicht zu haben.<br />
Die Winter standen voller Rauch, geheizt wurde mit Holz und Koks,<br />
in Straßen rückte Schwefel ein, und die ein Kind gebar -<br />
hat oft den Tod dabei die Sichel ziehen sehn.</p>
<p>Wer sich kein Morphium leisten konnte, schrie seinen Krebs<br />
zum dunklen Fenster raus. Kann sein, so manches Viertel in der Stadt<br />
war davon laut. Der Zahn der Zeit biss schneller zu. Und fiel dabei so schmerzhaft langsam aus.</p>
<p>Petroleum oder Gaslicht waren vielerorts die Regel.</p>
<p>Warum begann das dann mit Kohlefäden?</p>
<p>Kohlefäden, die durchdrang ein Strom. Auch Lichtbögen gespannt<br />
in Kohlestiften. Ein Übergang, ein Zwitter aus Gewitter und Karbon.<br />
Gekohltes Cellulose, schwelt in Atem-Not, dann zwangsverpresst<br />
in Luftabschluss, dann angeklemmt, der starke Widerstand,<br />
ein Gleißen – hohes Ohm. Von Schwarz zu Schwarz , da brannte<br />
weißes Licht, ganz atemlos elektrisch&#8230;</p>
<p><em>Lichtkohlewerke</em>, &#8211; sie produzierten damals schon.</p>
<p>Wie begann das  neue zwanzigste Jahrhundert?</p>
<p>Ich habe mich gefragt: Wie war sein junges Jahr? Ich stellte mir den Winter vor, idyllisch ganz in Schnee. Ein warmes Haus, elektrisches Silvester, Katze, Kürassier und Magd, die Glühlampen, der Sekt &#8211; knallt vor dem Tor.</p>
<p>Gekommen  war dann dieses Bild: Badende am Strand.<br />
Wo aufgenommen weiß ich nicht, das Datum aber stimmt.<br />
Im Jahre 1900 wurde es &#8211; geknipst – ein Klick.</p>
<p><a href="http://timboso.files.wordpress.com/2011/12/badende-am-strand.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2406" src="http://timboso.files.wordpress.com/2011/12/badende-am-strand.jpg" alt="" width="366" height="480" /></a></p>
<p>Warum hab ich ein Bild gesehn, das nicht zu meinem Thema passt.<br />
Nach Glühlampen hatt ich gesucht. Und mir ein Haus gewünscht im Winter.<br />
Was sieht die Frau, was sie nicht sehen kann, auf ihrem hellen Sand?</p>
<p>Das neue 20. Jahrhundert, beginnt es dort, bei ihr, in diesem Augenblick?</p>
<p>&#8220;Badende am Strand&#8221; &#8211; so hießen damals viele Bilder. Farbig meistens<br />
und gemalt: Kirchner, Macke, Heckel, Marc&#8230;und wie sie alle hießen.<br />
Das neue zwanzigste Jahrhundert &#8211;  war noch jung. &#8220;Badende am Strand&#8221;<br />
hieß sein Versprechen, stark sogar, sehr stark und sehr in Farbe&#8230;</p>
<p>Warum guckt sie so? Ist es: Das Bild? Was sieht sie? Sieht sie was?<br />
Wann begann, was dann begann?</p>
<p>Begann es hier &#8211; das kohlichte Jahrhundert?</p>
<p>So friedlich plätschert Euer Meer &#8211; ist noch kein Blut und kein MG.<br />
Sie wird gleich aufstehen, denke ich, und&#8230;</p>
<p>Sie denkt an nichts, ist nur &#8211; vielleicht &#8211; ein bisschen hungrig. Müde?</p>
<p>Sie bleibt. Und bleibt in ihrem Hundertjahr.</p>
<p>Ein Mythos zwanzigsten Jahrhunderts: „Badende am Strand“<br />
hieß ein Versprechen. Wir alle wollten Luft und Licht.</p>
<p>Zwischen Schenkeln Schützengräben fielen seine Maler dann -<br />
- ins  Schwarz.</p>
<p>Das Photo klickt und schmerzt. Es schämt mich.</p>
<p>Nach Glühlampen hab ich gesucht &#8211; warum?</p>
<p>Die neuen hellen Dinger damals – neu. Bei Euch! Du kennst sie doch!<br />
Sie war`n so neu, so rund, so knuff! Ein Klick und hell – ein SCHIMMER!</p>
<p>E l e k t r i z i t ä t &#8211; weißt Du noch?<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;Ihr ward sooo0000 lichtbegabt.</p>
<p>Das war so neu wie 1900 mit zwei Nullen.</p>
<p>Du dich erinnerst?</p>
<p>Wir kamen vom Spaziergang im dunkler werdenden Dezember<br />
hinein in unser Zimmer -</p>
<p>- schalteten wir &#8211; Klack! -</p>
<p>Zogen die Schuhe &#8211; nicht aus. Doch machten das Licht wir -<br />
An &#8211; sahen wir uns. Mitten im Raum des Dezember.<br />
Die Reifen unserer Münder. Die von draußen eiskalte Hand<br />
fuhr durch den Bund über deine heiße Bauchdecke&#8230;unter der warmen Glühbirne<br />
im Raum, am Draht, unter der Decke, vom Kabel -</p>
<p>- die da leuchtete &#8211; in ihrer Fassung.</p>
<p>Wir waren fassungslos. Wir glühten. Habt Ihr das damals nicht gesehen?</p>
<p><a href="http://timboso.files.wordpress.com/2011/12/badende-am-strand1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2407" src="http://timboso.files.wordpress.com/2011/12/badende-am-strand1.jpg" alt="" width="366" height="480" /></a></p>
<p>Es ist Sommer 1900. Du bist am Strand, ich weiß,<br />
Du sitzt in deinem Hundertjahr. Das Photo passt nicht ganz.</p>
<p>Was beginnt in deinem Augenklick?<br />
Die Marne-Schlacht? Ein Gasangriff? Titanic?</p>
<p>Warum guckst du so? Lach mal. Lach doch mal.</p>
<p>Es ist doch noch gar nichts passiert.</p>
<p>Ich sage jetzt ein Wort, du lachst, okay?</p>
<p>Ich sage das Wort: <em>Lamm-Fell-Schuh-Sohle.</em></p>
<p>Du hast gelacht, ich hab&#8217;s gesehen.</p>
<p>. . .</p>
<p>Ihr habt’s versaut, das zwanzigste Jahrhundert, so hoffnungsvoll begann.<br />
Nichts habt ihr gesehen. Die Zeppeline nicht und keine Glühlampen.<br />
nicht die Eisenbahnen, nicht die Telefone. Nichts habt ihr gesehen.</p>
<p>Futuristen hat es nie gegeben.<br />
Futuristen ward ihr nicht.<br />
Nicht reif ward Ihr dafür.</p>
<p>„Badende am Strand“</p>
<p>Ihr wart nicht auf der Höhe damals, habt’s versaut.</p>
<p>Der Typ da, vor dir, was hält der in der Hand?<br />
Ein Marmeladenbrot?<br />
Einen Heiratsantrag?<br />
Einen Teddybärn?</p>
<p>Ich schätze mal und bin mir beinahe sicher:<br />
Es ist ein Photoapparat.</p>
<p>Man drückt den Schalter. Es macht Klick.<br />
Da wird’s gleich schwarz vor Augen &#8211; Material, das Negativ: wird schwarz.</p>
<p>Ein Knopf fürs Licht &#8211; nur leider in die ganz verkehrte Richtung.</p>
<p>Ein Klick, das Material wird schwarz, das Silber &#8211;   20. Jahrhundert.</p>
<p>Ist es das, was Du siehst, und doch nicht sehen kannst?</p>
<p>Ein Jahrhundert, das zu viel Silber belichtete<br />
Aber viel zu wenig Licht gesehen hat.<br />
Dabei immer dunkler wurde.</p>
<p>Nach Glühlampen hatte ich gesucht.</p>
<p>Hab gegen die Schwärze des Sommers auf die Helle des Winters gehofft.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-Wir waren so000 lichtbegabt.</p>
<p>Und haben uns doch zu viel Bilder gemacht.</p>
<p><a href="http://timboso.files.wordpress.com/2011/12/badende-am-strand2.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2408" src="http://timboso.files.wordpress.com/2011/12/badende-am-strand2.jpg" alt="" width="366" height="480" /></a></p>
<p>Steh auf. Wenn Du nur jetzt aufstehen wolltest.<br />
Zieh deine Schuhe an, beide Schuhe.</p>
<p>Geh über den Sand zurück auf die Straße.<br />
Geh noch einmal zurück. Es ist noch nichts Schlimmes passiert.<br />
Steh auf. Geh aus dem Bild. Geh aus diesem Bild.</p>
<p>Geh in den Winter zurück. Nimm deinen Lavendelsäbel.</p>
<p>Such den Kürassier.</p>
<p>Hake dich bei ihm ein und erzähl ihm<br />
von der ELEKTROCHEMIE und der LICHTKOHLE</p>
<p>Sag ihm: Wir dürfen diesen Fehler nicht noch einmal machen.</p>
<p>Oder wir sind alle Zellulose.</p>
<p>Steh auf.<br />
Mach dich auf den Weg.<br />
Geh aus diesem Bild.</p>
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		<title>Noch einmal Heidegger: Stadt, Land, Sprache&#8230;</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 13:27:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Boson</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Labor Widerspruchsforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Natur d.Technik]]></category>
		<category><![CDATA[Tagewerk]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei Heidegger, um ihn herum&#8230;findet sich ein Ungelöstes. Eine Art Rätsel. Warum und wozu nahm er im Denken den bäuerlich-feldgängigen, den ländlichen Sprachton an? Ein Ton des Sprechens und Denkens, der sich bei ihm irgendwann verdichtet hatte zu einer Note, die bis heute angezweifelt oder ignoriert oder gar nicht verstanden wird; die Aussage und Behauptung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei Heidegger, um ihn herum&#8230;findet sich ein Ungelöstes. Eine Art Rätsel. Warum und wozu nahm er im Denken den bäuerlich-feldgängigen, den ländlichen Sprachton an? Ein Ton des Sprechens und Denkens, der sich bei ihm irgendwann verdichtet hatte zu einer Note, die bis heute angezweifelt oder ignoriert oder gar nicht verstanden wird; die Aussage und Behauptung nämlich, dass &#8220;die Sprache spricht.&#8221; Oder noch verschärfter: Dass die Sprache <em>wahr</em> spricht und hier umfassend objektivierbar sich in das hineinbohrt, was man die wirkliche Wahrheit (Aletheia &#8211; das Unverborgene) nennen kann.</p>
<p>Mit dieser Note steht Heidegger seit ungefähr 60 Jahren&#8230;nicht ganz allein aber doch halbverstanden, kaum verstanden und immer verdächtig&#8230; zwischen den federnden Intentionalisten des Sprachgebrauchs, die auf einen Psychologismus der Intentionalität und Kulturrelativität allen Sprechens hinweisen, was sie als &#8220;Sprachreichtum&#8221; markieren oder regelrecht abfeiern &#8211; während auf der anderen Seite seine Anhänger als &#8220;Heideggerianer&#8221; zumeist hilflos &#8211; eben &#8220;heideggernd&#8221; davon zeugen, dass der Philosoph selbst zu Lebzeiten auch nicht immer der Konsequenteste seiner Methode gewesen war, und auch nicht immer die hellsten Schüler um sich versammelte.</p>
<p>Dabei ist Heideggers Feld, &#8211; Wald &#8211; und Wiesen-Gestus gar nicht antimodern oder antistädtisch oder antizivilisatorisch. Er spricht noch nicht einmal wirklich bäuerlich. Heidegger spricht eher vorstädtisch. Heidegger wohnt im Denken vor der Stadt, aber er kennt die Stadt sehr gut. Vielleicht kennt Heidegger die Stadt sogar sehr viel besser als die meisten heutigen Stadtbewohner. Ich denke, er umkreist sie. Sein vorstädtischer Sprach-Gestus war die bewusste Wahl eines modernen Zivilisationszeitgenossen und nicht, wie manchmal behauptet wird, generativ hineingeprägt in das milchverglaste Gemüt eines Schafhirten und Messkirchdieners, der irgendwann Philosophie studiert gehabt hatte. Wer von einem Edmund Husserl philosophisch sich ableitet, der zählt ein für alle mal als ein Moderner. Der gehört in eine Zivilisation, die ihre eigenen &#8220;Um-Kehren&#8221; immer schon parat hat.</p>
<p>Zunächst muss ich mir kurz das Wort <em>Orbis</em> vergegenwärtigen, von dem sich auch der kosmonautische <em>Orbit </em>ableitet. Orbis wird übersetzt einerseits mit Gleis, Geleis, also Weg und andererseits mit &#8220;Umkreis&#8221; im Sinne von &#8220;Umland&#8221; oder &#8220;Welt-Kreis.&#8221; Die lateinische Formel Urbi et Orbi wird schnell mit &#8220;Stadt und Land&#8221; übersetzt, meint aber etwas offener Stadtkreis und Weltkreis. So gesehen wird in der Formel, die älter ist als das institutionalisierte Christentum und schon bei Ovid auftaucht, eine Unterscheidung ansprechbar.</p>
<p>Angesprochen wird hier, wie ein Stadtkreis immer umgeben ist oder eingebettet wird von einem Umland, den man als Weltkreis (Orbis) bezeichnet. Es ist ganz interessant, auf was man stösst, wenn man den Orbis in dieser Bedeutung sich vergegenwärtigt.</p>
<p>Heidegger in seiner ländlichen Denk-Art war ein orbitaler Philosoph, ein Quasi-Kosmonaut des Weltkreises, Umlands und des Wegs.<br />
Deshalb bleibt es spannend, wenn man in Bezug auf Heidegger das Verhältnis von Stadt und Land einmal ganz physisch-thermisch benennt, sozusagen orbital.</p>
<p>Wie beschreibt sich das thermisch-informationelle Verhältnis vom Land zur Stadt? Oder von Weltkreis zu Stadtkreis? Der Weg zu Heidegger, durch ihn hindurch und über ihn hinaus verlangt nach einer Antwort auf diese Frage.</p>
<p>Die Umrandung der Stadt mit Schutzwällen, Stadtmauern und Wehrtürmen als Keimzelle jeder Zivilisation bleibt für die Sprach- und Philosophiegeschichte das Problem.</p>
<p>Was die Stadt erlaubt, was sie ge-stattet &#8211; als Keimzelle der Zivilisation, das schneidet sie zugleich auch &#8211; ab.</p>
<p>Aber von was?</p>
<p>Ein relevantes Fragen von Sprachkritik in der Sprache kümmert sich nicht um die Prägungen, Dialekte, Melodien, Mißverständnisse, nicht um Lautverschiebungen, um die Abschliffe, nicht um Veränderungen, nicht um Intentionalität, nicht um die Kulturrelativität oder das Rauschen zwischen verschiedenen &#8220;Individuen&#8221; und Subjekten der Spracherfahrung. Dies alles sind eher Teil-Aspekte einer anderen, einer größeren und viel schwerer wiegenden Frage.<br />
Das eigentliche Problem oder die große relevante Frage von Sprachbefragung für den Frager, der etwas Wichtiges über die Sprache erfahren will, lautet: Wie beschreibt sich das Verhältnis von Stadtsprache (Zeit) und Landsprache (Dauer)? Die wirklich relevante Frage jeder philosophischen Sprachkritik lautet:</p>
<p>Wie sehr ging eine Sprache durch die Stadt und wie lange übers offene Land?</p>
<p>Durch Stadttore hindurch ernährt sich die Stadt. Eingang und Ausgang. Zugespielt und vorgetragen, beäugt, kontrolliert, verzollt und ge-stattet &#8211; so erreichen die Dinge und Waren und Menschen die Stadt. Waren, Getreide, Tiere, Ernährung, Geschmeide und Brennholz &#8211; ebenso wie Neuigkeiten als Nachrichten zum Geschehen da draussen &#8211; können die Stadt nur erreichen über den Masken-Spalt der kontrollierenden und Zoll erhebenden Tore und Häfen. Deshalb bleibt &#8220;Die Stadt&#8221; gegenüber dem Um-Land, dem Orbis, der zeit-habende und ver-arbeitende Raum. Die Stadt ist &#8211; gestattete Zeit. Ein Aufenthalt. Ein Status.</p>
<p>Eine Stadt wächst zu einer schranken- und mauer-vermittelten Ge-Stattung, während das Land als der Orbis drum herum strömt als der produzierende, der umwitternde und umwirkende Orbit. Das ernährende Blut als &#8211; der Lieferant der Stadt. Deshalb fühlt sich eine Stadt, ähnlich wie ein Gehirn, in ihrem Innern, ohne Dauer an. Die Stadt fühlt in ihrem Innern vielleicht Zeit, aber sie fühlt keine Dauer mehr. Denn die Dauer wirkt fühlbar orbital nur im Umland, dem Orbit der Stadt.</p>
<p>Die Stadt ist Ge-stattung, die in der Dauer gestattet ist. So jedenfalls über viele Jahrtausende.</p>
<p>Die Stadt steht &#8211; ohne Dauer &#8211; gestattet. Gestattet inmitten von Witterung und Wetter. Die Stadt &#8211; steht &#8211; gestattet &#8211; unweit von bestattet &#8211; wie das so treffend sagt &#8211; als Stadt. Sie hat Stadt.</p>
<p>Die Feinde der Stadt, ebenso wie ihre Ernährung, das Getreide, das Brennholz und auch Nachrichten von draussen &#8211; kommen von außen durchs Tor. Sie müssen immer durchs Tor. Durch die Schranken der Zollstationen und Stadtmauern hindurch wird, was da kommt, kontrolliert und ge-stattet. Und weil da dieses Aussen wirkt &#8211; deshalb ent-steht die Stadt. In der Stadt und hinter den gesicherten Mauern, kann &#8211; dann &#8211; in Ruhe &#8211; gestattet &#8211; gedacht, erkannt, verarbeitet werden, gespielt, getauscht, gerichtet, erwogen und erwählt. (Auch Städte, die an Flüssen oder Furten erwuchsen, hatten hier immer Einrichtung der fluss-seitigen Wehr &#8211; Zoll- Wach- und Kontrollstation. Nichts und niemand kam &#8220;einfach so&#8221; in die Stadt hinein.)</p>
<p>Weil aber die Stadt nur über Stadtmauern und kontrollierte Einlass-Kanäle und Tore oder Häfen &#8211; sozusagen gequantelt &#8211; vom Umland ernährt werden kann, entsprechen die Stadtmauern in etwa der Funktion einer Blut-Hirn-Schranke. Die Stadt ist eine Art Gehirn, während das gefährliche, unbewachte chaotisch strömende Land drum herum dem orbitalen Blut entspricht, von dem nur manches kontrolliert Einlass erhält, während alles draussen bleiben soll, was Feind ist.</p>
<p>Die Stadt als Feier und Festung, das Fest des Landes. Brüter oder Brut-Stätte, die vom Orbis, dem Um-Land, bebrütet, beheizt und genährt bleibt, aber auch bedroht.</p>
<p>Weil die Stadt eine umrandete und umschlossene Ge-Stattung stehend stellt &#8211; deshalb kann man sie thermodynamisch und von innen her als zeitlos beschreiben &#8211; oder besser: als einen Ort mit einer eigenen Zeit. Oder besser: mit einer Innen-Zeit, dem eigenen Innenrhythmus &#8211; im Unterschied zur andauernden umströmenden IRREVERSIBLEN Dauer des Landes, welcher die Stadt wie ein andauernder Orbit umströmt.</p>
<p>Die Stadt bildet thermodynamisch in ihrem Innern eine starke Reversibilität aus. Sie neigt in ihrem Innern zu wiederkehrenden Routinen und Rhythmen, zu ganz innenstehenden Wiederholungen, man könnte sagen: Eine Stadt reflektiert und refferiert sich selbst an den Innenseiten ihrer Stadtmauer &#8211; ihrer Blut-Hirnschranke.</p>
<p>Die Stadt als etwas erbrütetes und Brütendes &#8211; in der Brühe des Landes.<br />
Die Stadt als eine Art Ei.</p>
<p>Die Stadt &#8220;hat&#8221; stehend und gestattend &#8211; Zeit. Das Land brütet die Stadt.</p>
<p>Die Stadt ist ein Zeit-Raum. Ei-gen.</p>
<p>Die Stadt erlöst ihre Bewohner vom an-dauernden Zeitdruck des Landes. Sie nimmt die Stadtbewohner hinein in eine Brut und brütet aus: Universitäten, neue Ideen und neue Worte, eigene Regeln, Handwerke, Muster, neue Fertigkeiten, Wortvielfalten, Wortwahlfreiheiten, Fachsprachen, Spezialgrammatiken, Jargons, Erfindungen &#8211; und vielleicht und später dann: schlüpft aus dem Ei der Stadt eine ganze große Zivilisation &#8211; zum Beispiel Griechenland, zum Beispiel Rom.</p>
<p>Im Status einer imperialen Zivilisation weitet und wächst sich die Innenzeit der Eizelle Stadt aus &#8211; auf ein ganzes imperiales Gebiet &#8211; ein ganzer Staat &#8211; so wie damals Athen.</p>
<p>Wenn das Ei der Stadt aufplatzt, dann schlüpft manchmal ein Imperium und wächst zum Staat.<br />
Aber das markiert dann zugleich eine Phase, in dem der Orbit, als das umlandende Land als Weltkreis der Stadt für immer mehr Menschen generativ und allmählich in eine diffuse Ferne rückt.</p>
<p>Man könnte sagen: Die Städte &#8220;vergessen&#8221;, dass sie vom Umland lediglich: ge-stattet sind.</p>
<p>Und irgendwann hält sich die Stadt selbst auch für das Umland. Sie wird Staat.</p>
<p>Bei Ovid findet sich dazu eine sehr aufschlussreiche Bemerkung: „Andere Völker haben ein Gebiet mit festen Grenzen: Nur bei dem römischen deckt sich die Stadt mit dem Erdkreis“, (Fasti II)</p>
<p>Diese Sentenz von Ovid ist sehr aufschlussreich. Heute könnte man sagen, Ovid spricht davon, dass eine Zivilisation (damals die römische) irgendwann alles internalisiert und inventarisiert, so dass sich der Unterschied zwischen &#8220;System&#8221; und &#8220;Umwelt&#8221; beinahe ganz aufhebt. In einem römischen Imperium wie zu Ovids Zeiten gibt es sozusagen gar keinen Orbi mehr, weil alles Urbi geworden ist, also Stadt.</p>
<p>Ein ganz typisches Zivilisationsmerkmal, das aber leider auch Risiken und Nebenwirkungen zeigt.</p>
<p>Eine stehende und gestattete Stadt hinter den Mauern ihres &#8220;Zeit-Habens&#8221;, sei sie nun eine Stadt oder eine ganze imperiale Zivilisation, produziert irgendwann in ihrem Innern auch den Überschaum, die städtischen Moden, die Phantasien, das Geschwätz, das Gerede, die Faxen und das Geschwafel auf Marktplätzen und Statt-Plätzen, die Brot- und Spiele-Spiele, die Nuancen und immer mehr Nuancen, die Wucherungen und Abarten von Philosophemen und semiphilosophemischen Gewächsen&#8230; endlose Ausdifferenzierungen hinein in den Geräusche-Markt-Platz der Unterschiede &#8211; so &#8211; als die viel gewusste, schon oft beschriebene und seit Jahrtausenden bekannte und hochberühmte zivilisatorische Decadence &#8211; bis hin zur allmählich ungesünder werdenden Sophistik (die einmal als gesunde und notwendige Redekunst begann) &#8211; all das bleibt parasitäres aber eben auch schönes und angenehmes und verspieltes Nebengeräusch des Luxus &#8211; in der Lichtung &#8211; der Stadt.</p>
<p>Wenn sich die Stadt als Keimzelle von Zivilisation über die Mechanismen der imperialen Expansion zu einem Imperium ausweiten konnte &#8211; dann kommt irgendwann die DAUER zurück ins Spiel.</p>
<p>Was hat das nun mit Sprache zu tun?</p>
<p>Die Stadt innerhalb ihrer Grenzen in thermodynamischer Abschirmung und Schrankenvermittlung beeinflusst und überführt die Sprechgewohnheiten und die Sprachentwicklung vom Modus des nomadischen Zeitdrucks der DAUER (einer physisch ANSPRECHENDEN Sprache) in den Modus des städtischen &#8220;Zeit-Habens&#8221; Und das bedeutet: In einer Stadt, als beinahe-geschlossenem System, wirkt die Entropie nach innen &#8211; auflösend, hochlösend oder einlösend.</p>
<p>Anders gesagt: Die Sprachen und das Sprechen innerhalb von Stadt verfeinern und mischen und atomisieren sich zu Sprachfeinheiten, Wortdifferenzen, Wortwahl-Freiheiten, Sophistikationen. Der Sprachgestus wandelt sich vom dringenden BE-RICHTEN und ER-ZÄHLEN in das kultiviertere REDEN und dann ins feine BE-SCHREIBEN, was zugleich den Übergang vom Sprechgestus zum Schriftgestus markiert.</p>
<p>Diese innerstädtisch-entropische Atomisierung und Verfeinerung der Sprache ist einerseits Segen, andererseits Fluch.</p>
<p>In dem eine solche Sprache vom physisch drängenden Gestus des Er-Zählens Be-Richtens in den kultivierten Gestus der Rede und des BE-Schreibens überwechselt, entfernt sie sich von der NOT-WENDUNG des physischen An-SPRUCHS, sie entfernt sich also von dem SCHREI, dem PULS, dem ATEM dem SCHUB dem SCHRECK, dem SCHOCK und der ZÄHLUNG von Sprache.</p>
<p>(Eine ganz simple Begründung hierfür geben auch die vielen steinernden Wände und Innenräume der Stadt. Die erfordern ein &#8220;leiseres&#8221; &#8211; höf-licheres Sprechen. In Höfen und Innenräumen, sowie zwischen Wänden oder Mauern wirkt es eher unpassend, auf SCHUB und SCHRECK zu sprechen. Der &#8220;Rück-Knall&#8221; von steinernden Wänden wäre auf Dauer unangenehm. Zum anderen ist die Stadt der Ort, an dem nichts mehr &#8220;zieht&#8221; oder &#8220;schiebt&#8221; oder hindurchzieht. Die Stadt ist nicht mehr der Ort des unmittelbaren Handelns im andauernden Zeitdruck, sondern des VER-Handelns auf Marktplätzen. Nicht mehr der Ort des physischen Sprechens im unbedingten An-SPRUCH, dafür ein Ort des Be-Sprechens auf dem Platz.</p>
<p>Es wird spürbar, wie der thermodynamisch umgrenzte &#8220;Gefäß-Status&#8221; einer Stadt eine gar nicht zu unterschätzende Auswirkung auf jegliche Sprachentwicklung hat. Und es ist in diesem Zusammenhang sehr nachvollziehbar, wie zum Beispiel die META-PHER (Phore-Gefäß) als Sprachgefäß eben primär nichts zu tun hat mit &#8220;Schönheit&#8221; oder mit &#8220;Eleganz&#8221; oder mit &#8220;Geistes-Tiefe&#8221; im lyrischen Erguss, nein &#8211; die MetaPHER ist eine Höf-lichkeit. Die Metapher oder das sprachliche Bild ist eine eher pragmatische Folge-Erscheinung von Stadtsprache. Denn die Metapher will selbst umranden, umschließen, bergen.<br />
(Die meisten sogenannten Dichter von heute halten die Metapher für etwas Tiefes oder für etwas besonders Gewitztes, Geschicktes oder irgendwie Kitzliges. All dass kann sie heute manchmal sein, weil man sich an die Metapher gewöhnt hat, wie an etwas Naturgegebenes der Sprache. Was sie aber nicht ist. Die Metapher ist etwas, dass sich aus der sprachlichen Situation im Gefäß-Status Stadt ergeben hat.<br />
Die Metapher ist eine HÖF-Lichkeit, ein Gefäß, mehr nicht. Man schreit sich in einer Stadt nicht mehr an oder hinterher, man ver-handelt und be-spricht, man tauscht in Sprach-Gefäßen auf Nah-Bereichs-Markt-Plätzen.</p>
<p>Aber was lauert nun als Fluch einer solchen sprachlichen Entwicklung, die man sich über Jahrhunderte bis Jahrtausende langsam ablaufend vorstellen muss?</p>
<p>Das Problem von Städten und Staaten, sprich: von Zivilisationen, die sich über mehrere Generationen halten, auswachsen und ausbilden &#8211; also DAUERN &#8211; entwickelt sich dann in der vierten und fünften und zehnten oder 30igsten Menschen-Generation nach der Gründung allmählich zu einer Art Sprachschwäche der Landlosigkeit. Das wäre sozusagen ein überbrüteter Zustand der Stadt im Status eine lange sich eingespielt habenden Zivilisation.<br />
Nach Generationen der städtischen Dauer hat die Sprache ihre ursprüngliche Anbindung an die physische Not-Wendung verloren. Der PULS, der SCHRECK , der SCHUB, der SCHREI, der SPRUCH der Sprache, ihr rein mündlicher HAUCH ist jetzt über Generationen metaphorisch geborgen und eingehegt. Alles Sprechen kommt jetzt doppelbödig gepflegt, sophistisch sumpfig, ironisch mehrdeutig interpretierbar und feintönig daher. Es herrscht die Wortwahlfreiheit und die Feinheit, die metaphorische Erfindungsgabe und Gefäßmacherkunst. Das Sprecher-Ohr und das Leser-Ohr hört jetzt in die Differenzen der Sprach-Bruch-Wort-Echos und in die Metaphern-Schäume in der Sprachfläche; aber es ge-horcht kaum noch dem vertikalen physischen An-Hauch der Sprachphysis.</p>
<p>Die bergende Metaphore der Stadt hat in Zivilisationen irgendwann die gesamte Sprache umschlossen, sozusagen eingeschlossen, metaphorisiert &#8211; geborgen. Die Sprache selbst ist jetzt eine geborgene Sprache. Zuletzt vermischt sich diese geborgene Sprache mit geschriebener Sprache zu einem Gelehrten- und Kennerjargon, einer doppelt geborgenen Sprache, die fast nur noch redet, umspielt und zitiert, aber nichts mehr sagt.</p>
<p>Die wirkende Wahrheit aber, die Aletheia (griechisch: Das Unverborgene) kommt aus der wirkenden Physis und Physik einer Sprache, die selbst noch aus dem Ungeborgenen kommt, also nicht aus der Stadt, nicht aus der geborgenen Umrandung und Ummauerung, nein, die Wahrheit kommt aus dem Orbis, dem ernährenden Land, sie ist der Orbit. Aletheia kommt aus dem un-heimlichen und ungeschützten strömenden Weltkreis, dem kreisenden Orbis der Stadt. Die Aletheia als das Unverborgene und Un-Heimliche ist NICHT Metapher und Gefäß, sondern Fahrt und Gefahr, Knall und Fall, Schub und Puls, Hauch und Atem &#8211; das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein galoppierendes schnaufendes Pferd, das über offenes Land rennt &#8211; irreversibel &#8211; das ist die Aletheia. </p>
<p>Der überbrütete Zustand des Städtischen aber kann nun schon seit Generationen nichts mehr anderes aussprechen, und nichts anderes mehr bereden, als das Oft-Schon-Beredete. Die Stadt ergeht sich in Wiederholungen des Eingespielten, in Selbstwiederholung der überlieferten Routinen, Verkehrsregeln und Romane, der Spiele, Kommunikationen und Simulationen und Inventarisierungen. So rundet und umrundet, so schließt und umschließt eine Stadt-Sprache allmählich alles Sagen in ihr Gefäß. Man könnte auch sagen: Die Sprache wandert aus dem Sprechen ins Versprechen.</p>
<p>(Das Einwandern der Sprache aus dem Sprechen ins Versprechen metaphorisiert die Aktualität, den Atem und den Puls eines Geschehens in ein Gefäß hinein, umschließt es dort wie in einer bemalten Amphore oder Vase, dessen Aufnahmefähigkeit offenbar nicht unendlich groß ist. Ein Versprechen ist ein Gefäß  zur Aufbewahrung von Zukunft und will irgendwann wieder sich ausgießen oder eingelöst sein in Handeln und Geschehnis.)</p>
<p>Die späten und Xten Generationen der Stadt sind dann die zweiten und dritten und vierten und Xten Generationen nach einem lange zurück liegenden, kaum noch erinnerten Gründungsakt der Ge-Stattung. Diese späten Generationen sprechen jetzt hochverfeinert, aber ihre Feinheit gleicht dem eines Souflés. Die Feinheit der Sprache bleibt substanzarm, blutleer und zunehmend weltlos. Diese späte und überbrütete Generation in den Städten ist immer schwer gesprächig und beschäftigt, und dabei hoch reizbar, verletzlich und gelangweilt. Die späte Generation ist ausserordentlich gebildet und kenntnisreich, unterscheidungsfähig, aber existenziell verdummt und immer ein bisschen weltverloren. Habituell aktiv und verspielt, aber ziellos und unbewegt. Diese städtisch-zivilisatorisch aufgewachsenen Spät-und Folge-Generationen geben dann den Typus des Dandys, des Zynikers (oder Kynikers), des Flaneurs, des Eleganten, des Künstler-Bohemiens, des Satirikers, des Kritikers im &#8220;Querdenkertum&#8221; oder im &#8220;Dagegen-Sein&#8221; oder den Stoiker, den intellektuellen Stadtstreicher, den &#8220;Provokateur&#8221; oder oder&#8230;All das, diese ganze Entwicklung der städtischen Sprache, kann man in den Literaturen und Berichten aus römischer und spätrömischer Zeit bereits herauslesen, manchmal auch aus griechischer Zeit in Folge einer imperialen Entwicklung, sofern überliefert. Auch in römischer Zeit gab es schon den &#8220;witzigen Skeptiker&#8221; , den &#8220;zynischen Intellektuellen&#8221; &#8211; den &#8220;Satiriker&#8221; ebenso wie den &#8220;mythisch Raunenden&#8221;, den &#8220;Reiseschriftsteller&#8221; den &#8220;Abenteurer&#8221;, den &#8220;ewigen Aussenseiter&#8221; den &#8220;Großphilosophen&#8221;, den &#8220;Staatsdichter&#8221; , den &#8220;Erotiker&#8221; den &#8220;epikuräischen Gleichgewichtler&#8221; etc&#8230;<br />
Aber schon ein Ovid sagt zu seiner Zeit nichts Neues mehr. Auch ein Ovid schreibt nur noch um, dreht und wendet alte Stoffe und schreibt sie noch einmal auf. Auch er bereits ein aus dem Sprechen ins Versprechen ausgewanderter. Er zitiert und zitiert und zitiert&#8230;.aber das tut er hübsch, fein, silbrig glänzend, melodiös und urban vertratscht. Aber auch bei ihm ist der Eros nur noch &#8220;Stoff zur Rede&#8221; Auch er ist schon ganz &#8220;Stoff-Redner&#8221; von &#8220;Stoffen&#8221; aus längst beredeten Archiven und vergangenen Zeiten. Seine Verbannung war eher ulkig, Sport.</p>
<p>Heiner Müller fällt mir hier kurz ein. Er hat sich einmal die Frage gestellt, warum der Historiker Theodor Mommsen keinen 4. Band der römischen Geschichte mehr geschrieben hat. Dieser 4. Band hätte den Zeitabschnitt behandeln sollen, in dem auch ein Ovid lebte, die beginnende Kaiserzeit. Müller interpretiert das &#8220;Schweigen&#8221; von Theodor Mommsen, den nicht mehr geschriebenen Band über diesen Abschnitt der römischen Geschichte mit einer gewissen Lethargie des Historikers. Mommsen habe nicht mehr &#8220;die Leidenschaft gehabt&#8221;, diesen Abschnitt der römischen Geschichte aufzuschreiben &#8211; warum nicht? Die Antwort, die Müller aus Briefen von Mommsen herausfühlt, lautet: &#8220;Nur noch Klatsch und Hoftratsch, Getändel, Spiele, Intrigen und die üblichen Scharmützel&#8221; Die mit Augustus beginnende Kaiserzeit war für den Historiker nicht mehr interessant. Für diesen Abschnitt findet sich in den historischen Archiven nur noch Klatsch und Hoftratsch und &#8220;silbriges Latein&#8221; Mit anderen Worten: Für den Historiker Mommsen hat dieses Rom der Geschichte nichts mehr zu erzählen, ausser seine Innenberichte. Die Archive erzählen fast nur noch Innen-Status. Kaum noch Dynamis.<br />
Die Sprache und das Latein dieses Zeitabschnitts ist g e b o r g e n. Warum soll man so etwas noch einmal als Historiker aufschreiben? Dazu hatte der Historiker Mommsen keine Lust mehr.<br />
Ich nehme diese Geschichte hier als Verweis auf den Zustand von imperialer Stadtsprache, die ganz in eine g e b o r g e n e Gefäß-Sprache eingemündet ist. In solchen Zeitaltern haben die &#8220;Dichter&#8221; Hochkonjunktur, welche die &#8220;FORM&#8221; wahren und das &#8220;MAß&#8221; umspielen.</p>
<p>Das, worauf Heidegger hinauswollte, ist oder war etwas ganz anderes. Heidegger wollte auf die Aletheia hinaus, das Unverborgene.<br />
Das Unverborgene aber ist, wie gesagt, NICHT Form und NICHT MAß und NICHT Stadt. Das Unverborgene ist keine Inventarisierung, sondern STRÖMUNG.<br />
Obwohl sich auch bei ihm manchmal Formulierungen finden, die nach Maßgabe seiner eigenen Methodik unvollendet wirken, in denen er nuschelt und murmelt und man beim Lesen öfter denkt: Warum sagt er es nicht noch deutlicher? Warum murmelt er so?<br />
Und während man das denkt, findet sich dann plötzlich diese Passage:</p>
<p><em>&#8220;Das Wort „Wage&#8221; bedeutet im Mittelalter noch so viel wie Gefahr. Das ist die Lage, in der etwas so oder so ausschlagen kann. Darum heißt das Gerät, das sich in der Weise bewegt, daß es so oder so sich neigt, die Wage. Sie spielt und spielt sich ein. Das Wort Wage in der Bedeutung von Gefahr (Anmerkung T.B.: etwas wagen.) und als Name des Gerätes kommt von wägen, wegen, einen Weg machen, d. h. gehen, im Gang sein. Be-wägen heißt auf den Weg und so in den Gang bringen: wiegen. Was wiegt, heißt so, weil es vermag, die Wage so oder so ins Spiel der Bewegung zu bringen. Was wiegt, hat Gewicht. Wagen heißt: in den Gang des Spieles bringen, auf die Wage legen, in die Gefahr loslassen.&#8221; </em></p>
<p>Houston &#8211; das war Heidegger at his best. Das war das Space-Shuttle mit dem Namen Martin Heidegger. Das war Denken. Und es weist, wie man jetzt wissen kann, auf den Vergleichsprozess der Thermodynamik. Wer von der Wage und vom Wagen spricht, &#8211; vom Erwägen, der spricht letztlich &#8211; und im Innern der Ge-Fahr &#8211; vom thermodynamischen VerGleichsProzess &#8211; der auch ein Ab-Wägen oder Vergleichen in GeFahr verfolgt &#8211; das ins Spiel bringen des Ver-Gleichs im Ab-Gleich zu einer Strömung&#8230;.oder kognitiver: Den kognitiven Ver-Gleichs-Prozess, dessen es bedarf, damit ein Gehirn überhaupt etwas einschätzen oder vergleichen kann.</p>
<p>&#8230;und weil hier an anderer Stelle einmal etwas Abschätziges über Rilkes &#8220;Kitschgedichte&#8221; gesagt wurde, soll hier einmal ein wirklich Gutes von ihm lobend beigestellt sein. Nicht deshalb, weil Heideggers Text sich auf dieses Gedicht bezieht, sondern weil es Rilke selbst als jemanden zeigt, der sich Gedanken macht &#8211; erstens, und zweitens, weil dieses forschende Gedanken-Machen sofort das Versmaß lockert und ihm die Parfümierung nimmt.</p>
<p><em>&#8220;Wie die Natur die Wesen überläßt dem Wagnis ihrer dumpfen Lust und keins besonders schützt in Scholle und Geäst, so sind auch wir dem Urgrund unsres Seins nicht weiter lieb; es wagt uns. Nur daß wir, mehr noch als Pflanze oder Tier mit diesem Wagnis gehn, es wollen, manchmal auch wagender sind (und nicht aus Eigennutz), als selbst das Leben ist, um einen Hauch wagender &#8230;. Dies schafft uns, außerhalb von Schutz, ein Sichersein, dort, wo die Schwerkraft wirkt der reinen Kräfte; was uns schließlich birgt, ist unser Schutzlossein und daß wirs so ins Offne wandten, da wirs drohen sahen, um es, im weitsten Umkreis irgendwo, wo das Gesetz uns anrührt, zu bejahen.&#8221; </em></p>
<p>Dieses Gedicht von Rilke kann man lesen als eine positive Widmung ans Space-Shuttle. Das Gedicht wurde 1924 improvisiert oder: entworfen &#8211; könnte man sagen, und zählt zu den sogenannten späten Gedichte von Rilke. Und es ist ein gutes Beispiel für eine nichtdumme Dichtung, die keine Ab-dichtung ist.</p>
<p>Das Kribbelige dran bleibt nun, dass die Heidegger-Anmerkung zu dem Rilke-Gedicht sich in einem Band findet, der &#8220;Holzwege&#8221; heißt mit der schönen Überschrift: &#8220;Wozu Dichter?&#8221; &#8211; eine Frage, die wiederum einem Hölderlin-Gedicht entnommen wurde mit der Zeile: &#8220;Wozu Dichter in dürftiger Zeit?&#8221;</p>
<p>Nach mehrmaligem Lesen dieses Textes innerhalb der letzten Jahre, glaube ich, dass genau dieser Text den ganzen Heidegger zeigt in seiner Stärke aber auch in seinem, tja, wie soll man sagen&#8230; Ungelösten, seiner Schwäche? Oder womöglich in einem schweren Missverständnis? Entscheidend bleibt eben das &#8220;zu&#8221; in Wo-zu? &#8211; was ja als ein Wo-hinaus? oder Wohin? gemeint ist.</p>
<p>Das Ungelöste bei Heidegger blieb eben, dass er womöglich nie ganz deutlich ausprechen wollte oder begründen oder beschreiben konnte, warum die Sprache selbst zur Technik gehört oder selbst Technik-Charakter hat, also selbst etwas Physisches bleibt und eben nichts Metaphysisches.</p>
<p>Hier in diesem Text &#8211; &#8220;Wozu Dichter?&#8221; &#8211; kommt er aber sehr nah heran, in dem er davon spricht, wie das Sagen selbst als ein &#8220;Handhaben&#8221; wirkt. Weil der Mensch die Sprache HAT. Trotzdem spricht er dann beinahe im selben Atemzug: &#8220;Logik gibt es nur in der Metaphysik&#8221; Und das stimmt eben nicht. Das ist falsch. Seit Gödel macht eine solche Aussage keinen Sinn mehr.<br />
Weil schon die Differenz zwischen Physik und Metaphysik &#8220;Logik hat&#8221;. Anders gesagt: Die Aussage: &#8220;Logik gibt es nur in der Metaphysik&#8221; ist selbst bereits eine ganz physische Logik &#8211; weil eine verteilende und zuteilende L o g i s t i k. Und diese Logik als Logistik erzeugt sich an der Blut-Hirn-Schranke. Sie ge-stattet die statistische Primär-Organ-isation allen &#8220;Habens&#8221; und &#8220;Handhabens&#8221; in einem ab-wägenden Vergleichsprozess &#8211; der Homoöstase &#8211; sie stellt die Mauer und das Tor zwischen Stadtkreis (Gehirn) und Weltkreis (Blut, Orbit)</p>
<p>Trotzdem geht dieser Heidegger-Text &#8220;Wozu Dichter?&#8221; sehr weit; so weit, bis Heidegger sich einen Dichter vorstellt, der &#8211; Zitat: &#8220;&#8230;das Wesen der Dichtung selbst frag-würdig findet.&#8221;</p>
<p>Damit hat er Recht &#8211; mit diesem &#8220;fragwürdig&#8221;.</p>
<p>Das bleibt dann wieder gut erspürt, weil man jetzt, nach der eingehenden Studie zur Space-Shuttle-Main-Engine und zum Vergleichsprozess deutlich erkennt, wie die Technik selbst Dichtung und<br />
Ge-Wichtung ist. Ein Wagen im VerGleich. Das Space-Shuttle selbst ist ein Ge-Dicht und ein Ge-Schöpf. Und als Ge-Dicht gehört es sogar zu den &#8220;wagenden&#8221; Ge-Fährten des Rilke-Heideggerschen &#8220;Weltinnenraums&#8221; Das Space-Shuttle ist &#8211; wie alle Technik &#8211; auch ein Ge-Schöpf der Thermik, ein Ge-Fährt der Gravitation.</p>
<p>Die Bemerkung von Robinson Jeffers, Mathematiker und Physiker bauten mit falschen (Ver-)Gleichungen (Er-WÄGUNGEN) richtig funktionierende Dinge, liest sich jetzt umgekehrt dionysisch. Das Donnern des Space-Shuttles in der ver-Dichteten Strömung wäre ein mythisches Donnern des wagenden Vergleichs zum aufsteigenden Abgrund.<br />
Aber als Gott des Weines, des Besäufnis und des Alkohols bleibt er auch zuständig für die Blut-Hirn-Schranken-Wartung, und damit ein wartender LOGOS &#8211; als ein Schrankenwärter, Logistiker und Verteiler, der im Primär-Vergleich der Homoöstase die Schranke hebt und senkt, die Erinnerung an das wach hält, was URBI et ORBI &#8211; Stadtkreis und Weltkreis &#8211; vermittelt.</p>
<p>Ich habe hier an anderer Stelle schon einmal überlegt und wohl auch genügend begründet, warum ausgerechnet die deutsche Sprache eine starke Anbindung an das Unverborgene hält und damit dem orbitalen Fahren, dem Wagen, und der Gefährnis näher liegt als das &#8220;silbrige Latein&#8221; der stehenden Städte. Denn das Deutsche war lange Zeit weder maßgebliche Schriftsprache noch städtische Zivilisationssprache. Ihr Puls, ihr Hauch, ihr Atem, ihr Schub speist sich aus dem orbitalen und ländlich-nomadischen Schub-Zug der Unruhe und Geleise.</p>
<p>Man kennt eine Redewendung, die sagt: &#8220;Hier bist du mit deinem Latein am Ende.&#8221; Man könnte erweitern: &#8220;Hier kommst du nur noch deutsch weiter.&#8221;</p>
<p>Heideggers Er-Wägungen zur Wage und zum Wagen in Ge-fahr &#8211; kann man jetzt direkt anwenden auf die Physis des thermodynamischen Vergleichsprozess, der nichts anderes meint als ein physisches Abwägen &#8211; in Kalkulation einer thermisch irreversiblen Strömung, die der Hauch ist.</p>
<p>Was nicht weniger bedeutet als der Beweis, dass Sprache wirklich und tatsächlich wahrheitsfähig sein kann, in dem sie das Unverborgene &#8211; s a g t.</p>
<p>Aber wer dies annehmen soll, muss vielleicht &#8211; hier in diesem Fall &#8211; wirklich ein geborener und nativ deutscher Muttersprachler sein.</p>
<p>Epilog:</p>
<p>Städte und Zivilisationen sind notwendig, folgerichtig und nichts Schlechtes. Aber alle Tragödie nimmt ihren Lauf, wenn die Stadt das Land oder den Weltkreis &#8220;vergisst&#8221;.</p>
<p>Die großen tragischen Texte handeln davon.</p>
<p>Troja, eine Stadt, die sich nur noch als reine Festung definiert, fällt irgendwann furchtbar um.</p>
<p>Oder anderes Beispiel: Man muss sich sehr genau überlegen, ob man eine Medea, die man &#8220;draussen vor der Stadt&#8221; kennenlernt&#8230;man sollte sich also gut überlegen, wie man diese Medea dann im Nachhinein behandelt.</p>
<p>Und man wird sich auch, wenn man Pentheus heißt, zweimal überlegen, ob es wirklich vorteilhaft ist, auf einen geschlossenen Stadt-Status zu beharren, falls man danach doch irgendwann einmal &#8220;da draussen &#8211; vor der Stadt&#8221; auf einen Baum klettert.</p>
<p>ET CETERA PI PI</p>
<p>Auch die Erde ist bloß ge-stattet. Ein größerer Astereoid, kann sie jederzeit zum Troja machen.</p>
<p>Heideggers Feld,- Wald,- und Wiesen-Gestus, seine Sondierung des Unverborgenen galt und gilt dem Orbit als dem ORBIS &#8211; dem Weltkreis, der die Stadt ge-stattet.<br />
Deshalb bleibt sein Denken konstruktiv nach vorn gerichtet und nicht rückwärts gewandt. Eine Zivilisation, wenn sie nicht so enden möchte, wie bisher alle Zivilisationen, braucht den dringenden und bewussten Kontakt mit ihren Rändern und Grenzen. Dem Orbit. Einerseits, damit sie sich weitet, andererseits &#8211; damit sie sich als zu &#8211; ver &#8211; lässig (verlassens-fähig) formuliert.<br />
Binnenspannung versus Aussendrift. Wenn der Planet &#8220;die Stadt&#8221; ist oder &#8220;die Stadt&#8221; sein will, dann muss er eine wagende Verbindung mit dem Orbit aufnehmen. Er darf sich nicht einigeln. Deshalb ist und bleibt alle Raumfahrt richtig.</p>
<p>Kultur, Sprache und insbesondere die Literatur wird langweilig, stumpf und verblödet, wenn sie nicht versteht, dass Technik selbst immer die stärkere Dichtung ist. Eine große Weltdichtung, neben der alle reinen Texte auf Papier immer in Atem-und Beweisnot stehen.<br />
Der Rest ist Tratsch und Hofklatsch.</p>
<p>Im Kopfhörer: Helicopter aus Porzellan.</p>
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