Wird geladen ....

Aktuell:

'Wahnsinn als Hobby'

Zur Installation “Jörg Kachelmann.”

Einreichung zur Documenta 13, 2012

Erneut gewinnt eine Installation an Ausstrahlung, eben jenes unbekannten Künstlers, der schon im Falle seines Werkes “Dieter Althaus” ein raffiniertes-klick-hier-Environment der staunenden Öffentlichkeit als dynamische Skulptur präsentiert gehabt hatte. Damals, vor anderthalb Jahren, vielleicht nur als Fingerübung arrangiert zu dem gerade aktuell sich heraus schälenden Meisterwerk, das hier aus seinem kompositorischen Elementen geradezu hervorblühend über sich hinauswächst. Die neue dynamische Skulptur “Jörg Kachelmann” zeigt ein raffiniertes Geflecht von Zitationen und Anspielungen, die der Künstler ästhetisch zu einem genreübergreifenden und mehrdimensionalen Organsimus verkomponiert hat, und dessen narratives Potential geradezu vorbildlich einer deleuzianischen Rhizomatik folgend in  okkasionelle Interdependenzen die psycho-öffentlichen Verhandlungsräume in reine Erregungsräume verwandelt.
Erneut unter Ausnutzung aller telemedialen Kanäle beeindruckt das Werk ob seiner weiteren konzeptionellen Verdichtung und Komplexität bis in mythologische Tiefen hinein, die hier über Jahre schrittweise, ja – man kann beinahe sagen: schichtweise – vom unbekannten Künstler mit ruhiger Hand aufgetragen wurden. Der Künstler hat darin verschiedene Spuren ausgelegt, auf denen man sich seinem Werk interpretatorisch annähern kann.
Einer Bemerkung Jacob Burckhards folgend, nach der Kunstgeschichte aufs Wesentliche hinlenken müsse, wäre zunächst vom mythologischen Kern der dynamischen Skulptur “Jörg Kachelmann” zu berichten: Das Wetter. Der ethymologische und onomatopoetische Echoraum “Wetter” und “Gewalten”  – der ja hier als Funktionenraum ebenso wie als Assoziationsraum mit der Figur eines Meteorologen zum Sagenraum der griechischen Mythologie interferiert, in dem Zeus aber auch Poseidon bekanntlich in nicht gerade gewaltlosem “Wettern” Ihre Macht und Launen mit Blitz, Donner, Überschwemmungen – und ja – bis hin zur Vergewaltigung – immer wieder durchsetzten – das wäre als narrativer Reaktorkern der Installation “Jörg Kachelmann” leicht identifizierbar. Hatte nicht schon Zeus als Stier verkleidet die Prinzessin Europa durch mittelmeerische Tiefdruckgebiete nach Kreta entführt? Und war es nicht der Meeresgott Poseidon, der ein Stier dem Meer entsteigen ließ und Minos Gemahlin Pasiphae so verzauberte, dass sie sich in einen Stier verliebte, mit dem sie dann das schreckliche Mischwesen Minotaurus zeugte? Apropos Mischwesen und Elementewesen. Ja, der Stier war in der griechischen Mythologie durchaus oft mit dem Wasser, dem Meer, der Feuchtigkeit und dessen  – wenn man so will – immer auch meteo-ero-logischen Druck-Gebieten assoziiert.
Die Raffinesse der Installation “Jörg Kachelmann” befeuchtet  jederzeit in unseren immer noch archaisch strukturierten Psychen einen nur oberflächlich trockengelegten Kanal zwischen Eros und Meterologie. Nur eine kleine Veränderung in der Buchstabenfolge – und der tiefe, der wesentlich heizende Reaktorkern der Skulptur wird erkennbar: Met-ero-logie.
Aber nicht nur den klassische Sagenraum hat der unbekannte Künstler interdependiert. Ebenso arrangiert sich eine zeichenhafte Sensorik hin zum heidnisch volkstümlichen Sagenkreis der Froschprinzessin. Ein Märchen, dessen Wurzelwerk tiefenpsychologisch eingreift. Seine Semiogenetik, hier in durchaus sexueller Anspielung gesetzt, zitiert den “Wetterfrosch” als  amphibisch – glitschig – lesbares Zeichen. Er zeugt als Zwischenwesen von der amphibischen Mobilität unseres Daseins, das  immer beiden Elementen verbunden bleibt und nie ganz entschieden agiert zwischen meteorologener Vorhersagbarkeit und meteo-erotischer Unberechenbarkeit in den Sümpfen, Stürmen und Tiefhochruckgebieten menschlicher Obsessionen.
In Zeiten des Klimawandels und der Temperaturverschiebungen, hat der unbekannte Künstler mit seiner dynamischen Skulptur “Jörg Kachelmann”  auch ein Menetekel und ein Stück Weltkunst installiert, das uns daran erinnern muss, wie wenig wir auch heute noch, bei aller “Aufklärung” das Wetter eigentlich beherrschen. Oder anders ausgedrückt: Gerade die zunehmende Kachelung unserer zivilisatorischen Klimaräume lockt die taurisch feuchte und zum Teil unberechenbare Wetterküche geradezu herbei. Zeus und Poseidon überspülen oder unterspülen nach wie vor auch unsere medialen Kanäle.
Und “Wetter”  kann hier durchaus mehrdimensional ebenso auf zwischenmenschliche Klimaräume deuten wie auch auf planetare. Dass der Künstler seine Skulptur mittlerweile zu einem Tröpfchenphänomen in multimedial verschwitzten Kommunikationsräumen sich entwickeln ließ, zeugt von eben dieser amphibischen Unruhe, die zwischen den Elementen Archaik und Moderne mobilisiert bleibt wie in einem Wasser-und Verdunstungskreislauf.
Die Stilistik der “Schwebe” hatte der unbekannte Künstler bereits bei seiner Installation “Dieter Althaus” kultiviert. Hier erst in verschiedenen (künstlichen) Koma-Stadien – und dann – wie jetzt auch bei “Jörg Kachelmann” in einem Prozess zwischen den Elementen Schuld und Unschuld in Verdunstung und Kondensation ätherisch zirkulierend. Die Öffentlichkeit ist nun eingeweiht. Wir dürfen gespannt der weiteren Dynamik der Installation “Jörg Kachelmann” entgegensehen.
Zu beantragen bleibt die umfassende Aufstellung der Installation “Jörg Kachelmann” als dynamische Skulptur in einer separierten Halle auf der Documenta 13 in Kassel 2012.

Schlagwort und Motto der Dokumenta 13: Okkasionelle Interdependenzen.

Der KonText kann als Handschrift  im Original gegen Zahlung von 20 Tausend Euro als NARRATIVER REAKTORKERN der dynamischen Skulptur beim Autor (als Galeristen)  erworben werden.


Architekt.

Der Laden liegt nicht gerade in der Nähe deines Ateliers. Trotzdem gehst du immer mal wieder gerne da hin. Dein Entspannungseinkauf, meistens zum Ende der Mittagszeit. Du hast dir angewöhnt, es so zu nennen. Eigentlich musst du nichts einkaufen, aber die paar Schritte machst du ganz gern. Im Grunde könntest du auch einfach nur ein paar Runden um den Block gehen, aber es ist eben dieser Laden.
Wenn dich jemand fragte, würdest du sagen, du weißt, es klingt blöd, der Laden hat eine Tür mit einer Türklinke, die man herunterdrücken kann. Die Tür öffnet sich dann, man geht hinein.
Da liegen dann Rasierklingen neben Haribo neben Seifen neben Reis, neben Batterien, und daneben…
Du bist Architekt.
Du hast dich in die Selbstständigkeit geschuftet. Hineingeknüppelt. Hast sehr lange an Telefonhörern riechen müssen; und ja – du bist Architekt mit einem eigenen Atelier jetzt. Anders als deine Kommillitonen, die inzwischen – wenn sie Glück hatten – in irgendeiner städtischen Baubehörde bei Bremen im öffentlichen Dienst verschwunden sind. Wenn sie Glück hatten.

Der Ladeninhaber ist ein gedrungener Vietnamese. Was du von ihm weißt ist, dass er sich alles asiatische abgewöhnt zu haben scheint. Ihn umgibt nicht mehr die unauslotbare Diskretheit seiner Landsleute, wenn er hinter einem Haufen Socken aus Mischgewebe, zu 2 Euro das Paar, Bananen aufstapelt. 2 Euro. Der Laden ist nicht mal besonders günstig.
Es kam schon vor, dass der Ladeninhaber “unasiatisch” wurde, du nennst es so, obwohl es Blödsinn ist, “unasiatisch”, in dem er dich zurechtgewiesen hat an einem Regal: “Nicht von oben nehmen. Stehen lassen das Bier. Von unten nehmen. Nicht von oben nehmen. Ja, bitte schön.” “Wird’s bald” hat er noch nicht gesagt. Dabei kommst du öfter hier her. Ein vietnamesischer Blockwart, hast du manchmal gedacht. Ist es das – was du vielleicht sogar beinahe sympathisch findest?
Du gehst gerne in den Laden. Du spürst hier irgend eine Logik, zwischen den Regalen, die dich interessiert. Du könntest ja mal mit ihm plaudern.
Aber du kommst nicht her um zu plaudern. Du bist einfach nur gern hier.
Deshalb warst du einmal doch überrascht, als der Vietnamese seine Familie hier hatte. Sie war plötzlich da. Er muss sie irgendwann in den letzten 4 Wochen geholt haben.
Der Ladeninhaber lässt sich seitdem, manchmal, von seiner Frau vertreten. An der Kasse neuerdings auch, seit ein paar Monaten, von seiner kleinen Tochter, die du auf etwa fünf einhalb schätzt. Vielleicht vier. Eher doch fünf.
Sie selbst behauptet, dass sie sechs sei.
Es ist ein kleines Spiel. Sie nimmt dein Geld. Sie rechnet es nicht in die Kasse ein, noch nicht. Die Mutter hilft ihr. Aber bald wird auch sie all das können.

Heute nachmittag sitzt er nun wieder allein hinter dem Ladentisch. Hat einen kleinen Fernseher laufen und schlürft eine Nudelsuppe. Es klemmt auch wieder der große LKW-Spiegel über der Kasse, mit dem er die beiden Gänge zwischen den Haushaltswaren und den Lebensmitteln im Auge behalten kann.
Du könntest ja, denkst du dir, spaßeshalber, wieder an das Regal mit dem Bier gehen und ganz nach oben greifen.
Du biegst um die Gemüseecke, gehst an den Waschmitteln vorbei und triffst – auf das Mädchen.
Sie ist also doch hier. Sie sitzt auf einem Stapel Kartons und lässt die Beine baumeln. Sie sieht dich kurz an und widmet sich dann wieder einem Malheft. Sie scheint ihren Platz gefunden zu haben. Und sie kennt dich schon.
Ein lautes Geräusch dringt aus dem Fernseher von vorne an der Kasse. Mehr ein Schnarren als ein Ton. Es ist ein Applaussturm, Begeisterungsrufe aus irgendeiner Fernsehshow.
Da weißt du es.
Das Mädchen, dass dich eben kurz angesehen hat – du stehst gerade mitten in ihrer Kindheit.
Du bist der Mann, der manchmal, immer mal wieder in ihre Kindheit hineingelaufen kam zum Einkaufen. Erinnerst du dich? Der Laden. Und du bist – eine Erinnerung. Der Mann, der nie eine Tasche dabei hatte.
Das Mädchen sitzt auf dem Kartonstapel. Es beachtet dich nicht mehr. Es hat dich gesehen, das reicht.
Was jetzt von hier mitnehmen – Reiskörner?
Du läufst nach vorn, öffnest das Kühlfach und entnimmst ihm ein… du entnimmst nichts.
Du bist Architekt.
Du gehst zum Ladentisch, wo der Angestellte ihrer Erinnerung sitzt, stellst den leeren Korb neben die Kasse.
Dann drückst du die Türklinke herunter, du staunst, wie einfach das geht, die Tür öffnet sich, du trittst wieder auf die Straße. Wo du bald verblasst.


Sieben Treppen.

Irgend etwas hat dich an diesem frühen Nachmittag ans Fenster treten lassen.
War es ein Geräusch?
Du weißt es nicht. Aber du guckst hinaus, aus dem 7. Stock, nach unten, und siehst den Baum, das Straßenschild und einen Kleintransporter vor dem Haus am Straßenrand stehen. Dunkelblau, ohne Firmenlogos. Japanisch. Oder ist es vielleicht doch ein Volkswagen? Dicht bei der Fahrertür steht ein Mann, der wartet. Was dir auffällt: dass er nicht zu dir hoch schaut. Aber wieso sollte er zu dir hochschauen?
Was wolltest du gerade tun. Du wolltest eine DVD suchen, die du dir für einen Filmabend mit der Familie aus der Videothek geliehen hattest. Sie steckt noch im Player.
Warum denkst du, dass der Mann unten vor dem Transporter zu dir hochschauen sollte? Er ist beschäftigt. Er geht mit einem Werkzeug, du kannst nicht genau erkennen, was es ist, ein Seitenschneider oder eine Gartenschere, zur seitlichen Schiebetür, schiebt sie auf und hantiert im Innern des Laderraums herum. Holt eine graue Decke heraus, die er mit nach vorn zur Fahrerkabine nimmt. Dann stellt er sich wieder hin, an der Fahrerseite, legt einen Arm auf die geöffnete Tür und guckt – nicht zu dir hoch.
Warum erwartest du seinen Blick? Du glaubst ihn zu kennen. Hier von oben kannst du sein Gesicht nicht sehen.
Was wolltest du gerade tun?
Es war eigentlich immer schön hier oben, denkst du dann. Aber vielleicht ist der
7. Stock doch ein bisschen hoch.
Der Mann unten schaut auf seine Füße, auf seine Schuhe. Ist er verlegen?
Am gegenüberliegenden Haus, in gleicher Höhe, fällt dir auf, dass eine Gardine aus einem geöffneten Fenster nach außen geweht wird. Da hat jemand die Türen offen gelassen.
Als du Schritte auf deiner Treppe hörst, denkst du dir, das ist wahrscheinlich DHL. Die bringen was von Amazon.
Aber woher gerade dieser Gedanke, hast du bei Amazon bestellt? Ausserdem ist ja weit und breit kein gelbes Fahrzeug zu sehen.
Im Radio, das hinten im anderen Zimmer läuft, hörst du eine Stimme jetzt. Nicht die kultivierte sonore Stimme des Nachrichtensprechers, die du sofort erkennen würdest. Dafür eine kehlige Stimme, die Konsonanten verschleift, die irgendwas redet, was Du nicht verstehst.
Dann klopft es an deiner Wohnungstür. Es klopft. Obwohl du eine Klingel hast. Die Klingel funktioniert ja. Es pocht an die Tür. Vielleicht bei deiner Nachbarin? Laute Stimmen dabei und Lachen. Nichts konspiratives. Sie scherzen, unterhalten sich und pochen wieder. Du müsstest wohl mal aufmachen.
“Herr Reber – ? ”
“Ja – ?”
“Wir müssen Sie mal mitnehmen, Herr Reber.”
Sie sagen es so, wie Handwerker sagen: Wir müssen mal an ihre Wasserleitung. Es sind drei Leute. Einer von Ihnen sieht sogar aus wie ein Handwerker. Er trägt eine grünliche Latzhose. Es sind keine Handwerker. Wie Polizisten sehen sie nicht direkt aus.
“Suchen Sie sich bitte noch einmal was zum Wechseln raus?.”
Auch das sagt einer von ihnen, mit so einem nachdrücklichen aber auch fragenden Ton. Ungefähr so wie ein Sanitäter, der jemanden anspricht.
Du gehst an dem Flurschränkchen mit dem Telefon vorbei in dein Schlafzimmer und wunderst dich darüber, wie vertraut dir dieser Gang erscheint. Du bist ihn schon so oft gegangen. Du suchst ein Hemd raus und eine Hose und ein paar Socken. Vielleicht die etwas wärmeren? Aber vor dem Kleiderfach kommst du dir vor, wie in einer fremden Wohnung, in einem fremden Zimmer, an einem fremden Schrank. Aber alles hier gehört ja zu dir.
Der mit der Latzhose, der dir ins Zimmer gefolgt ist, nimmt dir die Sachen aus der Hand und steckt sie in eine Zellophantüte, die er von einer Rolle abgetrennt hat. Du freust dich. Du freust dich darüber, dass diese Tüte so neu ist. So unbenutzt. Und du freust dich jetzt auch über das kleine orangefarbene Preisschild, dass noch von dem Rossmann-Drogerie-Markt auf der Tüte klebt. Es wirkt so freundlich unordentlich.
“Ich nehm das schon mal solange” – sagt der Mann in der Latzhose dann. “Gehen Sie bitte vor.”
Auch das war wieder mehr gefragt als gesagt. Sie sagen sehr oft “bitte” – fällt dir auf.
Im Hausflur, die 7 Treppen hinunter, einer vor dir, die anderen beiden hinter dir, scherzen sie miteinander. Sie nehmen ihr Gespräch von vorhin offenbar wieder auf. Es geht um irgendeinen Platzwart von einem Tennisclub. Du bist nicht gemeint.
Unten dann weisst du gar nicht so genau, ob du allein zu dem Transporter gehst, oder ob sie dich zu ihm hinführen. Du weißt, wo es lang geht. Aber woher?
Dann, dort angekommen, siehst du den Mann, der gewartet hat. Der Mann von vorhin, der nicht zu dir hochgeschaut hat. Jetzt erkennst du ihn. Es ist ein guter Freund.
Er sieht dir kurz ins Gesicht und nickt mit dem Kopf, nur ganz leicht, als wolle er “ja” sagen. Einer schiebt die Tür auf. “Sie dürfen sich reinsetzen.” – sagt der.
Du setzt dich in den Laderaum des Transporters. Zwei von den – Handwerkern, setzen sich dazu. Dein Freund schließt die Tür, geht mit dem dritten Kollegen um das Auto herum, steigt in die Fahrerkabine und fährt los.


Wahnsinn als Hobby-e.V.

Der Wahnsinn als Hobby-e.V. wird hiermit gegründet als Verein in gemeinnütziger Trägerschaft zur Pflege des Wahnsinns.

1. Gründungmitglied: Tim Boson.
Vorstand und Präsident in Personalunion oder im 4 – wöchigen Rotationsprinzip: Tim Boson, Tim Boson.
Geschäftsführer: Tim Boson.
Kassenwart: Tim Boson.
Schriftführer zur Tagesordnung: Tim Boson (in Vertretung: Tim Boson)
Öffentlichkeitsarbeit: Tim Boson.
Forschungsbeauftragter Wahnsinnoskop, Wahnsinnotron. Wahnsinnograf, Wahnsinnometer: Tim Boson
oder Tim Boson

Liebe Gäste und Gründungsmitglieder, Herr Präsident, meine Damen und Herren,

In unserer Gesellschaft zeichnet sich ein Trend ab. Der Trend zum Wahnsinn. Der Wahnsinn als Hobby-e.V. möchte diesem Trend eine seriöse und gesellschaftlich akzeptierte Heimstadt bieten. Der hier neu zu gründende Verein hat sich der Pflege und der Tradition des Wahnsinns verschrieben, den wir, die Gründungsmitglieder, ausdrücklich als ein schützens- und bewahrenswertes aber auch weiter in die Zukunft hinein zu entwerfendes Kulturgut betrachten.
In dieser Versammlung nun haben sich bereits, und das ist sehr erfreulich, und ich sage das auch noch einmal herzlich in Richtung unserer Gäste, Angehörige aus den verschiedenen Berufsgruppen und Schichten der Gesellschaft zusammengefunden. Piloten, Ärtzte, Manager, Politiker, Widerspruchsforscher, Hausfrauen- und Männer, Arbeitende und Nichtarbeitende, Künstler, Wissenschaftler, Philosophen. Sie und uns alle eint hier die Wahnsinnspflege als ein gemeinsames Anliegen für und mit der Kunst, von der Tagesordnung abzuweichen, oder die Kunst, sich mindestens einmal am Tag etwas ganz und gar Unwahrscheinliches vorzustellen oder im weiterentwickelten Fall, dem Wahnsinn zu fröhnen.
In den Gremien zum Gründungsentwurf wurde, und einige werden sich daran nicht sehr gerne erinnern, ausführlich darüber diskutiert, was vom Verein als Wahnsinn angesehen werden kann. Das war nicht ganz einfach. Denn tatsächlich liegt es gerade in der Natur des Wahnsinns, dass er sich der eindeutigen Definition entzieht. Denn was definiert werden kann, ist nicht mehr Wahnsinn, sondern eben etwas Definiertes, also: Festes. Deshalb wissen wir zunächst nur, was der Wahnsinn ganz sicher nicht ist: Er ist keine Extrem-Sportart und auch nicht der so genannte Alltag, er ist keine Krankheit und auch kein Handeln. Wir wissen, dies fiel am Anfang schwer zu akzeptieren, da in den Gründungssitzungen einige glaubten, sie würden dem Wahnsinn allein durch ihre täglichen Verrichtungen, etwa als Vorstandsvorsitzende, Hausfrau, Mutter, Finanzmanager oder Bundeskanzlerin in irgendeiner privilegierten Art nahe stehen. Dies aber kann nun eindeutig verneint werden. Was die genannten Mitglieder hier als Wahnsinnsnähe zum Wahnsinn auszumachen glaubten, war lediglich der normale Gang der Dinge.
Zudem musste auch verneint werden, und dieses fiel uns am Allerschwersten, dass die Liebe sich vielleicht in Wahnsinnsnähe vermuten ließe, vielleicht sogar selbst der Wahnsinn sei oder wenigstens, wie manche meinten, als eine Art Schwester des Wahnsinns gelten könne.
Darüber haben wir im Gründungsgremium lange diskutiert, lang und auch laut, aber schließlich mussten wir zu dem Schluss kommen, dass auch die Liebe, obschon ähnlich schwer zu greifen, nicht Wahnsinn ist. Die Liebe ist sogar und ganz sicher der Kern jeder Normalität. Und sie ist es sogar dort, wo sie abwesend scheint. Denn noch in ihrer Abwesenheit, also in der Lieblosigkeit bildet sie Sehnsuchtsattraktoren aus und strukturiert unser Handeln und Trachten fließend zwischen den Polen Liebe und Nichtliebe.
Die Realität, die Normalität, ist aus Liebe gebaut, sei sie nun anwesend oder abwesend. Deshalb kann sie nicht der Wahnsinn sein.
Der Wahnsinn ist also auch kein Gefühl. Obwohl er sich, dort wo er auftritt, mit Gefühlen vermengt oder mit der Liebe verwechselt werden kann. Um die immer mal wieder auftretenden Ähnlichkeiten von Wahnsinn und Liebe im Auge zu behalten, haben sich die Gründungsmitglieder aber darauf geeinigt, eine Sektion Liebespflege einzurichten, gerade damit hier die Unterschiede erkennbar bleiben und es nicht zu Missverständnissen kommt.
Was also ist der Wahnsinn?
Wie können wir den Wahnsinn pflegen, wenn wir nicht sagen können, was er ist?
Zumal sich ja auch alle einig waren, dass es einen allgemeinen Trend zum Wahnsinn gibt.
Einige Mitglieder glaubten, eine einfache Antwort parat zu haben. Die Pflege des Wahnsinns bestünde darin, selbst wahnsinnig zu werden.
Ich möchte hier nur an die Zwischenrufe aus den Sitzungen erinnern, die auch protokolliert wurden, wie zum Beispiel “Dann machen Sie das mal!” oder auch: “Wenn das so einfach wäre, Herr Dr. Behrens!”
Darin erkennen wir schon eine weitere Schwierigkeit. Denn der Wahnsinn ist nicht von Personen abhängig oder gar innerhalb von Personen fest zu greifen. Im Gegenteil. Die therapeutischen Erfahrungen mit Personen, bei denen angeblich “Wahnsinn diagnostiziert” wurde, hat gezeigt, dass diese Personen keines Falls von sich behauptet haben, sie seien “wahnsinnig” oder sie wollten “wahnsinnig werden”.
Die “Therapeuten” glaubten nun meistens die Leugnung des Wahnsinns der jeweiligen Personen gerade als sicheres Anzeichen dafür hernehmen zu können, dass die betreffende Person wahnsinnig sei. Eine fragwürdige Vorgehensweise. Wo kämen wir hin, wenn wir jeden, der abstreitet, wahnsinnig zu sein, einer Behandlung zuführten?
Andererseits kann man von Personen, die von sich behaupten, sie seien wahnsinnig, mit Sicherheit sagen, das sie es nicht sind. Dieser Ansatz führt also nicht weiter.
Es verhält sich hier ähnlich wie bei dem bekannten Paradox, dass uns aus anderen Zusammenhängen bekannt ist, wie zum Beispiel an der Intensität und Häufigkeit, so jemand behauptet, er sei Kommunist, man ganz sicher erkennt, das der betreffende kein Kommunist ist. Die Wahrscheinlichkeit, das die Behauptung der Person zutrifft, sinkt mit der Häufigkeit, in der die Person die Behauptung vorbringt und mit der Intensität, in der die Behauptung vertreten wird.
Sehr wohl also gibt es Erkrankungen der Seele, aber der Wahnsinn gehört nicht dazu. Er ist keine Krankheit.
Um es kurz zu machen: Im Abschlussprotokoll haben wir uns darauf geeinigt, dass die Pflege des Wahnsinns nur darin bestehen kann, ihn zu suchen, zu umkreisen, ihn zu bewegen, schließlich: ihn für möglich zu halten, für wahrscheinlich , obwohl er das Unwahrscheinlichste ist.
Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit, wünsche uns für die Zukunft, wenn ich das so sagen darf, viel Wahnsinn und möchte sie nun ans Buffet bitten, dass uns hier freundlicherweise von der Firma Polenz-Dachdeckerei-Dachschadensbehebung und, Dachentwässerung” gesponsert wurde.
Als erste Vereinshandlung im Sinne des Wahnsinns möchte ich zugleich vorschlagen, den Verein aufzulösen.
Gibt es Gegenstimmen?


Treppe

Bilderbogen

Lade Dir den Flash Player um die Diashow zu sehen.

Randnotiz

Lucia

  • Der Garten Eden ist nicht mehr. Aber es schmeckt sehr süß. Blätter fallen und der Teich wächst zu.

Werbung

Aussenwelt

BlogPingR.de - Blog Ping-Dienst, Blogmonitor Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Bloggeramt.de Add to Technorati Favorites