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'Natur d.Technik'

Natur der Technik 25

Triplett

Lange Zeit war das Freizeichen eine getaktete Folge einzelner Töne gewesen.
Wenn man den Hörer abgehoben hatte, hörte man ein Tüt Tüt Tüt…
und dann eine kurze Pause und dann wieder -
Bis das Zeichen eines Morgens ein durchlaufendes unendliches Signal geworden war.
Die von der Post hatten es umgestellt gehabt. In einer Nacht. Landesweit.
Er erinnert sich, wie er in den 80iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
den Telefonhörer abhebt.
Noch schlaftrunken und auf nüchternen Magen lauscht er der neuen
akustischen Linie
Es muss so ungefähr um die Zeit passiert sein, als man im Fernsehen
nicht mehr “Liebe Zuschauer.” sagte.
Und so blieb es.
Einen Moment lang hatte er damals die Nummer zu wählen vergessen.
Auf der Bettkante sitzend, in seinem Zimmer, mit dem neuen durchlaufenden Ton in der Hand.
Hier und heute früh, 30 Jahre später, in der Dusche, war ihm die Sache mit dem
Freizeichen wieder eingefallen. Direkt unter dem Wasserstrahl.
.
.

“Eine kleine Chance haben wir.” – sagte ich zu Marina.
Wir standen im Aufgang, oder vielmehr im Gang neben dem Fahrstuhl, am
großen Etagen-Fenster.
“Klar, wir haben sie ja auch verdient.” – antwortete sie.
Ich wusste nicht, ob das jetzt ironisch von ihr gemeint, oder
ob sie inzwischen gleichgültig geworden war.
Unten im Hof klappten Autotüren.
Marina schaute nach draussen und sagte: “Guck mal da, der Heinrich hat sich heute chic
gemacht. Lustig, wer den nicht kennt, weiß nicht, wie fremd so ein Anzug bei ihm
aussieht.”
“Wir haben eine Chance, eine kleine.” – sagte ich noch einmal.
Sie schaute noch immer nach draussen, hinunter, zu Heinrich.
“Der hängt sich heute Bügel plus Hemden zum Wechseln ins Auto, holla…”
“Er hat sicher einen wichtigen Termin.” – sage ich.
Marina und ich, wir kennen uns wirklich schon sehr lange.
.
.

Da hielten die beiden Kinder einen grossen Kuschel – Ausserirdischen
rechts und links bei den Armen fest. Einen Plüsch-Marsianer, ganz neu, mit Zettel im Fell,
waschbar bei 60 Grad in der Maschine. So als ein Besucher aus einer anderen
Rummelbude. Der Kopf der Figur nickte übergroß, elefantös, und die Augen
feuchteten als schrägschwarze Riesenöltropfen, versenkten schräg jeden Blick.
Der Besitzer des Büdchens hatte die Invasion der Besucher
gut sichtbar platziert. Sie waren hier der Renner. Mama und Papa hingen an den
klackenden Luftgewehren und zielten auf die splitternden Röhrchen.


Natur der Technik 24

TRIPLETT

…in dem er Fundstücke aufbewahrt, Steine, über die er gern noch etwas mehr erfahren möchte. Ein Geologe, in einem Raum, steht er, manchmal, vor einem Tisch. Er hat ihn, den Gegenstand, dort hin, auf die Platte, gelegt.
Mit einer Hand hält er sich an einer Tasse Kaffee fest. Der Gegenstand, den er hier anschaut – er möchte ihn noch besser einordnen. Er selbst trägt heute ein gestärktes Hemd. Dreht und wendet sein Fundstück – und vergisst es wieder.
Manchmal, schon nach einer Woche, spätestens nach einem Monat, – findet er sich wieder, dastehend, unter den beiden  hellen Reflektorlampen. Die Trafodrosseln in den Strahlern summen.
Dann hält er wieder den Stein in der Hand. Was für ein Stein – fragt er sich.
Er kennt sich aus mit Formationen. Er hat diesen…. Körper, aus einer Zeit herausgeschlagen. Während einer Laservermessung, bei der Peilung am Gerät im Geschiebe einer mesozoischen Ära, war er ihm aufgefallen. Etwas zu rein für seine Schicht, hatte er damals gedacht. Auffällig regelmäßig. Zu ebenfarbig. Seit dem verwahrt er ihn hier, unter den Fundstücken, von denen er gern noch etwas mehr erfahren würde, hier in seinem Hafen, auf.  So nennt er die Halle, den Raum, den Ort.
Kein Meteorit, da ist er sich sicher.

*

*
Wie bei jedem Menschen, so öffnete sich auch bei ihr, unterhalb ihrer Nase, ein Mund.
Ein Mund, dem er gerade dabei zusah, wie er sich bewegte, etwas sagte.
Ihre Beine waren gerade von draußen gekommen, dachte er, waren von draußen gekommen, aus einer Bahn gestiegen, Treppen hinauf, hatten sich auch bewegt und waren dabei von einer Hose verdeckt geblieben. Dass Sie jetzt mit ihrem Mund unter der Nase sagte: “Ich habe mal wieder Koriander besorgt”, wobei die Lippen sich so geschäftig bewegten und sie dabei auf ihren Beinen stand, die sich gerade bewegt hatten, um Koriander zu besorgen, von draußen, – mit ihren Händen, diesen Händen – das war … “interessant.” -  sagte er zu Ihr, die sie gerade so von draußen gekommen war, auf ihren Beinen, durch die Tür, mit ihrer Hose und dieser knisternden Tüte, jetzt so dastand vor dem Regal mit den Gewürzen, in der Küche…
“Du bist also gerade von draussen gekommen?” – fragte er sie. Und dabei stellte er sich dicht an ihren Rücken heran, so dass er ihr Haar riechen konnte. Er küsste Sie auf ihren Nacken. Dann nahm er ihre beiden Arme, von hinten, und führte sie in die Bewegung hinein. Er hielt sie bei den Handgelenken – fest. Er sagte: “Ich fahre dich jetzt. Du musst nur greifen. Deine Arme übernehme ich.” Dabei spürte er, ohne es zu sehen, dass Sie lächelte. Deshalb führte er ihren linken Arm mit der Hand unter ihrer Nase direkt vor ihren Mund und sagte: “Man lächelt nicht, wenn man gerade einen Einkauf gemacht hat und von draussen gekommen ist – und dabei legte er ihre Hand auf ihre Lippen.

*

*
Wenn ein Raum von Körpern gleicher Temperatur umschlossen ist und durch diese Körper keine Strahlen durchdringen können, so ist ein jedes Strahlenbündel im Innern des Raumes seiner Qualität und Intensität nach gerade so beschaffen, als ob es von einem vollkommen schwarzen Körper derselben Temperatur herkäme, ist also unabhängig von der Beschaffenheit und Gestalt der Körper und nur durch die Temperatur bedingt.


Natur der Technik 23

Filmkritik Farbfilm

Es macht tick. Oder Klickelick.
Ein Klicken oder ein Ticken. Aber nicht von einer Uhr.
Ein Geräusch, das sich dem Vernehmen nach seit langer Zeit nicht verändert hat.
Ich vermute, es hat ganze Legislaturperioden überstanden. Mehrere Bundeskanzler.
Aber auch mehrere Staatsstreiche im Kongo. Ging es schon durch Generationen?
Blieb dabei völlig unverändert. Ein Welt-Ur-Geräusch. Tickelicketick.
Könnte ich meinen, würde ich behaupten, sagen, aber es trifft dann auch wieder nicht.
Nicht ganz. Oder doch, vielleicht, eher ja.
Man erkennt es sofort, von weitem schon, auch wenn es nur ganz gedämpft
gegen den Wind tickel-ticke-klickt.
Es hört sich auf allen Kontinenten dieser Welt gleich an.
Egal welche Hand, welche Hautfarbe, welches Denken da am Werk ist.
Obwohl es in verschiedenen Dosen mit verschiedenen Füllständen vielleicht verschieden ticken mag – das scheinbar Unterschiedslose und Ewige – das dieses Ticken ins Ohr klicklickt, meint weniger die Beschaffenheit des Dosenblechs oder der klickenden Kugel; das Ticketick, Klickklick meint etwas Interphysisches.
Hier klickelt eine Hand, ein Mensch, ein Jemand, der einem Ding, einem Etwas jetzt, in diesem Augenklick, da hinten, oder ganz in der Nähe, einen Überzug verpasst. Einen Film. Eine – Dosierung.
Aus dem Rhythmus des Tickens, das nicht von einer Uhr kommt, auch wenn man es nur aus der Entfernung wahrnimmt, erschließt sich: Handlung, Eile oder Sorgfalt, Pedanterie oder Flüchtigkeit, Notwendigkeit, Zerstäubung.
Tickelicketick. Wenn man noch länger hinhört, sprüht sich eine Charakterstudie des Sprühers/ Schüttlers/Ticklers, aber auch des Hörers, aufs eigene Gemüt.
Ich muss es nicht sehen. Ich höre: Schüttelt es lässig aus dem Gelenk, oder weiträumig mit dem ganzen Arm. In welchen Abständen, wie oft, klickelt es, wie heftig – wie oft – tickelt – misstraut oder vertraut es dem Füllstand und der Durchmischung in der Dose, die es versprüht.
Hat es Vertrauen in die Deckkraft seiner Schichten…in das Anliegen des Films?
Die Dose schüttelt den Sprüher. Interphysik.
Solange dieses Tickelicktick immer mal wieder erklickt, ist noch nichts verloren,
gehen die Uhren noch.
Es hat aber auch, in meinen Ohren, manchmal etwas Verhuschtes.
Dann klingt es ein wenig nach Provisorium. Aber ich kann mich auch täuschen.

Da ist es wieder.

Vorübergehend.

Etwas zeichnet sich ab.


Natur der Technik 22

Aus dem Gedächtnis

Nicht gerade ein Sympath.
So ein Typ, der sich nicht für die Kinderbilder
in anderer Leute Brieftasche interessiert.
Oder nur kurz raufguckt und “hm” sagt.
So ein Typ.
Bis oben hin zugeknöpftes Hemd.
Knopf unterm Kinn. (Und zwar immer.)
Einer, der seinen Apfel schält auf eine Art und Weise,
genau so,
dass man ihm, dem man dabei zuschaut Anderthalb Minuten lang
wie er diesen Apfel schält,
gewisse andere Dinge zutraut.
(Welche, vermag man nicht zu sagen.)
So ein bisschen grenzlippig wirkt er.
Verschlagen?
Er hat früher – möglich, vielleicht sogar oft – irgendwen auf dem Schulhof verpetzt.
Man traut es ihm zu,
mit genießerischem Schmelz in der Stimme darum gebeten,
“eine Übertretung dem Herrn Lehrer anzeigen zu dürfen”.
Andere essen einfach so ihren Apfel.
Beissen einfach krachend ab. Kernig. Pratzig weg das Ding.
Er aber muss ihn: Schälen.
Mit seltsam flinken Händen dabei,
Die Finger kohlschnakig, Gakelnd. Greifgeäst.
Spinnig korrekt nestelnd mit einem winzigen Messer.
Aber irgendwie war er immer auch zu clever,
um für seine Schulhofpetzerei Dresche zu beziehen.
Man traut es ihm zu.
Nicht geheuer.
Aber schlau.
Bisschen blass.
Schon seinen Händedruck mag man nicht.
Typ: Bastler.
Trägt Immer so Hemden, beigefarben, eierschalig.
Kein großer Frauenaufreisser. (Wär`ja auch noch schöner.)
Beruf: Ingenieur.
Name: Dorfmann, Heinrich.
Nationalität: Deutsch.

Die Pointe des Films ist dann, dass dieser Typ
nach einem Flugzeugabsturz in der Wüste
sich als derjenige in den Vordergrund spielt,
der ungefähr wüsste, wie das Wrack
der zweimotorigen Maschine
in eine Einmotorige umgebaut werden -
eine Ahnung hat – haben kann, könnte.

Bauen kann.

Bauen sollte.

Bauen muss.

Und schließlich baut.

Bauen lässt.

von den Überlebenden der Crew,
den Andern. Kräftige Männer immerhin.
Dabei die Zeit knapp wird und das restliche Wasser
wie die Stimmung nicht am Überlaufen ist.
Bei 50 Grad Celsius über einem Haufen Schrott.
In einer Wüste nicht die allerbeste Stimmung.
Wer führt jetzt?
Der Kopilot: Typ Skilehrer, braungebrannt, charismatisch.
Oder der blasse Passagier?
Der den Plan hat.

Der Typ, der im Schatten seines Schattens
im Schutz des zerschellten Leitwerks
Anweisungen gibt. Mit einem Schnupftuch
auf dem Kopf, provozierend korrekt geknotet,
ordentlich, alle vier Ecken, praktisch,
gegen die Sonne, die ihn nicht trifft
und seinen Plan im Kopf
im Schatten unter dem Leitwerk,
immer noch zugeknöpftes Hemd,
die Anderen anweist. Kurz.
Unmissverständlich. Auch schneidend.
Der Typ, der zu den Kinderbildern in anderer Leute Brieftaschen lediglich “hm” sagt.
Sich dabei auch, ja, durchaus
in seinem Schatten schont.
Er muss den Plan durchdenken.
Dabei erkennbar nicht gerade tot macht.
So auch nicht beliebter.

“Jetzt die Kopfmannstarter.”

sagt dieser Typ dann im Schatten,
Ingenieur für Modellflugzeuge in einer Spielzeugfirma,
nach ein paar Tagen härtester Arbeit,
drei Schlägerein und einem beinahe Toten.
(die harte Arbeit der Andern)

“Kopfmannstarter”

Eine Kapsel gefüllt mit Sprengstoff
als Starthilfe in ein Rohr geführt,
Explodiert.
Gase treiben den Kolben
in die Expansion. Der bewegt sich
hinunter über ein Gestänge ins Getriebe,
dreht den Motor, der springt an.

Ein Knall.

So sprengt in den Himmel über den Sand sich.
die Phönix zurück in die Zivilisation.

END.

(Der Flug des Phönix, USA 1965)


Treppe

Bilderbogen

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Randnotiz

Lucia

  • Der Garten Eden ist nicht mehr. Aber es schmeckt sehr süß. Blätter fallen und der Teich wächst zu.

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